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February 10, 2010

Diskussionspapier für einen neuen Aufbruch in die Fröste der Freiheit [Erste Fassung]

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fröste der freiheit – PDF

von der Reformgruppe der Reformgruppe Süd-Ost

Die Zeit der Selbstvergewisserung muss ein Ende haben

Einige empfinden unseren Tonfall möglicherweise als harsch. Das kann er leicht werden, wenn es um geliebte Menschen geht, um diejenigen, mit denen wir in der Vergangenheit eine Menge befreiende Überlegungen angestellt und Wege ausprobiert haben, uns und die Welt zu verändern. Gemeinsame Versuche, die uns, so klein sie auch gewesen sein mögen, mehr als nur am Herzen liegen. Falls die eine oder andere Kritik euch trifft, versucht das im Kopf zu haben und geht nicht gleich in Verteidigungsstellung. Wir wollen weiter miteinander, sonst gäbe es diesen Text nicht.

Wir wollen uns die Mühe machen, uns zusammenzuraufen. In einer gemeinsam geführten Debatte am Anfang des Treffens herausfinden, welche Ideen, Kritiken und Vorschläge für das »Wie weiter?« im Raum sind, und wie wie wir diese praktisch zu einer Diskussion zusammenschrauben können. Schließen sich manche Positionen tatsächlich aus, dann sollten wir das feststellen und entsprechend Schlüsse ziehen: Das kann auch heißen, sich zu trennen. Es kann einen Punkt geben, an dem der gemeinsame Grund uns wie Sand durch die Finger rinnt, eine gemeinsame Diskussion nirgendwo mehr hinführt als in die übliche traurige Wüste. Die GenossInnen, die den Kongress vorbereitet haben, haben klar gemacht, dass sie keine ExpertInnenrunden wollen zu einzelnen Themen, kein Podium. Wir würden hinzufügen: Kein bezugsloses, und vor allem folgenloses Nebeneinander immer wieder neu entdeckter Widersprüche. Fast 20 Jahre nachdem der Text »3:1 – Klassenwiderspruch, Rassismus, Sexismus« das Problem der Tripple Oppression in unseren Kreisen aufgeworfen hat, können wir uns nicht länger darin ausruhen, stets aufs Neue zu beschreiben, dass es den einfachen Hauptwiderspruch nicht gibt. Die Erkenntnis allein reicht nicht, das Problem liegt sowohl in der Aufsplitterung in Teilbereiche und dem daraus entstehenden SpezialistInnentum, als auch darin, dass diese Puzzlestückchen danach nicht wieder zu einem Gesamtbild zusammengesetzt werden. Aber auch das ist irgendwie nicht alles.

Wir schaffen es hier nur ein paar Schwierigkeiten anzureißen. Auch sind wir zu wenige, um das auf umfassendere Weise tun zu können. Auf dem Kongress in Hamburg sind wir zu mehreren, wenn es gut läuft könnten wir stellenweise so etwas wie kollektive Intelligenz entwickeln. Denn nur so kann es funktionieren, die vielen unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven einzubeziehen. Aber auch ein Wochenende ist zu kurz, um wirklich eine umfassendere Strategie auszuhecken. Was ist Kritik auf Höhe der Zeit? Wie mogeln sich manche von uns mit einem »Zerstört alles!« bisweilen darum herum, dass Staat und Kapital Gesellschaftlichkeit an sich nicht abschaffen wollen, sondern alle unkontrollierte Kollektivität nur deshalb in kleine Stückchen zerschlagen, um sie in ihrem Sinne wieder zusammenzusetzen? Transformation eben. Wie mogeln sich andere von uns mit immer ausgefeilteren Aufschlüsselungen dieser Prozesse nicht weniger einseitig darum herum, entsprechend dieser Erkenntnisse zu handeln?

Ziel des Kongresses könnte sein, sich auf zwei bis drei Fragen zu einigen, die wir alle im Lauf des kommenden Jahres diskutieren. Daran geknüpft eine konkrete Struktur für diese Diskussion zu entwickeln, was nichts anderes heißt, als einen Organisierungsvorschlag zu entwickeln: lokale und überregionale Treffen, haufenweise Diskussionszirkel, kritische Rückkopplung der Diskussionen an unser eigenes Handeln, Einigung auf einen Debattenkanal. Wie verallgemeinern wir die Diskussion? Wie verbreiten wir unsere Ideen und Texte, die wir wichtig finden, um zu einer gemeinsamen Basis zu kommen und unser Wissen zu kollektivieren, um überhaupt über das Gleiche diskutieren zu können? Uns schwebt zum Beispiel vor, Texte und Diskussionspapiere aus diesen Zirkeln – aber auch aus anderen – in regelmäßigen Abständen in unseren Medien zu veröffentlichen. Wir sind ohnehin der Ansicht, dass wir mehr Zeit und Energie in unsere eigenen Ausdrucksformen und -mittel investieren sollten, statt uns der bürgerlichen Berichterstattung anzubiedern.

Ein solcher Organisierungsvorschlag beinhaltet auch, über potentielle GefährtInnen nachzudenken. Es gibt diverse Leute, die wir auf der Straße treffen, die sich in unseren Strukturen aber nicht wiederfinden. Unsere selbstorganisierten Strukturen sind oft geschlossen und wirken elitär. Man muss schon eine ganze Menge »klar haben«, die Codes kennen und sich dementsprechend verhalten, um akzeptiert zu werden. Ebenfalls gibt es vermutlich Leute, mit denen wir gerne diskutieren würden, die sich von der Definition autonom nicht angesprochen fühlen. Wir selbst sind hin und her gerissen: Autonome stehen für eine weitgehende Abkapselung von der Gesellschaft – und paradoxerweise zugleich für lebhafte Kontakte zu Grünen und Linkspartei, für Pressekonferenzen und Stiftungswesen. Andererseits stehen Autonome noch immer für eine gewisse Entschlossenheit und Unversöhnlichkeit dem Staat und dem Kapitalismus gegenüber, für die Konfrontation auf der Straße, für alle sichtbar militant im Schwarzen Block oder auch als Unsichtbare in der Nacht. Sie stehen für Strategien der Provokation und eine Perspektive der Zuspitzung der gesellschaftlichen Verhältnisse – aber auch immer für die Suche nach dem ganz anderen Ganzen. Für die Schaffung und kämpferische Wiederaneignung von Beziehungen, Freiräumen und Strukturen, die sich staatlicher Kontrolle nach Möglichkeit entziehen, um aus diesen Fäden perspektivisch ein ganz anderes soziales Gewebe zu schaffen. Wenn es das ist, was Leute noch immer mit dem Begriff Autonomie verbinden, dann finden wir das gut.

Und, aller Unzufriedenheit zu Trotz, mit der wir ja noch nie gegeizt haben: Verglichen mit anderen politischen Kräften stehen Autonome und AnarchistInnen doch echt ganz gut da. In Auseinandersetzungen um Krieg und Frieden, Globalisierung, Gentech, Antiatom, usw. finden sich unsere Positionen heute oft im Zentrum der Auseinandersetzung, und das nicht nur auf der Straße, sondern auch was die inhaltliche Bestimmung betrifft. In bestimmten Feldern, die für das tägliche Leben und Überleben nicht unwesentlich sind – gemeinsames Wohnen und Arbeiten, der Kampf gegen Umstrukturierung der Stadtteile, in denen wir leben – sind wir präsent und machen die Idee von Kollektiven und Kooperation erlebbar: dass es nun mal einfach am besten gemeinsam klappt, dem tristen isolierten Einerlei der Verwertungsgesellschaft was entgegenzusetzen. Und sich dafür zu organisieren, darum geht es uns hier, denn das System kann für uns keine Alternative sein. Die Perspektive lebenslänglicher Lohnarbeit, um dann doch alleine zu verrecken und krank zu sein, ist einfach zu furchtbar. Und – welchen anderen Ort als selbst zu schaffende Kollektive soll es denn geben für die ganzen »Loser«, die dieses System produziert? Staatliche Elendsverwaltungen und Fürsorgeeinrichtungen? Soziologische Forschungseinrichtungen und Reservate? Wir denken, dass es immer noch darum geht, von unten an die Sache ran zu gehen. Uns selbst leibhaftig als Teil dessen zu verstehen, was sich an sozialen Kämpfen ankündigt, uns persönlich mit unserem ganzen Leben einzumischen in den nächsten Versuch, die herrschenden Verhältnisse zu kippen.

Das verspricht eine Menge Unbequemlichkeiten. Viele mit denen wir sprechen, finden gar nicht so falsch, was wir tun. Was sie denken, selbst nicht tun zu können oder zu wollen. Aber, auch wenn es richtig ist, dass wir uns vermutlich Ärger einhandeln und doch nie aus den Widersprüchen rauskommen, so ist es doch genauso wahr, dass ein Abschied von den eigenen Idealen nicht davor schützt, ein anstrengendes Leben zu haben und auch nicht davor, in Widerspruch zu geraten mit dem System. Alle Lebenden handeln im Widerspruch zu ihrer Verwertung. Davon gehen wir aus. Aber so sehr wir durch die Verhältnisse selbst in diesen Widerspruch hineingeworfen werden, so können wir doch stets versuchen Einfluss zu nehmen auf Ort, Zeit und Formen der Auseinandersetzung.

Nicht wir erfinden die Konfrontation, die Frage ist, wie wir uns darin positionieren, denn auch Nicht-Handeln ist alles andere als folgenlos. Wie nehmen wir den Fehdehandschuh auf, den die AgentInnen des Kapitalismus uns immer wieder vor die Füße werfen. Dies sind die Bedingungen, die wir vorfinden, der Soziale Krieg, in dem wir agieren – so oder so. Darum geht es. Daher finden wir die Parole »Seid so radikal wie die Verhältnisse!« nach wie vor treffend. Im Austarrieren dessen, was die herrschenden Verhältnisse aktuell ausmacht, beim Versuch den gegenwärtigen sozialen Angriff wirklich zu verstehen, stehen wir uns an einigen Punkten selbst im Weg. Hängen in Analysen fest, die zwar grundsätzlich richtig, aber nicht auf dem letzten Stand sind, was dazu führt, dass wir gegen fast verlassene feindliche Bastionen kämpfen – die Idee des Fortschritts beispielsweise – oder uns in einer Nische einrichten und als Problemgruppe handhabbar werden für den Staat. Als Black Block, aber auch als D.I.Y.-Hippies oder intellektuelle Kongresshopper. Unberechenbarkeit aber braucht immer wieder neue aktive Schritte. An diesem Punkt müssen wir uns jenseits unterschiedlicher Einschätzungen über objektive Bedingungen sozialer Kämpfe die Frage stellen, ob wir diese Schritte noch bereit sind zu gehen, ob ich, du und wir die herrschenden Verhältnisse tatsächlich noch radikal ändern wollen. Welche Wege und Möglichkeiten gibt es, auf der Höhe der Zeit weiterhin gegen das System anzustinken, auch und vor allem praktisch?

Wir finden unsere Inspirationen derzeit vor allem in der Idee des Aufstands, die wir in den letzten Jahren von den Ereignissen in Frankreich und Griechenland aufgeschnappt haben. Die Erfahrung des Aufstands gibt es nicht zum ersten Mal in der Geschichte, aber auf eine Art ist sie unserem Bewusstsein und unseren taktischen Überlegungen entglitten, dass er in der Tat neu von uns erfunden werden muss. Mit einem Aufstand verbinden wir weit mehr als die rein militärische Dimension. Es geht zwar um eine Strategie, in der politische Gewalt eine Rolle spielt, und doch um mehr als eine Steigerung von Militanz oder mehr Riots. Es geht darum, bereits in unseren Kämpfen die Idee der Befreiung von Herrschaft zu leben. An die Idee des Aufstands knüpft sich eine Verschiebung der Perspektive, die Orientierung auf andere Ziele.

Es geht darum, praktische Schlüsse aus zahlreichen Kritiken der letzten Jahre zu ziehen und den Kapitalismus nicht in seinen historisch verfestigten Formen, sondern als stets fragiles Geflecht sozialer Beziehungen anzugreifen. Knapp neben die Bollwerke der Macht zu zielen auf das, was den Betrieb am Laufen hält – die Zirkulation, nicht die Institutionen ins Visier zu nehmen. Es geht um eine Verschiebung unseres Blickwinkels, in dem wir Gesellschaft denken, mit wem wir uns verbünden. Knapp an den RepräsentantInnen vorbei direkt mit den Leuten zu reden, die diese angeblich repäsentieren. Wir denken, dass es eine offene Frage ist, warum viele nichts von sich hören lassen, ihr Leben eben nicht selbst in die Hand nehmen. Wir sind keine SoziologInnen. Wir wollen keine Umfrage machen oder die schlechten Verhältnisse in revolutionäre umdefinieren. Wir wollen es ausprobieren. Das Geheimnis liegt darin, tatsächlich anzufangen! Warum sollte das Unmögliche heute noch unmöglicher sein als früher? Schließlich könnte es sein, dass es nicht die Frage von Gewalt und Träumerei ist, die Leute davon abhält mit uns zu kämpfen, sondern dass sie uns misstrauen, weil wir oft auch nur reden wie PolitikerInnen. Es gilt, einen Blick auf die Dinge zu entwickeln, der uns wie Janus dazu befähigt zugleich nach hinten und nach vorn zu blicken, um eine offensiv experimentelle Verteidigung zu ermöglichen: Das Erreichte zu verteidigen, ohne ein neues Establishment zu errichten. Die Welt zu verändern, ohne die Macht zu übernehmen – und unser Denken immer wieder frei dafür zu machen, die Frage der griechischen GenossInnen aufzugreifen: »Und nachdem wir alles niedergebrannt haben?«

Was wir für gewöhnlich tun, ist nicht falsch. Nazis müssen abgewehrt, Hausprojekte verteidigt, der täglich weiter in unser Leben eingreifende Soziale Krieg zum Thema gemacht werden. Es ist konsequent und notwendig mit Flüchtlingen und Gefangenen solidarisch zu sein, eigene Zeitungen, VoKüs, Rechtshilfestrukturen usw. aufzubauen. Das alles und noch viel mehr ist richtig und gut. Unsere Diskussionen und dementsprechend unsere Strategien sind es nicht. Was nicht heißen muss, dass sie schlecht sind. Oft sind sie schlicht unzureichend, weil wir sie nicht genügend an der Realität testen.

Unsere Strategien verändern sich nicht im gleichen Tempo wie die gesellschaftliche Wirklichkeit, oft hinken wir der Veränderung der Verhältnisse hinterher: Die allgemein um sich greifende Akzeptanz von Armut, von doppelten Standards nicht mehr nur im Süden, sondern in unserer eigenen Lebensrealität. In einer Gesellschaft, in der ein neuer Kolonialismus rassistische Übergriffe nicht mehr nur an den Außengrenzen legitimiert und mit dem Krieg politische Gewalt auf ganz andere Weise in den Alltag integriert wird, als dies im Kalten Krieg der Fall war. Die Fassade des scheinheiligen sozialen Friedens ist weitgehend abgebröckelt. Mitten in der sich ausbreitenden Perspektivlosigkeit existiert das Schweinesystem relativ ungestört weiter. Ohne der Masse der Menschen Versprechungen für die Zukunft zu machen dauert es einfach an. Und wir selbst, wir stecken mittendrin in dieser Verlorenheit – sind weit mehr Teil dieser schizophrenen, abgefuckten Gesellschaft als uns lieb ist. Und genau darüber müssen wir uns unterhalten, wenn wir das damit der Verlorenheit ändern wollen, ohne unsererseits falschen Träumen anzuhängen, sei es die autonome Nische oder irgendein revolutionäres Subjekt.

Roll the Roll-Back back

Denjenigen, die sich noch an Zeiten vor King Kohl erinnern können, ist das Wort Roll-Back ein umfassender Begriff. Seinerzeit ausgiebig von uns thematisiert, den Teufel an die Wand gemalt, wie so oft lange bevor die Wucht tatsächlicher Veränderung spürbar wurde. Nun, da es so weit ist, scheinen die kritischen Nervenbahnen taub. Versuche die Tiefenwirkung des Angriffs von Thatcher und Konsorten zu verstehen sind rar, erst recht wenn wir über die allgemeine Diskussion unter GenossInnen reden – das, was wir teilen – und nicht über Bücher und Analysen von ExpertInnen zur allgemeinen Weltlage. Der Angriff galt und gilt dem Zerschlagen, zum Schweigen bringen, Vergessen jeglicher sozialer Fundamentalopposition – Tabula Rasa für das folgende Social Engineering einer verwüsteten Welt.

Die Reaktion krempelt zwar unser Leben und selbst unsere Wahrnehmung um, aber sie kann sie uns nicht zwingen, uns restlos in Arbeit und Konsum aufzulösen. Zum Glück gibt es historische Erfahrungen, aber auch immer wieder Erlebnisse, die es uns ermöglichen, anders zu denken, anders miteinander zu reden und sogar kollektiv anders zu handeln als es der Lebenslauf, die Vorgaben des Jobcenters, der Versicherungen, Sozialarbeiter usw. vorsehen. Aber dieses »andere« fällt uns nicht zu, weil wir besonders schlau wären, sondern nur und sobald wir uns in die Auseinandersetzung begeben: Mit Staat, Familie, dem Boss, den MitbewohnerInnen, der Konsumgesellschaft, der Atomindustrie, den Liebesbeziehungen, der Welt eben.

Die aus dieser Auseinandersetzung gewonnenen Erkenntnisse »privat« zu interpretieren, zu denken, dass wir aufgrund persönlicher Fähigkeiten, Charaktereigenschaften, IQ oder Kaderschulung mehr als andere dazu in der Lage sind, das System zu durchschauen, ist Teil des Roll-Back, Teil des Individualisierungsprozesses, Teil der Korruption. Historisch hat diese Interpretation immer wieder in die Sackgasse des Avantgardismus geführt. Viel zu oft ist unser Denken – wie es typisch ist im Kapitalismus – auf das Produkt gerichtet, der Produktionsprozess wird ausgeblendet. Die Frage, wie es kommt, dass ich etwas kapiere, was den anderen offenbar nicht klar ist, oder was in deren Leben zumindest keine Rolle zu spielen scheint, wird häufig nicht als aus dem Konflikt geboren gedacht, sondern statisch aus uns selbst heraus, Wissen als Privateigentum. Dabei ist es eine Fiktion, Menschen auch nur einen Moment ohne ihr Handeln in Relation zu anderen zu denken. Eine für den Kapitalismus sehr funktionale Fiktion, denn sie bietet den individualisierten Kern für das statistische Zerlegen und sozialtechnokratische Wiederzusammensetzen von Gesellschaft. In der Regel im Dienste der Macht.

Wir sind gewohnt uns als Einheiten zu verstehen, nicht als Beziehungen. Wir denken schrecklich viel über Identitäten nach und darüber, wie wir geworden sind, was wir sind. Dabei ist das, was sich zwischen uns tut das Entscheidende. Wenn wir vehement darauf beharren, dass der Kapitalismus nicht als Institution gedacht werden darf, dass wir uns auf konzentrieren müssen, wie er funktioniert, dann gilt das auch für uns als Personen. Wenn die Macht fließend ist und durch uns alle hindurch operiert, dann hängt auch unsere Befreiung von der Fähigkeit ab, unser Denken und Handeln über die Blockaden hinweg zu bringen, die uns im Gewohnten halten. Sicher sind wir alle in jedem Moment irgendwer, aber vielleicht ist das einfach nicht so wichtig.

Auch in Fragen der sozialen Absicherung sind Autonome und Gesellschaft oft nicht weit voneinander weg. Traditionell baut das Image der Autonomen auf der Maxime »Lebe wild und gefährlich!« auf. Was in den politisch wie in Zement gegossenen 1980er Jahren Aufbruch war aus dem alles integrieren wollenden Sozialstaat gegen den Sozialismus sieht heute anders aus. Wie Märchen erscheinen heute Berichte von GenossInnen, dass sie in den 70ern einen Scheiß gaben auf Ausbildung, Erbe und Beruf, denn die Revolution war in erreichbarer Nähe, und darauf kam es an. Aufbruch. Irgendwo unterwegs ist dieses Jetzt und Hier verendet, ist in Aufklebern und Lifestyle erstarrt, aber das Warum und das Wie haben wir noch nicht recht begriffen. Es war jedenfalls nicht in Stammheim, und auch nur ein bisschen in der Angst davor. Ein Teil davon ist die Erfahrung von Niederlage, die uns die GenossInnen vermittelt oder die wir selbst erlebt haben. Viel hat aber auch mit der allgemeinen Privatisierung zu tun, die viel tiefer in unsere Wünsche hineingrabscht, unsere Bedürfnisse transformiert, als sich dies stolze autonome Individuen für gewöhnlich eingestehen wollen.

So wurde aus den kleinen Heimlichkeiten privaten Konsums und anderer Kompromisse mit dem Establishment – sei es die berufliche Karriere, das kleine Glück zu zweit oder die Wissensanhäufung am Kollektiv vorbei – im Laufe der Zeit Gewohnheit. Die Ausnahme, welche zuerst nur die Norm bestätigte, wird zur Normalität des individuellen Durchwurschtelns, der nicht in politische Diskussion einbezogenen intellektuellen Laufbahn, für die im Nachhinein so vieles gewinnbringend verwertet werden kann. Auf Existenzängste reagieren wir nicht anders als der Rest: Rette sich wer kann – allein oder maximal zu zweit.

Rücksturz zur Erde

Wir schlagen also eine Abkehr von der subkulturellen Selbstbezogenheit vor oder, positiv ausgedrückt, eine Öffnung hin zu allen möglichen Leuten in der Gesellschaft, die ein Interesse haben könnten, sich gegen die Verhältnisse zu stellen und für Befreiung einzutreten. Wir meinen damit eine Öffnung hin zu konkreten Personen und NICHT zu Institutionen wie Kirche, Gewerkschaften oder Parteien.

Wie können wir dies tun,

OHNE 1. in stumpfsinnigen Populismus zu verfallen – relativ beliebig Themen auf zugreifen, um nach Art der Parteien Bekanntheits- und Zustimmungseffekte zu erhaschen;

OHNE 2. wieder mal romantischen Vorstellungen über revolutionäre Subjekte aufzusitzen – die wir zwar abstrakt bewundern, die aber im springenden Moment doch immer andere sind als wir, die immer woanders wohnen und zu anderen Zeiten leben;

OHNE 3. in den verschiedenen Spielarten überobjektivierter Betrachtungen über Chancen, Gefahren und Wahrscheinlichkeiten gesellschaftlichen Wandels stecken zu bleiben – was bedeutet, die Perspektive von Staat, Verwaltung, wissenschaftlicher oder wirtschaftlicher Politikberatung einzunehmen, ohne auch nur annähernd was entscheiden zu können – das heißt:

OHNE uns selbst zu vergessen.

Um auf alle möglichen Leute in der Gesellschaft zugehen zu können, müssen wir wissen, wo wir stehen und was wir wollen. Und wir müssen Vorschläge machen, wie wir denken, etwas erreichen zu können. Für uns selbst, aber nicht exklusiv für uns selbst. Vielleicht könnte man es in autonomer Tradition so formulieren, dass wir die Politik der ersten Person wieder bekannt machen mit der zweiten und den dritten Personen – und dazu scheint es nötig, dass wir uns von der Politik im herkömmlichen Sinne trennen.

Statt »Politik zu machen« sollten wir aufs Schärfste die Legitimierung des Ausschlusses kritisieren, die gemeinhin Politik genannt wird. Seit Stilllegung der französischen Revolution werden im entscheidenden Moment immer diejenigen politisch »ernstgenommen«, die sich klar vom besitzlosen Pöbel distanzieren, sobald dieser im eigenen Interesse handelt und zu einer Gefahr für den Kompromiss zwischen den verschiedenen Fraktionen der Besitzenden wird. Das Privateigentum, die Vertragssicherheit zu schützen – dafür ist die Politik da, zu diesem Zweck wird sie auch bei denen zugelassen, die nicht zu den Eliten gehören. Gewerkschaften wurden in Deutschland erst genehmigt, als das Beispiel England den sogenannten Sozialreformern unter den Herrschenden bewiesen hatte, dass sie eine gute Waffe gegen die MaschinenstürmerInnen sind. Und das erste, was diese neuen Gewerkschaften taten war, Leute aus den Kassen der gegenseitigen Hilfe auszuschließen, wenn sie beim Klauen erwischt wurden. Sie bekämpften den aus der täglichen Erfahrung erwachsenden Kampf der arbeitenden Klasse gegen die Lohnarbeit und förderten stattdessen die Verbreitung einer positiven Identität des Arbeiters, der Arbeiterklasse, als fleißig, ehrlich, loyal. Eine solche Politik können wir getrost über Bord schmeißen.

Unsere Isolation zu überwinden war abstrakt schon oft Thema, sei es in Diskussionen über den sozialen Angriff – wie wir in Kontakt kommen können mit Arbeitsämpfen und Montagsdemos – sei es auf der Suche nach Wegen der Kooperation von Schwarzen und Weißen im Kampf gegen Grenzregime, Abschiebung und Illegalisierung, sowie darüber hinaus gegen die chauvinistischen und imperialistischen Wurzeln dieser Situation, und den sich derzeit kriegerisch erneuernden Kolonialismus. Allerdings scheint uns die Feststellung der Wichtigkeit dieser Anliegen nicht hinreichend zu motivieren, in unserem täglichen Leben tatsächlich rassistische, klassen- oder geschlechtsbezogene Grenzen niederzureißen. Die soziale Konfrontation aber, in der wir es nicht ausreichend schaffen unsere Isolation zu überwinden, existiert. In dieser Konfrontation stellen wir immer wieder fest, nicht gut genug vorbereitet zu sein, von den Geschehnissen überrumpelt, auf tauend Arten zu starr, zu traditionell, zu ungeduldig, zu betriebsblind, zu sehr in den Feind gebannt. Erst aus der Erkenntnis der Probleme die in diesen Auseinandersetzungen klar werden entsteht das Bewusstsein, die Sprache und die Möglichkeiten tatsächlich gemeinsamer Veränderung.

Und wir tun gut daran, an dieser Sprache praktisch zu feilen. Das heißt, uns jetzt sofort mit all unseren Bedingtheiten in die Diskussion mit »ganz normalen Leuten« zu schmeißen, wir alle. Wieder zu lernen uns auszudrücken, zu erklären, was wir tatsächlich meinen mit »Make Capitalism History«, wie wir das gemeinsam angehen wollen, und warum wir die Zerstörung staatlicher Institutionen von daher unumgänglich finden, auch heute schon. Uns die Zeit nehmen, all dies so präzise wie möglich zu fassen. Statt unsere Message an irgendeine statistische Zielgruppe anzupassen sollten wir versuchen, unsere Ideen realen GesprächspartnerInnen verständlich zu machen. Unser Denken zu dynamisieren und zu lernen, uns zu bewegen, zu handeln statt zu dokumentieren – mehr in Verben zu denken, statt uns im Streit über Subjekte und Objekte zu verlieren. Um die Fragen lieben zu lernen, damit wir die falschen Antworten besser zurückweisen können. Vieles sieht danach aus, dass sich die sozialen Verhältnisse weiter verschärfen werden. Dabei wird die Frage, ob wir politisch auf Verelendung oder Aufklärung, Revolution oder Reform setzen täglich akademischer, denn weder die einen noch die anderen werden gefragt oder sind kräftemäßig in der Lage, die Kapitäne von Bord zu schmeißen oder den Kurs auf andere Art zu ändern. Mit Ausnahme derjenigen allerdings, die zwar noch wie Linke klingen, die den Rahmen der herrschenden Verhältnisse aber akzeptieren und bereit sind, zur Rettung des Kapitalismus aktiv beizutragen.

In nächster Zeit werden wir uns einige Vorschläge anhören müssen, die nicht anderes sind als »dasselbe in grün«. Weil wir doch »was tun« müssen, weil die Zeit drängt. Plötzlich soll die fortschreitende Zerstörung des Planten ein Argument für den Fortbestand des Kapitalismus sein. Das ist derart absurd, dass wir tatsächlich an dieser Stelle gute Chancen sehen, den Rahmen der herrschenden Verwertungslogik selbst zu thematisieren und anzugreifen – und damit allgemein verstanden zu werden. Wir müssen niemanden mehr überzeugen, dass unsere Lebensweise schädlich ist. Und wir vermuten, dass gar nicht so wenige Leute bereit wären, Konsequenzen aus diesem Wissen zu ziehen! Wir brauchen keine ökologische Wende der Politik, sondern das Ende der Ökologie. Keine weiteren Verzögerungstechniken, um den Planeten noch ein bisschen länger ausplündern zu können, sondern ein Naturverständnis, das den Mensch auf die Erde, in die Welt zurückholt.

Uns fehlt es am gemeinsamen Verstehen unserer Situation, von uns selbst in der Situation. Erst dieses kollektive, positionierte Verständnis der Misere kann zum Ausgangspunkt eines Aufbruchs daraus werden. Ob wir die Krise begrüßen oder befürchten ist nur insofern relevant, wie uns das selbst zum Handeln bringt oder in die Resignation. Was also kann es sein, das uns heute zum Handeln bringt? Uns begeistern zur Zeit am meisten eine Reihe von Ideen, die um den Begriff des Aufstands kreisen. Es gibt dazu einige Texte, vor allem aus Frankreich und Italien, und zum anderen praktische Versuche, wie sie in der Revolte letzten Dezember in Griechenland, aber auch in anderen sozialen Kämpfen überall auf der Welt aufblitzen.

Es liegt uns fern, diese Kämpfe vereinnahmen zu wollen oder ein Ranking vorzunehmen. Wir behaupten nicht, dass die Kämpfenden eine gemeinsame Zielsetzung oder Theorie hätten. Dennoch: irgendwie können wir was damit anfangen, denn in all diesen Konflikten stoßen wir auf Leute, die keine Lust mehr haben, die alten Fehler zu machen, die keine neuen Führer mehr wollen oder einen anderen Staat. Die in Versammlungen und Räten entscheiden und ihre Stimme nicht mehr abgeben wollen. Manchmal sind diese Leute furchtbar in der Minderheit – und in den bürgerlichen Medien wird es immer danach aussehen – aber manchmal eben auch nicht.

Wir finden, dass sich Positionen von Selbstorganisierung, direkter Aktion und Solidarität heute an vielen Orten nicht mehr am Rande, sondern im Zentrum sozialer Bewegungen wiederfinden. Oft einfach deshalb, weil der ganze andere Quatsch von Regierungsparteien bis NGOs sich als Instrument der Befreiung selbst diskreditiert, sobald er die Möglichkeit hat, sich ein wenig zu entfalten. Leider ist die Situation vielerorts durch Kriege und autoritäre Regime so derbe, dass anscheinend nahezu jede Diskussion im Blut erstickt. Wenn die Gewalt ein gewisses Maß überschreitet, schweigen zwischen den Waffen eben nicht mehr nur die Musen.

Gruppen wie die Anarchists against the Wall in Israel/Palästina kämpfen irgendwie auf der Schwelle eines Krieges, auf der soziale Experimente fast unmöglich werden – und allein, was das heißt, ist in Europa schon kaum noch nachvollziehbar. Von Tragödien, wie sie sich in Konflikten wie Ruanda oder Tschetschenien abspielen ganz zu schweigen. Vielleicht wird unser Verständnis mit der erneut zunehmenden Militarisierung unserer eigenen Gesellschaften wachsen. Mit Urteilen über emanzipative Bewegungen in ausgewachsen Kriegsgebieten sollten wir jedenfalls umso vorsichtiger sein, als die meisten von uns noch keinen Meter in den Mokkasins der Betroffenen zurückgelegt haben. Und das kann auch keiner wollen. Wie wir dennoch zusammenfinden können, ist eine verdammt knifflige aber nicht minder notwendige Aufgabe.

Wir schaffen es noch nicht wirklich, uns und die anderen in nicht-paternalistischer Weise zusammen in einer kämpferischen Perspektive zu denken. Beim Lesen von Texten aus bewegteren Zeiten fällt auf, dass Bewusstsein sich nicht linear fortentwickelt, sondern mit den Kämpfen steigt und fällt. Das fängt schon mit unserem Verhältnis zum Lernen an. Unser Problem ist nicht fehlendes Wissen, sondern fehlendes geteiltes Wissen. Und das umso mehr, als der Umbau der Gesellschaft entlang wirtschaftlicher Verwertbarkeit dieses Problem weiter verschärft. Wer hat neben dem Feilen am Lebenslauf schon noch Zeit für die Welt?

Wir müssen eine gemeinsame Praxis entwickeln, in der wir die Erfahrungen der anderen anerkennen können und zugleich versuchen, punktuell vorzugreifen auf eine Welt, in der wir die allgemeine Zurichtung, die Domestizierung, den Pfad des Kolonialismus bereits verlassen haben. Und wir brauchen Orte, an denen wir ein solches Handeln ausprobieren können, überall und jeden Tag. Wir müssen Praxisformen entwickeln, die uns in Stand setzen, dauerhaft im Alltag zu agieren und spürbar anzugreifen. Aber darüber, wie wir uns wieder mehr Wissen und Fertigkeiten auf praktischem Gebiet aneignen, sollten wir unbedingt an anderer Stelle reden.

Die Initiative ergreifen

Erstmal können hierzulande mit dem Begriff Aufstand nicht viele was anfangen. Was nicht wirklich ein Wunder ist angesichts der vielen gescheiterten Versuche, sei es die Münchner Räterepublik oder 1918. Vor allem aber gibt uns die deutsche Geschichte ein gesundes Misstrauen der Bevölkerung gegenüber mit auf den Weg. Nun kann aber die Auseinandersetzung mit dieser Geschichte Ohnmacht oder Tatendurst fördern. Die tödliche Kontinuität rassistischer Grundhaltungen in Rostock-Lichtenhagen und das Wiedererstarken faschistischer Banden ist zwar echt ganz schön deprimierend, als Argument gegen die Unkontrollierbarkeit sozialer Kämpfe gewendet ist es paradox. Es mag zwar alles andere als nahe liegend sein, heute in diesem Land an einen Aufstand zu denken, aber was ist die Alternative? So weiter wie bisher fällt aus, Öko-Faschismus auch, und über Kommunismus ohne Bevölkerung wollen wir nicht reden – von den meisten, die von so was gerade quatschen, wollen wir gar nicht erst wissen, wessen Diktatur sie da errichten wollen.

Worauf wir real aufbauen können sind unsere selbstorganisierten Strukturen. Uns bleibt nichts anderes, als zu versuchen, die Bedingungen dafür zu schaffen, dass künftig mehr Menschen die Möglichkeit bekommen, sich weiterzuentwickeln. Das Wohin ist dann schon Teil der permanenten Diskussion. Wir nehmen wahr, dass sich die Stimmung ändert, dass allgemein wieder mehr diskutiert wird und das Interesse an anarchistischen Ideen steigt. Auch Leute, die sich außerhalb der autonomen Szene bewegen und die gerade sozial abgehängt werden sind ziemlich genervt und wütend. Und diese Empfindungen sind uns nicht fremd, auch wenn wir nicht selten ganz woanders herkommen. Oft ist der erste Punkt, an dem wir uns treffen der Hass auf die Bullen, und oft sind die Anlässe tragisch.

Eins ist klar: Aufstände lassen sich nicht organisieren, Riots lassen sich organisieren. Der Aufstand kommt nicht, weil wir ihn uns dringend wünschen und er kommt nicht schneller, wenn wir dringender Wünschen. Der kommende Aufstand wird nicht wahrscheinlicher, wenn wir uns darauf vorbereiten, aber vielleicht könnte sich die Sache eher in eine emanzipatorische Richtung entwickeln, wenn wir es tun. Wie kommen wir über die Geste der Konfrontationsbereitschaft hinaus zu Strukturen und Taktiken, die uns über unsere militärische Schwäche hinweg tragen? Wie können wir die gesellschaftlichen Gärungsprozesse besser begreifen, uns darüber auszutauschen, wie wir die kapitalistische Logik ausbremsen, die Verhältnisse massiv erschüttern, und auch unser eigenes Leben?

Wir müssen eine umfassende und – das ist der Knackpunkt – miteinander geteilte Bildung für den kommenden Aufstand erfinden: Neben scharfen Analysen, um die Situation einschätzen zu können und den nötigen mentalen wie technischen offensiven Fähigkeiten, die uns wirklich in die Lage zu versetzen angreifen zu können, benötigen wir jede Menge produktive und defensive Strukturen, die uns ermöglichen, diese Zuspitzung auszuhalten. Die unser Überleben ermöglichen, indem wir die Abhängigkeiten vom Establishment vermindern, und zugleich unsere defensiven Fähigkeiten entwickeln, dem Angriff der Reaktion zu trotzen, der unweigerlich erfolgen wird, sobald wir wirklich zu einer Bedrohung werden. Im Begriff des Aufstands steckt die Frage der Organisierung direkter drin als in den Abwehrkämpfen der verschiedenen Teilbereiche, auch die der direkten Konfrontation. Was heißt ein Aufstand heute vor dem Hintergrund extrem unterschiedlicher Bewaffnung, oder genauer: unserer nahezu vollständigen Entwaffnung? Die Geschichte der Aufstände ist blutig und mit Niederlagen gesättigt. Und doch ermuntern uns die Entwicklungen der letzten Jahre dazu, einen Aufstand in unserem Sinne, eine neue kämpferische Internationale perspektivisch für möglich zu halten.

Was also meinen wir, wenn wir von Aufstand sprechen? Einige werden einwenden, dass vieles, von dem in diesem Papier die Rede ist, nichts Neues ist. Vielleicht ist es so simpel, dass viele der Diskussionen, die in autonomen Kreisen früher darüber geführt wurden, nicht mehr bekannt sind, und dass auch die Begriffe, die GenossInnen davon hatten, vergessen wurden. Oder, dass sie zur Zeit nur deshalb unter dem Begriff Aufstand die Runde machen, weil diese Debatte in anderen Ländern unter dem Namen des Aufstands, der Insurrektion, angestoßen wurde. Wir denken, dass mehr dahinter steckt. Einiges mag klingen wie in der Organisierungsdebatte der 1990er, etwa die Kritik an der Selbstbezogenheit der Autonomen, und doch hat sich etwas geändert seither. Im Gefüge der Macht sind neue, feiner gearbeitete Zwischenböden entstanden. Nicht wenige KritikerInnen der Autonomen von damals scheinen sich derzeit als neo-reformistisches Lager zu konstituieren – und füllen unter Beibehaltung ihrer einst kritisch gemeinten Rhetorik die (oft bezahlten) Stellen auf, die von Gewerkschaften, NGOs und Linksparteien für deren eigene Erneuerung bereit gestellt werden, als Frischzellenkur. Mit der Diskussion um den Aufstand wollen wir Position gegen die sich ausbreitende Realpolitik innerhalb autonomer Zusammenhänge beziehen. Gegen die neue Stufe der Vereinnahmung, der Integration derjenigen AktivistInnen, mit denen die Herrschenden im Zweifelsfall dann doch in ihrem Sinne »vernünftig reden« können; die ernstgenommen werden wollen als VerhandlungspartnerInnen und SprecherInnen. Die, wenn es drauf ankommt allzeit bereit sind, sich von unkontrollierbaren Elementen zu distanzieren. Mit uns ist kein Staat zu machen – auch kein verdeckter, als Weltföderation der ArbeiterInnenselbstverwaltung verbrämter, wie ihn Karl-Heinz Roth neuerdings vorschlägt.

In anderen Ländern ist diese Entwicklung bereits weiter fortgeschritten als bei uns, vielleicht hat sich von daher dort die Kritik früher entwickelt. Gruppen wie die Disobbedienti in Italien, die Lefties in Griechenland, oder die professionellen BewegungsmanagerInnen in England und den USA sorgen dafür, autonome Organisierungsformen salonfähig zu machen, die Sprache der Bewegungen in die Diskurse der Eliten einzuspeisen, so dass wenn von Revolution geredet wird schon lange nichts anderes mehr gemeint sein muss als Formationen sich selbstständig organisierender Sklaven. Eine Diskussion über diese Entwicklung, die wir auch bei uns beobachten, halten wir für überfällig.

Der Aufstand als Kunst die Erstarrung zu verhindern

Ein Aufstand ist kein Riot und keine Revolution, und er ist mehr als die gerade Linie vom einen zum anderen. Vor allem anderen ist er ein Anfang, ein erneutes Aufbrechen raus aus einer heillos festgefahrenen zerstörerischen Ordnung. Zu revoltieren ist eine wichtige Erfahrung, und vermutlich werden wir uns an vielen Aufstände beteiligen müssen, um unsere Theorie und Praxis auf ihre Sprengkraft zu überprüfen. Die Chance, dass wir und andere sich ändern, steigt, wenn die Dinge in Bewegung geraten, die herrschenden Verhältnisse durcheinander gewirbelt und – zumindest vorübergehend – außer Kraft gesetzt werden: Anweisungen nicht befolgt werden, das Gewaltmonopol nicht greift, Abläufe in Produktion und Transport bewusst unterbrochen werden, das reibungslose Funktionieren der Behörden und Verwaltungen blockiert wird, vor allem aber: Die ALLGEMEINE DISKUSSION über das »Wie Weiter?« endlich mit allen zusammen begonnen und mit allen Mitteln offen gehalten wird.

Immer wieder darauf zu zielen, dass alle aufstehen von der Couch, dass sie weggehen vom Fernseher, vom Computer, und auf die Straße kommen – was auf dem Transparent zu lesen war, das einige Leute nach der Erstürmung eines griechischen Fernsehsenders während der Dezemberrevolte vor die Kameras hielten. Eine Forderung nicht mehr an eine Regierung oder sonstwelche InteressenvertreterInnen, eine Forderung an alle, auch an uns selbst. JUST DO IT!

Wir nutzen den Aufstand als praktische Möglichkeit die Verhältnisse und auch uns selbst in Bewegung zu setzen und Situationen zu schaffen, die den Kapitalismus und den Betrieb seiner Agenturen blockieren. Nicht zum Selbstzweck, sondern um Platz und nicht zuletzt Zeit für andere, für direkte Organisierungsformen zu schaffen. Viele wissen, wie viel bei einem Streik, und sei er auch nur an der Uni, plötzlich geht, wenn die Leute allein schon mal die Zeit haben zusammenzusitzen und gemeinsam nachzudenken, statt von der Verabredung zur Arbeit zur Veranstaltung und zurück zum Einkaufen und Kinder versorgen zu hetzen. Wenn die Kaufhalle von uns geplündert wird, können wir unsere Energie endlich mal auf was anderes konzentrieren als aufs Geld verdienen. Auch darauf, darüber nachzudenken, wie das Ganze mit dem Essen, Wohnen und Sachen erledigen anders organisiert werden kann als mit Lohnsklaverei und Privateigentum. Jedenfalls sollten wir uns von der Euphorie des Kampfes auf der Straße – meist ist es ja eher der Gedanke daran – nicht dazu verleiten lassen, zu denken, dass die direkte Konfrontation die Sache selbst ist. Sie ist der Beginn, und das ist großartig, aber damit fängt das Ganze eben immer erst an.

Eine aufständische Situation kann entstehen, sie kann zugespitzt werden, schaffen kann man einen Aufstand nicht. Weil das Gären in der Gesellschaft nicht kartographiert werden kann – und auch nicht soll. Der Aufstand ist der praktische Abschied vom gesellschaftlichen Masterplan, eine Absage an Statistik und Risikokalkulation. Was aus einem Aufstand wird, liegt an uns allen. Ein Aufstand ist der Inbegriff einer offenen Situation. Die Herausforderung liegt vermutlich darin, die Geduld und Toleranz aufzubringen immer wieder ganz spezifische Antworten auf die Fragen zu finden, die ein Aufstand aufwirft, und die aus dem Aufstand gewonnene Macht nicht dafür einzusetzen, die Bewegung zum Vorteil einer kleinen Gruppe auszubremsen.

Es ist unmöglich, eine aufständische Situation von ihrem Ort zu lösen, ihre Elemente fein säuberlich zu abstrahieren, sie auf andere Situationen 1:1 zu übertragen. Ein Aufstand ist immer konkret. Die Situation in Griechenland ist eine andere als die Situation in Frankreich, als die Situation in Deutschland, als die Situation überall anders. Uns hat ein Vorschlag sehr gut gefallen, sich den Aufstand nicht quantitativ vorzustellen, nicht wie ein sich ausbreitendes Virus, sondern entlang der Idee von Resonanz. Wie ein musikalisches Thema, das von verschiedenen Ohren gehört und doch verstanden werden kann, das spezifisch interpretiert und umgesetzt wird in viele Melodien, jeweils einzigartig und doch Teil des gleichen Stückes, der gleichen Abwendung von ewig gleichen Hänschen-Klein. Free Jazz im besten Sinne.

Κείμενο συζήτησης για ένα καινούργιο ξεκίνημα μέσα στις παγωνιές της ελευθερίας [πρώτη εκδοχή]

Discussion paper for a new Breakout into the Frosts of Freedom [first version]

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