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May 19, 2013

Plätze und Kreise: Die Logik von Occupy

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von Jasper Bernes

plätze & kreise – PDF

Warum Occupy? Dieser Frage möchte ich im Folgenden nachgehen. Von daher frage ich nicht nur nach dem taktischen oder strategischen Nutzen der Outdoor-Besetzungen, sondern auch nach den Ursachen des Phänomens Occupy insgesamt. Warum entstand es in diesem speziellen Moment und nicht in einem anderen, in dieser speziellen Form und nicht in einer anderen? Warum entwickelten sich die Besetzungen in dieser Art? Wer nahm daran teil und warum?

Wann

Stellen wir die Frage des Timings an den Anfang. Warum jetzt? Oder vielmehr, um es zuzuspitzen, insofern die ökonomische Krise erneut ein lebhaftes und aufrührerisches Zeitalter einläutete, warum dauerte es so lange?

Warum entsteht Occupy 2011 und nicht 2009 oder 2010? Erreichten die Leute eine Art Grenze des Erträglichen, als die ökonomische Krise mit jedem Monat schlimmer wurde, Erwerbslosigkeit vom vorübergehenden zum Dauerzustand zu werden schien, die Schulden immer unbezahlbarer wurden, die Hypotheken immer schwerer lasteten? Es verdient Beachtung, dass 2011 das Jahr war, in dem die Effekte der Krise sich besonders verheerend auf die Regierungshaushalte auswirkten, was zahlreiche opportunistische Sparprogramme heraufbeschwor, vor allem auf Ebene der Bundesstaaten und Kommunen. Aber warum entwickelte sich Occupy dann nicht als Bewegung gegen die Sparprogramme, wie Beobachter der Ereignisse in Europa seit 2008 vorhergesagt hätten. Warum scheiterten Versuche, die Madison Capitol Besetzung von letzten Frühjahr zu reproduzieren so kläglich? Liegt es an der Schwäche der traditionellen Akteure solcher Bewegungen, wie etwa der Gewerkschaften des öffentlichen Sektors? An der tief sitzenden Anti-Staatlichkeit der Amerikaner? Es ist sicherlich bemerkenswert, dass in den USA, anders als in Griechenland oder Großbritannien – wo die Hauptstadt zugleich größte Stadt ist, in der Lage, die größten Proteste hervorzubringen – die schwersten Einschnitte weniger von der Bundesregierung als von Regierungen der Bundesstaaten erlassen wurden, was unwahrscheinlich werden lässt, dass ein einzelner gesetzlicher Vorstoß eines Sparprogramms zu einer landesweiten Protestbewegung führt.

Wie wir wissen, sieht sich Occupy selbst als Bindeglied in einer weltweiten Kette von Protesten, die in Tunesien ihren Anfang nahm, sich nach Ägypten ausbreitete und von dort aus Städte in Spanien, Griechenland und darüber hinaus erreichte. In dem Moment, als sie nach Europa und in die USA kommt, gibt sich diese neue Internationale des Protests recht selbstbewusst als sich spontan durch unvermeidbare Prozesse der Ansteckung ausbreitend, durch “virale” Reproduktion und Imitation, was manchmal dem verstreuten, partizipativen Charakter der Sozialen Medien zugeschrieben wird. Meiner Ansicht nach ist “spontan” einfach der Name, den wir jenen sozialen Verkörperungen geben, deren Ursachen wir nicht wirklich verstehen; und wenn man sich jedes einzelne dieser Beispiele genauer anschaut, sieht man Gruppen, welche die Richtung des historischen Windes deuten und Entscheidungen nach Maßgabe dessen treffen, was sie für machbar halten. Anders gesagt, gibt es innerhalb, wenn nicht hinter jeder spontanen Erscheinung immer spezifische Akte des Willens – wie wir aus den SMS lernen, die sich die Aufrührer in England schickten – und das ist mit Sicherheit der Fall für das erste Auftreten von Occupy Wall Street. Was es von der früheren Sequenz unterscheidet ist wie lange es braucht, wieviel Verzögerung es gibt zwischen dem Syntagma Platz und Zuccotti Park. Dies ist eine der Fragen, die wir beantworten müssen: Warum hat es so lange gebraucht? Und wonach bemisst sich diese Verzögerung? Eine Antwort könnte sein, dass es die Unsicherheit misst, über das Ziel, den Zweck, um den herum eine Protestbewegung sich hier in den USA finden kann. Wie wir sehen werden, ist diese Unsicherheit zentral für den Weg, den Occupy nehmen wird.

Wo

Occupy erscheint also aus dieser neuen, unterirdischen Internationale des ansteckenden und halb-spontanen Protests, der Bilder und Affekte, die von Platz zu Platz ziehen. Die ökonomische Krise ist das steuernde Medium, das diese Übertragung durchläuft. Ohne sie, ohne die Internationalisierung der Austerität und Verelendung könnte eine solche Ansteckung niemals auftreten. Die globalisierten und globalisierenden Miseren der ökonomischen Krise erlauben es diesem Prozess transnationaler Identifizierung – etwa Wisconsins Gouverneur Scott Walker mit Hosni Mubarak gleichzusetzen – etwas anderes zu sein als komplett absurd. Die riesige Anzahl ägyptischer und tunesischer Uniabsolventen, denen nicht länger ein Platz in staatlicher Bürokratie und Mittelklasse sicher ist, erinnern wirklich in struktureller Art an die vielen amerikanischen Akademiker, die gleichermaßen ihren Abschluss machen, keine Aussicht auf eine Anstellung und haufenweise Schulden haben. Was hier stattfindet ist mehr eine tatsächliche als eine repräsentative Nivellierung von Erfahrung – und das ist es, warum die Medien-Deterministen, die Twitter und anderen sozialen Medien ursächliche Macht zuschreiben, die Sache falsch verstehen. Die Bedeutung der weit verbreiteten Nutzung von Facebook und Twitter an Orten wie Ägypten und Tunesien liegt darin, dass sich darin die intensive und umfassend intergrierte globale Ökonomie ausdrückt. Die wachsende Ähnlichkeit der Waren, Technologien und selbst der kulturellen Formen weltweit – eine Ähnlichkeit die, wie wir wissen, tatsächlich ein Mechanismus ist, der ökonomische Ungleichheit herstellt – macht es diesen Protesten und Rebellionen einfacher, sich zu verbreiten. Anders gesagt reitet die, von den unterschiedlichen Medien vollzogene, repräsentative Nivellierung der Welt im Schweinsgalopp auf der tatsächlichen Nivellierung durch die kapitalistische Globalisierung. Die repräsentativen Kreisläufe unterliegen den ökonomischen Kreisläufen – langsamen Flüssen von Rohstoffen und Waren, schnellen Flüssen von Krediten und Währungen – und diese globalisierten Kreisläufe sind es, durch welche sich die ökonomische Krise (die in gewisser Weise mit dem Immobilienmarkt in den USA und seiner Anlagen-Blase begann) in die Welt ausbreitet, enorme Verwüstungen anrichtet und die Bedingungen der Möglichkeit dieser politischen Sequenz schafft.

Dennoch gibt es in den Protesten, die aus diesen internationalen Kreisläufen entstehen, etwas sehr komisches. Obwohl Occupy und seine Vorläufer der “Bewegung der Plätze” an Orten des Verkehrs, im Raum der Zirkulation entstehen, sind sie als Taktik höchst anti-zirkulär. Es sind Taktiken des Verharrens, des Raum-Greifens. Dies ist eines der Dinge, die wir über Occupy wissen wollen. Wie kommt es, dass eine ausdrücklich führerlose und dezentrale Bewegung – die auf Verbreitung von Parolen, Taktiken, Bildern und Praxen durch Ansteckung gründet – die physische Zentralisierung auf den zentralen Plätzen unserer Städte braucht? Warum das Camp?

Vielleicht macht es intuitiv auf eine Art Sinn, dass den ruhelosen Kreisen des globalen Kapitalismus die klassische Geometrie des Platzes entgegengesetzt wird, dass die unausgesetzte Bewegung der Ökonomie eine Politik der Verweigerung hervorruft, sich zu bewegen, die auf anhalten, verharren und, wie wir sehen werden, blockieren setzt. Ein Punkt, der nicht genügend zur Geltung gebracht wurde, ist, dass die Camps auf die Ausweidung unserer Städte antworten, die Einhegung, Hyper-Regulierung und Homogenisierung des Straßenlebens, die äußerst wenig öffentlichen Raum übrig gelassen hat, in dem Leute sich begegnen können, und der nicht vermittelt ist über Waren und Geld. Amerikanische Städte bieten im doppelten Wortsinn wenig freien Raum, d.h. Raum, der zugleich unreguliert ist und nichts kostet. Wenn die kapitalistische Entwicklung zu einem Teil darin besteht sicherzustellen, dass er die einzig mögliche menschliche Gemeinschaft bleibt – in anderen Worten sicherzustellen, dass alles zwischenmenschliche Handeln über Waren und Geld vermittelt wird, über die Polizei und verschiedenste staatliche Bürokratien, oder über Technologien, deren Daseinszweck in Markt und Arbeitsplatz besteht – dann wurzelt ein Teil der Anziehungskraft der Camps darin, dass sie eine Form von Gemeinschaft versprechen (und ich denke, es ist nur ein Versprechen), wie sie nicht über ökonomische Transaktionen und vorgegebene soziale Kategorien automatisch produziert wird. Ich denke, wir sollten eine Sekunde innehalten und bedenken, wie bemerkenswert es für eine Generation junger Leute ist, deren soziales Leben derart vollständig von Sozialen Medien erobert wurde – man könnte auch sagen von Bildschirmen – dass sie versuchen, einander von Angesicht zu Angesicht zu begegnen, wie sie es getan haben; wie bemerkenswert es ist, dass die erste Post-Internet Generation junger Leute eine Politik hervorbringt, die sich zentral darum dreht, zusammen in Gemeinschaft zu leben. Occupy konzentriert sich auf die Schaffung von Gemeinschaften – oder Communities – weil sich so viele der bestehenden Gemeinschaften, auf die sich frühere politische Bewegungen stützten, aufgelöst haben, vom Kapitalismus aufgebrochen und nach seinem Ebenbilde wieder aufgebaut.

Daher wurden die Camps, wenngleich ursprünglich als Mittel zum politischen Zweck entwickelt, sehr schnell zum verlockendsten Punkt der ganzen Bewegung. Vergessen die Flugbahn, wie sie der ursprüngliche Aufruf für Occupy Wall Street vorzeichnete, laut dem die Besetzer zelten würden, um, in einem wohlerwogenen Prozess, ihre “eine Forderung” zu entdecken (äquivalent, könnte man denken, zum Aufruf für Mubaraks Abgang oder der Abstimmung gegen ein Sparpaket). Aber es gibt keine Einzelforderung, welche die bunte Menge auf den Plätzen vereinen könnte. Solidarität muss vielmehr anders hergestellt werden, durch andere Mechanismen, durch die Camps, nicht einfach per Versammlung, durch Prozesse des Zusammenlebens, nicht einfach per Beschluss der Versammlung.

Manche werden wissen, dass Occupy seine Inspiration teilweise aus der Welle von Besetzungen an kalifornischen Universitäten in den Jahren 2009–2010 zieht, als es bedeutende Debatten gab über Forderungen und Forderungslosigkeit. Viele Schlüsseltexte dieser Bewegung, so das “Kommuniqué aus einer abwesenden Zukunft”, argumentierten für die Unmöglichkeit jeglicher Forderung (und die Unmöglichkeit nennenswerter Reformen) angesichts des gegebenen Zustands des Kapitalismus, der dem Tode geweiht ist. Aber dieses Argument war ideologische Position, etwas, das in polemische Form gebracht werden musste. Im Fall von Occupy ist diese Position – einst Stimme der radikalen Linken – einfach zum Status Quo geworden. Die Debatte wurde im Stillen gewonnen. Um es ganz klar zu sagen: Ich behaupte nicht, dass Occupy eine revolutionäre Bewegung ist, die auf die völlige Zerstörung von Kapitalismus, Lohnarbeitsverhältnis und Staat zielt. Dies stimmt ganz offensichtlich nicht: In weiten Teilen hat Occupy einen auf Reform ausgerichteten Horizont, das ist allen klar. Es geht um die Ungleichheit der Klassen in den USA, um die Verteilung des Reichtums zwischen den 99% und dem 1%. Die implizite Forderung lautet: Bringt das in Ordnung. Gleicht die Gesellschaft mehr an. Aber es ist nahezu unmöglich diese Forderung auszusprechen, da es keine konkrete Politik gibt, die man vorschlagen könnte und es wenig wahrscheinlich ist, dass irgendetwas außer einer revolutionären Bewegung in nächster Zeit bedeutenden Einfluss auf die Ungleichheit in den USA haben könnte. Daher bleibt jede Bemühung, diesen unausgesprochenen Horizont auf ein konkretes Ziel zu reduzieren, sei es eine Regierung der Vereinten Bürger oder die Vollbeschäftigung, ulkigerweise zugleich zu spezifisch und zu vage, und würde die 99% absehbar in konkurrierende Fraktionen zerlegen.

Die Camps sind daher ein Überbleibsel der Unmöglichkeit, Forderungen zu stellen. Es ist nicht die Forderung, welche die Camps vereint, sondern die Prozesse gegenseitiger Hilfe und Pflege, die sie erfordern. Der Versuch, außerhalb der Formen zusammen zu leben, die üblicherweise das Leben ermöglichenden – Geld, erzwungene Arbeit, Polizei – produziert Solidarität, und der wohlüberlegte Prozess in den Versammlungen einen Konsens zu etablieren ist davon nur ein Teil. Einige Leute diskutieren diesen Schwerpunkt auf soziale Beziehungen und gegenseitige Hilfe in Begriffen der derzeitigen anarchistischen Debatte über “präfigurative” Politik. Für Denker wie David Graeber und Cindy Milstein, deren Gedanken direkt oder indirekt wichtig waren für die anfängliche Occupy Wall Street Mobilisierung, präfiguriert das Camp die künftige (nicht-kapitalistische) Welt, formt die Welt als Modell vor, der es entgegen strebt. Seine Mittel sind somit gleichbedeutend mit seinem Ziel. Das Camp wird zu seiner eigenen Forderung, wie oft gesagt wurde. Sicherlich gibt es viel Kritik an dieser Sichtweise. Ich denke nicht, dass die Occupy Camps tatsächlich dem ähneln – auf irgendeine wörtliche, strukturelle oder selbst symbolische Art – was es an sozialen Anordnungen während oder nach einer revolutionären Umgestaltung der Gesellschaft geben könnte. Sie sind nicht wirklich ein Bild der Zukunft, die ich mir wünsche. Und doch die Camps nehmen, in mancherlei Hinsicht, jene Art Fragen, Probleme und logistische Herausforderungen vorweg, die für eine solche Umgestaltung nötig sein könnten. Anders gesagt erlauben sie Leuten mit Lösungen für Probleme zu experimentieren, auf die der Kapitalismus zumeist vorgefertigte Antworten gibt (eben zerstörerische) oder gar keine. Auf diese Art leisten sie eine gewisse negative Präfiguration. Der tatsächliche Wert dieser Experimente liegt nicht im Entwickeln von Taktiken und Methoden, die in einer zukünftigen revolutionären Situation angewendet werden können, sondern darin, sich klar zu machen, was die Probleme und Herausforderungen sind. In diesem Sinne manifestieren die Camps, wie wenig wir wissen, wie wenig wir können, wie ungeheuer unvorbereitet wir wären im Falle einer Gelegenheit, das soziale Leben wieder aufzubauen. Wenn darin einen Moment positiver Präfiguration liegt, dann in der Tatsache, dass die Camps die unglaubliche praktische Genialität und den Enthusiasmus bezeugen, den Leute in solche Situation mitbringen. Occupy hat dort Erfolg, wo es Leute ermutigt, sich in bestehende Aktivitäten einzuklinken, neue Projekte zu organisieren und Lösungen auf die Probleme zu finden, die ihnen begegnen.

Dennoch stellte Occupy die Leute vor Probleme, auf die sie völlig unvorbereitet waren. Zahlreiche Leute bestätigen, dass auf Occupy Camps oft ein Gefühl wilder Unsicherheit herrschte, durchzogen von sexueller Gewalt, Trans- und Homophobie, und offenem Rassismus. Wir wissen, dass es Leute gibt, die solche befreiten Orte als Freibrief auffassen, den abstoßendsten Impulsen nachzugeben. Obwohl sich verschiedene Initiativen mit dieser Art Probleme auseinandersetzten, bezweifle ich, dass irgendeines der großes Camps seine Auseinandersetzung als Erfolg verbucht. Jenseits dieser Probleme, oder mit ihnen einhergehend, begegneten einem auf den Camps verschiedenste Formen geistiger Krankheit, Trauma und Abhängigkeit, sowie die Konflikte und das Leid, das sie begleiten. Ein Teil des Erfolges von Occupy liegt meiner Ansicht nach darin, sich um die Leute zu bemühen, von denen die ökonomische Krise den höchsten Tribut fordert, ihnen Mut zu machen, sich aktiv zu beteiligen: die neuen und die seit langer Zeit Obdachlosen. Nun sind Leute, deren grundlegende Erfahrung mit der Gesellschaft aktiver Ausschluss ist, nicht so leicht in eine soziale Bewegung zu integrieren, die sich aus so vielen anderen, vergleichsweise privilegierten Schichten zusammensetzt. Rundheraus gesagt boten Occupy Camps Formen des Leids und der antisozialen Gewalt – aus allen Vierteln und Klassen, das sollte klar sein – auf die niemand irgendwelche guten Antworten hatte.

Um nur ein Beispiel zu erwähnen, wovon ich spreche, erzähle ich die Geschichte von S., der auf der Frank Ogawa Plaza (dem Park vor dem Rathaus) lebte, bevor Occupy Oakland begann. Sobald das Camp aufgebaut wurde, fängt S. an, mit Volldampf in der Küche zu arbeiten, tatsächlich baut er sie mit auf und verteilt die Berge von Essen, die bald eintrudeln. Aus unerfindlichen Gründen aber wird S. zunehmend jähzornig, bis er eines Tages ausrastet und in einem Streit mit einem Küchenmesser auf jemanden losgeht. Daraufhin beginnt S. Leute zu bedrohen und gerät mehrmals am Tag in Schlägereien. Es gibt nicht viele Optionen mit dem Problem umzugehen: Eine der ersten und wichtigsten Entscheidungen von Occupy Oakland war, absolute Autonomie gegenüber der Polizei zu wahren, die unter lauten Rufen vetrieben wurde sobald sie versuchte das Camp zu betreten. Doch alle Versuche in dem Konflikt zu vermitteln scheitern im Wesentlichen, S. scheint immun gegen jede Vernunft. Nachdem er wieder einmal einen Kampf losgetreten hat, bildet sich eines Tages eine Gruppe, die versucht ihn vom Camp zu schmeißen. Aber S. kommt noch wütender und gefährlicher zurück. Im folgenden Handgemenge wird er schlussendlich mit einem massiven Holzbrett k.o. geschlagen. Als er wieder zu Bewusstsein kommt, verläßt er, gefolgt von einigen Sanis das Camp, die einen Krankenwagen rufen. Allerdings kommt er zwei Wochen später zurück. Sein Auftreten ist komplett verändert, er sagt, dass er irgendwelche Medikamente nimmt. Wieder wird er zu einem engagierten Campteilnehmer, er freundet sich mit neuen Leuten an und klinkt sich in verschiedene Projekte ein. Eines Tages jedoch wird er nach einem polizeilichen Angriff auf die Plaza mit dem Vorwurf der Behinderung eines Beamten festgenommen, was ein relativ geringes Vergehen ist. Das Antirepressionskomitee kann dennoch nicht für seine Entlassung sorgen, da er auf Bewährung ist. Er wird ins Bezirksgefängnis überstellt, wo ihm, wie gewöhnlich, seine Medikamente verweigert werden. Was als nächstes geschieht ist unklar, es wird behauptet, dass er einen Wärter angegriffen hat. Die Strafe für einen gewalttätigen Angriff auf einen Beamten hätte unter dem kalifornischen Three Strikes Gesetz den dritten Delikt bedeutet und damit, folglich, lebenslängliche Haft. Obwohl ein Unterkomitee gebildet wird, das sich ausschließlich mit seiner Verteidigung befasst, sieht er sich gezwungen, ein Bittgesuch einzureichen, um das dritte Delikt zu vermeiden. Er sitzt daraufhin eine vierjährige Haftstrafe ab.

Dies sollte uns einen Eindruck vom Terrain geben, auf dem wir uns befinden. Auf der einen Seite das brutale, aber vermutlich unvermeidbare Brett auf den Kopf, auf der anderen die noch größere Brutalität des Staates. Ich hoffe, dass es niemanden darum geht, über diesen Vorfall in der Sprache der Präfiguration zu sprechen. Wenn man aus Leuten, die vom Kapitalismus auf alle möglichen Arten gebrochen wurden, eine Bewegung inmitten einer Stadt wie Oakland schafft, sollte man auf zwischenmenschliche Gewalt der widerlichsten Art vorbereitet sein. Was wir in dieser Geschichte sehen ist nicht ein Modell für die Zukunft, sondern eine Skizze der Grenzen: Leute, die mit den sehr begrenzten Ressourcen, die ihnen zur Verfügung stehen, auf eine schwierige Situation reagieren. Zur gleichen Zeit bekräftigt diese Geschichte die wesentliche Richtigkeit der Weigerung von Occupy Oakland, mit der Polizei zusammenzuarbeiten, die nicht weniger als die Todesstrafe für S. bedeutet.

Wer

Mein Argument ist, dass Occupy nicht nur oder nicht einfach eine Protestbewegung ist. Vielmehr geht es um die von Besitz und Beteiligung Ausgeschlossenen, die neue Wege entwickeln, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen, sich umeinander zu kümmern in einer Situation, in der niemand anderes das tun wird, in der es nicht länger die Arbeit, die staatliche Vorsorge, nicht einmal mehr die Kredite gibt, auf die sich viele von ihnen in der Vergangenheit verlassen haben. Dies bedeutet, das Camp ins Zentrum der Erzählung zu rücken. Aber es gibt eine andere Position zu Occupy, die das Camp nur als Basis zur Schaffung einer Agora, eines zentralen Platzes der direkten Demokratie durch die Generalversammlung sieht, als Raum der Begegnung und des öffentlicher Auftritts. In dieser Sicht geht es bei Occupy in Wirklichkeit um politischen Diskurs, Entscheidung, und die Herausbildung einer neuen hegemonialen Mehrheit, der 99%, durch die Prozedur des Konsenses. Demnach besteht die Arbeit unter anderem darin, die Sichtweisen und Perspektiven der 99% zu inkorporieren, um die Mega-Mehrheit zu enthüllen, die mutmaßlich schon heute da ist, die mutmaßlich schon heute einem bestimmten Projekt sozialer Transformation verpflichtet ist.

Die bestimmende Parole der Occupy-Bewegung, “Wir sind die 99%” ist insofern schlau konstruiert, als sie zwischen einem Klassenkonzept – die Armen gegen die Reichen, die 99% gegen das 1% – und einem Konzept “der Leute” funktioniert. Die 99% sind nahezu alle, daneben bilden die Reichen einen schlechthin parasitären Überschuss. In diesem Sinne verbreitet sich die Bewegung durch eine Logik radikaler Inklusivität. Tatsächlich allerdings erschient “Wir sind die 99%” – dies bestätigt sich, liest man den berühmt gewordenen tumblr blog, von dem die Parole stammt – als Ausdruck einer ziemlich eindeutigen Klassenformation. Wir können diese Klasse “proletarisierte Mittelklasse” nennen, wobei proletarisch für die Tatsache steht, “ohne Rücklagen” dazustehen, ohne Zugang zu irgendwelchem Eigentum, das zum Überleben verwendet werden könnte. Es bezeichnet eher einen Zustand der Enteignung als der Ausbeutung: Leute, die ihr Haus verloren haben oder im Begriff sind, es zu verlieren, Hochschulabsolventen, mit einer Schuldenlast bepackt, die zurückzuzahlen sie niemals hoffen können, Leute, die nicht die ordentlich bezahlte Arbeit finden, die sie erwarten. Die 99% sind eine auf enttäuschte Erwartungen gebaute Klasse – eine Klasse, die sich gewisser Rechte und Komforts enteignet fühlt. Weil diese Klasse sich zwischen einer Schicht bereits Enteigneter und einer Welt relativer Privilegien befindet, von der sie ausgeschlossen wurden, verfügt sie über einen naheliegenden Anspruch auf Universalität. Erinnern wir uns, dass die Mittelklasse im Wesentlichen durch einen Narzissmus definiert ist: Mittelklasse ist immer, was Ich bin, im Unterschied zu den beiden Gruppen von Menschen, den Armen und den Reichen, denen Ich nicht angehöre. Weshalb sich jemand, der auf Basis eines Jahreseinkommens von 30.000 € versucht, Kinder großzuziehen ebenso wahrscheinlich als Mittelklasse begreifen wird wie jemand, der fünfmal so viel verdient. Die 99% sind somit Ausdruck einer bestimmten Gruppe von Leuten, deren Position im Kapitalismus ihnen erlaubt, ihre Erfahrungen zu verallgemeinern. Sie sind Ausdruck einer bestimmten Gruppe von Jemanden, die denken, dass sie alle sind. Unnötig festzustellen, dass dieser Prozess der Selbst-Universalisierung Weißen viel leichter fällt.

Der große Wert von Occupy, und Quelle seiner Macht, liegt in der Tatsache, dass die Camps eine Begegnung erzwingen zwischen dieser proletarisierten Mittelklasse, den 99%, und der stets weiter anwachsenden Zahl der Obdachlosen, deren Nöte bald als Zwillinge, als unterschiedliche Gesichter einer geteilten proletarischen Bedingung erscheinen könnten. Ich möchte nicht darauf hinaus, dass sich diese beiden Tendenzen, diese beiden Perspektiven gegenseitig ausschließen würden. Auch wenn die 99% zum abwägenden Universalismus der Versammlung neigen und das Proletariat zur gegenseitigen Hilfe auf dem Camp, so sind doch in den meisten Fällen Camp und Versammlung aufeinander angewiesen. Dennoch bleibt die Frage: Gibt es das Camp, um ein Grundlage für die Versammlung zu schaffen oder schafft die Versammlung die Grundlage für das Camp? Ist Occupy eine Bewegung enteigneter und entrechteter Leute, die sich umeinander kümmern und Wege finden in Zeiten des sozialen Zusammenbruchs zu überleben? Oder ist es eine Bemühung, den Diskurs und die Meinung der Nation zu verändern, um eine neue politische Mehrheit zu konstituieren?

Was

In gewissem Sinn sollte es uns nicht überraschen, dass Occupy derart auf die Ebene der öffentlichen Meinung und Wahrnehmung ausgerichtet ist. Wie bereits festgestellt, geht Occupy aus dem Strom der Bilder der Revolte (und der Sprachen der Revolte) hervor, die unsere Bildschirme durchqueren. Diese Bilder, geleitet durch den Stoff geteilten Elends, tragen eine gewisse affektive Aufladung mit sich: Horror, Wunder, Heiterkeit. Sie funktionieren als eine Art Reflektor, Nachahmung erzwingend. Auf einer grundlegenden Ebene sagen sie: Ja, es ist möglich. Auch Du kannst das machen. Auch Du solltest das machen. Die Konsequenz ist allerdings, dass eine große Fraktion innerhalb von Occupy begonnen hat zu glauben, dass ihr Schicksal in diesem Bilderstrom liegt. Für solche Leute ist das Zentrale an Occupy, sichtbar zu werden, aufzutauchen, und mit anderen, potentiell gleichgesinnten Leuten zu kommunizieren, die öffentliche Meinung zu ändern, indem die 99% sichtbar werden. In diesem Sinn sind die Besetzungen “Manifestationen” oder “Demonstrationen” in der Logik von Ausstellung und Öffentlichkeit. Sie sind riesige Protest-Transparente, auf denen geschrieben steht “Wir sind die 99%”.

Aufgrund dieser Logik der Ausstellung, entwickelt sich rund um Tweets und Livestream eine ganze Ideologie, die diese Technologien nicht nur mit einem übernatürlichen Vermögen zum Mobilisieren und Wachrütteln ausstattet, sondern sie, was wichtiger ist, als Politik an und für sich ansieht. Die Besetzung wird zur Besetzung nicht durch Twitter sondern zu einer Besetzung von Twitter, nicht zu Occupy Wall Street sondern #ows. Die ansteckende Verbreitung von Besetzungen, Manifestationen, Streiks und Riots quer durch die Welt und durch die USA, wird auf schlechte Art äquivalent gesetzt zu der “viralen” Verbreitung von Internet Memes und Twitter Hoax.

Wie bereits erwähnt ist einer der Gründe, warum die Occupy Camps so einfach aufs Kommen und Gehen der Bilder und Worte in den alten wie den neuen Medien bezogen werden kann, ist, dass ihr Gegenstand, ihr Feind oder Ziel, derart hochabstrakt ist. Es gibt keinen Tyrannen abzusetzen – wie in Ägypten – noch weniger ein “Regime”. Es gibt kein bestimmtes Gesetz zu verhindern, wie in der Studentenbewegung in Großbritannien oder den griechischen Protesten gegen die Sparmaßnahmen. Selbst wenn man, zumindest für die anfänglichen Manifestationen von Occupy scheint das ziemlich zutreffend, das Ziel im engen Sinn als den Finanzsektor fasst, den Missstand der Ungerechtigkeit, so sind dies besonders vergeistigte Gegenstände und Ziele. Der Finanzsektor ist per Definition abstrakt. Die Operationen einer Bank, die größtenteils eher Geld als Dinge betreffen, finden nicht wirklich an einem bestimmten Ort statt, sondern durchziehen diese Orte vielmehr als verteilte Ströme von Informationen, Papieren, Leuten. Eine Bank und selbst eine Börse dichtzumachen ist auf eine Art symbolisch wie es das Dichtmachen einer Fabrik nicht ist. Man kann versuchen, das Büro zu finden, in dem zentrale operative Funktionen beheimatet sind, aber selbst dieses Büro ist wahrscheinlich nur eines unter vielen solchen Büros, verteilt über die Stadt, das Land, und die Welt. Deshalb existieren die Banken im gleichen abstrakten Zwischenraum, in den Occupy oft verwiesen wird.

Wie

Es gibt ein paar interessante Konsequenzen dieser Dynamiken, über die ich reden will, bevor ich schließe. Eine besteht darin, dass eine Ausrichtung auf politische Rede und politisches Bild – auf die Entwicklung der 99% als Bild – aus dem Fallbeispiel in eine Logik der Viktimisierung führt, die für das Anwachsen von Occupy absolut wesentlich war, aber ab einem gewissen Punkt eher zu einer ernsthaften Einschränkung wurde. Am explosivsten war das Wachstum von Occupy – in New York wie Oakland gleichermaßen – in Reaktion auf Repressalien der Polizei. Ob wir an die anfängliche Pfefferspray-Attacke auf Frauen bei einer OWS Demo denken, was die Leute derart schockierte und die Teilnehmerzahl in einem zentralen frühen Moment hochschnellen ließ (als es noch unsicher schien, ob die Besetzung Schwung aufnehmen würde) oder den Beinahe-Mord an Scott Olsen durch die Oakland Police nach deren Überfall auf das Occupy Oakland Camp: Die polizeiliche Repression war Motor des Anwachsens von Occupy, provozierte Ausschreitungen und brachte die Menschen in massiver Anzahl auf die Straße. Zur gleichen Zeit aber bauen derlei Reaktionen üblicherweise auf eine Idee verletzter Rechte auf, damit implizit auf einer Unterscheidung zwischen guten (friedlichen) und schlechten (gewalttätigen) Protestierenden. Daher führen sie, zynischerweise oder nicht, zum Mechanismus einer inneren Polizei, da die Leute glauben, dass das Anwachsen der Bewegung auf Bildern gründet, auf denen sie zu Opfern werden und dass sie entsprechendes für die Kameras zu spielen haben. Das Ziel, vorteilhafte Presse zu bekommen – durch eine komplett feindliche Nachrichtenindustrie – wird so zu einem Apparat der Selbstregulierung. Es gibt etwas grundlegend tautologisches an dieser Argumentation. Wenn man die Leute fragt, warum sie gewissen Taktiken ablehnend gegenüberstehen – sagen wir, die Scheiben einer Bank einzuschlagen – so werden die meisten sagen, dass sie die Scheibe oder die Bank nicht wirklich interessiert, und dass sie nicht denken, dass es moralisch falsch ist, sie einzuschlagen, aber dass sie es ablehnen, weil andere Leute es ablehnen und dass die Bewegung als Ergebnis dessen an Unterstützung verlieren wird. Das Problem ist aber, dass man nur sehr wenige Leute finden kann, die solche Aktionen tatsächlich um ihretwillen ablehnen. Alle bleiben gebannt in eine kollektiv halluzinierte “öffentliche Meinung”, unter deren strengem Blick sie bereit sind, Polizeifunktion auszuüben. Diese Ausrichtung durch andere ist eines der Probleme mit einer Ideologie des Kampfes auf Bilderebene, damit eine der Konsequenzen des 99% Klassenstandpunkts.

Wie wir gesehen haben, führt die wesentliche Abstraktheit des Feindes sowie die Schwierigkeit, irgendetwas konkretes von einem solchen Feind zu fordern, sowohl zum Entstehen von Camp und Versammlung, zu ihrer taktischen Überlegenheit, wie auch dazu, dass sie zum Selbstzweck werden. Genau weil unklar ist, wo der Feind genau steht, wie er angegriffen oder seine Fähigkeit gemindert werden kann, uns unglücklich zu machen, orientieren sich die Camps, mit der Ausweglosigkeit der gegenwärtigen Situation konfrontiert, nun auf das Projekt gegenseitiger Hilfe und Fürsorge und die Versammlungen auf die Integration neuer Anwesender und Blickwinkel. Durch keine der beiden Varianten wird das Problem wirklich gelöst. Auch wenn einige in den Versammlungen den Samen einer basisdemokratischen Reorganisation der Gesellschaft sehen, und andere in den Camps die Reorganisation des sozialen Lebens entlang der Prinzipien des freien Gebens und der freiwilligen Tätigkeit – der ungeheure Reichtum der kapitalistischen Gesellschaft bleibt jenseits, das Eigentum unter der politischen Kontrolle des sogenannten 1%, damit ziemlich offensichtlich außer Reichweite der Enteigneten, die auf den öffentlichen Plätzen und in Parks campen statt in den warmen, hell erleuchteten Gebäuden der Eliten. Der Raum des Öffentlichen, das die Camps schaffen, ist deshalb auch der Raum des Außerhalb. Ein Projekt, das recht buchstäblich draußen in der Kälte stattfindet.

Die Gefahr für die Camps liegt deshalb darin, dass aus der Selbstorganisierung der Enteigneten die Selbstorganisierung der Enteignung wird, die Reproduktion der Enteignung, anstatt ein Schritt auf dem Weg zu ihrer Überwindung. Die Protestcamps sind verstörend nah bei Camps anderer Art angesiedelt: Flüchtlingscamps, zum Beispiel, oder die entpolitisierten Lager von Obdachlosen, die in den letzten paar Jahren überall im Land entstanden sind: eingezäunt, von privatem Wachschutz patrouilliert, von Zeit zu Zeit besucht von Helfern und Sozialarbeitern. In einigen Städten ist das im Wesentlichen, zu was die Occupy Camps geworden sind. Nicht willens oder in der Lage, sich den Herausforderungen zu stellen, die von den Camps aufgeworfen wurden, blieben die Mittelklasse-Aktivisten der 99% den Camps bald fern, überließen es den in weiten Teilen obdachlosen Campern sich allein durchzuschlagen – bis zum unvermeidbaren Sturm der Polizei.

Ich hoffe, dass klar geworden ist, dass ich keinen der bisher beschriebenen beiden Wege – den Weg des Camps oder den Weg der Versammlung – befriedigend finde. Die Versammlungen riskieren, in kurzlebigen Formalismus und Prozeduralismus zu verfallen, losgelöst von den realen Bedürfnissen der Leute, blind gegenüber der Tatsache ihrer sehr begrenzten Macht und ihrer Neigung, subtile und weniger subtile Formen der Tyrannei zu entwickeln. Auf der andern Seite hängt das Camp als Selbstzweck von der Fantasie ab, in einem kleinen Park den Kommunismus aufzubauen, abzusehen vom größeren sozialen Kontext, auf den es angewiesen ist. Selbst wenn man für einen Moment die Tatsache außer acht lässt, dass die Camps sich auf Geld stützen, auf Waren, die in der umgebenden kapitalistischen Welt produziert werden und, wenn man es weiter denkt, auf die Lohnarbeit einiger Besetzer – was bedeutet, dass sie abhängig sind von der Ökonomie gegen die sie sich richten – selbst wenn man von all dem absieht ist klar, dass die Camps gekennzeichnet sind von unauflösbaren Widersprüchen. Es gab für die Camps keine Möglichkeit, die Probleme auszuhalten und zu klären, auf die sie stießen, zumindest nicht ohne radikale Umgestaltung und Ausweitung des Terrains, auf dem sie errichtet wurden. Deshalb kann es, auch wenn ich mich strategisch auf die Seite jener Partei stelle, welche die Camps und die Möglichkeiten proletarischer Selbstorganisierung, die sie erlauben als bedeutendste Errungenschaft von Occupy sehen, wenig Zweifel über die starren Grenzen solcher Akte von Selbstorganisierung geben.

***

Es gibt jedoch eine strategische Ausweichroute, wenn die Occupy Camps und die Versammlungen sich zusätzlich zur Reproduktion ihrer selbst und der Kultivierung einer bestimmten ideologischen Hegemonie auf eine offensive Strategie konzentrieren. Nun sind aber die Dinge, gegen die Occupy Stellung bezieht, wie gesagt überwältigend abstrakt. Gegen solch nebelhaften Feinde erscheinen die meisten Taktiken zu speziell, zu zielgerichtet, zu eng. Die Klassenzusammensetzung der Bewegung erschwertes zudem, gewisse, vom Arbeitsplatz ausgehende offensive Strategien zu verfolgen. Wie kann eine Bewegung, die sich in weiten Teilen aus Arbeitslosen und Obdachlosen zusammensetzt, aus prekär und möglicherweise Beschäftigten, sowie aus Leuten, die im schwer zu organisierenden Servicebereich arbeiten, wie kann eine solche Bewegung diese äußerst abstrakten Feinde greifbar machen? In anderen Worten, wo und wie schlagen Leute zu, wenn das Handeln als Arbeiter an der Produktionsstätte (statt als Vandalen oder Protestierende) für sie weitgehend unmöglich ist? Wie wir gesehen haben, besteht eine Antwort darin, gar nicht zuzuschlagen und sich, statt den schwer fassbaren Feind in den Blick zu nehmen, nach innen zu wenden, die eigene Kapazität aufzubauen. Oder man wendet sich zur Seite und geht mit Aufforderungen an potenziell Sympathisierende nach außen. Aber auch dies ist insofern nicht wirklich eine nachhaltige Lösung, als die zerbrechliche Einigkeit der Camps wie der Versammlungen durch einen nach außen gerichteten Antagonismus gewährt wird (sei es der Antagonismus gegenüber den Banken, der Polizei oder dem 1%). Die Autonomie der Camps wird tatsächlich nur möglich, wenn sie gegen etwas behauptet wird, gegen den gemeinsamen Feind, eine widerstrebende Kraft. In Abwesenheit des offenen Konflikts wenden sich die verschiedenen Fraktionen und Gruppen innerhalb von Occupy gegeneinander. Die Camps und Versammlungen können nicht einfach in Opposition zum Status Quo definiert werden. Sie müssen sich selbst als in Ausweitung denken, als wachsend, als in messbarer Weise an Stärke gewinnend, damit die Leute nicht das Interesse verlieren und wegbleiben. Darum macht es Sinn, von Occupy als einer Bewegung zu reden. Eine Bewegung ist eine soziale Kraft, deren gegenwärtige Stärke sich aus dem Empfinden der Teilnehmer speist, dass die Sache irgendwohin geht, dass sie Teil einer sich entfaltenden politischen Logik ist, mit einer Richtung und einer unmittelbaren (wenn nicht fernen) Zukunft. Ohne ein solches Empfinden einer Richtung werden viele Leute nicht mitmachen.

Aus oben genannten Gründen – Abstraktheit der Feinde, Klassenzusammensetzung der Teilnehmer – neigen die offensiven Kämpfe von Occupy zu bestimmten charakteristischen Merkmalen. Zum einen muss Occupy, in dem Maße indem Occupy draußen stattfindet, auch von draußen angreifen. Wenn es darauf zielt, die kapitalistische Produktion zu unterbrechen, tut es dies im großen Ganzen vom Ort der kapitalistischen Zirkulation aus, außerhalb des Arbeitsplatzes, indem es die Eingänge der Arbeitsstätten blockiert oder den Verkehr der Körper und Waren in den umliegenden Straßen. Zweitens neigen die Kämpfe zu einer gewissen Unbestimmtheit. Das heißt, wenn es um Eingriffe in die Zirkulation geht, kämpfen sie tendenziell nicht gegen bestimmte Formen der Zirkulation, sondern gegen die Zirkulation allgemein. Dies ist deshalb so, weil die Erwerbslosen nicht die Herrschaft spezieller Kapitale erfahren, sie nicht durch spezielle Chefs und Arbeitgeber beherrscht werden, sondern sie Herrschaft als die Herrschaft des Kapitals im Allgemeinen, als Herrschaft des gesamten kapitalistischen Systems erleben. Erwerbslosigkeit liefert einen der Gnade und Ungnade aller, und damit eines jeden Kapitalisten aus. Es ist daher nicht so, dass diese Kämpfe und Interventionen reine Abstraktionen sind, die in konkreten Zielen und Forderungen verankert werden müssten, sondern vielmehr, dass die Abstraktionen für sie das Konkrete sind. Und die Zirkulation, das sollte klar sein, ist die Sphäre, in welcher diese konkrete Abstraktion greifbar wird.

Die Verschiebung hin zur Sphäre der Zirkulation ist nichts, was neu ist an Occupy. Tatsächlich hat der Ausbruch von Kämpfen im Raum der Zirkulation sich in den letzten Jahrzehnten in umgekehrter Proportion zur Anzahl der Kämpfe in der Produktionssphäre zugenommen, deren Stern seit den frühen 1970ern sinkt. Dies deshalb, weil die seit den 1980er Jahren stattfindende technologische Umstrukturierung des Arbeitsplatzes, die immer mehr Arbeiter ersetzbar macht, sich zugleich mit der nicht minder folgenschweren technologischen Umstrukturierung der Versorgungskette ereignet. Als die Möglichkeiten zur Rationalisierung der Produktion schwanden, wurde die Betonung mehr und mehr auf Automatisierung, Computersteuerung und Beschleunigung von Transport und Verkauf der Güter gelegt, was “logistische Revolution” genannt wird. Im Ergebnis vermeiden die Hersteller, Vertreiber und Einzelhändler die Kosten der Lagerhaltung von Gütern durch eine äußerst präzise Koordinierung der Lieferungen. In einer solchen Situation ohne verfügbare Warenbestände, können ein paar Stunden Verzögerung gravierende Unterbrechungen der Versorgungskette verursachen.

Angesichts der Umstrukturierung des Verhältnisses von Produktion und Zirkulation, und angesichts der Klassenzusammensetzung der Occupy-Bewegung, sollte es nicht überraschen, dass, als Occupy Oakland in Reaktion auf den Überfall der Polizei in die Offensive ging und zum “Generalstreik” aufrief, dieser Streik in weiten Teilen eher die Form von Blockaden der Kapitalflüsse – insbesondere der Häfen von Oakland – annahm, als den kollektiven Entzug der Arbeit von Arbeitsstätten. Zwar blieben Teilnehmer, die Arbeit haben, an diesem Tag der Arbeit fern, um beim Streik mitzumachen, doch geschah dies meist mit individualistischen Methoden – Krankmeldung zum Beispiel. Die Ereignisse des 2.11. in Oakland bekräftigen – als Beispiel eines postindustriellen “Generalstreiks” – eine Tendenz, die man bis zu den argentinischen Piqueteros der späten 1990er und frühen 2000er zurückverfolgen kann, deren Taktiken der Blockade von Straßen und anderer Orte der Distribution als Spezialgebiet der Erwerbslosen und prekär Beschäftigten beschrieben wurde. Später etablierten diese fliegenden Blockaden auch in Frankreich während der Proteste und Generalstreiks in Reaktion auf die vorgeschlagene Änderung des Rentengesetzes 2010 erneut eine Art taktische Überlegenheit. Der französische Fall zeigt einmal mehr, dass dezentralisierte, wandernde Blockaden auf effektive Art ganze Städte lahmlegen können, indem sie Streiks in zentralen Arbeitsstätten unterstützen – insbesondere in den Raffinerien – oder sich ihren eigenen autonomen Unterbrechungen wichtiger Versorgungswege, Nadelöhre, Brücken und Verkehrsadern widmen.

Derzeit befindet sich Occupy in einer Periode des Winterschlafs und vielleicht des Niedergangs, auf den beginnenden Frühling und, vielleicht, einen heißen Sommer wartend (siehe Nachwort). Viele Generalversammlungen in den USA haben für den 1. Mai einen “Generalstreik” begrüßt – zum Teil aufbauend auf den Erfahrungen von Oakland ­- und viele hoffen, dass der May Day nun, da das Wetter wärmer wird, zu einer Wiederbelebung von Occupy, wenn nicht gar zum Wiederaufbau der Camps führen wird. Was auch immer passiert: Klar ist, dass dieser Streik den allgemeinen, hier beschriebenen charakteristischen Merkmalen entsprechen wird. Die in den verschiedenen Städten entstehenden Pläne scheinen eine Blockade zentraler Brücken, Tunnel und Verkehrsadern ebenso einzubeziehen wie die Massentransportmittel dichtzumachen. Wie oben gesagt, ist es dieser Angriff auf die Zirkulation als solche, die aus dem Streik einen Generalstreik macht. Aber das ist nicht die ganze Geschichte. Eine derartige Allgemeingültigkeit findet ihr dialektisches Gegenstück in neuen Formen von Bestimmtheit und in den lokalen, ins Einzelne gehenden Kämpfen, die es ohnehin immer gibt. Zum Beispiel versuchen derzeit viele in den USA in die Fußstapfen der spanischen 15. Mai Bewegung zu treten, indem sie Generalversammlungen in koordinierte Versammlungen in der Nachbarschaft und andere Arten besonderer Versammlungen überführen – von Service-Arbeitern, um ein Beispiel zu geben – die zur Basis neuer Formen von Selbst-Organisierung werden können, von Kämpfen, die den speziellen Bedürfnissen bestimmter Situationen angemessen sind. Zur gleichen Zeit scheint klar zu sein, dass die Hinwendung zum Speziellen Gefahr läuft, die Energien zu zerstreuen, die in den Platzbesetzungen geweckt wurden, sie in tausend verästelte und letztlich bedeutungslose Kämpfe zu lenken. Die allgemeine Perspektive muss auf die ein oder andere Art beibehalten werden; nicht durch die Etablierung einer Art übergeordneter Körperschaft oder eines Koordinationsrates, wie die diversen Verfechter einer “Führung” empfehlen würden, sondern durch Querverbindungen zwischen den individuellen Körpern. das heißt gewissermaßen nichts anderes als durch gute Kommunikation zwischen Gruppen. Auf jeden Fall zeigen jüngere Beispiele ganz klar – der spanische Generalstreik zum Beispiel – dass es sowohl eine nach außen treibende wie eine nach innen treibende Kraft braucht. Im Sinne dieser Perspektive bin ich geneigt mit einem Zitat aus dem berühmten Essay von Rosa Luxemburg zum Generalstreik zu schließen, die genau jene Beziehung zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen beschwört, die ich beschrieben habe:

“Der Massenstreik, wie ihn uns die russische Revolution zeigt, ist eine so wandelbare Erscheinung, daß er alle Phasen des politischen und ökonomischen Kampfes, alle Stadien und Momente der Revolution in sich spiegelt. Seine Anwendbarkeit, seine Wirkungskraft, seine Entstehungsmomente ändern sich fortwährend. Er eröffnet plötzlich neue, weite Perspektiven der Revolution, wo sie bereits in einen Engpaß geraten schien, und er versagt, wo man auf ihn mit voller Sicherheit glaubt rechnen zu können. Er flutet bald wie eine breite Meereswoge über das ganze Reich, bald zerteilt er sich in ein Riesennetz dünner Ströme; bald sprudelt er aus dem Untergrunde wie ein frischer Quell, bald versickert er ganz im Boden. Politische und ökonomische Streiks, Massenstreiks und partielle Streiks, Demonstrationsstreiks und Kampfstreiks, Generalstreiks einzelner Branchen und Generalstreiks einzelner Städte, ruhige Lohnkämpfe und Straßenschlachten, Barrikadenkämpfe – alles das läuft durcheinander, nebeneinander, durchkreuzt sich, flutet ineinander über; es ist ein ewig bewegliches, wechselndes Meer von Erscheinungen. Und das Bewegungsgesetz dieser Erscheinungen wird klar: Es liegt nicht in dem Massenstreik selbst, nicht in seinen technischen Besonderheiten, sondern in dem politischen und sozialen Kräfteverhältnis der Revolution.”

Nachwort

Dieser Text wurde als Redebeitrag geschrieben und im März und April 9012 erst in Los Angeles, dann in Malmö, Schweden, gehalten. Ich möchte Robert Brenner vom Centre for Social Theory and Comparative History sowie Mårten Bjork von Subaltern für die Gelegenheit danken, diese Ideen auszuarbeiten. Zu dieser Zeit schien eine Wiederbelebung von Occupy entlang der vorgeschlagenen Linien noch immer möglich, entgegen der sich häufenden Belege, dass diese politische Sequenz ihr Ende gefunden hatte. Wie in diesem Text argumentiert, war das Protestcamp das Wesentliche an Occupy. Als sich der Wiederaufbau der Camps als unmöglich erwies, kam Occupy an sein Ende. Nichtsdestotrotz scheint es ziemlich wahrscheinlich, dass die hier besprochenen Formen – Camp, Versammlung, Blockade – Schlüsselelemente künftiger Kämpfe in den USA und anderswo bleiben werden, da sie auf eine Krise antworten, die nicht beseitigt wurde und die in naher Zukunft nicht beseitigt zu werden scheint. Dennoch, das sollte klar geworden sein, stießen diese Formen auf ernstzunehmende Grenzen, und jede künftige Bewegung, die nicht in der Wiederholung zur Farce werden will, muss diese Elemente in neuer und neuerlich erfolgreicher Weise kombinieren. Wie das geschehen kann, lässt sich im Abstand zu den speziellen Kämpfen und Gelegenheiten nicht wirklich ausarbeiten. Dennoch scheint es, dass eine antagonistische Bewegung, die es schafft, die Dynamik der Blockade mit der gegenseitigen Hilfe der Camps (möglicherweise in dezentralisierter, verteilter Form) zu kombinieren, dort Erfolg haben könnte wo Occupy gescheitert ist

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