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September 18, 2010

12.08 – Der Dezemberaufstand, die Ware und das Spektakel

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von +τεχνία-

Res gestae (Tatenbericht)

Wir gehen davon aus, dass das Herrschaftsziel im Aufbau des globalen privatwirtschaftlichen Menschen mittels der Zugkraft eines spektakulären Prozesses künstlicher Trennungen besteht; dass die Institutionen besagten Prozesses für dieses konkrete Ziel geschaffen werden. Daher haben wir uns für die konkrete Annäherung der anti-institutionellen Aktion entschieden. Das Blockieren der Warenzirkulation, auch innerhalb des menschlichen Bewusstseins, und die Abschaffung aller Trennungsformen (was auch die Abschaffung aller Vermittlungsmechanismen bedeutet) hat zum Inhalt, eine unschätzbare Dynamik alltagsbezogener subversiver Kriterien einzuführen, die konkret herrschenden Auswahlmöglichkeiten zu dekonstruieren und umzuleiten. Die Stoßrichtung der antiinstitutionellen Aktion ist es, im Gegensatz zur ‘bürgerlichen Kunst’, nicht nur die Wahl der Mittel unserer schöpferischen Fähigkeiten zu befreien, sondern auch die Wahl ihrer Ziele.

Durch die Umsetzung unserer Möglichkeiten, die Freiheit zu erobern, befreien wir auch unsere eigenen Möglichkeiten.

So schrieben wir 2002 im Versuch, unsere Identität und Orientierung zu dokumentieren. Heute, im Nachhall des Dezemberaufstands, empfinden wir ein Bedürfnis, Bilanz zu ziehen, diese Tage entlang unseres eigenen ‘konkreten Annäherungsprozesses der antiinstitutionellen Aktion’ zu betrachten. Wir versuchen, unsere Einschätzungen zu dokumentieren, Fragen zu stellen, Antworten auszuprobieren, uns bloßzustellen… weil wir, und nicht andere an unserer Stelle, darüber schreiben sollten, was wir getan haben. Es kann sein, dass diese Broschüre einen Beitrag im Rahmen entsprechender Veranstaltungen unserer Kollektivität darstellt, aber wir haben uns Mühe gegeben, dass er zugleich seine Selbstständigkeit behält.

Oktober 2009

Anarchistische Kollektivität

+technia- (+Zunft-)


Vom Spektakel der Dezembertage zu den Dezembertagen des Spektakels1

Um neuen Uhr abends, am 6. Dezember 2008 – Zeit – in Exarchia, Athen – Ort – wurde ein fünfzehn Jahre alter Junge kaltblutig von zwei Bullen ermordet – Tatsache. Ab diesem Moment gibt es weder Zeit noch Ort, welche die Wirklichkeit bestimmen, es gibt die Wirklichkeit, die Zeit und Ort bestimmt. Das ist die Grundlage unsers Versuchs, uns auf das Spektakel in der Aufstandzeit zu fokussieren. Das Spektakel nicht „als Zusatz der realen Welt, eines seiner zusätzlichen Schmuckstücke“, sondern als die reale Welt „als soziales Verhältnis, durch Bilder vermittelt“. Mit der Kraft des Scheins (selbstverständlich auch der Entwicklung der Bildmaschinen) werden die Inhalte von Begriff, Objekt, Verhältnis, Zustand, Ereignis von ihrer eigenen Realität entleert, um durch herrschende Auslegungen und Bedeutungen einen neuen Sinn zu erhalten. Am Schluss kehrt diese neue, entfremdete Form zurück und wird zerstreut, um schließlich als der Begriff, das Objekt, das Verhältnis, der Zustand, das Ereignis und die Wirklichkeit registriert zu werden.

Wie bei jeder historischen Tat, so hat das Spektakel auch an diesem Samstag (06.12.) ab neun Uhr abends versucht (am Anfang durch seinen wichtigsten Mechanismus, die Massenmedien), die Richtung einzuschlagen, das Verbrechen zu verbergen und seine zugespitzten Merkmale zu entschärfen. Der erste Schritt war, die klassischen, im sozialen Bewusstsein eingeschriebenen Stereotypen zu aktivieren, auf dass ihre Dynamiken sich in den Umständen entfalten. Ort: Exarchia. Abaton, [das Unantastbare] das eine eigentümliche politische Delinquenz mit historischer Tiefe bezeichnet. Es ist also normal, dass die Kugeln im ‘Menu’ nicht fehlen, sie gehören einfach der Seltenheit der Grenzgebiete der modernen politischen Delinquenz an. Ein klassischer Fall eines herrschenden Stereotyps ist, dass Polizistenkugeln, die ihr Ziel erreichen immer Querschläger sind. Die erste Untergrabung des klassischen Rezepts ist der unbußfertige Polizist, der bekennt! Im Versuch, die Tatsache zu verbergen, entscheidet sich der erste Pol der Vermittlungsdialektik für die schlechteste mögliche Wendung. Der andere Pol, der fünfzehnjährige tote Schüler, passt auf keinen Fall in egal welchen Stereotyp, keiner wäre fähig, die allgemeine soziale emotionale Reaktion rückläufig zu machen. Es geht weder um einen Immigranten, noch um einen Arbeiter oder einen ‘Marginalisierten’… Es geht um ein Kind, das aus der Finsternis der Pubertät auftaucht, das egal wie und inwieweit krampfhaft auswählen kann – ein Sache, die uns alle bekannt ist; der noch so unschuldig ist, selbst für die engsten Stereotypen noch der konservativsten pädagogischen Annahmen. Die Teenager erkennen in Alexis, viel mehr als die Erwachsenen in Korkoneas, ihr eigenes Selbst. Die Handlungen des Staates verwandeln sich in Improvisationen, ohne zu Beginn ein Bewusstsein von der Dimension der Sackgassen zu haben.

Ersten Medienberichte verkünden, dass, nach „ersten Informationen der Polizei, eine Gruppe von 25 bis 30 Individuen, mit Steinen und Stöcken bewaffnet, ein Polizeiauto angriff, in dem zwei Beamte einer Sondereinheit saßen“. Als diese „von den Junglichen umzingelt wurden, haben sie am Anfang mit einer Blendschock-Granate reagiert und danach mit Warnschüssen. Wie sie betonten, hat die Kugel sich verirrt und den Jungen in den Bauch getroffen“ 2 Die Entwicklung der Ereignisse verhinderte, dass sie ihre übliche und bekannte Verzerrungstaktik in das Verbergen durch lügnerische ‘Informationen’ investieren, und letztendlich wird das Ereignis ‘begraben’. Dem Einschüchterungs- und Querschlägerszenario wird durch nacheinander erscheinende direkte Radio- und Augenzeugenberichte, sowie improvisierte Videoaufnahmen, die den kaltblütigen Mord zeigen, widersprochen. Allerdings war es nicht die Unerschütterlichkeit der ‘Beweise’ über den kaltblütigen Mord, welche die Manipulationsmechanismen einschüchterte und sie zu einem anderen Kurs zwang. Es gibt genügend Beispiele von Morden des Staates oder der Arbeitgeber, die trotz unerschütterlicher Beweise verschwiegen wurden. Der unmittelbare Ausdrucks der sozialen Wut – die sich bereits in den Großstädten Griechenlands verbreitet hatte 3 – war es, zusammen mit der unbetreuten Anwesenheit unerschütterlicher Augenzeugen, die in den Medien erscheinen, der dies verhinderte.

Die erzwungene ‘Umleitung’ der Medien taucht ab dem späten Samstag (06.12) abends auf, als die meisten der Mikrophone, Kameras und Reporter aufgehört hatten, sich auf das Querschlägerszenario zu beziehen. Entsprechend, und das ist kein Zufall, tauchte in ihren Berichten nicht ein einziges Mal das Wort Mord auf. Es kann sein, dass sie Bescheid wussten, dass „etwas los ist“ und dass die anhaltende Verzerrung oder Legitimation des Mordes zu einer weiteren Provozierung der Menge und damit zu noch negativeren Ergebnissen führen würde. Bis Montag vormittag war die Situation nicht so, dass die die Massenmedien zu der Annahme gezwungen hätte, dass es das System, dass es die Republik ist, die tötet. Im Gegenteil… Von diesem Zeitpunkt an, und durch den ganzen Aufstand hindurch, war es nicht mehr die Sorge des Spektakelprozesses, in all seinen Formen und mit all seinen Mechanismen, die Ziele des Systems zu verteidigen, sondern das System selbst. Die Mechanismen brauchen Zeit, und normalerweise deckt die allgemeine Ruhigstellung diese Lücke ab. Die Verteidigungsstrategie bestand anfangs darin, die Republik als Opfer erscheinen zu lassen.

Ab Sonntag (07.12) nachmittag, als eine bisher unbekannte Wut in den Demos von hunderttausenden von Menschen überall in Griechenland losbrach, wurden alle institutionellen Träger und alle Sorten von Repräsentanten eingesetzt, das Ereignis an sich „anzuerkennen“, „auf einen Begriff zu bringen“ und sich gegenüber der Gesellschaft „verbindlich zu äußern“. „Es geht um einen Einzelfall“ der „ein Schlag für die Republik und die Institutionen“ 4 sei; „die gesamte politische Führung drückt ihre Trauer über den Tot des 15jährigen Kindes aus, das durch die Kugeln der Spezialeinheit in Exarchia gefallen war“. Das Versprechen, dass „die Schuldigen entdeckt und bestraft werden“ wurde ständig in Großbuchstaben abgedruckt. Eine Spannungs-Deeskalationsmethode die, um erfolgreich zu sein, zugeich den inszenierten Gegensatz braucht zwischen der „großzügigen institutionellen Anerkennung und Entschuldigung“ und dem Zoom auf die „kleinmütigen“ Molotowcocktails und die Eisenstange, versehen mit entsprechenden Kommentaren: „leider nutzen die Vermummten, die Krawallmacher, die bekannten Unbekannten, die Anarchisten dieses tragisches Ereignis aus, um alles kaputt zu machen…“. Es ist kein Zufall, dass früh am Sonntag abend (07.12) der erste institutionelle Aufruf von Seiten des Entwicklungsministers Siufas erschien: „In diesem Moment es ist sehr wichtig dass die Gesellschaft ruhig Blut bewahrt, damit wir nicht in unkontrollierbar Situationen kommen. Es ist notwendig, dass die Gesetze von allen respektiert werden«. Das war zumindest das erste Zeichen, dass das übliche Spannungs-Deeskalationsrezept, das die Spektakelmechanismen ausprobierten, nicht ohne weiteres erfolgreich sein würde. Ein charakteristischer Anzeiger einer solchen Einschätzung war, dass die Anzahl der Beteiligten von Besetzungen, Demonstrationen und Angriffen auf die genormte Zahl von 200 – 300 Anarchisten begrenzt wurde, obwohl alle sehr gut wussten, dass die Wirklichkeit von mehreren Tausend Menschen gestaltet wurde. So viele Menschen beteiligten sich an dem Aufstand, dass die Verzerrungsversuche nur dessen Dynamik steigerten, die Überzeugungen und die qualitativen Merkmale verstärkten, alle noch wütender machten und schließlich die gewünschten Ergebnisse umdrehten.

Dies ist der Moment, in dem ideologische Vorwände eingesetzt werden müssen. Ein aktuelles und taktisch eingesetztes ideologisches Konstrukt ist die Bezeichnung Vermummte. Sie bezieht sich auf Menschen, die auf der Straße, in Demonstrationen und Auseinandersetzungen ihre körperlichen Merkmale abdecken. Ein Vorgehen, dass ein direktes Ergebnis der Aggressivität der Unterdruckungsmechanismen und der sozialen Kontrollmechanismen ist, eine Art auf der Straße zu stehen, ohne danach von Schützern des Staates festgenommen zu werden, die traditionell ohne Erkennungszeichen oder vermummt, d.h. mit verdeckten Merkmalen, operieren. Der Vergleich vermummter Demonstranten mit Henkern, Kollaborateuren der Deutschen in der Besatzungszeit und Kriminellen ist eine lustige Argumentation, die von den Spektakelmaschinen jedoch stur ausgestrahlt wird. Eine Bezeichnung die als Vorwand dient, alle, die – durch ihre Meinungen und Taten – nicht in die herrschende Pläne und Befehle, Stereotypen und Rollen passen, als ‘Bedrohung’ darzustellen. Mehr noch als die negativen Merkmale, die den Vermummten zugeschrieben werden, wird in der Hauptsache versucht, sie durch Entleerung ihrer Meinungen und Aktionen auszuschließen und sie mit dem neuen Inhalt krimineller Antisozialität zu versehen – in diesem Fall den der ‘blinden Gewalt’. Ziel ist natürlich, einen sozialen Automatismus zu schaffen, der eine Reihe von Handlungen legitimiert, von sozialer Zustimmung zur Ruhigstellung der „Vermummten“, bis zur aggressiven Eigeninitiative gegen sie. Deswegen war es überhaupt nicht originell oder neu, dass die Massenmedien ab Samstag abend (07.12.) darart viel Zeit auf die Entwicklung dieses ideologischen Konstruktes verschwendeten. Die Situation rutschte auch in diesem, für sie privilegierten Bereich, schnell aus den gegebenen Selbstverständlichkeiten, und fand seine Krönung Montag vormittag (09.12.), als Schüler massenhaft die Polizeireviere ihrer Stadtteile angriffen. Die vermummten Schüler passen weder in die billigen ideologischen Konstrukte, noch in andere, ähnlichen Szenarien, wonach sie von den „Vermummten gesteuert waren“. 5 Wie könnte irgendeine Institution oder Partei, irgendein Offizieller oder die Massenmedien, egal welche, die Tausenden von Schülern beschuldigen „Träger blinder Gewalt“, Provokateure, oder von Agenten beeinflusst zu sein? 6 Natürlich bedeutete dies nicht, dass die Spektakelmechanismen sich von der Verbreitung dieses ideologischen Konstrukts in der Aufstandszeit verabschiedeten; es wird bis heute massiv propagiert.

Als alle, die sich auf der Straße, in Besetzungen und Angriffen befanden, verstanden, dass die Angriffe der Schüler keine Tage des Wutausbruchs, sondern ein Aufstand waren, war der Zeitpunkt gekommen, dass auch das ganze System dies verstand. Die Titelblätter der Zeitungen vom Dienstag (09.12.)7 zeigen ganz deutlich, wie eine absolute Verlegenheit die Disziplinierungsmechanismen überschwemmte. Am Montag wurde die Belastbarkeitsgrenze der herrschenden Propaganda auf die Probe gestellt: Durch die Schülerangriffe gegen Polizeireviere – in dem Moment, als das Bildungsministerium bekannt gab, dass alle Schulen am nächsten Tag aus Trauergründen (!) geschlossen bleiben sollten, und so in Form einer präventiven Ruhigstellung dafür sorgen wollte, dass die Schüler und Schülerinnen nicht miteinander in Kontakt kommen könnten. Durch den Angriff am Gerichtshof gegen Bullen und Fernsehmitarbeiter – in dem Moment, als die Mörder-Bullen vorm Untersuchungsrichter standen und ihre Tat ohne Reue bekannten. Durch die Nachmittagsdemos von Tausenden von Menschen in Athen und Thessaloniki, die Scheiben, Geschäfte, Banken und Staatsgebäude zerstörten, mit den Kräften der Repression kämpften, Beifall klatschten, lachten, in der Straßen standen – trotz dem Einsatz von hunderten Chemikalien und Trängas. Durch das beispiellose Auftauchen von Immigranten, die sich konfrontierten und plünderten. Durch den verbrannten Weinnachtsbaum – armseliger Warenfetisch dieser Tage – in dem Moment, als die Nachrichten eine Themenpause machten, um die Zuschauer/Konsumenten wieder aufs Weinnachtsklima auszurichten. Durch das Zusammenfinden tausender Menschen am gleichen Abend in den besetzten Universitäten – in dem Moment, als der Regierungsausschuss außergewöhnlich tagte und durchsickerte, dass es sein könnte, dass der Notstand über das Land verhängt würde.

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Die Verwaltung all dieser Ereignisse konnte in keinem Moment möglich sein, nicht nur wegen der Anzahl und Breite der daran Beteiligten (wofür diese Variablen ganz klar eine dynamische Rolle spielten) sondern aufgrund der Substanz der Ereignisse. Ereignisse – Situationen – Verhältnisse, die von Menschen und nicht von stereotypen Kategorien provoziert wurden, Ereignisse, die sich verbreiteten und nicht isoliert waren, Ereignisse, die stattfanden und nicht zu einem Schluss kamen… Der unvorstellbare Selbstwert der aufständischen Bewegung war es, die erstickenden Begrenzungen von Leben und Mensch, die Begrenzungen, die in der spektakulären Welt vertreten und produziert werden, versenkt zu haben.

Der Aufstand ist eine Tatsache. Der herrschende Komplex ist erschüttert, es kann sein, dass nur wenige von ihnen das ausgesprochen haben, aber zweifellos haben sie alle, ohne Ausnahme, versucht, ihn zu kontrollieren, ruhigzustellen, zu manipulieren, zu assimilieren und auszubeuten. Der spektakuläre Prozess hatte, wie gesagt, durch die Massenmedien (spezieller noch durch ihre elektronischen und gedruckten Varianten, die Nachrichten und Informationssendungen) von Anfang an das Sagen über Reflektion und Prioritätensetzung des Versuchs, die Wirklichkeit auszubeuten und zu manipulieren. Trotzdem kam es zu einer Veränderung in diesem bis damals monopolisierten Verhältnis. Ab Dienstag (09.12.) wurde die aktive Rolle nicht mehr nur von Massenmedien, sondern von der Gesamtheit der Formen und Mechanismen des Spektakels übernommen. Die Anfangsüberraschung über die unerhörte Reaktion auf den staatlichen Mord, eine Überraschung, die Verwirrung brachte und dilettantische „Handlungen“, sollte selbstverständlich überwunden werden und zu einer allgemeinen Umstrukturierung führen.

Die aufständische Realität verbreitete sich auf der ganzen Breite der spektakulären Mechanismen, sie entfloh den Nachrichten und verstreute sich in die ‘Unterhaltung’, die Werbung, die Transformation der Stereotypen. Die Auseinandersetzung sollte ihr tragisches Element verlieren und malerisch, pubertär, unterhaltsam, lustig werden. Der Aufstand muss zu einer Karikatur werden. Eine ganz rationale Bewegung, sowohl wegen der unverminderten Intensität der Ereignisse, die ständig Tatsachen produzierte, auch, weil das Informationsmonopol durch die Aufständischen selbst gebrochen wurde. Durch die Schaffung befreiter Enklaven innerhalb der herrschenden Stadtstruktur, die sich jeden Tag vermehrten, die Besetzungen, die sich entschieden, so weit als möglich, die ganze Breite der Gegeninformationsmedien auszunutzen: Das Internet 8 für direkte Informationen und Thesendokumentationen, Meinungen und Übersetzungen in andere Sprachen für die Information des Auslands; die Erstellung von Radiosendern mit Sondersendungen, für die das Internet weitere Verbreitungsmöglichkeiten bietet; Plakate und Straßenzeitungen, die durch Enteignung der technischen Mittel der Universitäten in Tausenderauflage in den Straßen verteilt werden konnten; die Besetzungen von Radio- und Fernsehersendern. Sie alle haben es nicht nur geschafft, direkt zu informieren und zu kommunizieren, sie haben essenziell in der Praxis die Vermittlung des Informationsflusses abgeschafft. Zu ersten Mal flieht der Aufstand aus den verzerrenden Linsen der sozialen Medien der Manipulation und spricht von sich selbst über sich selbst. Er drückt seine Klarheiten und Unklarheiten aus, legt seine Gewissheiten und Unsicherheiten offen, malt selbst seine eigene Gestalt vor den Hintergrund eines nicht verhandelbaren Willens für ein unbetreutes Leben. Diesmal hat der Aufstand die Landesgrenzen überschritten und internationale Solidaritätsaktionen in dutzenden Ortschaften in der ganzen Welt provoziert. Die Reichweite der Nachrichten über den Aufstand hat zentrale nationale und internationale Planungen in Frage gestellt, sie hat die Gegebenheiten des Widerstands in internationalen Varianten verstärkt. Wenn auf den Bildschirmen des griechische Kapitalismus alles daran gesetzt wurde, dass dieser Aufstand stumm bleibt, damit soziologische, psychologische, intellektuelle Kommentare, Analysen und Erklärungen danach in Untertiteln eingeblendet werden können, so sollten die internationalen Aktionen nicht einmal als Bild existieren.

Im ganzen Spektrum der Propagandaschlacht gab es – von Verfechtern der Ruhigstellung des Aufstands bis hin zu denen, die eine nüchterne Manipulation befürworteten – unabhängig von ihrer ideologischen Basis eine Konvergenz. Eine grundsätzliche Methodik des spektakulären Prozesses ist in diesem Fall die Einführung von differenzierten Identitäten unter den Aufständischen, die als Trennungen vorangetrieben werden können, welche die hegemoniale machiavellische Taktik des ‘Teile und Herrsche’ bedienen sollen. Die Aufständischen der Dezembertage haben die üblichen Herrschaftsreduktionen der Vertretung, der Forderungen, der Ernennung von Führern nicht akzeptiert, was sehr problematisch für jeden Versuch war, die Inhalte des Aufstands in die demokratische Volksweisheit zu integrieren und zu unterjochen. Da die einfachen Rezepte nicht mehr anwendet werden konnten, sollte die multidimensionale Basis der Aufständischen aufgebrochen werden: In Schüler, d.h. Kinder, die als natürliche Träger der pubertären Unschuld und Mitschüler des totes Kindes im Rahmen einer wütenden Selbstjustiz akzeptiert werden. In Demonstranten, d.h. eigenständig agierende Bürger, die in allgemeine Fragen intervenieren, als Gesprächspartner in einem etikettierten Dialog automatisch den Forderungskatalog formulieren und durch ihre friedliche und angemessene Erscheinung den institutionellen Rückruf übernehmen. In Immigranten, d.h. andere ‘nationale’ Identitäten, ‘Fremde’ und – wie das im sozialen Bewusstsein durch die herrschende Propaganda festgeschrieben ist – potenzielle „Kriminelle, die Gelegenheit gefunden haben, einzubrechen, zu rauben und zu plündern. Die Plünderer“. Und selbstverständlich in Vermummte, Berufschaoten, Geheimdienstagenten, Angestellte der ausländischen Destabilisierungszentren… Das qualitativ Neue des Dezember war, dass die Einführung der Trennungen so tief ging, dass die Vermummten/Besetzer ebenfalls durch unterscheidende Merkmale lesbar sein sollten: Manche als konsequente Operaisten, manche als Lockere und andere als Finstere. Innerhalb all dieser Trennungen wurde die Argumentation der Angst nie vernachlässigt. Von Anfang an versuchte die Propaganda, die Ängste der Zeit zu bedienen und sie mit Drohungen über die unkontrollierbaren Folgen einer politischen Instabilität, dem Fantasiekonstrukt der diffusen ‘blinden Gewalt’, der Aktivierung der vulgären Seite des sozialen Selbsterhaltungstriebs, zu verstärken.

Damit kommen wir zu einer der Hauptwaffen der spektakulären Prozesses, dem Anbieten von Pseudodilemmata: Entweder mit den scheußlichen Sonderfällen (Vermummte, Plünderer) zu sein, mit allem, was diese Wahl für die Subjekte mit sich bringt (Ruhigstellung, ideologische Isolation usw.) oder mit den herrschenden zersplitterten Identitäten, in denen sich die Einzigartigkeit auf die Sicherheit der Rolle verläßt, welche die Rolle der Sicherheit bestätigt, die Feigheit legitimiert, wo die große Lebensfrage in der Jagd nach dem fatalistischen Nichts versinkt… So oder so, das Spektakel verspricht allen gleichermaßen ‘Zufriedenheit’.

Im spektakulären Prozess wird das ‘Zufriedenheitsversprechen’ durch Konsum befriedigt. „Ein Spiegel der Ästhetik wird sich in unseren Sinnen durchsetzen, im Verhältnis mit der Ware oder durch das Warenverhältnis“. Die Ware, als materielle Dimension des Spektakels, war eine der wichtigsten Zutaten der unkontrollierten Tage des Aufstands, und möglicherweise einer der großen Verlierer. In der ganzer Zeit des Aufstands – der Angriffe und der Plünderungen – wurde die Ware gnadenlos geschlagen, zumindest was ihre spektakuläre Essenz betrifft. Egal, wie intensiv sich Bürgermeister, Reporter, Werbeagenturen, Dekorateure, Geschäftsleute, Orchester und Straßenmusikanten freiwillig meldeten, uns durch ihre Reden und Aktionen an die ‘feierliche’ Zeit zu erinnern, an die Notwendigkeit ihrer Existenz und an das Versprechen einer glücklichen weihnachtlichen Konsumidentität, sie sind gescheitert. Sie standen im eklatanten Gegensatz zu den verkohlten, zerschlagenen, geplünderten Schaufenstern. Die schön polierten Schaufenster mit den Alabasterpuppen und ihrem gefrorenen leeren Blick, verführerische Einladungen für die Besitzergreifung eines Schatzes, lagen nun gefallen vor den Passanten, jeder Verdacht eines Versprechens war zertrümmert. Die Waren als angebetete Objekte der moderne Konsumreligion waren herabgestürzt und verschwanden zusammen mit der Trivialität ihres Tauschwerts.

Die Ware, der Konsum, das ‘Zufriedenheitsversprechen’ brauchen einen Raum, der sie ‘als Gäste aufnimmt’, voranbringt und reproduziert, und dieser Raum ist kein anderer als die bürgerliche Landschaft. Die Versiegelung der Zivilisation des Spektakels wird durch Stadtplanung geschaffen9, der Wissenschaft der getrennten Landschaft. Die bürgerliche Landschaft wurde durch die Rhythmen des Aufstands im ganzen Land erschüttert. Es wurden nicht alle Punkte der Städte (vom Land nicht zu reden) von der gleichen qualitativen und quantitativen Spannung erfasst. Die funktionale Aufspaltung der bürgerlichen Landschaft für die Bedürfnisse der kapitalistischen Akkumulation wird von einer entsprechenden Stadtplanung der sozialen Kontrolle und Ruhigstellung begleitet. Regionen, die als Hilfsregionen ‘charakterisiert’ werden, als Industriezonen, als Wohngebiete, sind zugleich diejenigen, in denen stadtplanerisch, architektonisch, verkehrsmäßig, keine erkennbar feindlichen Felder für die Aufständischen konzentriert sind (Regierungsgebäude, Banken, große Geschäfte, usw.). Sie sind die Regionen, die außerhalb der aktiven Gestaltung der aufständischen Realität geblieben sind. Natürlich gab es ernsthafte Versuche, in irgendwelchen dieser Regionen (zumindest von Athen, außerhalb des Zentrums im weitesten Sinne des Wortes) mit der Einberufung von Volksversammlungen bis hin zu Besetzungen, zumindest andere Vorschläge/Experimente zu machen, die gegen die Einsperrung der spektakulären Meinung/Ideologie des Raums als Raum der Macht, außerhalb der Konzentration seiner symbolischen Grundlage funktionieren. Es geht um die Übertragung der Konfrontation auf diejenigen Punkte in den Stadtteilen, in denen die herrschenden Entscheidungen und Wahlen getroffen werden: Dort, wo der Vorteil der direkten sozialen Verhältnisse aktiviert und die herrschende Propaganda mit ihrer stereotypen Verleumdung zerstört wird, wo sie, basierend auf der Kriminalisierung der Aufständischen, zusammengesetzt wird. Die Existenz von langfristigen Besetzungen, die Aktionen für freien Transport in öffentlichen Verkehrsmitteln, die Zerstörung von Überwachungskameras in Zusammenhang mit der Gesamtaktion der Aufständischen, waren Versuche, die, wenn auch begrenzt, das Gefühl der Wiederherstellung menschlicher Maßstäbe in der Stadt konstituierten, eine Bewegung für das Zusammentreffen und nicht für die Produktion oder den Konsum von Waren, eine Bewegung gegen die verallgemeinerte Langeweile.

Es ist eine Tatsache, dass hinter der unbezweifelten spektakulären Herrschaft der sozialen Aggressivität in der Zeit des Dezemberaufstands mehrere Versuche entfaltet wurden, soziale Verhältnisse auf einer, der herrschenden bürgerlichen Zivilisation gegnerischen, Wertgrundlage aufzubauen. Es gab Verhalten, das ausprobiert wurde und das nicht mehr als seine eigene Grenzen reproduzieren konnte, aber es gab viele Beziehungen, die wirklich auf der Straße gebaut wurden und eine kollektive Grundlage für eine kollektive Praxis gestalteten, ohne Absperrungen, ohne die Vorauswahl selbstverständlicher Fähigkeiten, ohne die üblichen Verdichtungen. Männer und Frauen, ‘Einheimische’ und ‘Fremde’, Schüler und Arbeiter, Studenten und Arbeitslose, Anarchisten und Unpolitische, ‘Nüchterne’ und ‘Berauschte’, ‘Saubere’ und ‘Vorbestrafte’… Die Beziehungen, die sich auf den Barrikaden entwickelten, erschöpften ihre Dynamik in der Spannung und der Raumzeit der Unmittelbarkeit der Konfrontation in einer Psycho-Geographie zwischen emanzipatorischer und entspannender Wut, zwischen taktischer und nicht-taktischer Aggressivität. Gleichzeitig hatten sich die Aufständischen für Besetzungen entschieden, sowohl im Zentrum als auch am Rand der Metropole und in anderen Städten. Die Universitäten der Großstädte hatten mit ihrer Tradition als Aufstandshochburgen strategischen Charakter, verschiedene öffentliche Gebäude in den Stadtteilen wurden zu Basen für den Aufbau der Bedingungen einer politischen Qualifizierung der allgemeinen Konfrontation. Jeder befreite soziale Raum setzte seine eigenen Vorteile um und konstituierte die Merkmale, welche die Ziele seiner Plena trafen. Worte wie Selbstorganisation und Autonomie konstituierten sich in einer selbstverständlichen Dynamik der kollektiven Aktion und wurden respektvoll im politischen Wortschatz neu bestimmt. Sie zerstörten die dekadente Verarbeitungslogik der demokratischen Zentralismen. Die Aufständischen bekamen mit den Zentren des Aufstands und ihren kollektiven Infrastrukturen die Möglichkeit, sich an räumliche und zeitliche Besonderheiten anzupassen. So konnten sie den Horizont der Konfrontation durch Ausweitung ihrer Ziele und Bereicherung ihrer Aktionen ausdehnen. Die kleinen Kommunen haben wieder einmal ihre historische Unverschämtheit zum Ausdruck gebracht, die sich im Exil befindet.

Wir haben betont, dass der Dezemberaufstand von mehreren sozialen und politischen Subjekten verwirklicht wurde, die, fast natürlich, durch eine Reihe von Praktiken der Opposition, der Infragestellung, der Negation und des Bruchs mit dem Regime, ihr Selbst erkannten. Alles, was nach dem Mord von Gregoropoulos stattfand, erschuf die reale Materie politischer, moralischer und ideologischer Versicherung, so dass die Identität der Aufständischen einen automatischen Bewusstseinshintergrund bezeichnet, der institutionelle Mediationssverfahren des Regimes, der die Legitimierung politischer und sozialer Vermittlung, Techniken der Integration und Unterdrückung in Rahmen kollektiver Prozesse, künstliche Trennungen zwischen den Unterdrückten, die selbstverständliche Reproduktion der Warenverhältnisse, soziale Hierarchien und herrschende Stereotypen verhinderte. Mit der Entwicklung einer hegelianischen Herangehensweise, wonach „die Identität auf der Grundlage permanenter Ausschließungen“ entsteht, verstehen wir die kollektive Identität unter permanenter Gestaltung in einem aufständischen Zustand, der die Realität der Verhältnisse von Identifizierung und Ausschluss beschleunigt. Es ist kein Zufall, dass fast alle kollektiven Versuche, die in der Zeit des Dezemberaufstands und kurz danach stattfanden, die gleichen Themen aufs Tapet bringen mussten. Hauptsächlich die Solidarität mit den Verfolgten und die sofortige Freilassung aller Festgenommenen des Aufstands.

Die Besetzung der GSEE Zentrale [Dachverband aller griechischen Arbeiter-Gewerkschaften] wurde von aufständischen Arbeitern in Gang gesetzt, was den Medienmythos ihrer Abwesenheit von den Barrikaden untergraben sollte. Es gab Arbeiter auch auf der Strasse, Arbeiter, die wütend waren über den staatlichen Mord, die den Mord im Zusammanhang mit der alltäglichen Brutalität der Bosse sehen, die den bezahlten Sklavereivertrag und den Syndikalismus der Parteien ablehnen und die eine deutliche aufständische Präsenz hatten. In den Weihnachtstagen hinterließ die Brutalität der Bosse ihr dauerhaftes Zeichen im Gesicht von Konstantina Kunewa. Mit Bezug auf diesen neuen mörderischen Angriff wurden die Inhalte der Aufständischen bereichert. Die HSAP Zentrale [der Athener U- und S –Bahn Betriebe], die der Mieter [der Arbeitskraft] von Kunewa war, wurde besetzt. Konstantina ist nicht allein – und das wurde von Tausenden gesagt, in den befreiten Räumen, in den Basisgewerkschaften der Arbeiter. Die Ereignisse führten zu Rissen in der Stabilität und Sicherheit des individuellen und sozialen Bewusstseins. Die Identität des Aufständischen verflüssigte sehr oft die Individuen, zerstört die Inhalte ihrer kapitalistischen Eigenschaften und stellte jede selbstverständliche Reproduktion ihres Alltags in Frage.

Wir alle wissen, dass sich der Produktionsprozess im entwickelten Kapitalismus auf den Dritten Sektor konzentriert. Die Industrien sind total automatisiert oder wurden in die Dritte und Vierte Welt transportiert, der Dienstleistungssektor hat seine Strukturen erweitert und bewegt sich auf der Basis nicht materieller Merkmale. Information und die Konstruktion von Stereotypen sind die Speerspitzen des Kapitalismus und der Produktionsprozess investiert ganz besonders in diese beiden Sektoren. In den Tagen des Aufstands stützte sich der spektakuläre Prozess am meisten auf die Verwaltung der Information und die Aktivierung stereotyper sozialer Rezeptionen. Es ist also kein Zufall, dass in genau diesen zwei Punkten Risse zu entdecken waren, dass in dieser Richtung Besetzungen in Gang gesetzt wurden.

Am 10. Januar die „Besetzung von ESHEA [Union der Athener Zeitungsredakteure] durch eine Initiative von Festangestellten, Akkordarbeitern, Arbeitslosen, Schwarzarbeitern, Unbezahlten und Medienstudenten“ die als Ziel hatte, „Ein Gegeninformations- Zentrum und ein Auslöser eines Kampfes zu werden, von kämpfenden Leuten gerahmt, der sich nicht nur mit diesem bestimmten Zweig verbindet“ sondern um „sich unvermittelt zu treffen und zu agieren, für alle, die das Spektakel bisher zerstört hat“.10

Am 28, Januar: „Eine Initiative von Menschen der Künste (behauptend, dass Kunst das Leben eines und einer jeden ist), eignet sich einen Raum der Lebenskunst für alle an und stellt die Frage der Kulturrekonstruktion auf eine neue Basis“, sie sprechen über „einen Aufstand auch in der Kunst. Gegen ein Kunst-Spektakel, das von passiven Zuschauern konsumiert wird“11 besetzen sie die Philharmonie von Athen.

Unabhängig von positiven oder negativen Einschätzungen dieser Versuche ist es ganz deutlich, dass mit dem Aufstand als Sprungbrett, den Solidaritätserklärungen an die Dezember-Verfolgten und Kunewa, die Strukturen und die Philosophie von Knotenpunkten der Entwicklung des Kapitalismus in der Praxis in Frage gestellt wurden. In der ESHEA-Besetzung wurden die Grenzen der Notwendigkeit ‘unabhängiger’ Information untersucht, gleichzeitig wurde die Vermittlungsrolle annulliert. In der Philharmonie-Besetzung wurde der Begriff der Kunst als Produktionsprozess eines Werkes zur direkten oder indirekten Kapitalakkumulation, als soziales Druckbegrenzungsventil, als zugespitzte Variable der herrschenden Massenkultur und der Warenverhältnisse, als soziale Produktion von Stereotypen thematisiert. Die Unterrichtungen in Selbstausbildung führten eine Variante der Überwindung in das traditionelle Verhältnis zwischen Schüler und Lehrer ein. Das ‘aufständische Ballett’ hat viel weiter als nur zur Umleitung einer Ausdrucksform, des Tanzes, als Annullierung der ‘weiblichen’ Stereotypen von Zärtlichkeit, ‘Charme’ und Harmonie funktioniert, gleichzeitig als ein Versuch, die Art und Weise der speziellen und geschlossenen Merkmale neu zu schreiben und auf die Allgemeinheit der Identität des aufständischen Subjekts zu beziehen.

Bis heute gab es viele Bemühungen des herrschenden Spektakels, den Aufstand zu kontrollieren. Schaufenster mit ‘radikaler’ Inszenierung erschienen, Werbungen mit ‘revolutionärer’ Aggressivität, Theateraufführungen mit ‘aufständischen’ Charakteren, Kinofilme mit ‘subversiver’ Themensetzung

Es ist klar, dass die Zivilisation des Spektakels im Dezemberaufstand nicht zusammengebrochen ist. Der Dezemberaufstand war eine historische Praxis, von der wir euch zunächst einmal versichern können, dass es nicht nur das Spektakel der Dezembertage gab, sondern auch Dezembertage für das Spektakel, und sie funktionierten. Und dieses Erbe müssen wir weiter bearbeiten, analysieren und verbreiten.


Von Louis Vuitton zu Luise Michel

oder

Vom Angriff auf die Waren zum Angriff auf die Ware

Der zweite Teil unseres Beitrages will sich einer der am meisten verbreiteten Aktionsformen der Aufständischen des Dezember nähern, der sich unserer Meinung nach nicht zufällig im Zentrum der Kritik befand, hauptsächlich der Feinde, aber auch eines Teils der ‘Freunde’ des Aufstands: Der Angriff auf die Schaufenster.

Wenn wir versuchen, diese Art der Aktion zu erklären, ist es unmöglich, uns auf die subjektiven oder intersubjektiven Wünsche und Ziele von jedem und jeder Aufständischen zu konzentrieren, auch wenn wir versuchen diese Subjekte nach sozialen, rassisch definierten oder klassenmäßigen Begriffen zu gruppieren. Das heißt, zu entdecken, warum die Studenten / die Schüler / die Proletarier / die Migranten / die Migranten ohne Papiere / die Anarchisten / die Hooligans / die Angestellten der Flugaufsicht die Schaufenstern angriffen. Über die epistemologische Armut (d.h. auch wenn wir ‘pseudowissenschaftlich’ werden wollten) einer Methode, welche die Auflistung persönlicher Erlebnisse als Argumente darzustellt hinaus, ist es schwer den Glanz ‘großer Erzählungen’ über den Dezember zu vermeiden. Die Geschichten und Bilder, die von jedem Punkt Griechenlands kamen, waren hinreißend, aber viele von ihnen waren sicherlich besondere Ausschnitte, und wahrscheinlich entsprachen sie der Wirklichkeit überhaupt nicht. Das Gleiche gilt für unsere eigenen erlebten Erfahrungen. Außerdem sehen wir nicht, was der Sinn einer Schlussfolgerung wäre, die eine Generalisierung der unterschiedlichen Momente forderte, die jeder und jede von uns im Aufstand erlebte (Anmerkung: Das große A bei Aufstand bedeutet hier nicht die Beschreibung des Glanzes und der Größe – die er wahrscheinlich verdient hat – sondern die Bezeichnung des konkreten Dezemberaufstands von 2008).

Es hätte auch keinen Sinn, dass jemand versucht, das wirkliche Bild in der ‘objektivierten’ Auflistung des Geschehens, der Zerstörungen und der Plünderungen, durch die verschiedenen Sorten von Vermittlern des Bildes vom Dezember zu suchen: Erklärungen des Entwicklungsministeriums, Polizeiberichte, Dokumentationen der Schäden, die von der Handelskammer veröffentlicht wurden, Statistiken über den Niedergang des Umsatzes im Weihnachtsgeschäft, und was alles nicht mehr zu retten ist. So was würde eine Gleichsetzung der Propaganda der Feinde des Aufstands mit einem verlässlichen analytischen Instrument der sozialen Wirklichkeit bedeuten.

Was wir uns hier wünschen, und was wir glauben, dass uns betrifft, ist der Versuch einer Dokumentation und Erklärung des Angriffs des Aufstands auf die Waren und eine mögliche Tendenz der Aufständischen, sich gegen die Ware im Allgemeinen zu wenden, die Warenverhältnisse zu zerstören. Eine Tendenz, die wir sich entfalten sahen und fühlten, in uns und um uns, in den Dezembertagen. Eine Tendenz, die, wie wir glauben, neue Durchgänge zu neuen Aufständen öffnen kann, als die einzige Antwort auf die absolut offensichtliche Krise des kapitalistischen Systems.

Drei kleine Schritte

für die Beobachtung der Bewegung der Aufständischen in der realen Zeit.

Erster Schritt

In unserem Versuch, die Bewegung gegen die Schaufenster zu untersuchen, werden wir nicht bei Analysen stehenbleiben, welche die Außerkraftsetzung des Gesetzes als Schlüssel für die Erklärung des Verhaltens der Aufständischen sahen. Eine solche primitive Analyse – die Anklang bei Gutwilligen aus einem breiten politischen Spektrum fand, von LAOS [VOLK, volkskämpferische orthodoxe Koalition, faschistische Partei im Parlament] bis KKE [kommunistische Partei Griechenlands] – besagt in etwa, dass der Aufstand zu Zerstörungen führte, weil es die Möglichkeit dazu gab, da das Gesetz abgeschafft wurde und die tierischen Instinkte an den Platz der Ordnung traten; dass diese groben Menschen dachten, dass sie von der Unterdrückung, welche die soziale Organisation auf sie ausübt, befreit sind.12

Wir nehmen schnell Abstand von dieser lustigen Erklärung, und begegnen ihr mit einem ganz einfachen Argument aus dem Waffenlager des Feindes: Nach einer Statistik, welche die Polizei selbst veröffentlichte, beträgt die Kriminalität 200813, die Überfälle wegen Drogen, der Autodiebstahl und Fälschungen 1/3 der gesamten Straftaten, die im Lande begangen wurden. Selbst die Schlimmsten unter den Presseleuten, die über die Abschaffung der Legalität und die mangelnde Polizeipräsenz auf den Straßen der Städte schrien, sind nicht auf die Idee gekommen, den Aufstand zu verleumden, indem sie über eine Steigerung der Kriminalität im Allgemeinen, und z.B. einen Anstieg des Drogenhandels redeten… Die Botschaft des Aufstands war ganz klar und natürlich war es unmöglich, ihn in dieser Richtung zu verzerren:

Bleiben Sie ruhig, Sie haben nichts zu verlieren, außer ihr Eigentum!

Zweiter Schritt

Im Gegensatz dazu gibt es eine ernsthafte, aber nicht vollständige Interpretation der Angriffe auf die Schaufenster, die den Aufstand als Bewegung entlang der Achse einer allgemeinen Negation der kapitalistischen Welt sieht. Tatsächlich bekommt der Sinn dieser Welt eine konkrete Materialität innerhalb der bürgerlichen Zentren, und selbstverständlich besteht diese kapitalistische Welt, die uns ‘umkreist’, aus viel mehr als den Schaufenstern der Geschäfte. Allerdings entfaltet sich der Aufstand hauptsächlich auf der Straße, dort bekommt er die Möglichkeit zu existieren, dort geht er die Konfrontation ein. Diese bürgerliche Landschaft, die ‘umgebende Welt’ im Sinne der Unmittelbarkeit des Zugangs im alltäglichen Leben (also auch die Möglichkeit des Zugangs für die Aufständischen), kann sehr einfach als eine flache Welt betrachtet werden, eine ‘Erdgeschoss-Welt’ (und es ist natürlich kein Zufall, dass dieses Erdgeschoss fast ausschließlich von Waren besetzt ist).

Wir können also sagen, dass der Angriff auf die Waren in Grunde genommen eine automatisierte und direkte Negation des Existierenden ist, dass er einfach in erster Linie eine Auseinandersetzung des Aufstands mit der kapitalistischen Welt ist.

Dritter Schritt

Diese Erklärung erklärt nicht die fast allgemeine Entscheidung der Aufständischen, die Multinationalen und die großen Geschäfte anzugreifen und die Bäckereien und kleinen Läden unberührt zu lassen.

An diesem Punkt konnte man beim Angriff auf die Schaufenster eine andere Denkweise feststellen. In dieser Bewegung war eine Lust zur Konfrontation zu spüren, der Konfrontation mit etwas Allgemeinerem als den Waren: Ein Lust zur Konfrontation mit dem Warenverhältnis in seiner Gesamtheit.

Die Wichtigkeit dieser Besonderheit ergibt sich auch aus der ausgeprägten Position, welche die Ausnahme des kleinen Geschäfts in der Planung der Kommunikation der Herrschaft bekommen hat. In den Tagen des Aufstands und in den Tagen danach gab es zwei kommunikative Speerspitzen der dunklen Desinformation der Massenmedien: Die hunderten Berichte über die verlorenen – sogar in Krisenzeiten – Arbeitsplätze und die ständige Darstellung des Dramas irgendwelcher Kleineigentümer, deren Eigentum14 zerstört worden war, mit dem begleitenden heiligen Drama: der weinende Bäcker, seine persönliche Anstrengung, die Ersparnisse eines Lebens.

[Wie könnte es anders sein? Stellen Sie sich mal die Lächerlichkeit eines großen Hais vor, der versucht, das Fernsehpublikum mit dem Drama der Zerstörung seines riesigen Eigentums zu berühren.]

Bevor wir weitergehen, müssen wir drei sehr wichtige Hinweise geben:

a] Im realen Feld des vielfältigen sozialen Lebens, sind die Dinge nicht schwarz oder weiß, und die Linie, die H&M vom Tante Emma Laden trennt, ist nicht immer deutlich. Außerdem ist die Tatsache, dass in Läden Produkte gekauft und verkauft werden, dass es möglich ist, dass ein kleiner Händler ein genauso ekelhafter Boss und Ausbeuter anderer Menschen sein kann (und das ist sehr oft der Fall), in keiner Weise etwas, das seinen kleinen Laden automatisch zum ‘Zentrum der Expansion und Reproduktion’ der Warenzivilisation macht.

b] Anderseits kann die Unterscheidung zwischen ‘kleinem Laden’ und ‘großem Geschäft’ sehr einfach den Charakter eines abstrakten ‘Respekts’ vor dem kleinen Eigentum annehmen und grundlegende Aspekte der Warenfunktion verdunkeln. Es ist wahr, dass der Versuch, sich dem Unterschied zwischen kleinem Laden und großen Geschäft zu nähern, NUR aus Sicht der Wirtschaft zu dem Ergebnis kommen kann, dass es hier nur um eine Frage der Größe geht. Die Entscheidung ‘Angriff auf die großen Geschäfte, nicht auf die kleinen Läden’ könnte also als ein Zurücktreten von der allgemeinen Forderung nach der Abschaffung des Privateigentums verstanden werden, ein Zurücktreten, das dem üblichen Anprangern der Multinationalen in Gegensatz zum geläuterten inländischen Kleinkapital ähnelt (auch der Unterscheidung zwischen kleinen/guten und großen/bösen Bossen). Eine umsichtigere Beobachtung der Funktion der Schaufenster im Warenprozess zeigt, dass es (schematisch geprochen) zwischen den ‘kleinen’ und ‘großen’ Schaufenstern nicht nur einen Unterschied in der Größe, sondern auch einen Unterschied in der Spannung gibt, der bewiesenermaßen entscheidend ist.

Das ‘armselige und dunkle’ Schaufenster des Geschäfts, das sich in den engen Straßen neben den großen Einkaufsmeilen befindet, das ‘Mode für Dickerchen’ führt, hat die Wut der Aufständischen nicht deshalb überlebt, weil sie Respekt für kleines Eigentum hatten. Es hat überlebt, einfach weil das beeindruckende, leuchtende und strahlende Schaufenster nebenan, das den Ausschluss aus der magischen Warenwelt schreiend reproduziert, vorgezogen wurde. Die ‘Provokation’ eines Schaufensters beinhaltet keine moralischenen Kategorien, sondern unterstreicht die reproduktive Knotenfunktion dieses Schaufensters im Warenverhältnis.

c] Wir können die Tatsache nicht übersehen, dass wir die Zerstörung kleiner Läden, UND ANDERER Ziele, die wir problematisch fanden, zumindest als ‘verschwendete Energie’ charakterisieren könnten. Es kann sein, dass die Erklärung dieser Angriffe (die uns näher an den zweiten Schritt bringt, den allgemeinen Angriff auf das Existierende) für uns schwer zu verstehen ist, da es Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse gibt, die wir nicht einmal mitbekommen. Auf Grund dieser Verhältnisse gibt es Subjekte, die sich allgemein in einer viel schlimmeren Situation befinden als wir, und die wahrscheinlich eine totale soziale Ausgrenzung erleben. Zum Beispiel kann die Zerstörung einer Bäckerei, einer Bushaltstelle oder eines Kartentelefons einem Aufständischen, der acht Stunden pro Tag als Kurier arbeitet, sich mit seinem kleinen Motorrad durch die Stadt bewegt und sein Kommunikationsbedürfnisse mit einem Mobiltelefon abdeckt, als ‘verschwendete Energie’ erscheinen. Aber für einen Immigranten, der seine Arbeitskraft für ein paar Krümel verkauft, drei Stunden pro Tag in einem Bus eingestapelt wird, um sich zu seiner Arbeit hin und zurück zu bewegen, und den größten Teil seines Lohnes für die telefonischen Kommunikation mit seinen Leuten in seinem Land ausgibt, können diese Zerstörungen ein wildes Fest sein, ein wichtiger Moment der Befreiung im Aufstand. Diesem Gedanken folgend, müssen wir wahrscheinlich unsere Meinung über die Zerstörungen kleiner Läden überdenken, so dass sie aufhören ‘Kollateralschäden’, Momente des Schuldgefühls und Kommunikationslöcher in unserer Analyse und Propaganda zu sein. In Gegenteil müssen sie als Ergebnis einer tieferen Beziehung zwischen wirklichen Subjekte betrachtet werden, die schwer zu sehen sind; einer Beziehung, die sich neben uns und gleichzeitig weit von uns entfernt entfalten kann.

Auf Grund aller oben genannten Tatsachen, und wenn wir uns irgendwie ein bisschen sicherer fühlen irgendwelche ersten Schlussfolgerungen zu ziehen, wollen wir versuchen den Aufstand in den Rahmen einer historischen Kontinuität der sozialen Kämpfe zu stellen und eine elementare Antwort auf folgende Frage zu geben: „Bewegen sich alle Aufstände in gleicher Art?“

Die Antwort ist im Allgemeinen ja, zumindest bewegten sich die Aufstände, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in städtischen Zentren statt fanden, auf zwei Arten: Sie greifen die Punkte der Machtkonzentration an (wirkliche oder symbolische Konzentrationen, z.B. Polizeistationen, Ministerien) sowie die Punkte der Verdichtung des kapitalistischen Verhältnisses (auch wirkliche oder symbolische, Banken und Geschäfte).

Wenn der Angriff auf die Banken als Punkt der Verdichtung des kapitalistischen Verhältnisses selbstverständlich ist, sollte der auf die Geschäfte ebenso selbstverständlich sein.

In der heutigen Welt verkörpert die Ware die totalitärste Form der Bejahung der Weltherrschaft des Kapitalismus (und der sozialen Ungerechtigkeit, die er notwendig reproduziert), viel effektiver als jede andere Form von sozialer Kontrolle. Sogar die brutale Polizeigewalt, als Verwirklichung des Durchsetzungsvermögens des Staates, setzt normalerweise die Existenz eines elementar abweichende Verhaltens voraus, um eingreifen zu können. Im Gegensatz dazu sind die Warenverhältnisse ohnehin anwesend, sie integrieren sich automatisch in unsere soziale Existenz, und bestimmen sie zum größten Teil. Die Ware taucht auf und dringt ein, ständig und überall, auf der Straße, im Fernsehen, in den Diskussionen, in den Träumen, und braucht nichts zu tun, damit sie herrschen kann, es reicht die Tatsache, dass sie total fähig ist anzuziehen und zu überzeugen.

Und das Wichtigste: Innerhalb der kapitalistischen Wirtschaft wird die Ware vom Objekt zum Subjekt, sie wird in ein selbständiges Wesen transformiert und vermittelt die menschlichen Verhältnisse. In der Welt der Verdinglichung, wird der Raum der aktiven Subjekte ständig von sich bewegenden und sich austauschenden Waren besetzt. Diese Waren beinhalten als Produkte menschlicher Arbeit nicht nur die wirtschaftliche Tätigkeit, sondern bekommen durch diese Tätigkeit den Glanz ‘magischer’ Objekte (genau gesagt, besteht der Warenfetischismus und das ‘Geheimnisvolle der Warenform’ nach Marx in dieser Transformation der Waren in Subjekte).15

Wahrscheinlich stellen diese Eigenschaften die Waren in eine höhere geschützte Sphäre. Von den unartikulierten reaktionären Schreien der Ordnungsanhänger, die in der Zerschlagung der Schaufenster den Weltuntergang sahen, bis zu den deliranten Analysen von OAKKE [maoistische Splittergruppe], die in der Zerstörung der Waren die, in diese integrierte, verloren gegangene Mühe der Arbeiterklasse sahen, werden die Waren und ihre Zirkulation zu höchsten Gütern erhoben. Und genau an diesem Punkt wird eine neue Gesichtsschreibung ausprobiert: Die Aufstände der Vergangenheit werden in ‘gute’ und ‘schlechte’ transformiert. Gut sind die politischen Aufstände, die nicht das Eigentum der Armen zerstörten, die jeden Tag um ihr Leben kämpfen, die reformistische Forderungen stellten, und nicht die Aufstände der Vandalen, die alles, was sie auf ihrem Weg finden, vernichten. Der Mai´68 und das Polytechnikum´73 bildeten die Vorhut des Elends der Kommunikation, das den Dezember als ‘unpolitischen’ Ausbruch wahnsinniger Hooligans beschrieb, ein Elend, das sogar in der ‘radikalen’ Linken auf Resonanz stieß. Die Lächerlichkeit einer ‘friedlichen’ Umwidmung historisch anerkannter Aufstände bedarf keiner besonderen Gegenargumente. Zwei oder drei Artikeln aus damaligen Zeitungen reichen aus, dies zu bestreiten.

Wenn wir von der Heiligkeit der Waren reden, können wir nicht vermeiden, über die berühmte Reaktion sowohl der Feinde, als auch eines großen Teils – in diesem Fall – der Freunde des Aufstands und der Beteiligten auf die Plünderungen zu reden, d.h. die Plünderung von Waren mit dem Ziel ihrer Aneignung durch die Aufständischen.

Es ist selbstverständlich, dass es auch in diesen Fällen (genau wie bei den Angriffen, über die wir zuvor sprachen) kein einheitliches Verhalten der Aufständischen gab. Von Enteignungen durch die Bewegung für die Ausrüstung antagonistischer Versuche bis zum Abbunkern von sehr teuren Uhren und Schmuck gab es eine riesige Bandbreite von Verhaltensweisen und Einstellungen der Aufständischen der Aneignung gegenüber. Unserer Meinung nach ist Plünderung eine besondere Form der Infragestellung der Ware, genauso radikal wie die Zerstörung, aber vermutlich auch widersprüchlich, weil sie die Annullierung des Tauschprozesses sicherstellt, aber nicht unbedingt den tieferen Kern des Warenverhältnisses berührt. Natürlich hat die Plünderung durch den Aufstand einen völlig anderen Sinn bekommen. Sie verliert den negativen moralischen Wert, das dieses Wort in sich trägt – als Leichenfledderei, als Angriff auf den Besitz der Niedergeschlagenen, der Hilflosen – und wird zu einem Fest der ungerecht Behandelten. Es ist wahrscheinlich wahr, dass, was die Anzahl betrifft, ein Teil der Plünderer keine bewussten politischen Subjekte waren [mit der Relativität, die dieser Begriff beinhalten kann], wir werden aber nicht in die Logik der wahren Moral eintreten. Die von der Macht künstlich eingesetzte Reproduktion der beiden Pole der Kommunikation, d.h. die Unterscheidung zwischen reinen Aufständischen und nichtigen Plünderern stehen wir total entgegen. Allerdings würden wir uns wünschen, weil unserer Aufmerksamkeit nicht entgeht, dass sich in der Plünderung die Logik des Warenverhältnisses fortsetzt (wie zum Beispiel die Unfähigkeit einen Abstand vom Glanz der Markenprodukte zu nehmen), dass die gleiche Logik, die unsere Ansprüche im Verhältnis zwischen Subjekten und Waren steuert, weiter gilt, egal ob diese Waren durch Arbeit oder Enteignung erworben werden.

Der Angriff auf die Produktion

Es ist eine Tatsache, dass sich der Aufstand vom Dezember hauptsächlich auf die Blockade der Warenzirkulation beschränkte. Dies fand sowohl durch die Zerstörung der Einkaufszentren als auch durch die Straßenblockaden und die Schließung von Geschäften statt, d.h. dass die Waren ihrer Verteilungswege beraubt wurden. Es ist aber auch eine Tatsache, dass die Produktion an sich zum überwiegenden Teil unberührt blieb. Das gilt sowohl für die materielle Ebene (z.B. gab es keine koordinierten Angriffe auf Fabriken und Produktionszentren) als auch auf Ebene der Produktion des entsprechenden politischen Diskurses über die Art und Weise, wie eine generalisierte Sabotage der Produktion stattfinden könnte.

Zudem ist es eine Tatsache, dass eine relative ‘Schwäche’ des Aufstands darin bestand, nicht ausreichend auf die Arbeit zu zielen. Entsprechend ist Teil der Kritik die Beobachtung, dass viele der aufständischen Subjekte keinen vollkommenen Bruch mit dem Alltag eingegangen sind, sondern während der Dauer des Aufstandes weiter zur Arbeit gingen, d.h. dass sie nur einen Teil ihres ‘normalen Lebens’ zerstörten. Und es ist auch wahr, dass der Aufruf zu einem Generalstreik im Gegensatz zu anderen Aufständen, wie z. B. dem französischen Mai, nicht nur unmöglich war, sondern sich nicht einmal als zentrales Werkzeug des Kampfes zu qualifizieren schien. [Es ist eine große Frage, ob dies tatsächlich ein Ziel der Aufständischen des Dezember hätte sein können – die zersplittert waren, was ihre Arbeitssituation betrifft – in einem Aufstand, in dem der Mangel an Forderungen reformistischen Typs beispiellos war]

Lasst uns an dieser Stelle zwei Anmerkungen machen (damit wir uns nicht nur selbst geißeln):

Die erste Anmerkung betrifft die besondere Weise, in der die Produktion in den westlichen Ökonomien organisiert wird, d.h. in Ökonomien, in denen der zweite Sektor stark eingeschränkt ist [oder in denen, wie im Fall des griechischen Paradigmas, der zweite Sektor fast nicht existiert]. Der größte Teil der Produktion ist also in die Dritte Welt emigriert, in die Länder der Rohstoffparadiese, in Regime zügelloser Ausbeutung der Arbeitskraft und Sicherstellung der Inverstitionsflexibilität. Im entwickelten/transformierten Kapitalismus der Ersten Welt ist nur die Regelung der Zirkulation dessen, was andernorts produziert wird, und die Dienstleistung verblieben. Somit könnte die Blockade der Warenzirkulation und das Anhalten der Dienstleistungen eigentlich als eine Blockade der Totalität des produktiven Prozesses angesehen werden.

Die zweite Anmerkung betrifft zwei Versuche des Dezember und seines Nachhalls, die im ersten Teil dieses Beitrag genannt wurden: Es geht um die Besetzungen von GSEE, Philharmonie und ESHEA. Durch diese Versuche wurde die Produktion selbst – teilweise, aber sehr deutlich – in Frage gestellt. In diesen Besetzungen waren es zudem die Arbeitenden selbst, welche die Bedingungen des Umsturzes ihrer Rolle im Produktionsprozess zu setzten versuchten, gleichzeitig gegen jede Teilidentität kämpfend und kollektiv funktionierend durch die Identität der Aufständischen.

Am Schluss müssen wir als einen charakteristischen Fall der Verbindung mit der Arbeit die Solidaritätsbewegung mit Konstantina Kuneva nennen, die direkt nach dem Dezember stattfand. Ohne dass dies unbedingt ein Erfolg des Post-Dezember ist, ist sicher, dass die vorhergehenden Konfrontationen, das starke kämpferische Klima und die allgemeine Welle des Zweifels, die der Aufstand mit sich brachte, eine große. bestimmende Rolle für die Art und Weise, sowie für die Intensität spielte, mit welcher der Mordversuch an Konstantina öffentlich gemacht wurde und sich in der Unterstützung der Putzfrau der PEKOP [Gewerkschaft der Reinigungskräfte] praktisch ausdrückte.

EPILOG – [griech.], Schlußteil einer Rede; in Theaterstücken Schlusswort nach Beendigung der Handlung, meist mit Bitte um Beifall und Nachsicht, auch mit moralisierender Nutzanwendung; Nachwort in literar. Werken; metaphor. Ergebnis früherer Ereignisse; Ggs. Prolog.

In dieser Broschüre gibt es keinen Epilog. Im Dezemberaufstand selbstverständlich auch nicht.

1Dezembertage – Dekembriana. Dieser Begriff bezieht sich auf die kommunistische Revolte vom 03.12.1944, die in einen Bürgerkrieg überging, der bis 1949 dauerte. Auf dieses Ereignis, das gegen den Willen der kommunistischen Partei passierte, wurde auch im Dezember 2008 immer wieder in Parolen Bezug genommen.

2 Nachzulesen auf der Webseite des Fernsehsenders Sky. Es ist bemerkenswert, dass alle elektronische Massenmedien und Nachrichten die gleichen Bezüge und Einschätzungen hatten.

3 Sofort nach der Bekanntgabe der Ermordung von Alexandros Gregoropoulos durch den Bullen fanden in Athen, Thessaloniki und Patra gewaltige Auseinandersetzungen statt.

4 Dies sagte der Präsident der Republik am Sonntag nachmittag, nachdem zu Demonstrationen aufgerufen worden war, diese stattgefunden hatten und es zu Konfrontationen in ganz Griechenland gekommen war.

5 Solch unseriöse Erklärungen waren in Zeitungen wie Avriani (soziademokratisch und nationalistisch) und Ellinikos Kosmos (rechts konservativ) zu lesen, aber selbstverständlich haben sie sich nicht durchgesetzt.

6 Eine permanent verbreitete Position der kommunistische Partei (KKE).

7Ein totaler Crash von Werten, Politik und Republik“ (Xrimatistirio – Börsenzeitung), „Gewaltdomino“ (Vima – Pult, liberal sozialdemokratisch), „Unregiertes Land auf Gnade und Ungnade der Vermummten“ (Nea – Neues , liberal sozialdemokratisch), „Flammen und Machtlücke“ (Kathimerini – Tageszeitung, liberal konservativ), „Ausbruch von Wut und Schande« (Logos – sozialdemokratisch, konservativ), „Chaos“ (Niki – Sieg, sozialdemokratisch, nationalistisch), „Auf Gnade und Ungnade der Anarchie“ (E.T. – Freie Presse, rechts), „Feuer und Wahnsinn“ (Ageliaforos – Postbote, Boulevardzeitung), „Terrornacht“ (Apogevmatini und Adesmeftos Typos – Nachmittagszeitung und Unverbindliche Presse beide Boulevardzeitungen), „Die Knirpse haben den Staat aufgelöst“ (Avriani – Morgen, sozialdemokratisch und nationalistisch), „Wutausbruch gegen Politiker und Staatsanwälte“ (Eleftheros – Frei, rechts), „Unregiertes Land“ (Eleftherotypia – Freie Presse, links liberale), „Vulkan“ (Hora – Land, rechts), „Holocaust“ (Bradini – Abendzeitung, konservativ), „Die Situation ist aus dem Takt, der Markt ist paralysiert“ (Imerisia – Tageszeitung, Wirtschaftszeitung), „Das Wirtschaftsleben ist paralysiert“ (Kerdos – Profit, Wirtschaftszeitung).

8 Genau gesagt in Blogspots. Es ist bemerkenswert, dass es in den 18 Tagen des Blogs der Besetzung der Wirtschaftsschule bis zu 80.000 Besuche gab.

9 Stadtplanung bedeutet in diesem Sinn Stadtplanung, Architektur und Verkehr.

10 Auszug aus der Erklärung der ersten ESHEA-Besetzung.

11 Auszug aus der Erklärung der Philharmonie-Besetzung.

12 Zwei Artikel, einer vom »nicht ernstzunehmenden« Express, der zweite von der »sehr seriösen« Kathimerini – Tageszeitung: http://www.express.gr/news/ellada/107952oz_20081209107952.php3

http://news.kathimerini.gr/4dcgi/_w_articles_columns_2_14/12/2008_296002

14 Die entsprechenden Artikel im Internet gehen in die hunderte. Wir geben den Link zu einem Artikel von G. Botsis in der Zeitung Eleftherotypia – Freie Presse, der auf eine wunderbar unverbundene Art die Zerstörung des Eigentums der kleinen Leute, die täglich ums Überlebenden kämpfen, den Terrorismus und die Angriffe auf öffentliche Gebäude »in einem lustigen Versuch der Unterscheidung zwischen revolutionärer und faschistischer Gewalt« zusammenwirft.

http://archive.enet.gr/online/online_fpage_text/dt=23.02.2009,id=71054532

15 Das Geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, dass sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt, daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen. [Marx: Das Kapital. MEW Bd. 23, S. 86)]

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