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June 13, 2012

Damit der Aufstand erfolgreich sein kann, müssen wir uns erst selbst zerstören

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von Alex Trocchi

selbstzerstörung – PDF

  • Eine Theorie des sozialen Krieges
  • Die Grenzen der anarchistischen  Identität
  • Die letzte Chance, den Aufstand in Griechenland zu retten

In Schwierigkeiten geriet Sky News, als sie vor fünf Minuten versuchten, live vor Ort auf Sendung zu gehen – ihre wütende Reporterin fand sich umringt von Schülern, die das Geschehen kommentierten: „Ladies and Gentlemen, der Aufstand hat begonnen!“

– Paul Lewis für den Guardian über die Proteste gegen die Sparmaßnahmen am 10.11.2010, London

Wir sind umgeben von den pitoresken Ruinen aller ausdrücklich politischen Ideen: Schulen, in denen niemand lernt, Familien, der Liebe beraubt, Banken mit leeren Tresoren, Armeen, die Kriege immer verlieren und Gesetze, die reiner Ausdruck „anti-terroristischer“ Paranoia sind. Was bedeutet das für eine irgendgeartete neue Politik – falls „Politik“ überhaupt das passende Wort ist? Eine Frage, die es zu beantworten gilt, denn seltsamerweise wird der Aufstand gegen die gesamte soziale Ordnung immer mehr zur einzigen Option, die bleibt. Letztlich wissen alle, dass nichts funktioniert. Realistisch gesehen kann kein System inmitten globaler Ressourcenerschöpfung und weltweitem Fall der Profitrate irgendeiner Art Forderung nachgeben, selbst wenn es in seinem besten Interesse wäre, dies zu tun. In einer traurigen Wahl nach der anderen weisen die Menschen ihren sogenannten Repräsentanten die Tür – <Que se vayan todos!i – wobei sie nicht wirklich für irgendwen stimmen, sondern den einzigen schwachen politischen Ausdruck, den sie noch haben, gegen die Politik selbst einsetzen, den Stimmzettel. Die Jugend weiß es besser, wie der mit jeder Wahl steigende Anteil an Nichtwählern zeigt. Selbst wenn die weite spektakuläre Maschine des Empire in ihrer Litanei nie einräumen wird, gescheitert zu sein – ein Scheitern, dass sich seit der Finanzkrise 2008 von selbst erklärt – ist den Kindern der planetaren Bourgeoisie, in Griechenland wie in Frankreich, sogar in Großbritannien, diese Wahrheit zum ersten Mal seit Generationen wieder klar geworden.

Im großen Ganzen wird der imperiale Apparat nicht länger von objektiven Beweisen oder auch nur Vertrauen in den „Fortschritt“ zusammengehalten, sondern einzig von einer gewissen Mischung aus Depression und Repression. Die bittere Frucht am Ende der Geschichte besteht, noch im Angesicht des Zusammenbruchs unserer Gegenwart, im Fehlen jeglichen Horizonts. Welch okkulte Kräfte sind es demnach, die diese Welt erhalten? In Umkehrung von Hobbes’ klassischem Argument kann allein Angst die gegenwärtige Ordnung aufrechterhalten, und keine Angst ist schrecklicher als die vor einem vorzeitigen Tod. Der Mord an Alexis Grigoropoulos war eben jene Art vorzeitiger Tod, der nötig war, um einem gescheiterten Staat als Stütze zu dienen. Ein Menschenopfer, von der Polizei dazu ausersehen, in einer zunehmend aufbegehrenden Jugend den Respekt für ihre Ältesten wieder herzustellen. Die griechische Polizei hat dieses Rezept nicht erfunden: Die Formel vom staatlich sanktionierten Mord an Assimilationsverweigerern zeitigt auch in anderen, „zivilisierteren“ Staaten wundersame Ergebnisse. Wenn in den USA ein afro-amerikanischer Jugendlicher von der Polizei ermordet wird, berichten die Zeitungen nicht einmal unter ‘Vermischtes’ darüber – es sei denn, die Tat wurde irgendwie gefilmt und ins Internet gestellt, ganz wie es sich schickt für die spektakulärste Gesellschaft des Planeten. Es sollte nicht überraschen, dass das Morden der Polizei als Akt sozialer Kontrolle schließlich Griechenland erreicht, und es ist nicht einmal überraschend, dass Riots darauf folgen. Auch der Tod von Michalis Kaltezas 1985 zog intensivste Straßenkämpfe nach sich. Neu am Mord an Alexis Grigoropoulos war, dass, was als Riot begonnen hatte, bald auf dem Weg war, sich zu einem Aufstand gegen die Totalität des kapitalistischen Lebens auszuwachsen, der sich von den Schülern auf die Immigranten in Griechenland ausbreitete. Gerade rechtzeitig zu Weihnachten suchte der Geist des Aufstands Europa wieder mal heim. Einige Leute in Frankreich ins Gefängnis stecken, einen Jugendlichen in Griechenland ermorden, alle Anarchisten zu „Terroristen“ erklären – keiner dieser Akte ist in der Lage, die wachsende Woge des Aufstands zurückzuhalten. Selbst in den befriedetsten Ländern, wie Großbritannien oder den USA, werden Gebäude besetzt, münden Demos in Straßenschlachten, vergießen Politiker Tränen über eingeschlagene Scheiben. Und sie alle wissen, dass eingeschlagene Scheiben nur ein Zeichen des Aufruhrs sind – und der echte Aufruhr bald schon kommen könnte.

Überall auf der Welt stehen Anarchisten der vorigen Generation vor einem Rätsel. Warum ist nach derart langer Abwesenheit das Volk – wir waren uns niemals sicher, ob wir überhaupt daran glauben – warum sind die Leute zurückii? Sogar noch rätselhafter, warum vereiteln Anarchisten zwei Jahre später in Griechenland (eben jenem Land, das nach der Finanzkrise dem Kollaps am Nächsten zu stehen schien) nach der unbeabsichtigten Tötung dreier Menschen beim Anzünden der Marfin Bank (zumindest vorübergehend) ihren eigenen Aufstand? So wahr es ist, dass ein Unfall wie dieser auch bei früheren Protesten leicht hätte passieren können, so war doch das Timing des Geschehens in nahezu welthistorischem Ausmaß tragisch (und allzu zweckdienlich für den griechischen Staat), als es sich in eben jenem Moment ereignete, als der aufständische Prozess begann, sich sogar auf die griechischen Arbeiter auszuweiten. In den Monaten danach war es, als sei alle Antriebskraft des kommenden griechischen Aufstands k.o. geschlagen.

Vielleicht fehlt dieser Tage nicht die Aktion, sondern eine gewisse kollektive Intelligenz, welche die Hochphase des Aufstands 2008 zur gleichen Zeit überflügeln wie seinen Tiefpunkt Mitte 2010 durchbrechen kann. In Ergänzung der Praxis von Molotow und Barrikade braucht jeder Aufstand, soll er nicht einfach verpuffen und sterben, eine kollektive revolutionäre Theorie, welche die gegenwärtigen Konzepte und Aktionen im Hinblick auf einen aufständischen Prozess begründet. Mit dem merkwürdigen Wort „Theorie“ meinen wir eine bestimmte strategische Debatte, geführt von denen, die an den Frontlinien des globalen sozialen Krieges stehen, eines Krieges, in dem der Tod von Alexis nur einer der staatlichen Angriffe war, und der Dezemberaufstand nur eine der sozialen Entgegnungen.

Eine Theorie des Sozialen Krieges

“Einstweilen waren die Morde und Aufwiegelungen fragmentarisch gewesen und spielten sich im Innern ab. Später überfielen die Anführer der Fraktionen sich gegenseitig mit großen Armeen, so wie es ihrer Verwendung im Krieg entspricht, indes ihr Land als Preis zwischen ihnen lag […] der Senat, aus Furcht, vom Krieg umzingelt zu werden, und nicht im Stande, sich selbst zu schützen, stationierte entlang der Küste, von Cumae bis hin zur Stadt, Freie, die zu jener Zeit erstmals für den Dienst in der Armee angeworben wurden, da es an Soldaten mangelte. Der Senat stimmte zudem dafür, dass all jenen Italikern, die der Allianz treu geblieben, die Bürgerschaft gewährt werden solle, was die Sache war, die sie alle am meisten begehrten.”

Appian, Die Bürgerkriege

In einer Zeit, in dem die globale Ökonomie so verflochten ist, dass der primäre Konflikt zwischen Nationalstaaten zum Niederreißen ihrer Grenzen für den „freien Handel“ führt, ist ein militärischer Krieg im Maßstab des II. Weltkriegs schlicht eine finanzielle Unmöglichkeit. Solche traditionellen, militärischen Kriege werden zunehmend an die Peripherie des Empire gedrängt, während in seinem Zentrum ein Krieg anderer Art geführt wird. Worin besteht diese neue Art Krieg? Ist sie tatsächlich nur die Wiederkehr einer vergessenen Form der Kriegsführung? Was ist ihre Genealogie? In ihrer Geschichte kannten die Griechen zwei verschiedene Arten des Krieges: den Bürgerkrieg [emfylios] und den sozialen Krieg [koinonikos polemos].

Der Bürgerkrieg, emfylios, Inbegriff des Beziehens von Positionen, verbindet die sich als Gegner gegenüberstehenden Kollektivitäten miteinander. Aus Perspektive des Staates kann ein Bürgerkrieg ein Krieg in seinem Innern sein, wie der englische Civil War oder die Revolution von 1789, aber auch ein Krieg vor Existenz des Staates oder darüber hinaus. Die Spannbreite reicht von diversen Religionskriegen im Zuge der Formierung der modernen Nationalstaaten über die Pariser Commune von 1871 bis zur Revolte in Oaxaca 2006. Diese letzte Form des Bürgerkriegs gewinnt wachsende Bedeutung in dem Moment, da die nationalstaatliche Form sich mit dem universalisierten Empire-Staat mischt. Im Innern des Empire polarisiert der Bürgerkrieg die ansonsten uniforme Bürgerschaft, zwingt sie, sich entweder auf die Seite der Partisanen zu schlagen oder auf die des Empire.

Erinnern wir uns, dass ein Bürgerkrieg zwischen allen Kollektivitäten stattfinden kann, die latent in einem Staat vorhanden sind. Kollektivitäten, die durchaus konterrevolutionär sein können, wie das Phänomen des politischen Islam im Nahen Osten hinreichend deutlich zeigt. Als die tatsächliche Auflösung des griechischen Staates zusehends möglicher wurde, tauchten selbst in Griechenland konterrevolutionäre faschistische Kollektivitäten auf, wie Chrysi Avgi, das Goldene Morgengrauen, die versuchen, in Ayios Panteleimonas, unweit Exarcheia, einen ethnisch reinen Stützpunkt zu etabliereniii. Glücklicherweise fand der erste Bürgerkrieg seit der Finanzkrise 2008 in Europa nicht zwischen quasi-faschistischem Nationalismus und neoliberalem Staat statt (wie überaus real diese Möglichkeit ist, deutete sich 2008 in der Revolte in Bulgarien an), sondern zwischen anarchistisch inspirierter Revolution und griechischem Staat. Da kein Nationalstaat eine Insel ist, angedockt wie sie alle sind an den globalen Staat des Empire, ruft der Aufstand in Griechenland naturgemäß die Möglichkeit eines globalen Bürgerkriegs gegen das Empire hervor. Der wahre Albtraum des Empire enthüllt sich: Noch im sogenannten Frieden der kapitalistischen repräsentativen Demokratie ist die scheinbare historische Anomalie Bürgerkrieg immer präsent, und insofern, als eben dieses Bild vom „Frieden“ sich im Zuge der Finanzkrise rapide auflöst, wird der globale Bürgerkrieg die Bühne der Geschichte wieder betreten.

Während der Bürgerkrieg im Zeitalter der Formierung des modernen kapitalistischen Nationalstaats – vom amerikanischen Bürgerkrieg bis zur Entstehung des griechischen Staates 1940 – vor allem militärisch war, nimmt er in der Ära des Empire eine subtilere Form an. Der Dezemberaufstand in Griechenland ist das perfekte Beispiel eines solchen post-militaristischen Bürgerkriegs, wo zuvor isolierte Kollektivitäten wie die Schüler zusammen mit Anarchisten und Immigranten eine Position bezogen, um eine neue Art Partisanen-Kriegsmaschineiv zu formen. Die neue Form von Bürgerkrieg wird noch darin offenbar, wie ihn der Staat beendet. Wurden frühere Bürgerkriege, wie die Pariser Commune, mit militärischen Massakern zerstört, so änderte sich das nach dem Zweiten Weltkrieg. Erinnern wir uns, dass de Gaulle den Bürgerkrieg vom Mai 1968 in Frankreich besiegte, indem er der Polizei befahl, nicht einen Schuss abzugeben und stattdessen Wahlen anordnete. Die gleiche Abfolge sehen wir in Griechenland: die brutale militärische Repression der ursprünglichen Revolte des Polytechnico ließ die öffentliche Toleranz gegenüber der Junta sinken, was einer der Faktoren war, die letztlich zu deren Sturz 1974 führten – eine Tatsache, die Karamanlis nicht vergessen hat. In den Spuren von de Gaulle befahl er keine traditionelle militärische (nicht einmal polizeiliche) Repression gegen den Aufstand vom Dezember. Wie kann es sein, dass ein Bürgerkrieg heute ohne militärische Repression, einzig durch die allgemeine Verbreitung „anti-terroristischer“ Verhaftungen und Wahlen abgewendet werden kann? Die Antwort darauf könnte wiederum in einer veränderten Kriegsführung liegen.

In Griechenland bezeichnet koinonikos polemos den sozialen Krieg. Koinonikos polemos wird vom Bürgerkrieg unterschieden – anders als in anderen Sprachen, wo es nur ein Wort für beide Arten des Krieges gibt, etwa im deutschen Bürgerkrieg. Auch wenn in der anarchistischen Propaganda oft auf konfuse und flapsige Art mit dem Begriff „Sozialer Krieg“ hantiert wird, enthüllt seine Geschichte, dass dahinter ein kraftvolles Konzept steckt; ein Konzept, das uns helfen kann, die charakteristische Transformation der Kriegsführung seit dem Zweiten Weltkrieg zu verstehen. Das Konzept „Sozialer Krieg“ sollte sich direkt auf die repressive Seite des Übergangs vom lokalisierten Nationalstaat zum globalen Empire-Staates beziehen – weil die Funktion Aufstandsbekämpfung zwar von bestimmten Elfenbeinturm-Theoretikern allzu oft ignoriert wird, diese aber von immenser und unmittelbarer Wichtigkeit für praktizierende Revolutionäre ist.

Im Unterschied zum Bürgerkrieg, der den Zusammenbruch des Staatsapparats ankündigt, handelt es sich beim sozialen Krieg um einen Krieg niedriger Intensität, den der Staat gegen die sozialen Beziehungen seiner eigenen Bevölkerung führt, um seine fortwährende Existenz zu gewährleisten. Der soziale Krieg umfasst somit die Gesamtheit des täglichen Lebens: heute lebendig sein heißt sich im Krieg befinden, nie richtig schlafen, zu absurden Zeiten aufwachen, um zu arbeiten, durchgängig umringt von Überwachung und Polizei. Die diversen Symptome weiter aufzulisten erübrigt sich. Anders als im militärischen Krieg sind Forderungen aller Art im sozialen Krieg zwecklos: sie würden nur Sinn machen, solange der Krieg begrenzt wäre in Zeit und Raum; die kapitalistische Form des Lebens aber umfasst heute den gesamten Globus und bildet sich ein, unendlich in die Zukunft zu reichen. Eine andere Reaktion besteht darin, so zu tun, als ob es den sozialen Krieg nicht gäbe – vielleicht die am weitesten verbreitete Haltung. Mehr als je in einem anderen historischen Moment ist die zeitweise Entspannung vom sozialen Krieg, die Brot und Spiele der Bevölkerung bietet, in eine globale Industrie verwandelt worden. Ein Krieg ist nicht dadurch zu gewinnen, dass man so tut, als würde er nicht existieren. Auf diese Weise wird man den Krieg nicht einmal überleben. Ein Krieg ist zu gewinnen durch Verstehen des Terrains und entsprechendes Handeln. Eine Theorie des sozialen Krieges wird also unsere Waffe gegen den sozialen Krieg selbst sein, eine Theorie, die uns erlaubt, unseren gemeinsamen Grund zu erkennen und eine Strategie zu ersinnen, diesen Zustand der Welt zu beenden.

Historisch kam der soziale Krieg zur gleichen Zeit auf wie das Konzept des Empire selbst. Erstmals erwähnt wird der soziale Krieg – der den Krieg zwischen Verbündeten bezeichnet (socii in Latein, das Genossenschaftliche betonend, woraus das Soziale in vielen europäischen Sprachen wird) – als um 450 u.Z. der Versuch Athens fehlschlug, die von ihr angeführte Konföderation von Alliierten in ein Imperium zu verwandeln. Vergessen wir also nicht, dass Athen, lange gerühmt als Ursprung der abendländischen Demokratie, nichtsdestoweniger auch das erste gescheiterte Imperium war. Als Athen im Krieg gegen Persien die Konföderation der Stadt-Staaten begründete, war sie als Proto-Hauptstadt des attisch-delischen Seebundes nur erste unter gleichen. Ihre wahre Absicht wurde den anderen Stadt-Staaten klar, nachdem die Athener die Einwohner der Insel Milos massakrierten, die im guten Glauben gedacht hatten, ihre Unabhängigkeit von der Konföderation wahren zu können. Zunehmend bedroht von der Vorherrschaft Athens, revoltierten die früheren Alliierten, um ihre Gleichstellung im Seebund zu erhalten und zerschmetterten damit die Aussichten auf ein vereinigtes attisches Imperium. Allerdings zerstörte der Niedergang Athens nur eine mögliche Materialisierung des Imperiums, nicht das Konzept des Imperiums selbst. Eine Generation später traten die gleichen Ambitionen im Reich Alexanders des Großen wieder zutage. Alexander realisierte zu spät, dass der militärische Krieg nicht ausreicht, um ein Imperium zu begründen. Ein Imperium kann einzig durch Verallgemeinerung einer Form des Lebens geschaffen werden – was Alexander zu wörtlich nahm, als er seine griechischen Soldaten mit Perserinnen verheiratete. Erneut scheiterte das griechische Bemühen, ein Imperium zu gründen – diesmal daran, die Bürgerschaft weiterhin als Blutrecht zu verstehen, anstatt als eine Form des Lebens, die sich unabhängig von der Abstammung an Sprache und Gebräuche knüpft.

Der erste wahrhaft soziale Krieg ereignete sich mit Entstehen des ersten wirklichen Imperiums des Abendlandes: des Römischen Reichs. Bevor Rom Imperium wurde, war es ein auf sieben Hügeln errichteter, wenig beeindruckender kleiner Stadt-Staat, weit entfernt vom Glanz und Ruhm Athens oder Babylons. Nachdem die Römer ihre Unabhängigkeit beinahe an die Etrusker verloren hätten, entdeckten sie, dass ein guter Angriff die beste Verteidigung ist, und so begann die Transformation der römischen Republik ins römische Imperium. Für Anteile an der Kriegsbeute scharte Rom eine Liga italienischer Verbündeter um sich. Heimlich jedoch behielten die Römer die mit Eroberungen angehäuften Reichtümer und Ländereien für sich, errichteten allmählich massive Sklavenplantagen, anstatt die Ländereien unter den Freien der anderen italienischen Städten aufzuteilen. Die früheren Alliierten Roms forderten, als Gleiche behandelt zu werden und erklärten sich zur Republik „Italia“, so der neue Name, den sie ihrer Hauptstadt in den Abruzzen gaben. Man kann nicht behaupten, dass der Geschichte ein Sinn für Ironie fehlt; 2009 hielt das neue Römische Reich des Spätkapitalismus das imperialste seiner Treffen, den G8, im Schutt der vom Erdbeben verwüsteten Abruzzen ab.

Aus Jahrzehnten des Blutvergießens zwischen den früheren Bundgenossen ging Rom triumphierend hervor und gewährte all jenen, die nicht revoltiert hatten, das Recht, römische Bürger zu werden. Mit diesem Akt dehnte das Römische Imperium die römische Bürgerschaft über Rom hinaus aus, ein Prozess, der sich in der gesamten mediterranen Welt verbreitete. Selbst jene, die an der Revolte teilgenommen hatten, konnten römische Bürger werden, so sie sich einem römischen Praetor zu Füßen warfen! Warum war dieser vergessene Krieg zwischen Rom und den anderen Stadt-Staaten weniger ein militärischer als vielmehr ein sozialer Krieg? Anders als im militärischen Krieg, in dem Besiegte versklavt oder getötet werden, schufen die Römer eine neue Art asymmetrischen Krieges, der gewonnen wird, indem man die Besiegten in Bürger verwandelt.

Was bedeutet es, sozialen Krieg nicht als historisches Ereignis, sondern als strategisches Konzept zu denken? Was ist schlimmer: im militärischen Krieg sterben oder Bürger werden im sozialen Krieg? Zumindest kann ein Sklave träumen gegen seinen Herrn aufzustehen: der Spartakus-Aufstand gegen die Römer ereignete sich kurz nach dem sozialen Krieg der Bundgenossen. Teil der Strategie des sozialen Krieges ist, die unvermeidliche Sklavenrevolte derer zu umgehen, die von der Bürgerschaft und den damit einhergehenden Rechten ausgeschlossenen sind. Ein Bürger zu sein bedeutet jedoch eine ganz neue, von außen kommende Form des Lebens, die anzunehmen ist, freiwillig oder unter Androhung von Gewalt: Bürgerschaft oder Tod! Im Unterschied zum griechischen Konzept der Bürgerschaft, das sicherstellte, dass die Barbaren auf immer ausgeschlossen bleiben, dachten die Römer die Idee der Bürgerschaft neu, basierend auf gemeinsamen Bräuchen und einer geteilten Sprache, unterstellt einem einzigen rechtlich-juristischen Rahmen – wodurch sie den ethnischen Nationalstaat in ein Imperium umwandelten, das fähig war, sich über die ganze Welt auszubreiten, zumindest in der Theorie.

Befürworter des Empire werden versuchen, uns glauben zu machen, dass ein Imperium sich stets in zwei aufeinander folgenden Phasen ausbreitet: einer ersten Phase von Eroberung und Blutvergießen und einer zweiten, in der die Eroberten auf friedlichem Wege als Bürger ins Imperium assimiliert werden. Das ist eine Lüge – die sozialen Kriege der Geschichte zeigen, dass die Assimilation der Bürger ins Imperium nur eine andere Form des Krieges ist, dass gleichzeitig mit den nach außen gerichteten militärischen Formen der Kolonisierung ein mehr nach innen gerichteter Krieg gegen die sozialen Beziehungen geführt wird; ein Krieg, der den militärischen Operationen vorangeht und der andauert, lange nachdem diese enden.

Der soziale Krieg ist ein Krieg zwischen Formen des Lebens, in dessen Verlauf sich die siegreiche Form des Lebens die eroberte unterordnet. Eine Form des Lebens entzieht sich der Definition; sie existiert als Gesamtheit der gelebten materiellen Bedingungen, deren Grundlage eben jene sozialen Beziehungen sind, aus denen sich ihre Welt zusammensetzt. Wir finden uns immer in solchen Formen des Lebens wieder, die uns ebenso zum Ausdruck bringen, wie wir an ihnen teilhaben. Sie sind realer als das Konzept des Individuums, da sie die objektiven Bedingungen und Subjektivitäten zur gleichen Zeit verbinden, wie sie diese schaffen.

Unterordnung, Subsumtion, ist die primäre Taktik des sozialen Krieges, denn mittels Unterordnung kann eine Form des Lebens durch eine andere ersetzt werden. Eine Form des Lebens verhält sich als Konfiguration von Gewohnheiten, entsprechend einer gewissen Ordnung des Lebens; Unterordnung rekonfiguriert diese Gewohnheiten und ordnet die damit einhergehenden Unterschiede neu. Sozialer Krieg hat nicht die Zerstörung der Besiegten zur Folge: die Untergeordneten gehen nicht in Rauch auf wie die Opfer von Hiroshima; vielmehr werden die Verlierer des sozialen Krieges im Interesse der vorherrschenden Form des Lebens neu erschaffen, ob diese Rom heißt oder Spätkapitalismus. Subsumtion wurde zunächst von Kant in Bezug auf die Anwendbarkeit abstrakter Konzepte auf die Besonderheiten einer großen Vielfalt theoretisch erörtert; so gibt es Konzepte, die uns erlauben, „rote Äpfel“ zu denken, obwohl sich alle Äpfel in Farbe und Form derart unterscheiden, dass sie auf metaphysischer Ebene gewissermaßen unbeschreiblich werden. Irgendwas klingt nach wie vor wahr an Kants Überlegung: die Gewalt der Unterordnung zerstört das konkrete Besondere und formt die Realität um in das Bild eines konkreten Universellen.

Im sozialen Krieg nimmt das konkrete Universelle die Form des Bürgers an, eines Wesens ohne soziale Beziehungen. Die einzige, dem Bürger erlaubte Beziehung ist die, vom Staat beherrscht zu werden, der seine Macht heute, vermittels der Herrschaft der Waren, weiter ausgedehnt hat. Das konkrete Besondere sind alle Formen des Lebens, die sich der Inkorporation in den Staatsapparat widersetzen. Um den Bürgerkrieg abzuwehren, muss sich die Bürgerschaft ausdehnen, um sich alle anderen Formen des Lebens unterzuordnen – was nur durch eine neue Art Krieg möglich ist, der schon die Möglichkeit sozialer Beziehungen zerstört. Im Spätkapitalismus wird dies erreicht, indem die Bürger konstant von Arbeit aufgezehrt oder mittels künstlich installierter Ängste voreinander isoliert werden (wie es mit der primitiven Panikmache rund um Rasse oder Religion geschieht). Der soziale Krieg nimmt dem Bürger nicht nur seine sozialen Beziehungen, sondern setzt ihn neu zusammen, was Sprache, Gewohnheiten und Neigungen betrifft. Nehmt die Manie in Griechenland, englisch zu lernen – sicherstes Zeichen eines sich ausbreitenden Empires ist eine vereinheitlichende Sprache! Die römische Lebensform verbreitete sich im Gleichschritt mit der lateinischen Sprache, ähnlich dem, wie sich Englisch als neue lingua franca des globalen Kapitals in aller Welt verbreitet. Selbst in die Geographie der Stadt hinein reicht der soziale Krieg (von Baron Haussmann nur allzu gut umgesetzt); wo einstmals jede Stadt ihren eigenen Baustil hatte, verwirklicht sich die monströse kapitalistische Form des Lebens im Wolkenkratzer, ein unmenschlicher Wohnsitz, passend nur fürs Kapital. Es ist kein Zufall, dass sich alle Metropolen auf unheimliche Art ähneln, dass überall die gleichen elenden Bürger hin und her hetzen, irre vor Arbeit. Selbst in Griechenland – in Athen nicht anders als in jeder anderen Metropole – ist die ewige Wiederkehr des Shopping zu beobachten, die appetitgezügelten Girls und seltsam „amerikanisch“ aussehenden Männer, die auf der Ermou Straße inmitten steriler Warenauslagen umher wandern. Der Sieg des sozialen Krieges ist erst komplett, wenn der Bürger tiefe metaphysische Qualen leidet, sobald er Zeuge der Zerstörung von Waren oder anderer Beschädigungen von „Privateigentum“ wird, ihn der Tod lebender Wesen jedoch kalt lässt.

Eine Form des Lebens kann zerstört werden, indem die sozialen Beziehungen, aus denen sich ihre autonome Welt zusammensetzt, eine nach der anderen zerstört und aufgelöst werden, ersetzt mit Beziehungen zu Bildern und der Abhängigkeit von Staat und Kapital. Um indigene Bevölkerungen zu Bürgern zu machen, muss der Staat alle untereinander gepflegten Beziehungen (Familie, Stamm, Freunde) gleichermaßen strategisch zerstören wie ihre Beziehungen zur natürlichen Welt – muss er diese vorfindlichen Beziehungen ersetzen mit einer komplett auf Einbildung beruhenden Beziehung zur Idee der Nation und absoluter Abhängigkeit von Lohnarbeit. Dergestalt ist der soziale Krieg des derzeitigen Imperiums weit fortgeschrittener als der soziale Krieg der römischen Ära: Während der militärische Krieg weiter auf lebende Körper beschränkt bleibt, findet der soziale Krieg auf dem grenzenlosen Gebiet der sozialen Beziehungen statt. Da das vordringliche Ziel des sozialen Krieges im Eliminieren aller sozialen Beziehungen außerhalb der Herrschaft besteht, ist der soziale Krieg zutiefst anti-sozial.

Vielleicht nehmen die Griechen, die die Tragödie immerhin erfunden haben, den Tod einer der ihren eher mit der angemessenen Ernsthaftigkeit als oberflächliche Amerikaner. Zugleich spiegelt sich in ihrem Aufstand, dass viele Griechen den Horizont dessen, was der Welt künftig bevorsteht, intuitiv weit besser begreifen als die bestbelesensten Aktivisten. Nicht, dass Alexis von der Polizei ermordet wurde, war überraschend – absehbare Antwort des Empire des Kapitals auf eine abtrünnige Jugend, die sich weigert Bürger zu werden und stattdessen dazu neigt, mit Ausgeschlossenen in Exarcheia herumzulungern. Das Empire braucht derartige Exempel, genau wie Rom die entlang der Via Appia gekreuzigten Körper der rebellischen Sklaven brauchte. Weit davon entfernt ein Unfall zu sein, wird das Töten derer, die sich der Assimilation durch den sozialen Krieg verweigern, durch die Polizei mit Intensivierung des sozialen Krieges ohne Zweifel zunehmend üblich werden. Noch einmal, an Alexis’ Tod überraschend war, dass der darauf folgende Dezemberaufstand sich zum Angriff auf die Totalität des symbolischen Ordnung des Kapitalismus selbst auswuchs, der seinen Höhepunkt im Abfackeln von Europas größtem Weihnachtsbaum fand. Es war nicht das Ausmaß an Gewalt, das die Dezembertage heraustreten aus der Normalität griechischer anarchistischer Demonstrationen, Molotow-Cocktails sind auf großen Demos in Griechenland oft zu sehen. Auch für Griechenland nicht normal war, dass es auch Leuten außerhalb des anarchistischen Milieus, während sie in Akten reiner Negation das Kapital angriffen, gleichzeitig darum ging, den Alltag zu verändern. In diesem Sinn ist der Aufstand ein Bruch mit früheren Protestformen, der auch in Griechenland in den letzten zehn Jahren entstanden ist: die erste Schlacht eines neuen Zyklus im globalen Bürgerkrieg.

Die Grenzen der anarchistischen Identität

Seit 1969 muss das Spektakel seinen Feinden unglaubliche Aktionen unterstellen, um glaubhaft zu bleiben. Es muss Proletariern inakzeptable Aktionen zuschreiben, um weiter akzeptiert zu werden – dabei immer eine ausreichende Öffentlichkeit sicherstellen, so dass Leute, die sich Angst einjagen lassen, stets „das kleinere Übel“ wählen, namentlich den gegenwärtigen Stand der Dinge.

Gianfranco Sanguinetti, Zu Terrorismus und Staat

Eine Hypothese, die vorgebracht wurde, um die Kraft des Dezemberaufstands zu erklären, war die unglaubliche Stärke der anarchistischen Bewegung. Anerkennend ist festzustellen, dass die schnelle Reaktion der griechischen Anarchisten die Ereignisse am Abend des Todes von Alexis entzündete. Darüber hinaus verbreiteten sich die taktischen Formen der anarchistischen Bewegung in anderen Sektoren der Bevölkerung, etwa bei Schülern und Immigranten. Dennoch bildet der Aufstand vom Dezember rückblickend zugleich den Höhepunkt wie die Grenze der aufständischen anarchistischen Bewegung in Griechenland. Was die Hypothese, dass aller Lorbeer den „unglaublichen griechischen Anarchisten“ gebührt, nicht erklärt, ist ihre anschließende Lähmung. Als sich Schüler am Jahrestag des Dezember 2009 die Straße wieder nahmen, blieben viele Anarchisten umzingelt von der Polizei isoliert in ihren Squats – sichtbarstes Beispiel dafür war die Einnahme des anarchistischen Raums Resalto in Keratsini, Piraeus.

Inmitten des Generalstreiks im Mai 2010, der fast zur Erstürmung von Regierungsgebäuden geführt hätte, brannte eine Handvoll Anarchisten eine Bank nieder und tötete dabei unabsichtlich drei, sich in der Bank befindende Angestellte. Ein gefundenes Fressen für Staat und Medien, das in vollem Maße als Munition verwendet wurde und nahezu zum Abbruch brachte, was nach einem sich noch weiter ausbreitenden Aufstand gegen die Sparmaßnahmen von IWF und EU aussah. Auch wenn es stimmt, dass wahrscheinlich in jedem Aufstand mehr als drei Menschen sterben werden, und dass man beinahe von Glück reden kann, dass so etwas nicht schon früher passierte, so führten die Toten vom Mai 2010 doch zur massiven Demoralisierung und internen Kämpfen, inklusive dem Abschied vieler intelligenter Stimmen, darunter das Journal Flesh Maschine.v

Während Revolutionäre niemals böswillig auf andere Revolutionäre losgehen dürfen, die sich guten Mutes an die Frontlinien begeben, so sollte nichts über die Analyse und Kritik von Genossen gehen, die am gleichen Kampf teilhaben. Analyse und Kritik zu vermeiden würde Anarchisten zur gleichen Art ideologischer Blindheit führen, die viele Kommunisten davon abhielt, Stalin zu kritisieren (was erschreckend viele autoritäre Kommunisten in Griechenland immer noch verweigern). Die Analyse ist Zeichen der Treue zum Aufstand und die Kritik Ehrlichkeit mit unseren Brüdern und Schwestern im Aufstand. Es geht uns nicht darum, Schuld zuweisen, wie es diejenigen tun, die mit dem Staat kollaborieren. Es ist offensichtlich, dass die Toten sowohl von einem Mangel an Sorgfalt auf Seiten der Aufständischen verursacht wurden, wie von der verdrehten Logik des Kapitals, welche den Chef veranlasste, von den Angestellten zu verlangen, am Tag des Generalstreiks zur Arbeit zu kommen. Vielmehr wollen wir verstehen, warum die Nachwirkungen eines solchen Ereignisses einen um sich greifenden allgemeinen Aufstand einfach abwürgen konnten. Eine Möglichkeit besteht darin, dass das Wiederaufleben einer Art anarchistischer Identität nach dem Dezember in Griechenland zu einem achtlosen Kult militaristischer Angriffe bei Anarchisten führte, was wiederum ermöglichte, dass Staat und Medien die Anarchisten von der allgemeinen Bevölkerung isolierten. Unsere Gegen-Hypothese ist, dass die anarchistische Identität – die seit den 1980er Jahren in Westeuropa und Nordamerika entwickelt wurde und zunehmend in Griechenland Fuß fasst – strukturell konterrevolutionär ist. Wenn das stimmt, mag der erste Schritt des Aufstands vielleicht von aufständischen Anarchisten gemacht werden, damit er aber wirklich losgeht, müssen die Aufständischen ihre Identität als „Insurrektionalisten“ zerstören – auf dass der Aufstand sich verallgemeinern kann.

Nach Badiou beginnt die moderne europäische Serie von Aufständen mit der Pariser Commune, die in paar Tagen die Fähigkeit der Leute zum Ausdruck brachte, ihr Leben ohne Anhäufen von Kapital oder Herrschaft des Staates selbst zu organisierenvi. Allerdings lebte die Pariser Commune nur kurz, da sie es nicht vermochte, sich gegen den unausweichlichen militärischen Krieg zu verteidigen, der sie massakrierte. Resultat dieses Scheiterns in der Form waren dreißig Jahre erfolgreiche Konter-revolution, bis Revolutionäre die Form der leninistischen Partei annahmen, die der Revolution – mit strikter Disziplin und Hierarchie – die Form der fordistischen Fabrik in der Absicht auferlegte, eine revolutionäre Armee zu schaffen, die der kapitalistischen Gegenoffensive widerstehen könnte (was sie nach dem Aufstand in Russland auch tat). Während sie einen Aufstand verteidigen konnte, scheiterte die zentralisierte Form der leninistischen Partei darin, die herrschaftlichen Beziehungen abzuschaffen, was zur schlimmsten aller Welten führte: professionelle revolutionäre Aktivisten, die „Kommunismus“ benutzten, um Kapitalismus in vorindustriellen Gesellschaften zu intensivieren.

Nach weiteren Jahrzehnten der Aufstandsbekämpfung brachte der Mai ’68 das Problem, das Lenin nicht verstanden hatte, auf den Punkt – das Kapitalismus mehr auf sozialen Beziehungen aufbaut als auf militärischer Herrschaft. Dennoch vermochte es der gescheiterte Aufstand 1968 nicht, sich eine neue Form jenseits der leninistischen Partei zu geben, und war so nicht in der Lage, sich zu einem globalen aufständischen Prozess auszuweiten. Die Bewegungen vom Mai ’68 hatten die sozialen Beziehungen zwar im Blick, doch zeigten sie sich außerstande, die neue historische Positionierung von Staat und Kapital zu verstehen, und konnten daher die Notwendigkeit für eine Revolution der sozialen Beziehungen nur die Unterschiede zwischen verschiedenen Herrschaftsformen artikulieren, nicht aber die Gemeinsamkeiten. Was die Bewegungen in eine zunehmend schizophrene Identitätspolitik verfallen ließ, die letztlich mit einer weitreichenderen Unterordnung kompatibel war, erzielt durch Schaffung neuer Märkte rund um die Identität. Nichts desto trotz verfolgt den Staat noch immer die Erinnerung, dass es hätte anders kommen können. Nicht von ungefähr stellte Sarkozy in Reaktion auf den Dezemberaufstand in Griechenland fest: „Wir wollen keinen europäischen Mai ’68 mitten im Weihnachtsfest.“ In der bislang letzten Runde der Kämpfe entwickelte die Anti-Globalisierungs-Bewegung schließlich in Form der Organisierung in Netzwerken eine Alternative zur leninistischen Partei, erwies sich dann aber als unfähig, weitreichendere revolutionären Inhalte zu entwickeln und verfing sich stattdessen in den Fallen der Identitätspolitik von 1968.

Im Unterschied zur revolutionären anarchistischen Tradition, getragen von Leuten wie Bakunin, ist der Anarchismus als spezifisch „gegenkulturelle Identität“ ein relativ neues, nach 1968 entwickeltes Phänomen, auch wenn sich Spuren davon in den historischen Bewegungen der Nihilsten im vor-revolutionären Russland oder dem Moralismus der Spanischen Revolution finden lassen. In seiner derzeitigen Form stammt die anarchistische Identität der „schwarzen Kapuzen“ – zumindest was die Kleidung angeht – von den deutschen Autonomen. Die Autonomen tauchten Ende der Siebziger in Deutschland auf; ihr offener Straßenkampf war das selbstbewusste Verwerfen der taktischen Haltung der RAF und anderer bewaffneter Guerilla-Gruppen. Die Unzufriedenheit dieser neuen Generation (zuerst von Cops und Medien als „Schwarzer Block“ bezeichnet, dann von ihnen selbstvii) von Revolutionären speist sich (entgegen dem traditionellem Marxismus) nicht in erster Linie aus der Ausbeutung ihrer Arbeit im Betrieb, sondern aus der kapitalistischen Unterordnung ihres eigenen täglichen Lebens. Was die Tatsache erklärt, warum die elementarste Form des Widerstands dieser Generation eine kulturelle war: die „barbarische“ Umkehrung bürgerlicher Moral, bekannt als Punk. Die Tradition sich schwarz zu kleiden erschien wie zufällig, wiewohl die taktischen Vorteile, die daraus entstehen, anonym zu bleiben, bald allen klar waren und mit Erfolg wiederholt wurden.

Diese subkulturelle anarchistische Identität wurde mit dem aufkommenden Gipfel-Hopping um die Jahrtausendwende globalisiert. Trotzdem der anarchistischen Identität Anerkennung dafür gebührt, zur Wiederbelebung einer explizit antikapitalistischen Linie in Straßenprotesten beigetragen zu haben, so verabschiedete sie sich doch nie von konfuseren Reformisten in der Anti-Globalisierungs-Bewegung, wie sie exemplarisch von den sozialdemokratischen Anmaßungen einer Naomi Klein oder Ya Basta! verkörpert werden. Dieser Mangel an Klarheit ist wahrscheinlich auf die Auflösung der proletarisch-aufständischen anarchistischen Bewegung in Europa und den USA zurückzuführen; die vernichtenden Niederlagen, wie sie die Industrial Workers of the World oder die Anarchisten im Spanischen Bürgerkrieg erlitten, löschten die revolutionäre anarchistische Tradition geradezu aus. Entsprechend vollzogen die neuen Anarchisten der 1990er Jahre eine nahezu infantile Rückkehr zu radikaler Demokratie und einem, von Proudhon inspirierten Föderalismus, der Tatsache zum Trotz, dass solche Ideologien den revolutionären Anarchisten früherer Generationen verhasst waren, denen die Lehren aus dem theoretischen und praktischen Scheitern dieser Sackgassen nur allzu bewusst waren. Auch wenn kein Zweifel daran besteht, dass die Anti-Globalisierungs-Bewegung wertvolle Techniken entwickelte und zu einem erneuerten Internationalismus führte, so war sie doch eher eine Bewegung des globalen Kleinbürgertums zur Reform des Empire in Richtung globaler Demokratie als eine ausdrücklich aufständische Bewegung. Anarchisten ließen sich als „out of control“ Element instrumentalisieren oder verfielen in eine verwirrte radikaldemokratische Pose, wie der Fetisch vieler Anarchisten für formale Konsense erkennen lässt, an denen selbst dann festgehalten wurde, als sie den Schwarzen Block an den Rand der Bewegung verbannten.

Halten wir der anarchistischen Identität und der Anti-Globalisierungs-Bewegung, aus der sie kam, eine aufrichtige Grabrede. In wenigen kostbaren Jahren gelang der Anti-Globalisierungs-Bewegung in Form der Netzwerke eine neue Art dezentralisierter Organisierung, die, vorbei an der Macht von Staat und Kapital, die Frage beantwortete, was im 21. Jahrhundert auf die leninistische Partei folgen würde. Es war, als hätte sich eine neue Internationale aus dem Nichts heraus materialisiert. Aber sind Netzwerke allein schon durch ihre Form revolutionär? Wenn sie strukturell in der Tat immer revolutionär sind, welch wunderliche Übereinstimmung existiert dann zwischen Marketingfirmen im Silicon Valley und autonomer Theorie! Unsere zweite Hypothese besagt, dass diese Absurdität die Folge einer grundlegenden Verwechslung von Form und Inhalt ist, einer Konfusion, die entwirrt werden muss, damit der Aufstand vorankommen kann. Die Anti-Globalisierungs-Bewegung war Wegbereiter einer neuen Form, scheiterte aber darin, ihr einen revolutionären Inhalt zu geben.

Aus Blickwinkel der unter der zentralisierten fordistischen Fabrik-Form Versklavten erscheint die archaische Form der Netzwerke revolutionär, vielleicht sogar antikapitalistisch. Rückblickend wird jedoch klar, dass die Netzwerk-Form mit Inhalten des Kapitals gefüllt wurde. Kurz nachdem die Anti-Globalisierungs-Bewegung die Bühne betreten hatte, begannen auch Gruppen mit weniger-als-revolutionären Inhalten Netzwerke zu gründen. Die Polizei bildete Bezugsgruppen, Konzerne wie Google organisierten sich dezentral. Als auch die reaktionären Elemente des politischen Islam die Netzwerk-Form annahmen, zerstörten die Schockwellen, die vom 11. September 2001 ausgingen, die Schubkraft der Anti-Globalisierungs-Bewegung in einem Tag. Gegenwärtig ist die Situation noch verrückter geworden. Von Indymedia erfunden ist der digitale, benutzergenerierte Inhalt heute das Herz der kapitalistischen Produktion. Immer mehr Jugendliche gehören digitalen sozialen Netzwerken wie Facebook an, die unvorstellbare Schätze parat halten für Polizei und Überwachung. In Anbetracht dessen, dass israelische Militärstrategen Deleuze lesenviii, bleibt einem nichts anderes übrig als Frederic Jameson zuzustimmen; es gibt etwas an Deleuze, das eine seltsame Resonanz findet im zeitgenössischen Kapitalismus.ix

Formen wie das Netzwerk (oder Hierarchien) sind Methoden der Organisierung, ihr Inhalt jedoch wird aus den Absichten gebildet, welche die Form ausfüllen. Während es keinen Inhalt ohne Form, und keine Form ohne Inhalt geben kann, gehen die beiden nicht notwendigerweise Hand in Hand, sondern können sogar vorübergehend auseinander fallen. Jede historische Epoche hat ihre Grenzen, weshalb es zur Bestimmung revolutionärer Inhalte der historischen Analyse bedarf. Was 1909 in St.Petersburg oder 1999 in Seattle revolutionär war, ist es 2009 in Griechenland vielleicht nicht. Wenn der Kapitalismus als eine besondere Form des Lebens gedacht werden kann, ist ein Inhalt insofern revolutionär, als er diese Form des Lebens komplett abschaffen und sie mit einer neuen Form des Lebens ohne monetären Tausch und Herrschaft ersetzen will. Ein Aufstand wiederum ist ein konkretes Ereignis, das, in größerem oder kleinerem Maße, das Auftauchen dieser neuen Form des Lebens zum Ausdruck bringt und die Macht von Staat und Kapital negiert.

Identität als solche nimmt Gestalt an, wenn das Bild von einer Form des Lebens die real möglichen sozialen Beziehungen ersetzt, weshalb die Verbreitung von einer auf Identität aufbauenden Politik und Subkultur nur eine andere Form der Gesellschaft des Spektakels ist. So nimmt es nicht Wunder, dass, trotzdem der Glaube an den neoliberalen Kapitalismus schwindet, Identitätspolitik so stark ist wie eh und je, und sogar erklärte Revolutionäre in einer auf Bildern aufbauenden Politik gefangen bleiben. Warum ist es so schwer, das Joch der Bilderpolitik abzuwerfen? Kann es sein, dass die sozialen Beziehungen der Bürger unter dem Kapital schon fast verschwunden sind und der Bürger daher ein Bild der sozialen Beziehungen braucht – eine „Identität“ – um den völligen Kollaps zu verhindern? Ein Bürger drückt sich stets als bestimmte, ab und an wechselnde Nachbildung aus: Nationalist, Feministin, Punk, Hippie, Schwuler, Sportlerin, Sci-Fi Fan, die „ethnische“ Wurzeln wieder entdeckende Person. Da die Unterordnung die Person nahezu jeder Fähigkeit entkleidet hat, an ihrer eigenen Existenz festzuhalten, kommen und gehen die Identitäten, sind nicht belastender als eine schnelle Liebschaft oder der Aktienindex. Im Kern sind Identitäten einfach neue TM©s der Bürgerschaft im sozialen Krieg, die bislang fortgeschrittenste Technik der Unterordnung. Bürger sein heißt, Individualität und „einzigartigen“ Style bewahren.

Obwohl die Anti-Globalisierungs-Bewegung neue Formen der Organisierung geschaffen hat, waren ihre Inhalte weiterhin Geiseln der Identitätspolitik. Als die Anarchisten in der Anti-Globalisierungs-Bewegung wieder auftauchten, wurden ihre aufständischen Inhalte nicht zuletzt von der Unfähigkeit kastriert, das Bild des Anarchisten aufzuheben. Statt sich darauf zu konzentrieren, herrschafts- und tauschfreie soziale Beziehungen aufzubauen und Strategien zu entwickeln, wie diese Beziehungen in einen aufständischen Prozess hinein kultiviert werden können, der in der Lage ist, die Revolution herbeizuführen, identifizierten sich die Anarchisten mit einem speziellen, von Kleidung und Musik bestimmten Bild, inklusive vorab definierter Konsum- und Ernährungs-Tabus. In Berlin kann man monatelang von einer anarchistischen Bar zur nächsten ziehen – jeden Abend mit anderen Veganern in schwarzen Kapuzen leben und essen – ohne diese Blase je zu verlassen.

Einer der erfrischendsten Aspekte in Griechenland war bis vor kurzem das relative Fehlen einer anarchistischen Identität. Ein „Anarchist“, der in den Straßen Athens einen Frappé trinkt, war nicht leicht zu erkennen. Auch wenn sie bisweilen etwas subkulturell daherkamen, waren Anarchisten in Griechenland nicht leicht an Kleidung oder Verhalten zu identifizieren, anders als in Gegenden wie Deutschland oder den USA, wo sich eine wahrhaft anarchistische Uniform entwickelte. Sprachlich und geographisch von Zentraleuropa entfernt, blieben die Anarchisten in Griechenland auch isoliert von der Identitätspolitik, die anderswo in den Anarchismus integriert wurde. Und so standen die griechischen Anarchisten weiter loyal zum Konzept der Revolution, was noch immer den Umsturz des Staates meinte. Diverse Faktoren sind für diese Abweichung vom Mainstream anarchistischer Identitätspolitik verantwortlich, von der einzigartigen Geographie des Balkan bis zur noch immer lebendigen Erinnerung der älteren Generationen an die Junta in Griechenland. Wohl reisten einige griechische Anarchisten und wurden bei den großen Gipfelprotesten, die Europa rockten, aktiv, aber sie beteiligten sich an den Gipfeln, kamen und handelten, wie sie es in Griechenland tun, inklusive Mollies, wo möglich. Trotz der einen irre machenden Paranoia der Negristen, dass der Schwarze Block in Genua sich nahezu ausschließlich aus Bullen und Faschisten zusammensetzte, wurde das von Ya Basta! sorgsam geplante Drehbuch des „Sturms auf die Rote Zone“ zumindest teilweise von griechischen Anarchisten unterbrochen, die sich um solche absurden, inszenierten Schlachten mit der Polizei einfach nicht scherten. Aber auch wenn es einige Reisetätigkeit zwischen den verschiedenen Milieus aufständischer Anarchisten gab, brachte der Versuch, die sterbende Anti-Globalisierungs-Bewegung zu den Protesten gegen den EU-Gipfel 2003 nach Thessaloniki einzuladen, nur wenige Internationale nach Griechenlandx. Weitere Bemühungen um internationale Kontakte führten nur zu weiteren Spaltungen, für das European Social Forum 2006 wurden nicht weniger als vier separate anarchistische Gegen-Foren organisiert. Für einen Leser des Buches We Are Everywherexi schien die Anti-Globalisierungs-Bewegung überall zu sein, außer in Griechenland – obwohl es dort die größte anarchistische Bewegung Europas gibt.

Angezogen von den Bildern brennender Bullen und zerstörter Straßen, kamen nach dem Dezember 2008 Anarchisten aus aller Welt in hellen Scharen nach Griechenland. Obwohl diese Solidarität Teil einer langen und ehrenhaften Tradition ist, wie sie zum Beispiel durch die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg zum Ausdruck kam, brachten Anarchisten von außerhalb Griechenlands auch eine zunehmende Betonung der anarchistischen Identität mit. Als der Aufstand sich nach dem Dezember nicht zu einer ausgewachsenen Revolution ausweitete, zogen sich Splittergruppen der anarchistischen Tendenz in eine, um ihre Identität herum gebildete, anti-soziale Politik zurück – statt strategisch zu analysieren, welche Taktiken den Aufstand weitertragen könnten; vielleicht warfen sie der Bevölkerung unbewusst vor, nicht den Mut gehabt zu haben, sich zu erheben. Einige kamen überdies zu dem Schluss, dass die nachlassende Quantität der Angriffe irgendwie durch Steigerung der Intensität wettgemacht werden könnte, und so gab es ein ausgesprochen anarchistisches Revival der langen Tradition bewaffneter Guerilla in Griechenlandxii. Nach dem Dezember kam es vermehrt zu Aktionen älterer, sozial orientierter anarchistischer bewaffneter Gruppen, wie der Revolutionäre Kampf, sowie zur Bildung neuer anarchistischer Guerilla-Gruppen, wie der „Conspiracy of Cells of Fire“, rund um einen eher anti-sozialen und individualistischen Ethos. Während die anarchistische Identität in Deutschland als eine Zurückweisung der Form der bewaffneten Guerilla entstand, war der Inhalt der anarchistischen Identität und die Form der bewaffneten Guerilla in Griechenland kompatibler. Auch wenn es klar historische Gründe für die Unterschiede zwischen den griechischen und deutschen Erfahrungen mit Guerilla-Zellen gibt, sind es ebenfalls metaphysische Gründe, die Nihilismus und bewaffneten Kampf verbinden.

Vielleicht ist die anarchistische Identität des freien Individuums – trotz oberflächlicher Ablehnung des Kapitalismus – zugleich der am meisten verfeinerte Moment der bürgerlichen Metaphysik. Der „Anarchist“ ist nur insofern frei, als er jede Kraft ablehnt, die sein Begehren hindern könnte. Positiv ausgedrückt führte dieses Konzept des Individuums zum Projekt der Aufklärung: Menschenrechte, Demokratie und Freiheit. Dem Individuum wurde Befriedigung seiner stets wachsenden Wünsche durch den Kapitalismus versprochen, wobei Wünsche die absolute Freiheit des Individuums ebenso definieren, wie diese wiederum die Wünsche definiert. Wenn diese Mär auf die harsche Realität des endenden Kapitalismus und die daraus folgende Unfähigkeit dieser Welt trifft, die Wünsche der Individuen zu befriedigen, produziert das einen gewissen nihilistischen Individualismus. Wie die Geschichte zeigt, brachte das Projekt der Aufklärung nur Albträume hervor, so dass die einzige verbleibende Option genuin „freier“ Individuen, ihre Freiheit auszuüben, darin besteht, die Totalität der Welt zu zerstören – der Tatsache trotzend, dass ihre eigenen Kategorien des Denkens dem Kapital bereits untergeordnet sind. Die Gesamtheit der sozialen und kollektiven revolutionären Kraft wird auf das Individuum übertragen, das daraufhin, wenig überraschend, unvermeidbare Zeichen von Stress und Burn-Out zeigt, da es die systematische soziale Herrschaft des Kapitals nicht allein besiegen kann. In ehrlicher Verzweiflung wird die Intensität des Angriffs zum Zeichen der wahren Hingabe an die Sache, und nichts weiter. „Insurrektion“ wird auf eine Reihe Aktionen reduziert, die quantitative Logik des Warenkonsums auf Anzahl und Grimmigkeit der einzelnen Angriffe angewendet. Den Kapitalismus durch Akte der Zerstörung zu negieren ist der erste Schritt, um aber über den Kapitalismus hinauszugehen braucht es eine neue metaphysische Grundlage sozialer Beziehungen, außerhalb der Story vom Individuum und seinen Wünschen.

In Griechenland ist dieser anti-soziale Nihilismus leider zu einer Komponente anarchistischer Identität geworden, die an Bedeutung gewinnt. Vergessend, dass der soziale Krieg ursprünglich ein Werkzeug des Imperiums war, wird er von den Anarchisten selbst gegen alle diejenigen eingesetzt, die ihre Identität nicht teilen. Die Anarchisten können daraufhin guten Gewissens allen den Krieg erklären, die am Kapitalismus beteiligt sind, die Willkür polizeilicher Angriffe spiegelnd. Wiewohl es wahr ist, dass alle Bürger Komplizen des globalen Kapitals sind, so gilt das auch für Anarchisten, die zugleich innerhalb und gegen das Kapital existieren. Es geht nicht darum, dass die Anarchisten auf schlechte Art kämpfen im sozialen Krieg, sondern darum, dass sie darin mit dem Ziel agieren, andere Leute in Anarchisten wie sie selbst zu verwandeln. Ins absurde Extrem getrieben, werden Leute getötet, wenn sie sich nicht schwarz anziehen, falsche Sachen essen, nicht die „richtigen“ Freunde haben? Ein realistischeres Szenario ist, dass der Eintritt in einen unterschiedslosen sozialen Krieg die Anarchisten dahin führt, sich selbst als ewige Minderheit im stets verlorenen Krieg gegen die Gesellschaft wahrzunehmen, nie in der Lage, tatsächlich eine Revolution zu erreichen.

Als die Ereignisse im Mai 2010 die Maxime von Victor Serge bestätigten, dass „Unachtsamkeit auf Seiten der Revolutionäre schon immer der beste Helfer der Polizei war“, bot der Polizei die perfekte Ausrede, die Anarchisten in Griechenland zu isolieren und zu eliminierenxiii. Die Kombination aus bewaffnet kämpfenden Gruppen und einem achtlosen anti-sozialen Nihilismus ermöglichte Staat und Medien, Anarchisten als dahergelaufene spektakuläre Monster darzustellen, deren unsägliche Aktionen sogar den durchschnittlichen Mann-von-der-Straße ins Visier nehmen könnten. Dies im Widerspruch zur Wirksamkeit der „Hit and Run“ Aktionen auf der Straße, die viele Jahre lang eben nicht schief gegangen waren, und den wirklich von den bewaffneten Gruppen angegriffenen Zielen (Banken, Politiker, Polizei). Vielen Bürgern fiel es jedoch schwer, zwischen Realität und Spektakel zu unterscheiden. Die anti-sozialen Tendenzen der Anarchisten verhinderten außerdem, den zuvor Verbündeten in jenem kritischen Augenblick im Mai die Wahrheit des Aufstand mitzuteilen – was unter anderem bedeutet hätte, eine gewisse Verantwortung für diese Achtlosigkeit zu übernehmen und irgendgeartete Maßnahmen zu ergreifen, dies künftig zu verhindern. Dieses Schweigen führte zur Isolierung der Anarchisten und zum Stillstand des Aufstands; und das obwohl sogar einige der Arbeitskollegen verstanden, dass nur die Drohung gefeuert zu werden die Angestellten während des Streiks in der Bank gehalten hatte – dass somit die Bank zumindest einen Teil der Verantwortung für die Toten trägt.xiv Der soziale Krieg des Staates gegen die Bevölkerung ist der gegenwärtige, sich selbst erklärende Stand der Dinge, wenn hingegen Anarchisten der Bevölkerung den sozialen Krieg erklären, so ist das selbstmörderisch.

Die Krux des Problems liegt in der Identität selbst, nicht im Anarchismus. Statt eine wirkliche, auf geteilten Erfahrungen basierende kollektive Kraft zu schaffen, baut Identitätspolitik auf imaginäre Kollektivitäten, die vom Kapitalismus einfach zu manipulieren sind – was ein Weg ist, potentielle Revolutionäre zu spalten und zu beherrschen. Aus dem Blickwinkel von Staat und Kapital muss zur Identität insofern ermuntert werden, als sie die Einzelnen als „anders“ markiert, was ermöglicht, sie im sozialen Krieg aufzufinden und zu isolieren. Solange irgendeine Gruppe – die Schwarzen, die Anarchisten, die Moslems, die Juden, die Guerilla – entlang einer Identität isoliert werden kann, ist es möglich, sie zu zerstören. Die anarchistischen Aktionen explodierten nach den Tod von Alexis aus eben dem Grund, weil viele Jugendliche in griechischen Schulen sich mit Alexis identifizieren konnten – und viele Immigranten wiederum mit dem Hass auf Kapital und Polizei, den die Jugend zum Ausdruck brachte. Wären die Anarchisten ein von der Bevölkerung völlig isoliertes Element gewesen, wäre der Mord an Alexis außerhalb ihrer Kreise nicht einmal bemerkt worden. Es war genau das Fehlen einer sektiererischen anarchistischen Identität in Griechenland, die die Ereignisse vom Dezember zu einem Erfolg werden ließ, weil verschiedenste und zuvor voneinander getrennte Sektoren der Gesellschaft darin zusammenkamen. Wo der Aufstand an seine Grenzen stößt, muss die Identität der Aufständischen zerstört werden, soll sie nicht zum Hindernis für den Aufstand selbst werden. Ist es doch bei weitem besser, die Aufständischen zerstören ihre Identität als vom Staatsapparat physisch eingesperrt oder getötet zu werden.

Die letzte Chance, den Aufstand in Griechenland zu retten

„Das Feuer ist die physikalische Zeit; es ist diese absolute Unruhe, absolutes Auflösen von Bestehen, – das Vergehen von Anderen, aber auch seiner selbst; es ist nicht bleibend. Und wir begreifen daher (es ist ganz konsequent), daß Heraklit das Feuer als den Begriff des Prozesses nennen konnte, von seiner Grundbestimmung ausgehend. Dies Feuer hat er nun näher bestimmt, weiter ausgeführt als realen Prozeß; es ist für sich der reale Prozeß, seine Realität ist der ganze Prozeß, worin dann die Momente näher, konkreter bestimmt werden. Das Feuer, als dieses Metamorphosierende der körperlichen Dinge, ist Veränderung, Verwandlung des Bestimmten, Verdünstung, Verdampfung; denn es ist im Prozesse das abstrakte Moment desselben, eben so nicht sowohl Luft als vielmehr das Ausdünsten. Für diesen Prozeß hat nun Heraklit ein ganz besonderes Wort gebraucht: anathymiasis Ausdampfung (Rauch, Dünste von der Sonne); Ausdünstung ist hier nur oberflächlich die Bedeutung, – es ist mehr: Übergang.“

G.W.F. Hegel, Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie

Die Lehre des Mai 2010 sollte klar sein: Griechenland kann nicht die 1970er in Italien wiederholen. Aus einem gewissen Mangel an Kreativität heraus die Geschichte zu wiederholen, würde das wahre Potential der Ereignisse des Dezember verraten. Im Unterschied zu dem, wovon wir uns den Beginn eines neuen Zyklus des Kampfes in Griechenland erhoffen, war Italien letzte sterbende Aufwallung von 1968; eine Explosion, erfolgt aufgrund eines bestimmten Scheiterns der Unterordnung in der sehr eigentümlichen industriellen Entwicklung dieses Landes. Als sich die italienische Bewegung in den späten 70er Jahren ihrem Niedergang näherte, schloss sie sich ebenfalls bewaffneten Guerilla-Gruppen an und adaptierte eine bestimmte, historisch bereits überholte, arbeiterzentrierte Ideologie. Vielleicht noch weniger überraschend, traten einige ihrer Theoretiker, wie Negri, später als führende Stimmen der Anti-Globalisierungs-Bewegung wieder auf, bestand diese Bewegung doch selbst aus Aktivisten von 1968. Es ist nötig, dass wir über ’68 und Seattle 1999 hinauskommen. Die Ereignisse des Dezember in Griechenland zeigen uns einen Weg in Richtung neuer, originär aufständischer Inhalte, die den im letzten Jahrzehnt der Anti-Globalisierungs-Bewegung entwickelten Formen den nötigen Schwung dazu geben können. In Zeiten, in der die konterrevolutionäre Flut die Fragen von Strategie und Taktik unmöglich zu machen scheint, ist es ein leichtes, mit nahezu religiöser Inbrunst „revolutionär“ zu sein – warum sich also nicht noch einen Kaffee holen und ein weiteres Buch über vergangene Revolutionen lesen? In revolutionären Zeiten verlangt Revolutionär zu sein von einem, sich mit Mut und Intelligenz den wirklich schwierigen Fragen von Strategie und Taktik zu stellen.

Wenn eben jener Akt der Identifizierung konterrevolutionär ist, sollte der erste Akt aufständischen Inhalts darin bestehen, aus der subkulturell anarchistischen Identität zu desertieren, jener Ideologie des von der Bevölkerung getrennten „Aufständischen“. Die aufständische Frage sollte sich wandeln von „Wie steigere ich die Intensität eines Angriffs?“ in „Wie steigere ich die Zahl der am Angriff beteiligten?“ Da das erste Manöver im sozialen Krieg die Isolierung pro-revolutionärer Individuen ist – um sie davon abzuhalten, Netzwerke zu bilden, die aufständische Praxen in der Bevölkerung verbreiten könnten – sollten Aufständische anstreben, ihre sozialen Beziehungen zu vervielfältigen. Da das Bild davon „ein Anarchist zu sein“ die Vielfalt möglicher Beziehungen einschränkt, sollten Aufständische versuchen, Beziehungen zu haben, die das Terrain der in Identitäten ghettoisierten Gesellschaft kreuz und quer durchziehen. Um sich im sozialen Krieg zur Wehr zu setzen, muss der Aufstand die sozialen Beziehungen, auf denen er gründet, schaffen und mehren.

Der Aufstand könnte mehr Freunde haben, als wir annehmen. Mit der Identitätspolitik hält sich der Kapitalismus seinen wahren Albtraum vom Leib: dass eine Mehrheit der Bevölkerung wünscht, den Kapitalismus als solchen zu zerstören. Revolutionär sein, heißt glauben, dass die Idee des Aufstands mehrheitlich getragen werden kann; revolutionär dabei ist die konkrete Zerstörung der Herrschaft von Staat und Kapital im alltäglichen Leben der Bevölkerung – nicht nur in einigen anarchistischen Enklaven. Die Maxime Bakunins ist heute so wahr wie 1871: Wesentlich für meine individuelle Freiheit ist die Freiheit aller.xv Die wirklich wichtige Sache am Aufstand des Dezember war jener mehrheitliche Aspekt – dass ein großer Teil der griechischen Bevölkerung offen sympathisierte, und dass Gruppen, die zuvor außerhalb der anarchistischen Identität gestanden hatten, wie Schüler und Immigranten, auf die Straße gingen, die Polizei anzugreifen und Räume zu besetzen. Erst zu diesem Zeitpunkt offenbarte sich, dass die zuvor unbesiegbare Polizei, dass die Maschinerie des Staates so entflammbar ist wie ein Papiertiger.

Nach dem Dezember war die Frage nicht länger, wie den Aufstand „lostreten“ – wo, wann und wie angreifen – sondern, wie er in Gang gehalten werden kann. Hier geht es um mehr als spektakulären Terrorismus oder den Druck von noch mehr Plakaten; die Frage des Aufstands in positiver Weise zu beantworten erfordert, der Bevölkerung den ernsthaften Nachweis zu erbringen, dass sie auf diese Art ein besseres Leben haben kann als im Kapitalismus. Technische und praktische Fragen treten in den Vordergrund: Wie die Subsistenz und die notwendige Produktion selbst organisieren? Wie die Kinder erziehen, die Verteidigung aufbauen, für die Verwundeten und die Alten sorgen? In anderen Worten geht es nicht nur darum, den Raum zu öffnen für eine neue Form des Lebens, sondern auch darum, wie wir Raum dafür schaffen, dass sich eine Form des Lebens außerhalb des Kapitalismus reproduzieren kann? Wenn sich der Aufstand auflöst, könnte das daran liegen, dass es, obwohl er sich außerhalb des vom Kapital ererbten Sets gegebener Identitäten ausbreiten konnte (Anarchisten, Schüler, Immigranten), misslang, die Frage zu klären, wie er in Gang zu halten ist.

Glücklicherweise wird es für den Aufstand nicht allzu schwierig sein, die Welt besser zu versorgen als der Kapitalismus. Aus der Perspektive kommender Generationen wird offensichtlich, dass jetzt, da die Reproduktion der kapitalistischen Form des Lebens in der Krise ist, die beste aller Zeiten für den Aufstand ist. Griechenland ist vermutlich nur der Anfang; die Krise von 2008 und der folgende arbeitslose Aufschwung verweisen auf die Möglichkeit, dass der Kapitalismus selbst aufgrund der Überakkumulation von Kapital in einer dauerhaften Krise steckt. Drastisch vereinfacht haben die innovativen Technologien in der warenproduzierenden Industrie quer durch alle Produktionszweige für eine Akkumulation derartigen Ausmaßes gesorgt, dass der Profit sinkt und zur Produktion realer Waren weniger Arbeiter benötigt werden, dass daher kaum „neue Arbeitsplätze“ entstehen, was zur paradoxen Situation von einem Mangel an Arbeit bei gleichzeitigem Überfluss an Waren führt – was andere lange schon auf elegantere Art gesagt haben.xvi Der einzige Weg, die Profite zu steigern, liegt darin, Investitionen in Form von Finanztransaktionen weiter in spekulative Sektoren zu schieben, wie es seit den 1970ern passiert. Da es aber immer schwieriger wird, dieser Art spekulativer Waren einen Wert beizumessen, führt dies zur Finanzkrise. Das Kapital ist kraft seiner eigenen internen Dynamik in einer Krisen-Periode, es ist dies zugleich der Moment seiner höchsten Entwicklung wie sein immanentes Ende.

Entgegen dem störrischen Beharren der Politiker, dass es Jobs geben muss, wird es sie weder jetzt noch in Zukunft geben. Die wachsende Überakkumulation von Kapital macht selbst Arbeitsplätze in der Industrie weniger notwendig, die Arbeiter sind bereits Arbeitslose auf Abruf. Die Wette, die der soziale Krieg gegen die permanent wachsende Masse der Arbeitslosen hält, lautet, dass sie als Bürger untergeordnet werden können. Aber darin liegt ein Widerspruch, da im Kapitalismus Bürger sein damit gleichgesetzt wird, zugleich Arbeitnehmer zu sein. Da es aber keine Jobs mehr gibt, hat der soziale Krieg des Staates keine Bürgerschaft mehr zu bieten, und so bleibt den Finanzmärkten des globalen Kapitals keine andere Wahl, als den Staat durch Sparmaßnahmen auszudörren, um ihre Profite zu sichern. Da die Zukunft einer immer weiter steigenden Arbeitslosigkeit nirgendwo klarer ist als in Griechenland, überrascht es nicht, dass der durch Arbeitslosigkeit verwundbarste Sektor der Gesellschaft, die Jugend, sich als erste einem Aufstand anschließt. Die Schule ist eben jener Ort, an dem die Produktionsverhältnisse (die Zuordnung zu Jobs) reproduziert werden, in Griechenland jedoch kann selbst ein frischgebackener Doktor, der ein halbes Dutzend Sprachen fließend spricht, froh sein, eine Stelle als Kellner zu finden. Die zweiten, die revoltieren werden logischerweise die Immigranten sein, die anfällig sind für das Verschwinden noch der prekärsten Jobs in der Unterwelt der Ökonomie. Die letzten die revoltieren werden immer die Arbeiter sein, die ihre Identität und ihr Leben mehr als alle anderen in die Reproduktion des Kapitalismus investiert haben, und die in den letzten Jahren am meisten davon profitierten. Die Arbeiter, die letzten der Revolutionäre, sind jetzt, obwohl die Kommunistische Partei Griechenlands verzweifelt versucht, sie unter Kontrolle zu halten, dabei, sich dem Aufstand anzuschließen, wie ihr Verhalten im Mai 2010 zeigte.

Aus welcher Quelle speist sich der aufständische Prozess in Griechenland, dem sozialen Krieg des Staates zum Trotz? Die Antwort ist jedem klar, der das Land besucht hat: Ursprung des Aufstands in Griechenland sind die vielfältigen sozialen Beziehungen der Menschen. Was im Vergleich mit den trostlosen Straßen der Städte Nordeuropas oder Nordamerikas auffällt, wenn man durch die Straßen von Exarcheia oder selbst einem kleinen griechischen Dorf läuft, dass einfach überall Leute sind, schwatzend, Frappé trinkend, umher schlendernd – überhaupt nicht arbeitend. Nahezu einzigartig im modernen Europa, ist das Leben in Griechenland noch durchzogen von zahllosen reichen sozialen Beziehungen, was die Straßen Athens als im Wesentlichen sozialen Raum bestehen lässt. Es erklärt sich von selbst, dass der Ursprung ihrer aufständischen Stärke in der historischen Tatsache gründet, dass Griechenland niemals den industriellen Kapitalismus und den damit verbundenen Prozess der Unterordnung durchlebte: ein großer Teil der Bevölkerung kam aus einer agrarischen Welt direkt in die Welt des postmodernen Spätkapitalismus. So sind die sozialen Beziehungen noch weitgehend intakt; es gibt noch zusammen lebende Großfamilien, Leute kehren im Sommer in ihr Heimatdorf und auf die Inseln zurück, Banden von Freunden wachsen zusammen im gleichen Viertel auf, die orthodoxe Kirche zelebriert merkwürdige Feuerrituale – und warnt vor multinationalen Konzernen, die „kein Gesicht haben“. Die Bevölkerung traut dem Staat nicht, sieht ihn bestenfalls als etwas an, das man beklauen oder zerstören kann, da Kapitalismus als Praxis am besten der Familie oder den Individuen überlassen bleiben sollte. Athen ist weniger Metropole wie Paris oder London, sondern eher als Mega-Dorf im Prozess der Transformation in eine ordentliche kapitalistische Metropole zu denken, ein hoffnungsloses Amalgam sozialer Beziehungen, basierend auf Freundschaft, Tratsch und Familie (und ist daher oft auf regressive Art repressiv). Entgegen Negri wurde Griechenland nie in eine „soziale“ Fabrik verwandelt (Facebook noch viel weniger!), die Subjektivität der Griechen bleibt ein Bollwerk des Widerstands gegen das Kapital. Der Mord an Alexis provozierte und mobilisierte diese vorkapitalistische Subjektivität – wie jede vorkapitalistische Subjektivität, kennt sie einen Sinn für Blutschuld, die dem achtlosen Mord, wesentlichem Bestandteil des Kapitalismus, fremd ist.

Diese vorkapitalistische Subjektivität dient als verborgenes soziales Reservoir des Widerstands gegen die kapitalistische Unterordnung, aber gibt es sie einzig und allein in Griechenland? Sicher nicht – wenn die vorkapitalistische Subjektivitäten irgendwo zuhause sind, dann bei den Verarmten rund um den Globus. Dem allgemeinen Verrat Stalins, seiner Zerstörung jeder Art „fortschrittlicher“ antikapitalistischer Politik, ist es gleichermaßen geschuldet wie der Unfähigkeit der erneuerten anarchistischen Bewegung der letzten zwei Jahrzehnte, ihrer eigenen minoritären Identitätspolitik zu entfliehen, dass die Bevölkerung in Krisenzeiten immer mehr zurückfällt in vorkapitalistische Subjektivitäten. Einige davon sind klassisch nationalistische oder ethnische „rechte“ Bewegungen, obwohl es viele gibt, die zumindest oberflächlich für den Abbau des Staates sind (wie die Tea Party in den USA) oder internationale religiöse Kräfte (politischer Islam). Ferner können Subjektivitäten wie diese kompatibel sein mit dem Kapital, und werden somit gleichzeitig als dessen Avantguarde vereinnahmt. Damit ist insofern zu rechnen, als die falsche Dichotomie zwischen Objektivität und Subjektivität selbst Produkt des Kapitals ist, und viele dieser „vorkapitalistischen“ Subjektivitäten wenigstens zu einem Teil Eigenkreationen des spektakulären Kapitalismus sind.

Die Situation, in der die griechische Subjektivität dem Aufstand als Basis diente, zeigt, dass selbst vorkapitalistischen Subjektivitäten eine Wahrheit zum Ausdruck bringen können, die dem Kapital antagonistisch gegenübersteht, eine Wahrheit, die hervorbrechen kann als ein Aufstand. In dieser historischen Periode kann ein homogener Internationalismus nicht mehrheitsfähig sein. Die einzige abstrakte Wahrheit, die die Identitätspolitik wiederspiegelt ist, dass die Masse der Subjektivitäten in ihrem Herzen gewisse Wahrheiten über die Herrschaft tragen. Muss sich der Aufstand also auf vorkapitalistische Subjektivitäten stützen? In dieser Logik gäbe es für vollständiger untergeordnete Formen des Lebens, an Orten wie den USA, Großbritannien oder Deutschland, keine Hoffnung auf Aufstand – außer vielleicht für nicht integrierte Immigranten und ewige Unterklassen (afrikanische Amerikaner, keltische Minderheiten, türkische Gruppen). Schlimmer noch wird die Sache, wenn der aufständische Prozess mit halbgarem Nationalismus zusammengepackt wird – „Na klar machen sie einen Aufstand, so sind sie, die Griechen“. Diese Gebräu lässt die elementarste Wahrheit außen vor: Das Empire sind die wahrhaft universellen katastrophalen Bedingungen, vom Kapital geschaffen.

Diese gemeinsamen Bedingung Katastrophe, herbeigeführt durch Unterordnung aller Formen des Lebens unters Kapital, ist die reale Abstraktion, die quer durch alle Unterschiede hindurch Einigkeit begründen und somit einer neuen Internationalen echten Inhalt bieten kann. In dem Maße, wie die gelebte Erfahrung von Herrschaft und Zerstörung eine gemeinsame Erfahrung ist, reduzieren sich alle Unterschiede zu Kontingenzen, obwohl der aufständische Prozess diese regionalen Varianten der Subjektivität freilich berücksichtigen muss. Da das Kapital vielmehr eine historische als eine transzendentale Kraft ist, ist es nicht überraschend, dass der Grad der Unterordnung von Region zu Region variiert. Daher sollten Aufständische weder warten, bis die Kräfte der Unterordnung sich angleichen (was theoretisch möglich, aber aufgrund regressiver Kräfte und Krise unwahrscheinlich ist) noch auf importierte Identitäten zählen. Vielmehr gilt es, zuerst die gemeinsamen Bedingungen bei sich zuhause zu erkunden, um den spezifischen Widerstand zu entdecken, den jede der vorkapitalistischen Subjektivitäten der universellen Wahrheit kapitalistischer Unterordnung gegenüber zum Ausdruck bringt. Dies verlangt von Revolutionären, die Unterschiede ihrer Lebenswelten auf taktischer Ebene zu bekräftigen, während sie sich auf strategischer Ebene weltweit vereinen. In Griechenland müssen sich Aufständische sorgfältig einstimmen auf die Themen Bürgerkrieg und totale Freiheit, die in einer Gesellschaft, die jahrhundertelang unter Fremdherrschaft lebte, überall Resonanz finden, während in Großbritannien ebenso die gewaltsame Enteignung des Landes der Bauern (damit die tief in die britische Subjektivität eingeschriebene Liebe zu Land und Tieren) wie die historische Niederlage der Welt der Arbeiter unter Thatcher bedacht werden will. Es gilt, die Geschichte jeder einzelnen vorkapitalistischen Subjektivität zu verstehen, damit das Konzept des Aufstands so weiten Kreise ziehen kann wie irgend möglich; statt auf die Vergangenheit zurückzuschauen, muss der Aufstand eine neue Art Subjektivität schaffen, im Horizont einer lebendigen Anarchie, die erst noch kommen wird.

Der Aufstand kann – und muss – auf eine Weise überdacht werden, die die Mehrheit im Blick hat. Während es unmöglich sein mag, Identität als solche komplett zu zerstören, können Aufständische ihre Identität als „Aufständische“ abschaffen, indem sie auf eine Weise handeln, die dazu neigt, die inhärenten Grenzen eines, in Identitäten aufgeteilten, sozialen Terrains aufzulösen – statt in die noch isoliertere Subjektivität des „Anarchisten, der eine Kritik an Identität hat“ zurückzufallen. Solche separatistische Identitäten auflösende Handlungen zeigen – von Propaganda über direkte Aktion ins tägliche Leben – dass es eine neue kollektive Kraft gegen den sozialen Krieg gibt, eine „offene Verschwörung“, bei der alle mitmachen können, die neue soziale Beziehungen herstellt, die, auf welche Art auch immer, Bedeutung haben. Der aufständische Prozess ist kein sozialer Krieg einiger einsamer, in die ewige Minderheit verdammte Anarchisten; sondern die Erneuerung der sozialen Beziehungen der Menschheit, die den sozialen Krieg beendet, denn indem die Vermittlung durch die Ware in diesem Prozess abgeschafft wird, werden alle Beziehungen als unmittelbar soziale offenbar. Wenn sich der Aufstand ausbreitet, wird es Zeichen seines Erfolges sein, dass die Revolutionäre ununterscheidbar werden von der Bevölkerung, konkrete Materialisierung dessen, was selbst Marx in seiner Theorie von der Selbstabschaffung des Proletariats erahnte.

Die Revolution ist der Horizont, nach dem der Aufstand strebt, andernfalls werden alle Handlungen zum reinen Widerstand gegen einen als dauerhaft angenommen kapitalistischen Zustand. Statt das kollektive Wissen der Anti-Globalisierungs-Bewegung pauschal zu verwerfen, kann der aufständische Prozess der Netzwerk-Form neue Inhalte einhauchen, indem er ihr Wissen allen zugänglich macht – allerdings in Perspektive des Aufstands. Der erste Schritt besteht darin, die Fundgruben technischen Wissens für die Bevölkerung zu öffnen, statt diese Techniken nur mit jenen zu teilen, die in irgendeine absurde Identität „passen“. Die Herstellung eines Molotow-Cocktails sollte nicht Geheimwissen „gipfel-hoppender“ Anarchisten sein, sondern eine Technik, die jedes Schulkind kennt. Die Fertigkeiten Nahrungsmittel zu produzieren und Häuser zu bauen nicht auf bürgerliche Hobby-Gärtner und Heimwerker beschränkt, sondern Teil jenes gemeinsamen Erbes, das alle Eltern ihren Kinder beibringen. Der Mut in einer Versammlung zu sprechen nicht Aufgabe einiger weniger „professioneller“ anarchistischer Männer (die dazu neigen, immer das Gleiche zu sagen), sondern geteilte Fähigkeit noch der zurückhaltendsten Männer und Frauen. Einige glauben, dass die anarchistische Identität als Ideologie notwendig ist, um den Widerstand gegen die Autorität in der allgemeinen Bevölkerung zu verbreiten. Was immer zur Verbreitung von Widerstand gegen die Autorität notwendig ist; noch eine weitere Identität, noch ein weiteres Buch, warum Autorität „schlecht“ ist, braucht es jedenfalls nicht. Widerstand gegen die Autorität – genuin gelebte Anarchie – kann sich durch reale kollektive soziale Beziehungen verbreiten, im Lernen, sich zu organisieren, auf dass die Bevölkerung über die materielle Basis verfügt, um sich der Autorität zu widersetzen. Andernfalls bleibt anarchistische Ideologie purer Idealismus, die den autoritären Dynamiken der Macht mittellos gegenübersteht.

Offene Versammlungen sind die primäre Form, die es aufständischen Inhalten erlaubt, bei all denen auf Resonanz zu stoßen, die interessiert genug sind, an den Versammlungen teilzunehmen. Auf diese Art breiten sich Netzwerke mit revolutionären Inhalten aus. Es ist fast schon traurig, dass der Fokus auf Feuer und Flamme in Griechenland viele auswärtige Beobachter dazu führt, die offenen Versammlungen zu versäumen, die in den besetzten Universitäten stattfinden, und die sich selbst in Häusern der Gewerkschaften und kleinen Dörfern ausbreiteten. Versammlungen und Besetzungen von Gebäuden bieten den Raum, in dem sich neue Arten sozialer Beziehungen herausbilden und vervielfältigen können, so dass zuvor isolierte und voneinander atomisierte Leute eine kollektive Kraft bilden können. Bekanntlich wurden derartige Versammlungen in Argentinien schließlich von Autoritären und Linken kooptiert. Um das zu vermeiden, sollten sich aufständische Versammlungen qualitativ von jeder sogenannten „konstituierenden“ Versammlung unterscheiden, welche nur einen weiteren Staatsembryo schafft. Die selbstbewussteren aufständischen Elemente sollten sensibel auf alle Zeichen von Kollaboration mit dem Staat oder dem professionellen Aktivismus achten – und ihr die Tür weisen. Ebenso sollte Sorge getragen werden, der Verammlung keine singuläre Sichtweise aufzudrängen – oder, schlimmer noch, eine Identität. Die Form dieser Versammlungen wird sich von den Konsens-Treffen der Aktivisten unterscheiden. Für die meisten Dinge spielt es kaum eine Rolle, einen Konsens zu haben (wenngleich er natürlich, wo nötig, benutzt werden sollte), viel mehr kommt es darauf an, ein gemeinsames Gefühl wie den Raum dafür zu entwickeln, um Taktiken und Strategie zu diskutieren.

Diese aufständischen Versammlungen sollten eine neue Art Fragen stellen, die über den Protest auf der Straße hinausgehen. In einem Zeitalter, in der alle politischen Ideen tot sind, können in diesen Versammlungen jene post-politisch materiellen Fragen gestellt werden, wie die Kontrolle über das Leben vom Kapital zurückerobert werden kann: Wie Kinder erziehen und die Verwundeten pflegen, wie nie wieder lohnarbeiten und doch Brot und Wein auf dem Tisch haben, wie eine Ökonomie zerstören und zugleich ohne sie leben? Im einzelnen wird keine der Versammlungen die Antworten auf alle Fragen haben; oft wird das benötigte technische Wissen einfach woanders sein, weshalb der Aufstand wachsen und mehr und mehr Leute umfassen muss. Vielleicht muss die Versammlung zu den verzweifelten Fabrikarbeitern gehen, den alten Bauern, den isolierten Computertechnikern, den ausgestoßenen Immigranten, die weiter an ihrer Form des Lebens festhalten, und sie als Komplizen gewinnen, durch die ehrlich und direkt gestellte Frage: Wie können wir eine neue Form des Lebens ohne Kapitalismus schaffen? Angesichts des Asyls der Universitäts-Besetzungen in Griechenland, ist dort erdenklich einfacher als in vielen anderen Ländern, einer offenen Versammlung im Aufstand einen Ort zu gebenxvii, dennoch können sich in allen Ländern Versammlungen dieser Art bilden. Nachdem die Aufregung der Riots sich legt, ist die offene und aufständische Versammlung von äußerster Wichtigkeit, um weiterzumachen.

Die Beziehung zwischen Aktion und Anwachsen des Aufstands ist komplex. Das technische Niveau der Aktionen breitet sich idealerweise in gleicher Geschwindigkeit wie das verallgemeinerte Niveau des Bürgerkriegs aus, um den Aufstand nicht vorzeitig zu isolieren. Natürlich gibt es eine Tendenz zur Klandestinität, sobald die Repression öffentliche Formen des Aufstands wie Demonstrationen oder Versammlungen angreift. Allerdings ist die wachsende öffentliche Unterstützung wichtiger für den Aufstand als der angerichtete Schaden. Eine Taktik ist, sich auf Aktionen zu konzentrieren, die einfach nachgemacht werden können, was die spektakuläre Beziehung zwischen passiven Bürgern und professionellen „Aufständischen“ untergräbt. Wir wissen, dass in Griechenland sogar einige der Schulkinder Barrikaden bauen und auf der Straße gegen die Polizei kämpfen. Manchmal kann sogar die Macht des Spektakels den Aufstand verbreiten: der brennende Weihnachtsbaum führte allen in Griechenland vor Augen, dass die symbolische Ordnung des Kapitalismus sich auflöst und etwas neues passiert. Der wichtige Aspekt des Angriffs ist also nicht der Angriff selbst, sondern ob er, zusammen mit anderen Aktivitäten, den Aufstand verbreitet oder nicht – genau das tat der Angriff auf den Weihnachtsbaum, in Kombination mit tausenden Plakaten, die zu Treffen im Polytechnikum oder sonstwo aufriefen, um zu diskutieren, was als nächstes zu tun ist, zusammen mit tausenden anderen Angriffen. Direkte Aktionen sind die Ausbreitung und Selbstverteidigung einer neuen Form des Lebens und können daher sogar neue und intensivere soziale Beziehungen zwischen Komplizen schaffen, unabhängig vom Grad ihrer Beteiligung an der Aktion.

Mit jeder neuen Form des Lebens entsteht zugleich eine neue Metaphysik. Diese neue Art zu Sein kommt allein durch eine kleine Verschiebung zustande, die aber den Unterschied ums Ganze macht. Diese neue Art Metaphysik ist kein bloßer Idealismus, sondern eine neue materielle Art, in der Welt zu sein. Nehmen wir zum Beispiel an, eine Versammlung in einem öffentlichen Raum plant eine Demo. Im Lichte kapitalistischer Metaphysik isolierter Individuen betrachtet, kann ein Individuum, das einen Vorschlag vorbringt sehr mutig erscheinen, während ein anderes Individuum, das einige Befürchtungen zum Ausdruck bringt, dass der Plan vielleicht nicht funktioniert, für einen Feigling gehalten werden könnte. Betrachtet man die Versammlung hingegen durch die Linse einer neuen Metaphysik, die die soziale Beziehungen als Grundlage der Realität annimmt, drückt eine Person eine Art Mut aus, die in allen Resonanz findet, während eine andere, nicht weniger stichhaltig, die Bedenken und Ängste äußert, die von allen in der Versammlung empfunden werden, die sie aber zu feige waren auszusprechen. Flüsse von Angst und Mut branden wie Wellen durch die Versammlung, bis sie sich entweder in reine Individuen auflöst oder in eine Phase des Übergangs zu einer neuen Art Kollektivität eintritt, was sie dazu führt, als ein Körper einen Plan zu artikulieren. Die Handlung selbst wird zur Äußerung einer kollektiven Intelligenz.

War Italien in den 1970ern letzte Aufwallung des Mai 1968, so war der Aufstand in Griechenland 2008 etwas Neues: Der erste Schlag in einer neuen Runde des globalen Bürgerkrieges nach der Finanzkrise 2008. Das Terrain der Schlacht hat sich zwangsläufig verändert. Der soziale Krieg kann nicht mit den militaristischen Mitteln einer Avantgarde-Partei bekämpft werden, selbst wenn diese avantgardistische Partei mehr den Inhalt eines anarchistischen Aktivismus oder Nihilismus hat als einen leninistischen. Stattdessen kann der soziale Krieg nur durch Vervielfältigung neuer Formen von sozialen Beziehungen bekämpft werden, die etwa von den zeitweilig in einem Riot oder einer Besetzung entstehen Freundschaften ausgehen können, die daraufhin bestimmen, welche materielle Organisierung nötig ist, um sie bis zu dem Punkt zu tragen, an dem sie sich aus eigenem Antrieb reproduzieren können. Der soziale Krieg kann uns nur angreifen, wenn wir allein sind, aber in offenen Versammlungen wie vom privatesten Zimmer aus kann der einsame Bürger, einer nach dem andern, dazu beitragen, jene kollektive Intelligenz zu formen, die nötig ist, um den Aufstand zu verbreiten und zu verteidigen. Anarchisten müssen sich nicht länger damit zufrieden geben, die ewigen Verlierer im sozialen Krieg zu sein. Sie können ihrer Identität entkommen und schlicht zu den ersten werden, die vom sich ausbreitenden allgemeinen Gefühl des Aufstands berührt werden – und somit die Verantwortung auf sich nehmen müssen, die materielle Organisierung des Aufstands durch Wiederaneignung der toten Formen des Aktivismus ins Sein zu rufen, ihnen mit aufständischen Inhalten Leben einzuhauchen.

Die Ereignisse des Dezember 2008 war der erste Moment eines globalen aufständischen Prozesses. Ein Prozess, der in anderen Ländern Jahre brauchen könnte (oder auch nicht), sich auf griechisches Niveau zu entwickeln. Unglücklicherweise war absehbar, dass sich der griechische Aufstand nicht außerhalb des Landes ausbreiten würde, außer auf ein paar isolierte Anarchisten. Schlimmer noch sieht es so aus, als ob das Feuer, das Funken zu sprühen schien in Griechenland, nach den Ereignissen vom Mai 2010 erloschen ist. Aber was wie das Erlöschen des Aufstands erscheint, ist vielleicht nur ein zeitliches Auseinanderfallen des griechischen Aufstands von anderen Momenten des globalen Aufstands. Die weitere Intensivierung der Befriedungsoperationen im sozialen Krieg geht insofern bereits heute nach hinten los, als überall auf der Welt Leute arbeitslos werden, es so zunehmend schwierig wird, die tiefe existentielle Krise der kapitalistischen Arbeit zu vermeiden, was diese, ausgelöst durch den materiellen Zusammenbruch des Kapitals zwingen könnte, Position zu beziehen. Langfristig steht es für die Sache eines globalen Aufstands mit dem Fall der globalen Profitrate des Kapitals und möglichen Grenzen des Wachstums nicht schlecht. Kurzfristig könnte es auch über Nacht zu Aufständen kommen und jeder aufständische Moment wird seinen eigenen Charakter annehmen. In Frankreich schlossen Schüler und Jugendliche aus den Banlieus, deren Revolten 2005 und 2006 noch völlig durch ihre Identitäten getrennt voneinander abgelaufen waren, 2010 ihre Kräfte zusammen und machten gemeinsame Sache mit streikenden Arbeitern gegen das Kapital – und das ohne starke, exemplarische Aktionen bietende anarchistische Bewegung. Selbst nach dem Mai 2010 deuten alle Zeichen darauf hin, dass die Menschen in Griechenland außerstande sein werden, weitere Kürzungen hinzunehmen, so dass der griechische Aufstand in jedem Moment mit erneuerter Grimmigkeit zurückkehren könnte. Der aufständische Prozess sollte nicht als bloße Serie konkreter Aufstände gefasst werden, der stets mit Ende dieser Momente erlischt, sondern als das Band, das jeden der konkreten sichtbaren Momente zu einem globalen fasst.

Es kann Aufgabe unserer Generation sein, das Potential aller gescheiterten Aufstände zu vollenden. Das bedeutet, dass der künftige Aufstand in Griechenland über die Grenzen von 2008 hinausgehen muss: mehr als bloß die Zerstörung von Schaufenstern in einer Art feurigen Apokalypse, signalisiert der Aufstand den schwierigen Übergang zu einer neuen Form des Lebens jenseits von Kapitalismus und Staat. Diese neue Form des Lebens muss mit einer neuen Art Metaphysik einhergehen, die sich nicht länger auf individuelle Identität gründet, und es ist diese neue kollektive Metaphysik, die wir erahnen, wenn wir uns verlieren in einem Rave, uns verlieben, uns einem Riot anschließen – was exakt der Grund ist, weshalb wir zu solchen Ereignissen immer wieder zurückkehren. Auf einer eher unterirdischen Ebene ist es sogar möglich, dass sich ein solches Gefühl überall im Alltag der Bürger des Empire ausbreitet. Dies zeigt die folgende wahre Begebenheit, die auch apokryphisch sein könnte:

Als die Finanzkrise weiter ihren Preis von Griechenland forderte, verfasste ein britisches Magazin ein Expose, das enthüllte, dass die Griechen – entgegen allen Lehrsätzen des guten Bürgers! – Geld für Parties und absurd teure Geschenke ausgeben. Als der BBC-Reporter einen der Griechen fragte, wie er feiern könne inmitten der Krise, antwortete der Partygänger „Alle haben ein schönes Leben verdient“.

Andere Wege zu einem schönen Leben sind möglich; ein sehr schönes Lächeln ist in den Gesichtern derer zu sehen, die sich an den Aufstand vom Dezember erinnern. Genau wie die Metaphysik der westlichen Zivilisation in Athen geboren wurde, so muss sie dort sterben. Möge etwas schöneres aus ihrer Asche erwachsen.

Anmerkungen

i„Sie alle sollen gehen!“ Ein weitverbreiteter Slogan der Beinahe-Revolution in Argentinien 2001. Darin sind sich viele einig: Piqueter@s, ihres Lebensunterhalts beraubte ArbeiterInnen, die mit Straßenblockaden gemeinsam um ihr Auskommen kämpfen, carceroler@s, um die Zukunft besorgte Leute aus der Mittelklasse, die mit Topfdeckeln bewaffnet Lärmdemos veranstalten und schließlich die ahorrist@s, die in der Bankenkrise 2001 alle Ersparnisse ihres Lebens verloren. Schnell tauchen prinzipielle Fragen auf: Wozu brauchen wir eine Regierung, wenn wir doch für alles extra zahlen? In den folgenden Wochen schicken sie eine Regierung nach der nächsten in die Wüste. Die Leute beginnen sich selbst zu organisieren und entfalten dabei enorme Kraft. Leider ist die kollektive Erinnerung an diese Kämpfe zwischen Genua und Anti-Terror-Kriegen etwas abgesoffen [fussnote der übersetzerin – f.d.ü.]

iiHier das Volk vs. die Herrschenden – ein Riesenunterschied, der aber in dtl, wo noch in der jüngsten Vergangenheit des Anschluss-Ost 1989 die Parole „Wir sind das Volk“ von Strategen der CDU problemlos in „Wir sind ein Volk“ umgemünzt werden konnte, alles andere als evident ist. Dies als Hinweis, dass die Doppeldeutigkeit des Volkes trotz Faschismus streitbar bleibt. Zur Parolen-Wende http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/laenderreport/421153 [f.d.ü.]

iiiSiehe dazu auch den Artikel „Spatial Legacies of December and the Right to the City“ von Dimitris Dalakoglou und Antonis Vradis im 2011 erschienenen Buch Revolt and Crisis in Greece: Between a Present yet to Pass and a Future still to Come, in dem auch dieser Text zu finden ist http://en.contrainfo.espiv.net/files/2012/05/ol-book.pdf

ivSchwer vorstellbar für Leute, deren Vorfahren die Welt mehrfach in ein grausames Blutbad stürzten, ist der Begriff Kriegsmaschine hier durchaus positiv gemeint. Er stammt aus dem Buch Tausend Plateaus: Kapitalismus und Schizophrenie II von Gilles Deleuze/Félix Guattari, das leider nicht online zu finden ist. Nicht der als Killer in die Maschine assimilierte Mensch, sondern der Krieger in nomadische Gesellschaften (als Gegen-Modell des Staates) steht dem Begriff vor. In Ländern, in denen Deleuze bekannter ist als in dtl nutzen GenossInnen dieses Bild ohne Furcht, als Fürsprecher einer soldatischen Mentalität missverstanden zu werden, die keine Fragen mehr stellen braucht und den einmal als richtig bestimmten Weg einfach bis zum Ende geht. Will ja keiner, oder? [f.d.ü.]

vDie Auflösungserklärung des Projekts Flesh Machine http://www.occupiedlondon.org/blog/2010/05/11/289-the-morbid-explosion-of-ideology/

viAlain Badiou „The Communist Hypothesis“ in New Left Review # 49, Winter 2008

viiLaut Genossen, die dort waren, tauchte der „Schwarze Block“ erstmals als Parodie auf K-Gruppen-Demoblöcke am 1.Mai 1980 auf, als lockerer Spruch, um mit dem militanten Teil der Demo eine andere Richtung einzuschlagen. Ein Jahr später versucht die Polizei eine terroristische Vereinigung nach §129a aus dem Schwarzen Block zu machen, was nicht so recht gelingt. Die Medien machen eine Welle und die Autonomen ihre Witze darüber. Irgendwann ging die ironische Hälfte dieser Geschichte ein bisschen unter. Siehe auch Wolf Wetzel Die Hunde bellen… von A bis RZ: Eine Zeitreise durch die 68er Revolution und die militanten Kämpfe der 70er bis 90er Jahre [f.d.ü.]

viiiSiehe Eyal Weizman „The Art of War“ http://www.frieze.com/issue/article/the_art_of_war/

ixOb dies wirklich der Text ist, den Alex in seiner Fußnote meint? Er gibt keinen Titel an. Auf jeden Fall ist er gut, um zu verstehen, warum einige Deleuze-Fans auf seltsamen Pfaden wandeln. http://www.scribd.com/yavuzodabasi/d/24411363-Frederic-Jameson-Marxism-and-Dualism-in-Deleuze

xTatsächlich hinterließen die EU-Gipfelproteste einen bleibenderen Eindruck in Griechenland, da sie einen Graben aufrissen zwischen der aufständisch-anarchistischen und der eher links-populistischen anti-autoritären Bewegung.

xiNotes from nowhere (Hg) Wir sind überall: weltweit, unwiderstehlich, antikapitalistisch http://www.weareeverywhere.de

xiiDie griechische Tradition der Guerilla-Gruppen reicht über Generationen zurück zum Krieg gegen die Nazis und die Militärjunta; das spektakuläre Scheitern der Rote Armee Fraktion spielt kaum eine Rolle darin.

xiiiVictor Serge „Was der Revolutionär über Repression wissen muß“ (1926). Online leider nur auf englisch http://www.marxists.org/archive/serge/1926/repression/index.htm.

xvMichail Bakunin „Man, Society, and Freedom“ (1871)

xviInsbesonere A. Benatav „Misery and the Value Form“ in Endnotes (2), 2010 http://endnotes.org.uk/articles/1

xviiNach der brutalen Räumung des besetzten Polytechnio 1973 wird der 17.November zum Symbol des Widerstands gegen die Militärdiktatur. Praktische Nachwirkung ist das „Asyl“ der Universität, d.h. das Gebot, dass kein Polizist seinen Fuss auf den Campus setzen darf – woran sie sich tatsächlich fast immer halten. [f.d.ü.]

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