translationcollective

March 15, 2010

Ein kleiner Löffel Zucker, und schon geht die Medizin runter…

Filed under: deutsch — translationcollective @ 2:23 pm

von flesh machine // ego te provoco // comrades

In den letzten beiden Monaten ist die Strategie der Aufstandsbekämpfung, die der griechische Staat seit Dezember entwickelt, in eine neue Phase der Totalisierung getreten. Wenn wir von Aufstandsbekämpfung und nicht von Repression reden, dann deshalb, weil es sich dabei weniger um eine militärische Operation als vielmehr um eine integrierte politische und soziale Technik handelt, um Zustimmung, Angst und Defätismus zu produzieren. Sie zielt nicht darauf, die Aufständischen unmittelbar zu eliminieren, sondern darauf, ihnen den Raum zum Leben zu nehmen: die konzeptuelle, affektive und kulturelle Ebene des Aufstands. Es ist eine präventive Strategie, deren Objekt der Reichtum der Möglichkeiten ist, die aus dem aufständischen Projekt heraus keimten. Es ist ein Krieg niedriger Intensität, politisch-psychologische Kriegsführung in dem Sinne, dass es das Ziel ist, die politische, soziale und psychologische Konsistenz des Aufstands zu zersetzen. Grundlegendes Prinzip der Aufstandsbekämpfung ist es einerseits »die Herzen und Köpfe zu gewinnen« und andererseits »den Fisch nicht aus dem Wasser zu nehmen, sondern den See trockenzulegen, in dem die Aufständischen schwimmen wie die Fische im Wasser«. Dies geschieht durch »Trennen und Vereinen«. Trennen der Aufständischen von ihren Möglichkeiten, Trennen der Aufständischen von ihren politischen und sozialen Affinitäten, Trennen der Aufständischen voneinander. Zur gleichen Zeit: Vereinen der sozialen Unzufriedenheit im Ruf nach Reformen, durch Darstellung des Aufstands als rückständiges Anliegen, dem Vereinen weiter Segmente der Bevölkerung mit den Kräften der Repression, die als human, sich für die Menschen einsetzend und zugleich effektiv präsentiert werden.

I

Eine erste Orientierung der Aufstandsbekämpfung besteht im Trennen der unkontrollierbaren Segmente der Aufständischen vom für sie vorteilhaften Terrain ihres Handelns. Ein Prozess, der sich von Exarcheia über das Asyl der Universitäteni und entlang der Patision Straße bis zur Gegend um den Omonoia Platz und entlang der Archanon Straße ausbreitet.ii Exarcheia wird als hyperangesagtes metropolitanes Zentrum wahrgenommen, an dem sich die unkontrollierbaren Segmente der Jugend sammeln – die AnarchistInnen, die Linken und all jene, die sich, wenn sie nicht selbst gewaltsame Angriffe produzieren, mit Sicherheit nicht darüber ärgern. Genau auf diesem Terrain – der Sympathie oder des Tolerierens – macht der Apparat der Aufstandsbekämpfung mobil. Zu Beginn demonstrierte eine dreitägige Besetzung des Gebietes durch die Polizei im Oktober die militärische Überlegenheit des Staates, die zugleich die Botschaft vermitteln sollte, dass dies nur einen kleinen Teil der aktivierbaren Kräfte ist. Seither löst der kleinste Zwischenfall eine völlig aus dem Gleichgewicht geratene Invasion aus, bei der es in der Hauptsache nicht darum geht, StraftäterInnen zu verhaften, sondern eine Art massenhafte und kollektive Rache an denen zu üben, die sich zu dieser Zeit in der Gegend bewegen. Es handet sich um eine Strategie der psychologischen Kriegsführung, abzielend auf die Auflösung von Toleranz und Sympathie, die, beruhend auf einer Umkehrung in der Kalkulation des Verhältnisses von Ereignis und Konsequenzen, Prozesse der (Selbst) Eindämmung in Gang setzt. Denn es steht fest, dass eine »innere« Unzufriedenheit mit weit größerer Wahrscheinlichkeit dazu führt, die häufigen Angriffe in dieser Gegend zu minimieren, wenn nicht zu stoppen, als die Angst vor Repression. Zur gleichen Zeit verschiebt sich der vorherrschende Diskurs über das Asyl in den Universitäten von einer Lesart, welche sie als Basis von Angriffen versteht, zu einer Charakterisierung des Asyl als eines Raumes der Anomie, der als solcher von Staat und akademischer Community zurückerobert werden muss. In anderen Worten wird das Asyl an den Universitäten als ein Terrain konstruiert, das in Gänze wieder besetzt werden muss, ununterbrochen und kontinuierlich – nicht als eine Institution, die isolierte Phänomene produziert, die eingedämmt werden müssen. Das Problem wird in der Dauer verortet und nicht im Moment, in der permanenten Situation und nicht im spezifischen Ausnahmezustand.

Den psychologischen Operationen gegen Exarcheia und das Asyl an den Universitäten ging eine Säuberungsaktion des gesamten metropolitanen Zentrums voraus, formuliert in Begriffen des Bevölkerungsmanagements der verelendeten, aber auch vermassten MigrantInnen. Die Kriminalisierung ihrer Versammlungen und die biopolitische Problematisierung ihres Zusammenlebens in Begriffen der Hygiene (wie im Falle des Efeteio Squats)iii entfernte zunächst das unkontrollierbarste Subjekt des Aufstands aus dem räumlichen Zentrum politischer und ökonomischer Prozeduren. Danach wurde unter sozialdemokratischem Deckmantel versucht, Teile dieser Segmente zu subjektivieren: durch politische Assimilation von MigrantInnen mit dem Versprechen ihre Kinder zu legalisieren, ihnen das Wahlrecht in lokalen Wahlen zu geben, ihnen zu erlauben in Athen eine Moschee zu bauen und sie gar um ihre Mithilfe in den Polizeidirektionen zu bitten.iv Dies stellt eine Methode der Aufstandsbekämpfung par excellence dar, in deren Zentrum die Auflösung des Terrains steht, dem Begriffe der Kollektivierung entspringen, sowie die imaginäre Wiedervereinigung der segmentierten Subjekte innerhalb der Konturen demokratisch-statistischer Rekuperation.

II

Auf einer zweiten Ebene versucht Aufstandsbekämpfung, die allgemeine Unzufriedenheit vom Aufstand als Dynamik und Möglichkeit zu trennen, und sie mit der Reform zu vereinen. Die Erfindung eines Zieles für die Aufständischen, und das Vereinen dieses Ziels mit einer systemischen Umstrukturierung, lässt die Aufständischen ohne Objekt zurück und lässt jede weitere Aktion ihrerseits in den Augen der anderen deplaziert und gegenstandslos erscheinen. Das Aufnötigen vorherrschender Antworten auf Fragen, die von der Macht selbst überhaupt erst gestellt wurden ist bereits die halbe Arbeit der Aufstandsbekämpfung. Teil dieser Strategie ist z.B. das Treffen des Bildungsministers mit einer Gruppe von SchülerInnen. Die vorherrschende Interpretation sah die Explosion der Gewalt als Resultat eines Mangels an Demokratie in den Schulen und schlug vor, dieses Problem mit einem »neuen Sozialvertrag« zwischen SchülerInnen, LehrerInnen und Ministerium zu lösen. Dem gleichen Geist entstammt die Initiative des Ministeriums für Öffentliche Ordnung, ein »Büro zur Auseinandersetzung mit Vorkommnissen und Willkür«v zu schaffen. Eine zentrale Taktik einer jeden Strategie der Aufstandsbekämpfung, der Einschluss der weit verbreiteten Unzufriedenheit, die vom Staat als eine Ursache des Dezember diagnostiziert wurde, steht unter Leitung der Sozial-Demokratie; eine Technologie der Macht, die nicht nur die Befriedung sozialer und ökonomischer Widersprüche verspricht, sondern den Aufstand als rückwärtsgewandte Sache portraitiert, als Ursache der Verzögerung eines Ausgangs aus dem Tunnel.

In dieser Verfügung zu Frieden und Normalität wird eine zentrale Rolle der institutionellen Linken zugewiesen, deren Herzen und Köpfe seit Jahrzehnten mit dem Staat sind. Durch Errichten einer moralischen Problemstellung der revolutionären Gewalt nimmt die Linke ihre Rolle ein – soziale Reproduktion – wenn sie Gewalt »wo immer sie herkommt« als grundlegenden Katalysator einer imaginären Rückwärtsgewandtheit in Richtung Autoritarismus verurteilt. Jede Gewalt, so sagt die Linke, ist in ihrem Wesen eine »Gewalt für die Gewalt«, begangen von »Rechten mit Kapuzen« die isoliert werden müssen, entweder durch Verurteilungen oder sogar durch Märsche, wie dem, der von der AkademikerInnen-Gewerkschaft POSDEP gesponsort wurde.vi Diese Taktik des gleichen Abstands zu den Extremen wurde vom Staat in den gleichzeitig erlassenen Haftbefehlen gegen drei gesuchte Anarchisten und die Angreifer von K. Kouneva ausgedrückt.vii Diese Verfügung, sich dem Wertesystem des Staates auszuliefern – nicht einem System der Unterwerfung unter Recht und Gesetz, sondern einem System des Dialogs, der Aushandlung und des Kompromisses – trennt die weitverbreitete Unzufriedenheit von dem, was sie wirklich imstande ist zu tun, subjektiviert sie zu einer Reihe von Forderungen nach Einschluss ins Scheißhaus des Kapitalverhältnisses.

Aufstandsbekämpfung ist idealerweise ein Krieg ohne eine einzige wirkliche Schlacht. Ein Krieg der Isolation, der Austrocknung, der Beschneidung, der gewonnen wird durch die Mobilisierung der konservativsten Instinkte der Brvölkerung bei gleichzeitiger Rekuperation von sozialer Unzufriedenheit und Protest in den Kontext von Befriedung und Reform.

III

Schließlich zielt die Kampagne der Aufstandsbekämpfung darauf, die interne Konsistenz und Einigkeit des Aufstands zu zersetzen, indem sie eine Reihe von Trennungen befördert, die in der Fragmentierung der Aufständischen in Kategorien ihren Anfang nimmt (sozial, politisch, psychoanalytisch usw.) und darin endet, sie von ihrer real gelebten Erfahrung zu trennen.

Einerseits werden die Aufständischen angewiesen, die alle Identitäten destabilisierende Flüssigkeit des Dezember aufzugeben und auf ihren Posten zurückzukehren: Die SchülerIn muss zur SchülerIn werden, die AnarchistIn zur AnarchistIn, die MigrantIn zur MigrantIn, der Junkie zum Junkie usw. Die Tore der verschiedenen Welten, die sich auf den Straßen des Dezember trafen, die gemeinsam in der negativen Arbeit der Zerstörung agierten und so in der Praxis bewiesen, dass die auf Ebene der Erscheinungenviii unmögliche Subversion der sozialen Kategorien machbar ist, müssen sich für immer schließen.

Andererseits besteht eine zentrale Taktik nach diesem Schema in der moralistischen Erzählung des Ministeriums für Öffentliche Ordnung über »Kinder und Ausbilder«, »Hooligans und Politniks«, »Rioter und Ideologen«. Wesentlicher Teil dieser Taktik ist die Anweisung an einzelne Segmente der Aufständischen, sich abzuspalten oder den Rest wieder zur Vernunft zu bringen, ausgehend von einem staatlich anerkannten moralischen Code; einem »Fair Play«, dass den Einschluss des sozialen Antagonismus in einem Winkel der Normalität garantiert, überwacht und kontrolliert nicht vom Staatsschutz, sondern von den Aufständischen selbst. Diese Selbst-Disziplinierung der Aufständischen gegen jede Entgrenzung des Territoriumsix in ihrer Praxis, dieser Asketismus der Geduld und Hoffnung, war eine entscheidende Subjektivierungs-Technologie des erfolgreichsten Apparates der Normalisierung des vergangenen Jahrhunderts: Der Linken.

Gleichzeitig ist die Kriminalisierung bestimmter Entscheidungen und Praktiken klassische Taktik der Entpolitisierung, die die Handelnden zu leichter Beute für die Repression macht. Notwendige Bedingung dafür ist allerdings ihre Isolierung von dem weiteren politisch-sozialen Milieu, mit dem sie verbunden sind. Dieses Rezept wurde im Sommer 2002 erfolgreich getestet: In Form eines Plans zur Amputation des sozialen Gedächtnisses, der in restloser Kooperation mit der Linken umgesetzt wurde.x Heute zielen die geheimen und nicht-so-geheimen Haftbefehle aufgrund »terroristischer Aktivitäten«xi auf den Einschluss einer weiter gefassten unkontrollierbaren und radikalen Bevölkerung. Ziel ist es zum einen, jeden und jede in die Selbst-Untersuchung zu zwingen, irgendwelche Gründe einer möglichen Beschuldigung zu entdecken, zum andern Quietismus und Erleichterung bei denen zu verursachen, die das Gefühl haben, dass sie keinesfalls mit der Sache in Verbindung gebracht werden können, da sie einem inoffiziell anerkannten politischen Faktor angehören, dem der »Ideologen« und »ernsthaften Leute«. Das Ministerium kreierte dadurch ein morbide Atmosphäre von Bekenntnis, Verdacht, Angst und sogar Gleichgültigkeit: »Stehe ich vielleicht unter Verdacht?« »Aufgrund welcher Beweise können sie mich verhaften?« »Bin ich vielleicht in irgendeiner Weise involviert, über irgendwen, auf unbekannte Art, die mich in Schwierigkeiten bringen könnte?« Oder anders: »Sie können uns auf keinen Fall damit in Verbindung bringen, die Stunde hat für diejenigen geschlagen, die keine Prinzipien haben.« Und so weiter. Die massenhafte, und zur gleichen Zeit molekulare Paranoia – ein Produkt par excellence der Gouvernmentalität der geheimen Polizei – hat als Ziel, das Subjekt von ihrer oder seiner real gelebten Erfahrung zu trennen, von ihrem oder seinem In-der-Welt-Sein: Es zu zwingen, wie der Staat zu denken, in anderen Worten, genauso wie diese Haufen von Leichen, die Zombiearmee der PatriotInnen, der organische Eiter der Partei der Ordnung, zu denken und zu sprechen – das Opfer der Möglichkeit des Jetzt aufständischen Werdens darzubringen, in Gewissheit der Rückzahlung der Schuld an das ewige Sein des Staates.

Dezember 4th, 2009

i Entsprechend der griechischen Verfassung stellt das Universitätsgelände ein Asyl dar, das die Polizei nicht betreten darf.

ii Die Patision Straße geht am Polytechneio und der Athens School of Economics vorbei und ist die traditionelle Achse von Protest und Unruhen, die Acharnon Straße markiert die zentrale Verbindung vom metropolitanen Zentrum zu den von MigrantInnen bewohnten Gebieten, an deren Verlauf der Platz Agios Panteleimonas liegt, an dem Neo-Nazis mit Rückendeckung der Polizei ein Regime des Terrors errichteten.

iii Ein verlassenes Gerichtsgebäude in der Nähe des Omonoia Platzes, das von MigrantInnen besetzt und vergangenes Frühjahr von einer Kombination aus Polizei und Neo-Nazis geräumt wurde.

iv In Athen und den meisten anderen griechischen Städten ist die öffentliche Ausübung des Islam verboten; die zweite Generation von MigrantInnen verfügt über keinerlei politische Rechte; keine MigrantIn kann im öffentlichen Dienst beschäftigt werden – auch wenn sie Papiere hat.

v Das Büro soll vermutlich Polizeigewalt eindämmen und bestrafen.

vi POSDEP wird von linken SyndikalistInnen kontrolliert, die einen Marsch gegen Gewalt finanzierten. Der Marsch wurde nie in die Tat umgesetzt.

vii Die drei Anarchisten werden im Zusammenhang mit einem Bankraub gesucht, in deren Verlauf Yannis Dimitrakis angeschossen und festgenommen wurde. Der Staat erklärte sie zu Mitgliedern der fiktiven Räubergruppe »the Men in Black« und setzte auf jeden von ihnen eine Belohnung von 600.000 € aus. Zur gleichen Zeit verkündete das Ministerium eine Belohnung von 1.000.000 € auf Informationen, die zum Täter des Schwefelsäure-Angriffs auf die autonome Gewerkschafterin Konstantina Kouneva führen, der im vergangenen Jahr Gesicht und Innereien verätzte.

viii In der englischen Übersetzung »phenomenally«. Hinter dem Begriff Phänomen steht in der westlichen Denktradition die Idee des Auseinanderfallens von Wahrheit und Schein, einer notwendigen Grundannahme empirische Wissenschaft. Die Methode phänomenologischer Reduktion, von Husserl gegen eine naive Gegenstandsetzung der Welt entwickelt, die Idee, Gegenstände von ihrem Bezug auf Welt zu befreien, fand schnell Freunde in Kreisen der Fürsten und ihrer Sozialtechniker.

ixIn der englischen Übersetzung »deterritorialisation«

x Nachdem einem Mann mittleren Alters im Sommer 2002 im Hafen von Peireus eine Bombe in den Händen explodierte, startete der Staat eine großangelegte Fahndung, die Dutzende Leute aus der Stadtguerilla-Gruppe 17. November hineinzog. Das Ministerium für Öffentliche Ordnung, unter seinem gegenwärtigen Chef Chrisochoidis, leitete direkt die privaten und öffentlichen Mediensendungen über den Fall in der Absicht, die öffentliche Wahrnehmung der Guerillas umzubiegen, die deren Aktivitäten positiv oder zumindest tolerant gegenüber stand, und den N17 als eine kriminelle Bande darstellte, nicht als Kind des Widerstands gegen die Chunta und den Staat von Kollaborateuren, der auf sie folgte.

xi Solche Haftbefehle, gerichtet gegen die Stadtguerilla-Gruppe Conspiracy of Cells of Fire sind seit Oktober im Umlauf.

Une pincée de sucre, et tout s’adoucit…

Just a spoonful of sugar helps the medicine go down

Advertisements

Leave a Comment »

No comments yet.

RSS feed for comments on this post.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

Blog at WordPress.com.

%d bloggers like this: