translationcollective

March 20, 2011

Einige Präzisierungen zu Libyen

Filed under: deutsch — translationcollective @ 6:28 pm

setrouver.wordpress.com

17.03.2011

Wir verstehen, dass es von Frankreich aus kompliziert sein muss, sich vorzustellen, wie die Situation hier ist. Wahrscheinlich macht man sich kein Bild von diesen unerfahrendenen Jugendlichen, die sich ohne Waffen in den Sturmangriff einer pausenlos bombardierten Strasse werfen. Oder davon, dass eine “politische” Diskussion mit einem gebildeten und neugierigen Studenten im wohlüberlegten Erörtern der Realität einer “jüdischen Freimaurerverschwörung” bestehen kann. Die libysche Revolution ist mit Sicherheit nicht so, wie wir glaubten.

In einer Woche der Repression übt Gadafi und sein unerträgliches Regime Vergeltung an einem Volk, das wenig an Revolten gewöhnt ist (Libyen ist nicht Griechenland oder die Kabylei). In diesem Artikel versuchen wir, einen Monat nach Beginn der Revolte, zu erörtern, was das befreite Libyen ist. Versuchen, ein bisschen mehr von dem zu teilen, was wir dort gesehen und erlebt haben. Auch, um ein anderes Licht auf die Berichte zu werfen, die wir auf dieser Seite bisher veröffentlicht haben und weiter veröffentlichen werden.

Versorgung

Was die Verpflegung, Wasser, Strom und Treibstoff betrifft, ist die Situation nach wie vor stabil. Die Verpflegung wird im Allgemeinen wie vor der Revolte beschafft, in Geschäften, die von Ägypten aus beliefert werden. Die Löhne werden nicht mehr ausgezahlt, aber die von den Banken nach und nach freigegebenen persönlichen Sparkonten reicht aus. Um einer wachsenden Verarmung und einem Stillstand der Marktwirtschaft vorzubeugen, haben die Golfstaaten, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate, sowie die ägyptische Bevölkerung Lebensmittel und Hygieneartikel über die Grenze geschickt, die grösstenteils in den Städten [der östlichen Provinz] Kyrenaika lagern. Seit dem 17. Februar, vorher war der Bedarf an Lebensmitteln nicht erkennbar, bildeten sich zahlreiche Initiativen, um die Bedürftigen zu versorgen. Ich kenne sie nicht alle und weiss mitunter nicht viel über ihre Funktionsweise und Effektivität. Nicht weniger manifestierte sich die Solidarität in den Tagen, die auf den 17. Februar folgten, im Wesentlichen in spontanen Lebensmittelspenden Einzelner. Sehr schnell lösten die Männer, die zu den Waffen gegriffen hatten, um Check-Points einzurichten, eine schwunghafte Grosszügigkeit aus. So öffneten etwa Eigentümer von Supermärkten ihre Lager für die Verteidiger der Stadt.

Am 26. Februar beginnt die Petrol Engineering Community, eine spontan von Arbeitern der Petroliumindustrie gegründete Assoziation, bei Führungskräften der Petroliumindustrie Spenden zu sammeln (2000-3000 $ am Tag), um Lebensmittel und Kleidung für die Soldaten zu kaufen. Als die Truppen Gaddafis am 2. März Brega angriffen, stiegen die Spenden erheblich an. Seit diesem Tag und bis vor kurzem ging es dabei im Wesentlichen um Wasserflaschen, Milch, Saft, Kuchen und Teigwaren. Eine bedeutender Teil dieses (überschätzten) Zustroms wurde an den Check-Points an Durchreisende verteilt. Flüchtlinge aus Zentralafrika, Westafrika und Ägypten profitierten von dieser Hilfe (die derzeit für uns weitgehend unzureichend ist).

Am 6. März gründeten zu Studenten gewordene frühere Pfadfinder “ Die Jugend des Wandels”. Diese Organisation mit ihrer (den Pfadfindern geschuldeten) etwas formellen Hierarchie umfasst um die 30 feste Mitarbeiter und über 370 für verschiedene Aufgaben mobilisierbare Freiwillige, die sich zum Beispiel um Transport, Reinigung, Verstärkung des Krankenhauspersonals oder die Veröffentlichung von Artikeln kümmern. Auf Versorgungsebene übernehmen sie aus dem Golf kommende Hilfsgüter, dank ihrer Kontakte und Beziehungen mit der gesamten kyrenaikischen Küstenregion haben sie eine Reihe von Depots in Bengazi eingerichtet und fahren die Lebensmittel in Konvois an die Frontlinie. Sie organisieren Waffensammlungen und ermuntern die Leute, die Waffen aufbewahren, sie den Kämpfern zu geben, auch wenn sie selbst nach wie vor nicht mitmachen. Diese spontane Assoziation hält Verbindungen zu anderen, älteren Vereinigungen der sozialen Hilfe und Solidarität, und gelegentlich zu den neuen Instanzen in Bangazi.

Instanzen.

Es gibt im Grunde genommen drei offizielle Instanzen, die zur Zeit nicht über ein Gebäude verfügen. Die bekannteste ist die provisorische Regierung, der nationale Übergangsrat. Nur eine Minderheit ihrer Mitglieder sind bekannt, denn etliche unter ihnen befinden sich (inkognito) in der besetzten Zone. Seine Rolle ist es, diplomatische Beziehungen und Kontakte zur Presse aufzubauen mit dem Zweck, den Mächten des Abendlandes eine glaubwürdige Alternative zu Gaddafis System anzubieten. Die zweite, wenig bekannte Instanz ist der lokale Rat, seine Bedeutung scheint gering zu sein. Die dritte ist der Stadtrat (bisweilen auch lokaler Rat genannt). Er besteht aus dreizehn Mitgliedern, alle von ihnen sind öffentliche Personen aus Bengazi. Jedes Mitglied deckt einen Sektor öffentlicher Bedürfnisse ab: Ökonomie, Banken, Erziehung…

Ich habe mich recht wenig mit dieser Institution beschäftift, aber jenseits dessen, was die Armee in Bengazi betrifft, scheint er wenig aktiv zu sein. Die Mitglieder des Stadtrates scheinen sich auf dem auszuruhen, was bereits existiert: Die spontanen Assoziationen, jene Institutionen, die funktionieren (Erdölunternehmen, Krankenhäuser usw). Der Verantwortlichen für den Energiesektor, Ahmed Garoushi, kümmert sich nicht um den Verkauf des in Tobrouk verfügbaren Rohöls (100.000 Barrel am Tag) und die Rekuperation des Geldes aus diesem Verkauf, der in den kommenden Wochen stattfinden müsste. Dieses Geld wäre dem Stadtrat und der provisorischen Regierung zur Verfügung zu stellen.

Um besser zu verstehen, wie die Mechnismen der Konterrevolution sich zusammensetzen, gilt es, das tiefgründigste Phänomen dieses revolutionären Krieges zu beleuchten, die Formierung eines “vorn” und eines “hinten”. Und dann zu versuchen, das zu verstehen, dem bis dahin niemand (inklusive uns) Aufmerksamkeit zu schenken schien: Den Diskurs des libyschen Volkes.

Der Krieg konnte, in seinen ersten Tagen, absolut nicht in einen Gegensatz gefasst werden, der in den Kämpfen zwischen einem “vorn” und einem “hinten” unterscheidet. Zunächst gingen alle befreiten Städte aus langen Schlachten hervor, schwierig und blutig, die alle betrafen (Demonstranten, Freunde, Nachbarn, Krankenhauspersonal, Freiwillige aller Art). Brega wurde von seinen Einwohnern eingenommen, und als die von Ras Lanouf Applaus von den Leuten aus Bengazi bekamen, war es eine ganze Stadt, die sich mobilisiert hatte, jeder Bewohner zog mit einer Waffe in den Krieg, die er sich angeeignet hatte, oder mit der eines Freundes.

Die Formierung eines “vorn”…

Es ist der Tag nach der Feier dieser Erfolge und der übernächste der Niederlage in Benjawad, der jene Truppe von Kämpfern hervorbrachte, die während der Kämpfe um Benjawad, Ras Lanouf, Brega und Ajdabiyah zur “Armee des Volkes” wurde. Diese Truppe, schlecht bewaffnet, nicht geschult, ist durch eine Unfähigkeit zu jeglicher offensiven Aktion gekennzeichnet, die 300-600 Meter überschreitet, durch langes und schwieriges Lernen der notwendigen Verstohlenheit, durch eine Zeitlichkeit des Handelns, die mehr den Rhythmus einer Spritztour mit Kumpels hat als den eines Krieges. Als ich sie verließ, hatte diese Truppe weder weitreichende Kanonen noch Haubitzen, weder Mörser noch Katjuschas, weder Helme noch kugelsichere Westen, und sehr wenig leichte Waffen.

Eine andere Komponente der Front, sie ist fast unsichtbar, lag darin, dass sich die Armee rund um irgendwelche Offiziere neu zusammensetzte. Die einzigen Truppenmit Kommandostruktur scheinen die Spezialkräfte zu sein. Der Gebrauch von Katjuschas, die, wie dieser Krieg geführt wird, unentbehrlich sind, scheint einen Status zu vermitteln. Ihr Abschuss wird von den Spezialkräften geregelt, wie mir letztere versicherten, während ich sah, dass die Munition in Selbstorganisation vom Volk transportiert wird. Während der massiven Angriffe des bewaffneten Volkes (wie in Benjawad oder in Sidrah) konnte die Nutzung dieser Waffen wahrhaft entscheidend sein. Außerdem ist zwar wahrscheinlich, dass die hierarchisierte Armee eine wichtige Rolle bei bestimmten Siegen gespielt hat, doch wurde sich systematisch auf die Angriffe des Volkes verlassen und in vielen Fällen hätte man sich weit weniger exponieren müssen.

… und eines “hinten”

Bei denen, die sich seither “hinter” der Front konstituieren, nimmt dies organisierte Armee hingegen einen wichtigen Platz ein. Außer den Spezialkräften, die sich permanent im Gebiet aufzuhalten scheinen, organisieren die die Ausbildung neuer Kräfte in einer Kaserne, verfügen mit Sicherheit über große Bestände an Waffen und sind in ständiger Verbindung mit der Keimzelle des entstehenden Staates. Der Geist dieser Säbelrassler ist das Geheimnis und das Misstrauen, bis hin zur Lächerlichkeit. Es sind nicht die Leute an der Front, sondern jene geschniegelten jungen Männer, die die Ausrüstung besitzen, die die kugelsicheren Westen tragen. Es ist in ihrem Trainingslager, wo sich die Funkgeraäte mit großer Reichweite finden, die leistungsstarken Ferngläser, die modernsten großen Kaliber. Dort sei man, so heißt es, bereit über den Feind hereinzubrechen, ein ganzes Bataillon (200-300 Männer) sei bereits ausgerüstet und militärisch ausgebildet. Häufig verließen einige unter ihnen das Lager, um sich unter den Granaten der Armee des Volkes wiederzutreffen.

Es ist gewiss, dass die Offiziere von morgen, die Medaillenträger, die Pensionäre, nicht diejenigen sein werden, die sich außerhalb jeder Hierarchie organisieren. Für letztere existiert eine separate Realität, verschieden und konfus. Sie beschäftigt vor allem, dass sie beim Anrücken der feindlichen Truppen dort sterben könnten, die Beschaffung von Waffen, das Schicksal der Verräter und der Feinde. Der Widerspruch ist groß zwischen den zivilen Kämpfern an der Front und den anderen, denen hinten. Anwesend in den Momenten der Freude, sind diese schnell aus einem Krieg desertiert, der sie überrollt. In Bengazi lösen sie das Problem, indem sie ohne Unterbrechung bekräftigen, dass Gaddafi am Ende ist sowie durch das Absingen patriotischer Lieder.

Die Aneignung der Waffen durch das Volk geschah nach Art des Privateigentums, nicht durch ihren einzelnen oder kollektiven Gebrauch. Es gibt derzeit Tausende Kalaschnikows, Granatwerfer, und sogar 30 mm Waffen, die unter den Kopfkissen und in den Garagen von Bengazi schlafen. “Hinten” wusste jenseits der hierarchisierten Armee, auf die wir zu sprechen kamen, niemand wirklich, wo die Front ist. Es scheint alle einen Scheiß zu kümmern, sie versuchen nicht, es zu wissen. Sie fühlen sich diesem Krieg nicht verpflichtet, den sie nicht erklärt haben. Der Diskurs dort, das sind die hunderte Male von den Leuten auf der Straße wiederholten Sätze; hunderte Male “Gaddafi der Affe”, “Gaddafi der Verrückte”; die hundertfachen Gaddafi-Karrikaturen, die Karrikaturen ihres Diskurses. Das Problem ist Gaddafi; Gaddafi, nicht seine Söhne; Gaddafi, nicht seine Armee; Gaddafi, nicht seine Polizei. Gerade noch gesteht man sich zu, die Fremden, die schwarzen Söldner auf dem Niveau von “Gaddafi der Afrikaner” zu demütigen. Die nationale Eintracht kann hier in jedem Moment angerufen werden. Das Volk und die Jugend haben sich die Indoktrination wiederangeeignet.

Sicher, die Toten werden jeden Versuch der nationalen Aussöhnung beeinträchtigen, doch werden sie auf religiöse Art begraben. Sie sind keine Krieger, keine Besiegten, sie sind Märtyrer, man soll sie nicht beweinen. Die Libyer sollen den Frieden und Gott respektieren, vor ihren Feindschaften und vor ihrem Begehren. Die fünf Gebete des Tages sind da, um dies in Erinnerung zu rufen, selbst an der Front. Das Religiöse ist ein wichtiger Teil des Diskurses, die Demonstrationen skandieren, dass es keinen Gott gibt außer Allah und Allah ist groß.

Es scheint, dass der zentrale Motor dieser Revolte einer Reaktion auf die maßlose Hochmütigkeit von Gaddafi ist, der sich erlaubte, ein Volk auslöschen zu wollen, das schlimmstenfalls Reformen verlangte und bestenfalls Saif al Islam wieder an der Macht und die Länder befreit sehen wollte. Alle Formen der Propaganda, der Logistik, des Kampfes, der Organisation, die bisher von der Revolution erfunden wurden, sind direkte Anleihen nach Modell des Systems von Gaddafi. Vielleicht lernt die Revolution in den Gruppen der Kämpfer oder der jungen Freiwilligen, die die Erfahrung von Kameradschaft und kollektiver Organisierung machen – was angesichts der omnipresenten Versuche der Formalisierung hier stets prekär ist.

 

18.03.2011

Wir möchten einige Dinge korrigieren, die wir über die Armee geschrieben hatten und die nicht länger aktuell sind. Auf Seiten der Aufständischen hält sich die organisierte Armee nicht länger im Rückraum auf, sie scheint sich jetzt in Gänze an der Front zu befinden. Die in den Kasernen ausgebildeten Männer haben sich den Shebab [der kämpfenden Jugend] angeschlossen, nur noch die Spezialkräfte und die Katjuschas unterliegen einer klaren Hierarchie. Wir sind nach Quefia zurückgekehrt, einem Ort, an dem sich viele Leute aufhalten, die in Ras Lanouf und Brega gekämpft haben. Dort haben wir in einer für den Flugverkehr strategischen bedeutsamen Zone Männer der Küstenverteidigung getroffen, die bemerkenswert organisiert sind. Ihr System, das auf einer guten Kommunikation zwischen einzelnen Posten aufbaut, ermöglichte gestern den Abschuss eines Suchoi-Kampfjets. Zudem unterstützten Flugzeuge vor Einrichtung jener berühmten Flugverbotszone die in Ajdebiyah kämpfenden Aufständischen, insofern sie nicht von deren Luftabwehr daran verjagt wurden.

Offensichtlich war das gestrige Ereignis des Tages die Inkraftsetzung der Flugverbotszone durch die UNO. Unlängst sagten noch alle, dass diese Flugverbotszone taktisch nicht viel ändern wird (was wahr ist) und niemand wagte in der Stimmung der allgemeinen Niederlage, an ihre Schaffung wirklich zu glauben. Aber die Freude, die diese Ankündigung auslöste war enorm, lange schon hatte man nicht mehr so viele in den Vorbereitungskursen gesehen. Die Nachricht schlug nach dem Abendessen ein. Augenblicklich fingen alle an, in die Luft zu schießen. Es war ein echtes Feuerwerk der Leuchtkugeln. Alle Jungs, mit denen wir zusammen sind, waren weg, um das Ereignis zu feiern, ein Rodeo auf Autos in den Straßen der Stadt zu veranstalten und einige Magazine zu leeren. Ein Händler lud uns alle zum Trinken ein. Es war ein Fest…

Die Libyer spüren neue Kraft; die Anhänger Gaddafis wissen sich bedroht.

 

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