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January 16, 2013

Von der Politik zum Leben: Anarchie vom Mühlstein der Linken befreien

Filed under: deutsch — translationcollective @ 1:56 pm

von Wolfi Landstreicher

von der politik zum leben – PDF

Von der Zeit an, als der Anarchismus zum ersten Mal als eine klar radikale Bewegung definiert wurde, wurde er mit der Linken assoziiert. Doch diese Zugehörigkeit ist nie einfach gewesen. Linke, die in Machtpositionen waren (inklusive derjenigen, die sich selbst Anarchisten nannten, wie die Anführer der CNT und der FAI in Spanien 1936-37) fanden das anarchistische Ziel der totalen Transformation des Lebens und das konsequente Prinzip, das die Struktur schon in den Mitteln des Kampfes existieren sollte, als Behinderung ihrer politischen Programme. Wirklicher Aufstand brach immer weit ausserhalb jeden politischen Programms aus und die kohärentesten Anarchisten sahen die Verwirklichung ihrer Träume genau an diesem Ort ausserhalb. Dennoch nahmen die führenden Anarchisten oft wieder ihren Platz als das „Gewissen der Linken“ ein, wenn die Feuer des Aufstands sich wieder abgekühlt hatten (und manchmal sogar wenn sie noch hell brannten, wie in Spanien 1936-37). Doch wenn die Ausdehnung anarchistischer Träume und der Grundsätze die sie einschliessen eine Behinderung der politischen Modelle der Linken ist, so sind diese Modelle ein weit grösserer Mühlstein um den Nacken der anarchistischen Bewegung, der sie mit einem „Realismus“ der nicht träumen kann, herunterzieht.

Für die Linke ist der soziale Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung hauptsächlich ein politisches Programm, welches es zu mit allen nützlichen Mitteln zu verwirklichen gilt. Solch ein Konzept benötigt offensichtlich eine politische Methodik des Kampfes und solch eine Methodik kommt nicht darum herum einigen der wichtigsten anarchistischen Grundsätzen zu widersprechen. Zu aller erst ist Politik als eine ausgeprägte Kategorie sozialer Existenz die Abspaltung der Entscheidungen, die unser Leben bestimmen, von der Ausführung dieser Entscheidungen. Diese Abspaltung haust in den Institutionen, die diese Entscheidungen machen und verhängen.. Es ist relativ unwichtig wie demokratisch oder Konsens bestimmt diese Institutionen sind; die Spaltung und Institutionalisierung, die der Politik innewohnen, bedeutet immer ein Aufzwingen, schlicht weil es für sie notwendig ist, Entscheidungen zu treffen bevor die Umstände auf die sie sich beziehen, eingetreten sind. Dies macht es notwendig, dass die Entscheidungen in Form allgemeiner Grundsätze erscheinen, die immer in bestimmten Situationen angewendet werden können, ohne auf die jeweiligen Umstände zu achten. Die Samen ideologischen Denkens – in welchem eher Ideen die Aktivitäten der Individuen beherrschen, als dass sie den Individuen dazu dienen ihre eigenen Projekte zu entfalten – können hier gefunden werden, doch darauf komme ich später zurück. Von gleicher Wichtigkeit, aus anarchistischer Sicht gesehen, ist die Tatsache, dass die Macht bei den entscheidungstreffenden und erzwingenden Institutionen liegt. Und beim linken Konzept des sozialen Kampfes geht es genau darum, diese Institutionen zu beeinflussen, sie zu übernehmen oder alternative Versionen dazu zu schaffen. Mit anderen Worten ist es ein Kampf, der dazu dient institutionalisierte Machtverhältnisse zu verändern und nicht sie zu zerstören.

Dieses Konzept des Kampfes, mit seiner programmatischen Basis, benötigt eine Organisation als ein Mittel um diesen Kampf auszutragen. Die Organisation repräsentiert den Kampf, weil er der konkrete Ausdruck seinen Programms ist. Wenn die Beteiligten dieses Programm als revolutionär und anarchistisch definieren, dann repräsentiert die Organisation Revolution und Anarchie für sie und die Stärke der Organisation wird mit der Stärke des revolutionären und anarchistischen Kampfes gleichgesetzt. Ein eindeutiges Beispiel dafür kann in der spanischen Revolution gefunden werden, wo die Führung der CNT, nachdem sie die Arbeiter und Bauern Kataloniens dazu inspirierte, die Produktionsmittel zu enteignen (sowie auch Waffen, mit denen sie ihre freien Milizen bildeten), die Organisation nicht auflöste und den Arbeitern erlaubte, die Neugestaltung des sozialen Lebens nach ihren eigenen Vorstellungen zu erfahren, sonder die Organisation der Produktion selbst übernahm. Die Auswirkungen dieses organisatorische Durcheinanders durch die Gewerkschaft für die Selbstorganisation der Arbeiter, können von jedem studiert werden, der gewillt ist, diese Ereignisse kritisch zu betrachten. Wenn der Kampf gegen die herrschende Ordnung also von den Individuen die ihn ausfechten getrennt und in die Hände von Organisationen gelegt wird, hört er auf ein selbstbestimmtes Projekt dieser Individuen zu sein und wird stattdessen eine externe Angelegenheit, an welche sie gebunden sind. Weil diese Angelegenheit mit der Organisation gleichgesetzt wird, ist es die primäre Aktivität der ihr angehörenden Individuen, die Organisation zu erhalten und sie zu vergrössern.

Tatsächlich ist die linke Organisation das Mittel, durch welches die Linke vorgibt, institutionalisierte Machtverhältnisse zu verändern. Ob dies nun durch Appelle an die momentanen Herrscher und die Anwendung der demokratischen Rechte, durch die Eroberung der Staatsgewalt mit Hilfe von Wahlen oder von Gewalt, durch die institutionelle Enteignung der Produktionsmittel oder durch eine Kombination dieser Wege geschieht, ist von geringer Bedeutung. Um dies zu bewerkstelligen versucht die Organisation sich selbst zu einer alternativen oder zu einer Gegenmacht zu machen. Deshalb muss sie die gegenwärtige Ideologie der Macht annehmen, z. B. Demokratie. Demokratie ist das System der getrennten und institutionalisierten Entscheidungsfindung, welches die Schaffung eines sozialen Konsens benötigt, um Programme voranzubringen. Obwohl Macht immer durch Zwang ausgeübt wird, wird dies im demokratischen Rahmenwerk durch den Konsens gerechtfertigt. Deshalb ist es für die Linke zwingend notwendig, so viele Anhänger wie möglich zu finden, Nummer auf die sie bei ihren Programmen zählen kann. Also muss die Linke, in ihrer Anhängerschaft zur Demokratie, sich der Illusion der Menge hingeben.

Der Versuch Anhänger zu gewinnen, setzt das Streben nach dem kleinsten, gemeinsamen Nenner voraus. Anstatt also Theorien lebendig zu erkunden, verbreitet die Linke eine Reihe simpler Doktrinen, durch welche man die Welt sehen soll. Linke verbreiten zudem eine Litanei über moralische Freveltaten, die durch die gegenwärtigen Herrscher verübt wurden, in der Hoffnung, dass sie die Masse beeinflussen. Jedes Nachfragen oder Erforschen ausserhalb diese Ideologischen Rahmenwerks wird vehement verurteilt oder mit Unverständnis betrachtet. Die Unfähigkeit zur ernsthaften, theoretischen Untersuchung ist der Preis für die Akzeptanz der quantitativen Illusion. Durch diese Illusion wird eher die Anzahl der Anhänger, unabhängig von ihrer Passivität und Ignoranz, als Spiegelbild der Stärke einer Bewegung betrachtet, anstatt die Qualität und Kohärenz der Ideen und und ihrer Ausführung.

Die politische Notwendigkeit den „Massen“ gefallen zu müssen, bringt die Linke zudem dazu, ihre Forderungen an die gegenwärtigen Führer nur Stück für Stück zu stellen. Diese Methode ist ziemlich konsequent im Projekt Machtverhältnisse zu verändern, genau weil sie diese Verhältnisse nicht an ihren Wurzeln angreift. Tatsächlich wird durch das Stellen von Forderungen an diejenigen an der Macht impliziert, dass einfache (aber möglicherweise extreme) Anpassungen der gegenwärtigen Verhältnisse genügen, um das Linke Programm zu realisieren. Was bei dieser Methode nicht in Frage gestellt wird, ist die herrschende Ordnung selbst, denn dies würde das politische Rahmenwerk der Linken selbst bedrohen.

In diesem schrittweisen Vorrücken zur Veränderung eingeschlossen ist die Doktrin des Progressivismus (tatsächlich ist heute eines der beliebteren Labels unter den Linken und Liberalen – welche die anderen, befleckten Labels lieber hinter sich lassen würden – genau gesagt „progressiv“). Progressivismus ist die Idee, dass die herrschende Ordnung der Dinge ein Ergebnis eines permanenten (aber möglicherweise „dialektischen“) Prozesses der Verbesserung ist und, dass wenn wir uns bemühen (sei es durch Wählen, Petitionen, Prozesse, zivilem Ungehorsam, politischer Gewalt oder sogar durch die Eroberung der Macht – allem anderen als Zerstörung also), wir diesen Prozess weiter führen können. Das Konzept des Fortschritts und das schrittweise Vorrücken als sein praktischer Ausdruck zeigen einen weiteren, quantitativen Aspekt der Linken Konzeption der sozialen Veränderung. Diese Veränderung ist einfach eine Frage des Grads, eine Frage der eigenen Position der bestehenden Flugbahn. Der richtige Grad der Anpassung wird uns „dorthin“ bringen (wo auch immer „dorthin“ ist). Reform und Revolution sind einfach verschiedene Ebenen der selben Aktivität. Dies sind die Absurditäten des Linksradikalismus, der blind bleibt für die überwältigenden Anzeichen, dass die einzige Flugbahn auf der wir uns mindestens seit dem Aufstieg des Kapitalismus und Industrialismus befinden, die zunehmende Verarmung unser Existenz ist und dies kann nicht wegreformiert werden.

Das schrittweise Vorrücken und die politische Notwendigkeit zur Kategorisierung führt die Linke ebenfalls dazu, Menschen bezüglich ihrer Zugehörigkeit zu verschiedenen unterdrückten und ausgebeuteten Gruppen, wie „Arbeiter“, „Frauen“, „Menschen anderer Hautfarbe“, „Schwule“ und „Lesben“ und so weiter, zu werten. Diese Kategorisierung ist die Basis der Identitätspolitik. Identitätspolitik ist die spezielle Form falscher Opposition, in welcher unterdrückte Menschen sich dazu entscheiden, sich mit einer bestimmten sozialen Kategorie zu identifizieren, sodass dadurch ihre Unterdrückung durch einen Akt angeblicher Herausforderung ihrer Unterdrückung verstärkt wird. Tatsächlich führt die fortgesetzte Identifikation mit dieser sozialen Rolle dazu, dass jene die Identitätspolitik betreiben, stark in ihrer Fähigkeit eingeschränkt sind, ihre Situation innerhalb der Gesellschaft zu analysieren und als Individuen gegen ihre Unterdrückung vorzugehen. Folglich garantiert es die Fortsetzung der sozialen Verhältnisse, die ihre Unterdrückung verursachen. Aber nur als Angehörige von Kategorien sind diese Menschen nützlich, als Klauen in den politischen Manövern der Linken, denn solche sozialen Kategorien übernehmen die Aufgaben als Interessengruppen und Machtblocks innerhalb des demokratischen Rahmenwerks.

Die politische Logik der Linken mit ihren organisatorischen Ansprüchen, ihrer Begeisterung für die Demokratie, ihrer quantitativen Illusion und ihrer Wertung von Menschen auf Grund ihrer Zugehörigkeit zu sozialen Kategorien ist von sich aus kollektivistisch und unterdrückt als solche das Individuum. Dies drückt sich in der Forderung aus, nach der sich einzelne für die verschiedensten Gründe, Programme und Organisationen der Linken opfern sollen. Hintern diesen Forderungen kann Mensch die manipulativen Ideen von kollektiver Identität, kollektiver Verantwortung und kollektiver Schuld finden. Personen, welche als Teil einer „privilegierten“ Gruppe definiert werden – „hetero“, „weiss“, „männlich“, „Erst-Welt“, „Mittelklasse“ – werden verantwortlich gemacht für die Unterdrückung, welche dieser Gruppe angerechnet wird. Sie werden dann soweit manipuliert, dass sie diese „Verbrechen“ zu büssen versuchen, indem sie die Bewegungen derer, die stärker unterdrückt werden als sie selbst, unkritisch unterstützen. Individuen, welche als Teil einer unterdrückten Gruppe definiert werden, werden dahingehend manipuliert, dass sie eine kollektive Identität innerhalb dieser Gruppe aus einer vorgeschriebenen Solidarität heraus akzeptieren – Schwesterlichkeit, schwarzer Nationalismus, schwule Identität, etc. Wenn sie diese Gruppen Identität ablehnen oder sogar zutiefst und radikal kritisieren, wir das als mit der Akzeptanz der eigenen Unterdrückung gleichgestellt. Tatsache ist, dass das Individuum welches für sich selbst (oder mit jenen zusammen, mit denen sie/er die gleichen Neigungen entdeckt hat) gegen die eigene Unterdrückung angeht, wird mit den Vorwurf des „bourgeoisen Individualismus“ konfrontiert. Und dass obwohl genau dies ein ankämpfen gegen die Entfremdung, Trennung und Automatisierung welche das ihr innewohnende Ergebnis der kollektiv entfremdeten sozialen Aktivität ist, die Staat und Kapital – die sogenannte „bourgeoise Gesellschaft“ – uns aufbürden.

Da Linksradikalismus der aktive Begriff von sozialem Kampf als politisches Programm ist, ist er ideologisch von der Spitze zur Basis gerichtet. Der Kampf der Linken entwächst nicht den Wünschen, Bedürfnissen und Träumen der lebenden Individuen, welche von dieser Gesellschaft ausgebeutet, unterdrückt, dominiert und enteignet werden. Er ist nicht die Aktivität von Menschen, die nach der Wiederergreifung ihrer eignen Leben streben und die dafür notwendigen Werkzeugen suchen. Vielmehr ist er ein Programm, welches in den Köpfen der linken Führer oder auf Treffen von Organisationen formuliert wurde, über und vor den individuellen Kämpfen der Menschen, auf dass letztere ihm untergeordnet werden. Was auch immer der Wahlspruch dieses Programms ist – Sozialismus, Kommunismus, Anarchismus, Schwesterlichkeit, das Afrikanische Volk, Tierrechte, Erdbefreiung, Primitivismus, Arbeiterselbstbestimmung, etc., etc. – es liefert niemals ein Werkzeug, welches Individuen in ihren eigenen Kämpfen gegen Herrschaft nützen können. Vielmehr verlangt es von den Individuen die herrschende Ordnung durch die Herrschaft eines linken Programms auszutauschen. Mit anderen Worten verlangt es von den Individuen weiterhin die Fähigkeit ihre eigene Existenz bestimmen zu können, aufzugeben.

In ihrer besten Form waren die anarchistischen Bemühungen immer eine totale Umformung der Existenz, basierend auf der Wiederaneignung des Lebens durch jedes Individuum, welches in freier Verbindung mit anderen seiner/ihrer Wahl. Diese Vision kann in den poetischsten Schriften fast jedes/jeder bekannten Anarchist/in gefunden werden und sie ist es, die Anarchismus zum „Gewissen der Linken“ gemacht hat. Doch was nützt es das Gewissen einer Bewegung zu sein, die nicht den Atem und die Tiefe der eignen Träume teilt, es nicht kann? In der Geschichte der anarchistischen Bewegung hatten diejenigen Perspektiven und Praktiken, die der Linken am nächsten standen, wie der Anarcho-Syndikalismus und der Plattformismus, immer weit weniger von diesem Traum, als von dem Programm über sich selbst. Nun, da der Linksradikalismus aufgehört hat eine merkbare Grösse zu sein, nicht mehr unterscheidbar vom Rest der politischen Sphäre, zumindest im Westen der Welt, gibt es keinerlei Grund, diesen Mühlstein weiter um unsere Nacken zu tragen. Die Verwirklichung anarchistischer Träume, von Träumen jedes Individuums, welches noch fähig ist zu träumen und selbständig der autonome Erschaffer seiner eigenen Existenz sein möchte, für dies braucht es einen bewussten und harten Bruch mit der Linken. Dieser Bruch bedeutet im Minimum:

1. Die Ablehnung einer politischen Auffassung von sozialen Kämpfen; die Anerkennung, dass der revolutionäre Kampf kein Programm, sondern eher ein Kampf für die individuelle und soziale Wiederaneignung der Ganzheit des Lebens ist. Als solcher ist er von sich aus anti-politisch. Mit anderen Worten, er steht entgegengesetzt zu jeglicher Form von sozialer Organisation – und jeder Methode des Kampfes – in welcher die Entscheidungen darüber wie Mensch lebt und kämpft von der Ausführung dieser Entscheidungen getrennt sind, unabhängig davon, wie demokratisch und teilnehmend dieser getrennte Entscheidungsfindungsprozess auch sein mag.

2. Die Ablehnung des Organisationismus; was heissen soll, die Ablehnung der Idee, dass irgendeine Organisation ausgebeutete Individuen oder Gruppen, soziale Kämpfe, Revolution oder Anarchie repräsentieren kann. Somit auch die Ablehnung aller formellen Organisationen – Parteien, Gewerkschaften, Föderationen, usw. – welche, auf Grund ihrer programmatischen Natur, solch eine repräsentative Rolle übernehmen. Es bedeutet nicht, die Möglichkeit zur Organisation, der für den revolutionären Kampf notwendigen Aktivitäten abzulehnen, sondern die Unterordnung von Aufgaben und Projekten unter den Formalismus eines organisatorischen Programms durch die Organisation abzulehnen. Die einzige Aufgabe, die je eine formelle Organisation vorausgesetzt hat, ist der Aufbau und die Verwaltung einer formellen Organisation.

3. Die Ablehnung der Demokratie und der quantitativen Illusion; Die Ablehnung der Ansicht, dass die Anzahl der Anhänger einer Sache, Idee oder eines Programms die Stärke eines Kampfes widerspiegelt. Im Gegenteil ist der qualitative Wert der Praxis eines Kampfes entscheidend, als eine Attacke gegen die Institutionen der Vorherrschaft und als eine Wiederaneignung des Lebens. Die Ablehnung jeder Institutionalisierung oder Formalisierung der Entscheidungsfindung und auch von jeder Konzeption der Entscheidungsfindung als ein vom Leben und von der Praxis getrennter Moment. Ebenfalls die Ablehnung der evangelistischen Methode, die bestrebt ist, die Massen zu gewinnen. Solch eine Methode unterstellt, dass das theoretisches Erkunden am Ende angelangt ist, dass jemand die eine Antwort hat, der alle anhängen müssen und dass folglich jedes Mittel akzeptabel ist, um die Botschaft zu verbreiten, selbst wenn diese Mittel dem widerspricht, was wir sagen. Es führt dazu, dass jemand eher eine Anhängerschaft sucht, die seine/ihre Position akzeptiert, anstatt Gefährten und Komplizen zu finden, mit welchen man die eigenen Entdeckungen fortführen kann. Anstatt eine Praxis anzustreben, mit welcher die eigenen Projekte so gut ausgeführt werden können, wie man selbst es kann, in einer Art, die vereinbar mit den eigenen Ideen, Träumen und Bedürfnissen ist; und damit potentielle Komplizen anzuziehen, mit welchen man Beziehungen der Affinität entwickeln und die Praxis der Revolte erweitern kann.

4. Die Ablehnung von Forderungen an die Machthaber; anstatt eine Praxis von direkter Aktion und Attacke zu wählen. Die Ablehnung der Idee, dass wir unser Bedürfnis nach Selbstbestimmung durch Stück-für-Stück Forderungen, die bestenfalls eine temporäre Verbesserung der schädlichen, sozialen Ordnung des Kapitals bringen, realisieren können. Die Anerkennung der Notwendigkeit zum Angriff auf diese Gesellschaft in ihrer Gesamtheit, um ein praktisches und theoretisches Bewusstsein für die Totalität, die zerstört werden muss. in jedem Teil des Kampfes zu schaffen. Folglich auch die Fähigkeit das zu sehen, was potentiell revolutionär ist – was jenseits der Logik von Forderungen und allmählichen Veränderungen geht. Dies in verschiedensten sozialen Kämpfen, denn im Grunde ist jeder radikale, aufständische Ausbruch durch einen Kampf entzündet worden, der als Versuch begonnen hat, bestimmte Forderungen zu gewinnen, sich jedoch von der Praxis der Forderung nach dem Verlangten dahin bewegt hat, das Verlangte und mehr zu ergreifen.

5. Die Ablehnung der Idee des Fortschritts; der Idee, dass die jetzige Ordnung das Ergebnis eines fortdauernden Prozesses der Verbesserung ist, den wir weiterführen können, möglicherweise bis zu seiner Vergötterung, wenn wir fleissig genug sind. Die Anerkennung, dass die momentane Bahn – welche die Herrschenden und ihre loyalen Reformisten und die „revolutionäre“ Opposition als „Fortschritt“ bezeichnen – von sich aus schädlich für die individuelle Freiheit, den freien Umgang, für gesunde, menschliche Beziehungen, für die Gesamtheit des Lebens und den Planet selbst ist. Die Anerkennung, dass diese Bahn gestoppt werden muss und neue Wege des Lebens und Zusammenseins entwickelt werden müssen, wenn wir volle Autonomie und Freiheit erreichen wollen. (Dies führt nicht notwendigerweise zu einer totalen Ablehnung von Technologie und Zivilisation und solch eine Ablehnung bildet nicht den Endpunkt eines Bruchs mit der Linken. Jedoch bedeutet die Ablehnung des Fortschritts mit Sicherheit den Willen zur ernsthaften und kritischen Auseinandersetzung mit Fragen der Zivilisation und der Technologie, im Speziellen dem Industrialismus. Diejenigen, die nicht bereit sind solche Fragen zu stellen, werden mit Sicherheit am Mythos des Fortschritts festhalten.)

6. Die Ablehnung der Identitäten-Politik; Die Anerkennung, dass obwohl verschiedene Gruppen ihre Enteignung in der Art ihrer spezifischen Unterdrückung erfahren und die Analyse dieser Ausprägungen notwendig ist, um ein volles Verständnis darüber zu erlangen, wie Herrschaft funktioniert. Nichts desto trotz ist Enteignung grundlegend das Stehlen der Fähigkeit von uns als Individuen unsere Leben nach unseren eigenen Bedingungen und in freiem Umgang mit anderen zu schaffen, bedeutet. Die Wiederaneignung des Lebens sowohl auf einer sozialen, wie auch auf einer individuellen Ebene, kann nur stattfinden, wenn wir damit aufhören, uns selbst in erster Linie auf Grund unserer sozialen Identitäten zu identifizieren.

7. Die Ablehnung des Kollektivismus; der Unterordnung des Individuums unter die Gruppe. Die Ablehnung der Ideologie der kollektiven Verantwortung (eine Ablehnung, die nicht eine Zurückweisung von Sozialen- oder Klassenanalysen bedeutet, sondern vielmehr versucht, moralische Urteile auf Grund solcher Analysen zu vermeiden. Das bedeutet auch einen Ablehnung der gefährlichen Praxis, Individuen für Aktivitäten zu verurteilen, die im Namen oder vermutlich von einer sozialen Kategorie ausgeführt wurden, der diese Individuen angeblich angehören, darüber aber keine Wahlmöglichkeit hatten: z.B. „Juden“, „Zigeuner“, „Männer“, „Weisse“, etc.) Die Ablehnung der Idee, dass jemand sowohl auf Grund von „tatsächlicher“, als auch von vermuteter Zugehörigkeit zu einer bestimmten, unterdrückten Gruppe, unkritische Solidarität von irgendeinem Kampf oder einer Bewegung „verdient“ und das Bewusstsein, dass solch ein Konzept eine grosse Behinderung für jeden ernsthaften, revolutionären Prozess ist. Das Schaffen von kollektiven Projekten und Aktivitäten, die den Bedürfnissen und Wünschen der involvierten Individuen dienen und nicht umgekehrt. Die Anerkennung, dass die grundlegende Entfremdung auferlegt durch das Kapital nicht auf der hyper-individualistischen Ideologie basiert, die es verbreitet, sondern vielmehr vom kollektiven Projekt der Produktion abstammt, die es uns auferlegt, welches unsere kreativen Fähigkeiten enteignet um seine Ziele zu erreichen. Die Anerkennung der Befreiung von jedem Individuum zur Bestimmung der Bedingungen ihrer oder seiner Existenz in freiem Umgang mit Anderen ihrer oder seiner Wahl – d.h. die individuelle und soziale Wiederaneignung des Lebens – als das primäre Ziel der Revolution.

8. Die Ablehnung von Ideologie; die Ablehnung von jedem Programm, jeder Idee, Abstraktion, Ideal oder Theorie, welches über das Leben und die Individuen gestellt wird, um ihm zu dienen. Folglich auch die Ablehnung von Gott, dem Staat, der Nation, der Rasse, etc. aber auch vom Anarchismus, Primitivismus, Kommunismus, Freiheit, Vernunft, dem Individuum, etc. wenn diese zu Idealen werden, für welche der einzelne sich selbst, seine Bedürfnissen, seine Sehnsüchte, seine Träume opfern muss. Die Benutzung von Ideen, theoretischen Analysen, der Fähigkeit zur Vernunft, zum abstrakten und kritischen Denken als Werkzeuge zur Realisierung der eigenen Ziele, für die Wiederaneignung des Lebens und zum handeln gegen alles, was im Weg dieser Wiederaneignung steht. Die Ablehnung von einfachen Antworten, die als Scheuklappen für die eigenen Versuche, die Realität mit der man konfrontiert ist zu ergründen, anstatt fortwähren Fragen zu stellen und theoretische Erkundungen zu unternehmen.

Meiner Meinung nach stellt dies einen echten Bruch mit der Linken dar. Wo eine dieser Ablehnungen fehlt – sei es in Theorie oder in der Praxis – bleiben Überreste der Linken bestehen und das ist ein Hindernis für unser Projekt der Befreiung. Da dieser Bruch mit der Linken auf der Notwendigkeit basiert, die Praxis der Anarchie von den Grenzen der Politik zu befreien, ist er mit Sicherheit keine Umarmung der Rechten oder irgendeines anderen Teils des politischen Spektrums. Er ist das Bewusstsein, dass ein Kampf für die Veränderung der Gesamtheit des Lebens, ein Kampf um jedes unserer Leben in einer kollektiven Bewegung für die individuelle Realisierung zurückzunehmen, nur behindert wird durch politische Programme, „revolutionäre“ Organisationen und ideologische Konstrukte, die unsere Mitarbeit verlangen, denn diese Dinge verlangen, genau wie Staat und Kapital, dass wir unsere Leben an sie geben, anstatt unsere Leben als unser Eigen zu nehmen. Unsere Träume sind viel zu gross, für die engen Grenzen der politischen Modelle. Es ist höchste Zeit, dass wir die Linke hinter uns zurücklassen und auf unserem fröhlichen Weg dem Unbekannten des Aufstands und der Schaffung von erfüllten und selbst-bestimmten Leben entgegen gehen.

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