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April 20, 2013

Die da draußen: die Piraten des Gemeinsamen

Filed under: deutsch — translationcollective @ 10:48 am

piraten – PDF

Da es in alten Zeiten für Menschen unmöglich war, auf dem Meer zu überleben, ohne gelegentlich auf das Festland zurückzukehren, wurde diese Linie von denen, die sie in klassischer Zeit überschritten, nicht einmal, sondern wiederholt überquert. Sie waren es gewohnt, die schwankende Grenze zu überqueren, welche die römische Juristen systematisch, in jedem Sinne des Wortes, demarkierten. Wenn solche Seefahrer Güter auf ihre Schiffe mitnahmen, brachten sie sie aus dem Rechtsbereich, in dem sie rechtmäßig ihrem Eigentümer zugeordnet werden konnten, in einen anderen, in dem Eigentumsansprüche von Rechts wegen enden müssen. Auf diese Art transportierten sie Gegenstände aus einem Gebiet, in dem sie als “in unserem Vermögen” befindlich gelten konnten, in ein Gebiet außerhalb davon (extra patrimonium): einen maritimen Raum ohne Besitzrecht, der in niemandes rechtmäßigem Besitz sein kann.”

Daniel Heller-Roazen, Der Feind aller: Der Pirat und das Recht

Besetzen, blockieren, verfremden, zurückholen, einfallen, sich konfrontieren, unterbrechen, Pirat werden…

Handlungen außerhalb des Gesetzes, sagen bestimmte Leute.

Handlungen da-draußen, sagen wir.

Handlungen, welche die Grenze der politischen Souveränität in Unruhe versetzen: ihr „dort“. Handeln dort, wo die politische Macht ihre Gewalt als von der Legalität gedeckt rechtfertigt. Dieses „dort“ bezeichnet den Ort einer Konfliktualität, den Ort eines Widerstands gegen die verallgemeinerte Ausweitung des Regimes biopolitischer Governance als Prozess der Domestizierung der Welt in die Ökonomie.

Dieser Widerstand bezeichnet den Ort eines außerhalb, eines da-draußen. Er manifestiert die Schwelle, jenseits derer sich ein neuer Raum des Politischen eröffnen kann. Hinter der Vielfalt der Handlungen da-draußen, die sporadisch im öffentlichen und privaten Raum wuchern, gelegentlich durch Lücken im ökonomischen Gewebe hindurch, zeichnet sich die Linie einer politischen Geste ab.

Diese Geste nimmt eine doppelte Bewegung an: Indem sie das Politische enteignet und für gemeinsame Dinge öffnet, nimmt sie die Grenze des ökonomisch-politischen Gewebes ebenso auf sich wie den Bruch damit.

Der Pirat ist historisch gesehen derjenige, der sich, wiewohl der Gemeinschaft der Menschen angehörend, dieser Gemeinschaft und ihrer Gerichtsbarkeit entziehen kann, indem er in See sticht. Das Meer, dieser Ort, der nach römischem Recht jeglicher Gerichtsbarkeit entrinnt: Nicht privater noch öffentlicher Raum, sondern Raum des Geminsamen.

Wenn Piraten das Gesetz in die Krise stürzen, dann deshalb, weil sie als Wesen des Übergangs den Besitz in die Enteignung befördern, vom Bereich des Eigentums in den Bereich der gemeinsamen Dinge. Sie leuchten den Raum eines draußen aus, das aller menschlichen Gerichtsbarkeit wie ihrer Ökonomie entflieht.

Ökonomie: Das Gesetz (nomos) des Hauses (oikos) bezieht sich vor allem auf die Aktivität des Oberhaupts einer Hauswirtschaft oder Familie, das heißt auf die Reproduktion und den Erhalt des Lebens. Die Griechen unterschieden die Sphäre der Ökonomie von der Sphäre des Politischen, die sie als Ort bezeichneten, an dem es möglich ist, die innerhalb des menschlichen Kollektivs bestehende Konfliktualität zum Ausdruck zu bringen. Indem die Ökonomie auf alle Sphären der Existenz ausgeweitet wird, ist es das Politische, das heute als Ort von Konfliktualität, als Ort von Differenz neutralisiert wird – zugunsten einer Unterwerfung der Gesamtheit der Wesen der Welt, menschlicher und nicht-menschlicher, unter die alleinigen Prinzipien der Re-produktion.

Die „Ökonomisierung“ des Politischen, das ist es, was wir heute mit Übernahme der Gesetze der Ökonomie und ihrer Governance-Methoden durch die Politik erleben.

Diese Ökonomie des Politischen breitet sich aktuell durch die Verwirrung aus, die zwischen der privaten und der öffentlichen Sphäre besteht. Sei es auf Mikro-Ebene (des persönlichen Lebens) oder auf Makro-Ebene (des Staates), die Grenzen zwischen privat und öffentlich verschwinden. Einerseits zwingt sich das ökonomische Regime dem Bereich des Politischen auf, andererseits durchdringt das Politische, per Sicherheitslogik in den Dienst der Ökonomie gestellt, die privaten Räume der Individuen (mit allen möglichen Systemen der Intrusion und Kontrolle). „Governance“ löst das Politische in Verwaltung auf (sekuritär-ökonomisch). Diese Synthese bringt eine globalisierte Vision hervor, die den Begriff der „Ökologie“ entlehnt, um die Notwendigkeit zu bezeichnen, die Gesamtheit des Austauschs zu kontrollieren und zu regulieren, welche die Welt als „Öko-System“ organisiert. Ökonomie und Ökologie verbinden sich im Prozess der Domestizierung der Welt, die Foucault als Biopolitik charakterisiert.

Die Ökonomie politisieren, das ist es, was Marx getan hat, indem er uns daran erinnert, dass das „Haus der Welt“ der globalisierten Ökonomie in soziale Klassen geteilt ist, die sich radikal im Streit gegenüberstehen. Doch das Projekt der Nationalisierung, politisches Ergebnis dieser Entscheidung, hatte den gegenteiligen Effekt, das Politische nach und nach in die Ökonomie aufzusaugen. Es ist diese Grenze, der sich der gewerkschaftliche Kampf unablässig gegenübersieht, der immer schwächer wird, seit der Prozess der Ökonomisierung des Politischen sich verstärkt und ausbreitet. Wo der gewerkschaftliche Kampf zeitweilig mit Blockaden dazu beitragen kann, das Gesetz der Ökonomie zu unterbrechen (in der sozialen Bewegung gegen die Rentenreform, zum Beispiel), widersetzt er sich schwerfällig dem Argument, dass diese Blockaden die Ökonomie zurecht in Gefahr bringen: Das heißt, unmittelbar, die Beschäftigung, die eben seine Speerspitze bildet. Solange das Argument, welches die Konfliktualität inmitten der Ökonomie wieder aufleben lässt, selbst wiederum die Ökonomie aufbaut, scheint es schwierig, dass sich ein Raum des Politischen eröffnen kann. Indem sie Blockaden durchführen, das heißt, indem ihr Handeln im Streik den engen Rahmen des Unternehmens überschreitet, bekräftigen sie zugleich, dass der Konflikt sich auch woanders abspielt als am jeweiligen Arbeitsplatz, dass er sich, wie die Ökonomie, auf die Gesamtheit der politischen Sphäre ausbreitet.

Wenn Marx der ökonomischen Integration nicht entkommt, so liegt das daran, dass seine Kritik des Eigentums sich auf eine Kritik der Enteignung der Produzenten durch eine Minderheit der Besitzenden beschränkt. Die Linie der Konfliktualität, die er zutage fördert, handelt daher von der Wiederaneignung der Produkte der produzierenden Klasse, indem sie sich in den öffentlichen Bereich einschreiben. In letzter Konsequenz sucht er nach der revolutionären Geste, die, indem sie eine Republik errichtet und so das göttliche Recht durch das Recht des Volkes ersetzt, danach trachtet, das humanistische Projekt der Gleichheit der Menschen zu vollenden. Auf diese Weise aber kommt er nicht dazu, jene grundlegende Eröffnungsgeste des ökonomischen Regimes in Frage zu stellen, über die Locke in seiner Theorie spricht: die Geste der Aneignung der natürlichen Dinge durch den Menschen. Um den Raum des Gemeinsamen wieder zu öffnen geht es heute darum, genau dies in Frage zu stellen.

Da die Ökonomie überall ist, gibt es keinen bevorzugten Ort mehr für den Kampf. Heute wird der Kampf lebenswichtig, er berührt die gemeinsamen Dinge. Handeln wird daher in Konsequenz heißen, von den gemeinsamen Dingen ausgehend zu handeln.

Auf eine Art wird eine Vervielfachung der Aktionen in Szene gesetzt, die als „Auto-Reduktion“ bezeichnet werden. Diese Aktionen nehmen verschiedene Formen an, vom gemeinsamen Nicht-Bezahlen von Transportmitteln bis zum Requirieren in Supermärkten. Es geht darum, ein Kräfteverhältnis herzustellen, das es erlaubt, sich Nahrungsmittel zu nehmen, die Miete zu mindern oder sich eine Wohnung zu gönnen, sich zu weigern, die Erhöhung der Stromrechnung, der Gas- oder Wasserpreise hinzunehmen.

Ebenso sind hier die verschiedenen Kämpfe gegen die Patentierung von Lebendigem und Erdachtem zu nennen, die, dem Beispiel einiger indigener Kollektive folgend, andere Kreisläufe des Austauschs medizinischer Ressourcen, andere Techniken der Pflege praktizieren, medizinische Praktiken, die das Kollektiv berücksichtigen.

Und dann gibt es da noch all die anderen Kämpfe gegen die Monopole der industriellen Landwirtschaft, insbesondere in Südamerika und Indien, in denen Ländereien von Großgrundbesitzern effektiv enteignet und Tauschformen geschaffen werden, die zum Leben der Kollektive passen.

In einem größeren Maßstab schafft das Vergemeinschaften einer ganzen Reihe von materiellen Mitteln, Orten (mitunter besetzt), von Geld, Netzwerken oder (enteigneten) Gütern, ein günstiges Terrain für eine neue politische Offensive, in der es im Kern um Enteignung geht.

Diese Aktionen spielen sich im Übergang vom ökonomischen Kreislauf ins außerhalb des ökonomischen Kreislaufes ab, vom Feld des Rechts ins außerhalb des Feldes. Das Feld des Rechts zu verlassen heißt, auf der einen oder anderen Seite der Legalität, die Regeln nicht anzuerkennen; was nicht selten auch heißt, sich im Spiel zwischen legal und illegal zu verorten, die juristische Leerstelle als Ort des Übergangs zu begreifen.

Was sich auf dieser Schwelle zeigt, ist die Existenz eines Bereiches, welcher der Ökonomie (der Logik des Eigentums, welche die Logik der Aneignung oder Wiederaneignung ist) in den Bereich der gemeinsamen Dinge entkommt. Die gemeinsamen Dinge sind nach römischem Recht jene, die nicht in ihrer Gesamtheit angeeignet werden können, sondern nur in ihrer Partikularität, das heißt in zeitweiliger Nutzung. Das ist mit dem Wasser der Fall, das getrunken werden kann (zeitweilige Nutzung), aber in seiner Totalität niemandem gehört. Weiterhin werden das Meer und seine Küsten, die Luft, das Sonnenlicht, das fließende Wasser oder auch die wilden Tiere als Teil der gemeinsamen Dinge erachtet. Andere Dinge, die materiell sein können (wie der Boden) oder nicht (wie das Reisen) verlangen, in die gemeinsamen Dinge aufgenommen zu werden.

Diese sind, im Unterschied zu öffentlichen oder universellen Dingen (die immer der staatlichen Verwaltung unterworfen sind, sei diese national oder international), weder vom menschlichen noch vom göttlichen Gesetz abhängig. Sie sind zuvorderst ins Naturrecht eingeschrieben, einem viel älteren Recht als es das Zivilrecht oder das Gesetz der Leute ist. „Darum kann kein einzelnes Wesen – sei es privat oder öffentlich, menschlich oder göttlich, lebend oder tot – legitimerweise Anspruch auf sie erheben“ „Für die Männer des Gesetzes, wenn nicht gar für die Philosophen, stellt das die gemeinsame juristische Ordnung aller Lebewesen dar, der Tiere wie der Menschen.“

Auf diesen gesamten Raum, den Raum des Gemeinsamen, scheinen die Aktionen der Piraten gerichtet zu sein, mit denen das ökonomisch-politische Gewebe übersät ist. Dieses Gemeinsame ist überall, wie die Piraten selbst darin zu „wandernden Meeren“ wurden, auf ihrer Überfahrt die staatlich gesetzten Grenzen verwischend, Unruhe verbreitend. Das Gemeinsame überschreitet den Menschen und die Ausbreitung seines Vermögens.

Auf der schwankenden, vom Kielwasser der Piraten gezogenen Linie deutet sich über die traditionelle Spaltung von öffentlichem und privatem Raum hinweg das Zeichen eines anderen Ortes des Politischen an. Was in diesem Kampf auf dem Spiel steht, ist weniger Wiederaneignung als vielmehr Enteignung: Die Welt der gemeinsamen Dinge ausbreiten, die Dinge der Welt aus ihrer anthropozentrischen Aneignung lösen.

Das Politische aus Perspektive der gemeinsamen Dinge neu zu denken, bedeutet, die systematische Enteignung der angeeigneten Dinge zu organisieren und sie in den Horizont eines Kollektivs einzuschreiben, das ihre Nicht-Aneignung zu garantieren weiß. Es geht darum, die Dinge aus dem Regime des Äquivalents herauszuholen, dem sie die Ökonomie unterwirft, um sie wieder in den Horizont einer globalen Perspektive einzuschreiben, der den vielfältigen Beziehungen, aus denen sich ein Kollektiv zusammensetzt, Platz gibt. Dieses Herauslösen der Dinge aus dem Regime des Eigentums nährt die Möglichkeiten eines Konflikts, und bildet selbst den Raum eines Konflikts. Es ist die Bedingung und die Realisierung des Politischen.

Solange der Kampf im Horizont eines politischen Feldes geführt wird, auf dem privat/öffentlich, häuslich/politisch sich gegenüberstehen, können wir nur blind sein für das, was sich auf dem Feld draußen entfaltet: die gemeinsamen Dinge. Dieses Feld draußen auf sich zu nehmen bedeutet gleichzeitig, die Grenze des traditionellen Feldes der Politik, wo Recht ausgeübt wird, aufzuzeigen und den Raum des Feldes draußen als Ort des Nicht-Aneigenbaren zu entfalten.

Rebetiko – Chants de la plèbe # 8, hiver 2010/2011

 

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