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May 31, 2013

Hallo – Ein Gruß von nirgendwo

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hallo – PDF

Proposition 1

Es ist unmöglich alles zu sein, was wir sein sollen und alles zu tun, was uns angeordnet wird. Wenn wir es versuchen, ist das Scheitern, zu dem wir verdammt sind, weder interessant noch erfreulich. Der Weg, mit allem zu brechen, ist das einzige lohnende Ziel, selbst wenn es hoffnungslos ist.

Alles ist, was gewöhnlich in Ordnung ist. Es ist schwer, einen Schimmer von irgendetwas anderem im Leben zu erhaschen, irgendwas, das ein Außerhalb nahelegen würde. Alles ist die Art, wie Dinge organisiert werden, aber es ist auch ein Kommando. Eine Anordnung zu tun und zu sein. Alles ist in Ordnung in dem Sinne, dass alles angeordnet ist. Und Alles ist in Ordnung in dem Sinne, das alles dazu neigt, als Anordnung in Aktion zu treten.

Die Anordnung lautet, dass du Alles sein musst. So scheiterst du in allem. Du arbeitest ohne Ende auf das monströse Ziel hin, alles zu erreichen.

Du wirst nie dorthin kommen.

Wir werden niemals dorthin kommen, und doch sind wir noch immer hier, noch immer dabei zu tun und zu sein. Immer noch angeordnet: organisiert und herumkommandiert, am organisieren und am andere herumkommandieren. Das scheint Alles zu sein.

Alles ist die Art, wie wir reden. Alles ist die Art, in der wir schlafen und essen. Es ist die Art, in der wir uns in einer Reihe anstellen, aber auch die Art, in der wir unsere Liebe bekennen. Es sind unsere intimsten Beziehungen, in denen wir am verzweifeltsten scheitern, aber wir scheitern auch (allzu leicht, wenn wir alltäglich aneinander vorbeihasten und “Hallo” brummeln) in den grundlegendsten Formen der Kommunikation. Viele haben aufgegeben andere zu grüßen; viele andere haben eine so ritualisierte und regulierte Redeweise angenommen, derart wohlgeordnet, dass sie überhaupt nichts mehr sagt (und so, auf gewisse Art, alles sagt für diejenigen, die wissen, wie man es hören kann).

Alles wartet und wird erwartet. Alles ist ersichtlich. Alles ist sichtbar, in scharfen Kontrast gesetzt gegen alles andere. Alles ist von Licht erfüllt, von Kameras, zielgerichteter Aktivität und Blicken, die nicht sehen. In Allem lernen wir Verwirrung – wir lernen Angst zu haben vor dem Dunkel.

In Allem erleben sich die meisten von uns in einer Art von Dunkelheit. Allein umherirrend, nach anderen sich ausstreckend, die gerade außer Reichweite sind, gerade außer Sicht. Dieser wie im Kino vorüberhuschende Schleier unzähliger Bilder pro Sekunde, Licht und Dunkel, verwirrt uns. Er wirft Trübsinn auf unsere Tiefenwahrnehmung, unsere Fähigkeit Schattierungen und Feinheiten zu sehen. Er täuscht unseren Gesichtssinn und trübt unsere anderen Sinne.

Vielleicht findest du dich in irgendeiner Nacht in lauter Aussprache. Du hängst vielleicht aus einem Fenster oder spähst eine schattige Gasse entlang, sagst “Hallo?” zu niemand bestimmtem. Eine merk-würdige Geste. Es ist nicht das “Hallo”, das du im Vorbeieilen einem Fremden zugeraunt hast, während dir all die Dinge im Kopf herumgingen, die du zu tun hast; nicht das gelangweilte “Hallo” an deinen gelangweilten Freund… es ist eine Art Schrei. Ein Frage-Ruf. Ein Frage-Gruß-Ruf.

Ohne es zu wissen könntest du die Äußerung “Hallo?” in einem archaischen Sinne benutzen. Als ob du von einem alten Ort aus sprechen würdest, einem ursprünglichen Platz, der nicht länger sichtbar, dessen Klang nicht länger hörbar ist. In der Vergangenheit, einer Vergangenheit, von der wir durch weit mehr entfernt wurden als nur durch das Verstreichen der Zeit, war der angemessene Gruß eines Menschen, der einen anderen auf der Straße traf “Guten Tag” oder “Guten Abend”. Unser heute üblicher Gruß “Hallo” war etwas anderes, eine Art Frage-Ruf, etwa in den Wald hinein, oder ein Frage-Gruß-Ruf in Richtung des Lärms bei jemandem zuhause: “Hallo? Ist da wer?” Die Erfindung des Telefons, sein Eindringen und Umbilden des Alltags, änderte die Angelegenheit. Es war derart unnatürlich, in die Maschine zu sprechen, dass die Leute eher dazu neigten “Hallo?” zu sagen als “Guten Tag”. Da die Anwesenheit eines anderen nicht länger vorausgesetzt werden konnte schien es angemessener zu sein, eine Frage in den leeren Raum zu rufen. Dieser Frage-Ruf ist es, den wir, ohne es zu wissen, geerbt haben.

Der Ruf in die Leere ist angeschwollen und bewohnt heute das gesamte soziale Leben. Ein Hinweis auf seine Ausbreitung ist die Tatsache, dass der Frage-Ruf “Hallo” zur gewöhnlichsten aller Grüße geworden ist. Er hat sogar eine Niedlichkeitsform: “Hi!” “Hallo” ist der Ruf in die Leere, der Gruß der Ära der Tele-Präsenz, einer geisterhaften Pseudo-Anwesenheit. Ordentliche Grüße für ein geordnetes Leben in Einsamkeit, das man mit anderen Leuten teilt.

Wir sagten, dass alles ersichtlich ist und dass sich die meisten von uns in allem im Dunkeln erleben. Tatsächlich geht es um die Frage des Wechselspiels von Dunkelheit und schrecklicher Sichtbarkeit. Besser gesagt erleben sich die meisten von uns in einer Leere. Die meisten von uns irren herum und strecken sich, die meisten von uns rufen fast unwillkürlich laut heraus, nicht nur in der Nacht. Für gewöhnlich passiert nichts. Gewöhnlich hörst du nur deine eigene Stimme und es ist schrecklich, oder langweilig, oder schrecklich langweilig.

Offensichtlich reden wir nicht länger nur übers Telefon – wir reden über eine Welt, in der Leute in aller Ausführlichkeit über ihre Telefone reden.

Für gewöhnlich hörst du nur deine eigene Stimme. Aber manchmal antwortet eine andere. Wir sind diejenigen, die “Hallo” gerufen haben und andere fanden, die antworteten. Wir sind uns nicht völlig sicher, was das bedeutet, aber es fühlt sich sehr wichtig an. Die unheimlichen Schreie, die unseren anfänglichen Frage-Gruß-Ruf beantworteten sind der einzige uns je bekannt gewordene Hinweis, der auf ein Außerhalb schließen lässt. Wir haben hin und her gerufen, wir haben echt geschrien, und indem wir das taten, kamen wir uns näher. Nah genug, um Tiefe und Feinheit zu spüren.

Das ist die Bedingung dafür, dass wir “wir” sagen.

Wir weisen zusammen alles zurück und rufen in die Leere.

Wir würden gerne wissen, wer noch da draußen ist.

Jemand sagte, dass alle Freundschaft politisch ist, aber in Allem ist Freundschaft unmöglich. Du hast keine fünfhundert Freunde, fast sicher hast du kein Dutzend, möglicherweise nicht mal einen. Wenn du einen Lover hast, besitzt du wahrscheinlich jene Art Leidenschaft, die immer sicherstellt, dass die Tür zu ist. Freundschaft ist nicht, zusammen Erfahrungen zu machen oder gemeinsam Dinge zu haben. Die raren Momente sind nur dies und kein Beweis für irgend etwas.

Skeptisch zu sein allem gegenüber, selbst Freundschaft, bedeutet eine Art von Hoffnungslosigkeit willkommen zu heißen. Wir wenden uns nicht ab von solcher Hoffnungslosigkeit.

In der Tat ist unser Projekt schwierig bis zur Hoffnungslosigkeit. Das bedeutet nicht, dass es ohne Fokus oder Intensität ist – ganz im Gegenteil. Es heißt, dass wir behende sein werden. Behendigkeit liegt im Anhalten wie im Anfangen: Wir behaupten, dass uns die Fähigkeit zu eigen ist, illusionslos zu scheitern und dann die Kapazität weiterzugehen oder bewegungslos zu verharren. Solange unser nächster Schritt hoffnungslos ist… In dem Maße, in dem Ziele erreicht werden können, werden sie, so sie die Sicherheit von Allem reflektieren, vermutlich nicht beachtet oder zurückgewiesen.

Unsere Hoffnungslosigkeit ist zugleich flink und dringend; stets gegenwärtig ruft sie nach großer Geduld.

O

Proposition 2

Alles ist hoffnungslos und doch erzählt Alles seine Geschichte immer auf eine Art, die verzweifelt hoffnungsvoll klingt. Viele tun das gleiche mit ihren Geschichten, wie sie alles ändern könnten. Wer diese Geschichten abschüttelt und der Hoffnungslosigkeit ins Gesicht sieht, kommt zu einer echten, vielleicht zur einzig wirklich wichtigen Entscheidung: in Verzweiflung schwelgen oder den Sprung wagen, für ein unermesslich anderes Leben.

Fangen wir wieder an. Alles was wir haben sind ein paar Geschichten; wir wissen nicht, ob wir Freunde haben, ob wir es schaffen Freunde zu sein, wenn wir uns für ausreichend nüchtern oder enthusiastisch halten es zu tun. Wir sagten, dass Freundschaft in Allem unmöglich ist; und wenn es ein Außerhalb gibt, bleibt der Weg dorthin in Verwirrung gehüllt. Die Dinge sind ein einziges Durcheinander. In diesem Durcheinander, dieser andauernden Krise, landen wir manchmal in einem Kreis von Leuten, in dem jemand versucht all dem einen Ort zu geben, all unseren täglichen und nächtlichen Gesprächen. Jemand fängt an, eine Geschichte zu erzählen…

Hier und da beschwört irgendeiner die Geschichte. Es ist stets ein aufschlussreicher Moment, wenn sich jemand an den Kreis wendet, den Kreis daran erinnert, dass er ein Kreis ist und die Individuen an den Rändern auffordert nachzugeben, anzuerkennen… Letztlich dazuzugehören. Für uns ist das eine Art Theater. Unsere erste Begegnung mit der Geschichte war nationalistische Indoktrination pur. Später merkten wir, wie jemand, weiter vom Zentrum des Kreises entfernt, sich dem Zentrum zuwendete und begann, von etwas weniger Monumentalem zu reden: Der Geschichte von Leuten wie uns, wer auch immer sie denken, dass wir sind. Eine kleinere Geschichte in einem kleineren Kreis, und vielleicht mit mehr Publikumsbeteiligung. Im indoktrinierenden wie im vermeintlich radikalen Sinn erzählt Alles mit der Geschichte seine Geschichte, erzählt sich selbst, aber als solche ist sie eine Täuschung.

Räumen wir es ein: für uns haben diese historischen Wohlfühl- (oder Schlechtfühl-) Erzählungen nicht die große Wichtigkeit, die sie beanspruchen. Wir leben im Jetzt, heute. Heute ist wie gestern und wahrscheinlich wie morgen. Die Zeit geht weiter, von der Geschichte wird gesagt, dass sie weitergeht.

Dies sind die Geschichten von allem: Alles wiederholt sich. Das ist die Geschichte von Allem: Alles reproduziert sich. Nichts passiert.

Wir leben im Jetzt. Wir können das nagende Gefühl nicht loswerden, dass die Geschichte eine Täuschung ist, dass die Geschichten, die wir uns erzählen, über was wir tun, nur kleine Erzählungen sind, die um den Status historischer Wahrheit wetteifern. Ein entmutigender Zustand, was immer er sonst noch ist. Er hat viele von uns zur Verzweiflung getrieben. Hoffnungslosigkeit formt Macht und Widerstand – Faulheit, um sich schlagen und Suche nach Liebe als Akte der Hoffnungslosigkeit…

Tatsächlich scheint es zuerst, als stünden uns nur zwei Wege offen. Einer ist die Verzweiflung als Wahnsinn: Nicht so sehr Nicht-Handeln als hilflos zufälliges oder automatisches Handeln. Der andere ist das falsche Überwinden der Verzweiflung, eine Rückkehr zur Hoffnung, eine neuerliche Beteuerung unserer kleinen Geschichten: nicht so sehr kühnes neues Handeln als vielmehr die ritualisierte Wiederholung von etwas, von dem wir glauben, dass es in einer märchenhaften Zeit funktionierte. Der erste führt ins Alleinsein, manchmal zu abgedrehter Bekanntheit; der zweite ist ebenfalls öffentlich, aber in den Umrissen des spektakulären Aktivismus. Deshalb denken wir, nichts exotisches zu tun, wenn wir keine Hoffnung haben. Wir glauben, dass viele keine Hoffnung haben und es sich nicht eingestehen, geschweige denn einander.

Aber Hoffnung und Angst sind lediglich verschiedene Aspekte der gleichen Unterwerfung unter die Geschichte. Wenn zwei dasitzen und die gleichen Geschichten hören, hofft die eine auf ein gutes Ende, während die andere eine Tragödie befürchtet. Keiner von ihnen ist frei.

Wir wählen einen anderen Weg. Wir handeln aus Mangel an Hoffnung furchtlos – auch wenn das manchmal bedeutet, sich zu weigern irgendetwas zu tun. Wenn du einräumst alles verloren zu haben hast du in jedem Augenblick die Möglichkeit zu etwas wirklich Tollem. Im Bewusstsein, dass du etwas zu erreichen oder zu tun hast, lenkst du jede Situation deinem besonderen Ziel entgegen, deinem Projekt.

Dies erlaubt uns eine Erkenntnis: Es gibt zwei Bedeutungen von Hoffnungslosigkeit. Die eine neigt dazu, mittels Sicherheitslösungen, PR-Kampagnen und Selbsthilfe-Programmen auf die Lösung des Problems der Hoffnungslosigkeit zu weisen. Dies ist der terrorisierende Zynismus der Macht und seine Kehrseite, die terrorisierte Motivation des politischen Subjekts. Sowohl Verzweiflung als auch ihre falsche Überwindung (Hoffnung) gehören zu diesem Ansatz. Der andere Zugang zur Hoffnungslosigkeit, welcher der unsere ist, liegt in der Schonungslosigkeit, die Grenzen dessen zu finden, wozu wir fähig sind und darüber hinaus zu gehen. Wir tun dies mit unseren Vergnügungen, mit unseren Körpern und, wenn wir Glück haben, mit unseren Freundschaften.

Die Ausnahmen prüfen die Regel.

Das heißt wegzufegen, was unmöglich ist, hoffnungslos im ersten Sinne und die Hoffnungslosigkeit im zweiten Sinne zu ergreifen, ja, zu genießen. Das ist unsere Macht.

Unsere Hoffnungslosigkeit hat einen großartigen Wert: Sie ist ein wunderbares Abführmittel. Sie reinigt dich Schicht um Schicht von allem, was auf dir abgelagert wurde, von allem, mit dem du überzogen wurdest, von all diesen unbeholfenen Masken, die deinem Gesicht als Geschichte und Geschichten anhaften. Politik zuallererst: Politische Lösungen für Krisen und Zusammenbrüche, die zu intim sind, um sie massenhaft anzugehen. Und für jene spezialisierte Politik, die sich um das Intime herum kristallisiert, die Identitätspolitik, hat die Hoffnungslosigkeit nur ein Achselzucken und ein Lachen: Viel Glück mit eurer Geschichte der Niederlagen… Doch vielleicht ist das stärkste, das notwendigste Abführmittel dasjenige, das dich für immer von der Vorstellung reinigt, dass es möglich ist, ohne Täuschung auszudrücken, wer du bist.

Wir könnten weitermachen, aber lasst uns eins klarstellen: wenn wir gegen alles sind, sollten wir es sagen. Wir sind die einzigen, die es sagen, die dich in der Nacht grüßen, die dir am helllichten Tage zuzwinkern. Wir setzen unser Leben auf dieses offene Bekenntnis zur Ungläubigkeit… dass wir es anonym tun, hinter einer Maske ganz anderer Art beweist nur, dass wir nicht dumm sind, sondern verführerisch.

O

Proposition 3

Weil alles Ordnung und Organisation ist, ist es bescheuert, in der Ordnung und Organisation der Politik nach Wegen zu suchen, die aus diesem Zustand hinaus führen, hinaus aus Allem.

Vor Kurzem gab es ein Moment der Besetzung. Er bewohnte unseren Geist, die Medien und einige Plätze in den Städten. Dieser politische Moment war überraschend, weil er auf eine Frage anspielte statt ein Set von Antworten vorzugeben.

Bevor entschieden war, was die realen Absichten dieses Moments in Allem waren, seien es endlose Treffen, Straßenkämpfe oder eine Art Verhandlung mit den Banken, war es der frischeste Atemzug in einem verlorenen Jahrzehnt.

Doch sobald Alles mit seinem Netzeweben begann, wurden die Vorkämpfer des Moments gefangen. Gefangen in alten Mustern von Protestpolitik, in bis dahin vermiedenen Verhandlungen, trieben sie weiter und weiter hinein in Alles. Die Netzemacher, die in bestimmten Momenten der Rekrutierung als notwendiges Übel Sichtbarkeit ermöglichten, nutzten die Logik der Rekrutierung als Rahmen, zogen diesen daraufhin zusammen und begannen, den Gastgeber zu verspeisen.

Wir sind vertraut mit dieser Verdauungsstrategie. Sie ist die Arbeitsweise der Politik, der Mangel an Gespräch, der notwendig ist, um den Körper zu verwalten und den Geist zu verblöden – worauf sich so ziemlich alles hinausläuft, das wir kennen. Der Politik zu entkommen ist nicht möglich, aber es wäre fantastisch. So fantastisch wie eine Reise zum Mond oder ein Karnevalsumzug. Wie üblich mangelte es den jüngsten Bestrebungen gegen die Politik an ausreichend fantastischer Orientierung, um der Schwerkraft zu entfliehen. Sie sind als Mehr-vom-Gleichen in die Realität zurückgekracht, weniger die Wahrheit von Allem spiegelnd als ihren eigenen Treibstoff, der weit weniger zersetzend war als nötig.

Kehren wir zur Frage der Politik zurück. Wir würden die Politik gern so schnell abhaken, wie wir es oben getan haben, aber wir wissen es besser. Sie ist eine Krankheit der Seele, eine Abhängigkeit. Sie ist unser kleines Problem. Du hörst an einem Tag auf und fängst am nächsten wieder an. Du verlässt sie für eine Woche und erfindest sie in der nächsten wieder neu. Du tust es, während du abstreitest, es zu tun. Zur Politik zurückzukehren und sie gründlich abzuschütteln ist eine andere Art “Hallo” zu sagen, den Gruß aus dem Nirgendwo seinen Weg finden zu lassen. Denn wenn wir uns strecken, wenn wir uns um die Geste der Freundschaft bemühen, enden wir verstrickt in Cliquen, Gruppen, Szenen, Milieus, Subkulturen… so viele sogenannte Gemeinschaften, bevölkert von den üblichen Verdächtigen.

Es ist entsetzlich zu entdecken, dass wir gleichwohl die üblichen Verdächtigen für andere sind. Freundschaft ist unmöglich.

Wir fangen an, indem wir jede Art Teilhabe an repräsentativer, parlamentarischer, demokratischer Politik beiseite schieben. Wir alle sind zur Genüge vertraut mit diesen Treffen, auf denen wir über Alles reden. Uns interessiert mehr die Art und Weise, in der alles dazu neigt, solch eine Politik wiederzuspiegeln, insbesondere wenn Alles vorgibt, sich gegen sich selbst zu richten: Die ewige Wiederkehr der Repräsentation, tausendundein Name für etwas, dass immer wieder darauf hinausläuft, für andere zu sprechen.

Wir schrieben: Wenn Alles vorgibt, sich gegen sich selbst zu richten. Der Bereich jeder Diskussion außerparlamentarischer Macht ist begrenzt: Vom Verlangen, sich an beinahe-parlamentarischen Formationen wie Kommissionen oder Kollektiven zu beteiligen bis zur Zurückweisung von allem außer zeitweiligen ad-hoc Gruppen. In diesem Spektrum bedeutet Das-Gute-tun eine bessere und aufrichtigere Anstrengung in Richtung mehr Demokratie und mehr Beteiligung immer weiterer Teile der Bevölkerung zu unternehmen. Dieser Weg ist geleitet von einem Glauben daran, wer wir als Volk sein wollen. Er ersetzt den vollständigen Mangel an Transparenz und Verantwortlichkeit der normativen Politik mit einer verwässerten Giftbrühe. Alles wird transparent und verantwortlich mittelmäßig.

Das Verlangen danach, unsere eigenen Gesellschaften zu schaffen ist vollkommen verständlich. Wir schaffen etwas, das die Rolle ausfüllt, die das Leben zu füllen pflegte. Unausgesetzt erinnert uns die Geschichte daran, dass Gemeinschaft einst möglich war, unausgesetzt produziert die Politik immer künstlichere Neuschöpfungen von Gemeinschaft. Für die meisten von uns bedeutet das, ein Ideal zu konsumieren, von dem wir glauben, Teil sein zu können, das Gefühl, dazu zu gehören, das wir aus der Geschichte und den Geschichten ziehen, auszudehnen in einen Anschein von Leben. Tele-Präsenz, geisterhafte Präsenz. Wir nehmen an der Schaffung genau der Erfahrungen teil, nach denen uns verlangt, der idealen Art Leute, die unserem Verlangen und unseren Erwartungen entsprechen. Wir wählen Stil, Farbe, Anzahl und bestimmende Eigenschaften unserer Kategorie; dann klicken wir auf KAUFEN.

Wir sagten, dass wir uns gefunden haben, aber wir haben noch immer keine Ahnung, wo der Weg nach Draußen ist; wir sind im Zusammenbruch, in der Krise. Aber wir wissen, dass sich gegen alles zu wenden, uns gegen Alles zu denken und entsprechend zu leben heißt, die zersetzendste Skepsis gegen jede politische Formation zu verkörpern, vielleicht am meisten dort, wo wir Ausgestoßenen am wahrscheinlichsten in unserer Unzufriedenheit verwaltet werden (oder schlimmer, sie selbst verwalten): Die Sphäre der sogenannten radikalen Politik.

Politik zieht uns stets undurchschaubar zurück in die Kompromisse mit allem. Hoffnungslosigkeit ist transparent antipolitisch.

O

Proposition 4

Wenn wir versuchen, uns aus dem Griff dessen zu lösen, was zu tun und zu sein uns angeordnet ist, sind wir solange besiegt bevor wir begonnen haben, bis wir alles übern Haufen werfen, was wir für gut und böse halten. Um über Geschichte, Politik und den Moralismus, der Alles unterfüttert, hinauszugehen, verschreiben wir uns dem Commitment, der Verbindlichkeit, der Hingabe selbst.

Alles ist in moralischen Farben gemalt, für gewöhnlich mit sehr wenig feinen Schattierungen. Die Anordnung zu tun ist die Anordnung es richtig zu machen, die Anordnung zu sein ist die Anordnung gut zu sein. Wenn wir “Hallo” sagen, grüßen wir jene, die begonnen haben, sich von dem brutalen Moralismus zu entfernen, der alles in unserer Kultur und ihren Subkulturen kennzeichnet.

All unsere Härte, unsere Schuld, unsere Angst hat ihren Ursprung in den großen monotheistischen Religionen. Ja, werfen wir das Netz weit über sie aus. Wenn es heutzutage irgendwas bedeutet, in Nordamerika zu leben, dann bedeutet es in Räumen zu leben, die von einem eher kulturellen als glaubens-basierten Christentum bestimmt werden. Vielleicht wird die Christenheit gestärkt, wenn das Christentum schwindet – in jedem Fall nennen wir ihren durchdringenden Einfluss Moralismus. Dieser Moralismus ist das wahre Gewebe von Allem, ob du es glaubst oder nicht. Stell ihn dir als eine emotionale Form der Überwachung vor, eine Kamera in deinem Kopf.

Es gab nie einen Engel oder Teufel auf deiner Schulter, eine Stimme des Bewusstseins, die dir sagt, was richtig und falsch ist, oder eine Schlange der Versuchung, die dir ins Ohr zischelt. Aber es gab einen Grund, warum jemand dich glauben machen wollte, dass es sie gibt.

Wir haben guten Grund uns von unseren Führungs-Priestern zugrunde gerichtet zu fühlen. Zumal Priester wenigstens darin guten Geschmack haben, durchblicken zu lassen, was sie zu tun gedenken.

Wenn du den Moralismus der Politik zu greifen bekommen willst, stell dir den Anführer bei seiner Rede in priesterlicher Robe vor, und eine Anführerin sagt, dass er kein Anführerin ist, stell sie dir als Predigerin an der Straßenecke oder im Bus vor. Umgekehrt, wenn du die Politik im Moralismus zu greifen bekommen willst, achte darauf, ob jene, die sich als moralische oder religiöse Führer einsetzen, als Ratgeber aller Art, es zynischerweise zu ihrem Geschäft machen, Abkürzungen zu nehmen und ihre endlose Heuchelei zu verbergen

Lügner in allem.

Jeder in dieser bunten Charakter-Truppe hat seine eigene Art, uns unserer Lebenskraft zu berauben. Sie schwächen unser Fleisch durch das Verwalten unseres Vergnügens, so dass wir verloren sind in unseren eigenen Körpern. Sie arbeiten auch an unserer Seele, aber der Glaube an die Errettung oder Erlösung führt weder zum einen noch zum andern.

* * *

In Allem bedeutet Gemeinschaft, dass unser Verhalten nicht unser eigen ist. Aber genausowenig ist unser Handeln und Glauben von Galionsfiguren vorgeprägt. Es wird von anonymen Akteuren einer sekulären Kultur angeordnet, die verflochten mit ihnen allen wächst. Alles ist keine Religion, aber es kann Religion als Maske tragen, und die meisten haben einen religiösen Bezug zu allem. Das ist, was wir mit Moralismus meinen. Die meisten von uns schnitzen es in ihre eigenen Körper. Wir sind stolz auf die Narben, die zeigen, wie sehr wir gelitten haben – wie gut wir sind.

Auf dieser persönlichen und intimen Skala kann man die im Moralismus wirkende Grausamkeit zu greifen bekommen. Die Schuld-vor-der-Schuld die Anordnung zu erhalten, alles zu sein und stets zu scheitern. Moralismus ist die monströse Garantie, dass jeder von uns sein Leben vor irgendeinem Gott bloß legt, in allem was wir tun. Im Austausch wird uns eine Geschichte geboten, laut der wir durch Schmerz erlöst werden. Das Selbstverständnis der meisten Leute nimmt hier seinen Anfang. Die meisten der sogenannten Gemeinschaften sind rund um die Wiederholung irgendeiner kleineren Variante dieser Geschichte angeordnet, die sie ihre Geschichte nennen, radikal oder sonstwie.

Über diese Geschichten der Erlösung durch Schmerz hinaus ist keine andere Art Rettung möglich. Niemand kann dich retten und du kannst dich selbst nicht retten.

In Allem wird unser erbärmliches Verlangen anderen Gutes zu tun, von unseren Fehlern errettet zu werden und unsere Ziele zu erreichen in monströsen Ritualen angeordnet. Werden diese Rituale oft genug wiederholt, sondert geordnetes Verlangen Geschichten und Glauben ab. Geschichte baut auf diesen Geschichten auf, sobald sie aufsteigen und Mythen werden, erzählt in epischem, wichtigen Tonfall.

Doch Glauben dreht sich mehr darum wer wir sind als was wir tun.

Alles bindet uns an sich durch unseren Glauben an die Art, wie alles funktioniert. So formt unser Glaube, in Allem, was wir fähig sind zu tun. Glauben als der realistische, einfache Glaube an Gott, an die Welt, an Alles. Für uns andererseits ist Glauben ein Test, es geht um das Hinausgehen über die Hoffnung-und- Angst Matrix. Um Außerhalb von allem zu gelangen.

Warum wir nicht länger an irgendetwas glauben – an alles, was ist. Wie wir erkannten, dass wir nie wirklich an Gott glaubten, an die Welt, an Alles. Wir wissen, dass alle Ausgänge von unserer uralten Fehlbarkeit und der Krise unserer Zeit blockiert sind. Das Ergebnis: Unsere ohne Ende wiederholte Verwirrung über die Verbindung von Weg und Ziel.

In Form von Geschichte, Politik und Moralismus wird sich die Verwirrung wiederholen. Aber wir haben den Verdacht, einen Weg gefunden zu haben, klarer zu denken. Wichtiger, wir denken einen Weg zu haben, von Gefühlen oder Leidenschaften sagen zu können, dass sie unsere eigenen sind. Auf dieser Art wird die Unverbundenheit von Weg und Ziel augenblicklich entfesselt. Unser Spiel besteht darin, solche unverbundenen Momente aneinanderzuketten, die Trennung von Weg und Ziel zu zerstören, wann immer wir wissen wie.

Wir sagten, dass sich alles wiederholt, dass nichts passiert. Was bräuchte es, damit etwas passiert? Dass die Hinweise und heimlichen Ahnungen eines Außerhalb sich ausdehnen wie Löcher in einem brennenden Filmstreifen, Feinheit und Tiefe annehmend, sich ausbreitend zum Panorama. Das ist, was es bedeuten würde, dass etwas über die Geschichte hinaus passiert. Außerhalb von allem.

Unser Name dafür, was es bräuchte, damit etwas passiert ist Commitment, Verbindlicheit, Hingabe. Commitment war lange aus der Mode, wie Loyalität und Ehre ist es einer jener Werte, die einen Groß-teil ihrer Bedeutung bei ihrer Integration in Alles eingebüßt haben. Es war, und kann noch immer ein Weg sein, jene Leidenschaften und Beziehungen auszuwählen, die ausgeschlossen sind von Allem. Ein Weg, zu wissen wer und was, über die Vorurteile von Moralismus und Politik hinaus, unser ist.

Commitment ist, was es zu tun und was es zu überdenken gibt. Um verwirklicht zu werden muss es Allem entrissen werden. Wenn wir sagen, dass unser Spiel im Aneinanderketten unverbundener, hoffnungsloser Momente besteht, rufen wir tatsächlich auf zum Commitment fürs Commitment, zur doppelten Verbindlichkeit, zur Hingabe an die Hingabe.

O

Proposition 5

In einer Welt, in der uns motivierende Plakate und Selbsthilfe-Bücher ermuntern strebsam, exzellent und wir selbst zu sein, möchten wir noch immer von einer Art Streben nach Exzellenz reden, die Außerhalb all dessen liegt. Dieses Commitment, diese Hingabe ist es, die in Allem fehlt, und in seinem Gegensatz. Ohne es endet jede vermeintlich radikale Zurückweisung der Welt, wie wir sie kennen, sei es durch Kompromiss, Reue oder Kapitulation, zurück in den ausladenden, willkommen heißenden Armen der sozialen Teilhabe, in der erstickenden Umarmung von allem.

Eine Welt der halbherzigen Maßnahmen und des moralischen Relativismus hat sich gegenüber den unterschiedlichen Erfahrungen, Werten und Glaubensvorstellungen der Leute weder als sensibler erwiesen, noch hat sie mehr aus uns gemacht als nervöse Berechner von Demographie und Gefühl. Immer mehr Toleranz hat unsere Formen des Widerspruchs befriedet; aber noch katastrophaler ist, dass sie unsere Bereitschaft zu Freundschaft und Liebe befriedet hat, was sie unmöglich macht.

An vielen Orten hängt alles davon ab, nett zu sein. Alles ist, wo alle zusammenkommen, um sich gegenseitig zu ersticken. Möge niemand der Umarmung der Gruppe entkommen.

Viele betteln darum, dass die erdrückende Umarmung endet, aber ein jeder versteht das als Bitte um eine vollständigere Umarmung. Irgendwer ist immer bereit zuzuhören, zuzuhören, zu nicken und dir vielleicht ein paar Pillen zu geben. Am Ende erliegen die meisten dem einfach. Schließlich heißt es, dass ersticken ein friedvolle und angenehme Art ist, zu sterben.

Wenn wir also “Hallo” sagen – ist jemand da draußen? – tun wir das inmitten einer erdrückenden Masse von Körpern. Wir tun es mit dem bisschen Atem, der uns nicht abgedrückt wurde. Wenn der Schrei schwach ist, dann deshalb, weil alles ihn dämpft.

Du kannst nicht Freund von allen sein. Einander treu sein heißt ein Feind der Gruppe zu sein. Um Platz zu haben, zu atmen, klar zu denken, für sich zu sein und Stille zu haben, muss man Platz schaffen. Und um Platz zu schaffen, muss man zerstören, was ihn in Beschlag nimmt. Nur dann gibt es etwas, dass es wert ist von einem selbst oder mit einem Freund besetzt zu werden.

Über Moralismus hinaus verstanden ist Gewalt, wie Liebe und Trauer, letztlich eine Leidenschaft, die von der Forderung nach Vermittlung und Nettigkeiten erstickt wird.

* * *

Es gibt alle möglichen Arten Commitment, die uns nicht interessieren. Jede sinnlose Sache erstarrt rund um ihre hingebungsvollen Verfechter. Fernsehsendungen, idiotische Popstars, unbedeutende Musiker, mittelmäßige Intellektuelle, der gesamte soziale, kulturelle und politische Müll findet in allem seine Fans. In ihrer launischen Hingabe missverstehen die Anhänger ihren Konsum als Akt, sich selbst zu definieren, ihre Meinung geltend zu machen oder vielleicht sogar, sich zu befreien.

(Aber seien wir nicht so naiv, zu denken, dass die Idee von Befreiung den Weg ins Bewusstsein der meisten findet.)

Wenn es irgendwas anderes geben soll als das Mitmachen bei der großen Umarmung, erfordert Commitment selbst Commitment, bedarf die Hingabe der Verbindlichkeit und die Verbindlichkeit der Hingabe. Es braucht Aufmerksamkeit und Pflege auf der einen und zersetzende Skepsis auf der anderen Seite. Wir sagten, dass unser Projekt schwierig ist bis zur Hoffnungslosigkeit. Wir sagten auch, dass alles mit einer Anordnung verbunden ist, zu tun und zu sein; wir sollten hinzufügen, dass Alles alles in zwei Anordnungen teilt – Anordnungen des Denkens und Anordnungen des Lebens – und der einzige Punkt, an dem sie sich in einer Gesellschaft wie dieser legitimerweise treffen, ist im ausdrücklichen Akt des Konsums. Hol dir was Hübsches.

Diese Anordnung zu tun und zu sein übertreten bedeutet wahrscheinlich Elend, Armut oder Knast.

Und doch geben wir uns diesem Risiko entschieden hin, weil wir uns nach der Intensivierung der Verbindung zwischen Leben und Denken sehnen. Zwischen dem, was wir behaupten zu tun und dem, was wir tun; zwischen dem, was wir behaupten zu sein und dem, was wir sind. Commitment ist diese Verbindung, Commitment zum Commitment ist ihre Intensivierung.

Wir könnten noch weiter gehen und sagen, dass wir uns der Zerstörung der Trennung zwischen Denken und Leben verschrieben haben. Was notwendig heißt, sich der Zerstörung von Allem zu verschreiben.

O

Proposition 6

Wenn wir Commitment zum Commitment beschwören, Hingabe und Verbindlichkeit, sprechen wir von einer Form der Organisierung, die weit entfernt ist von all den langweiligen Clubs und pseudo-militärischen Formationen. Die Stärke dieser Form hängt vollkommen von der Intensität ab, mit der man in sie eintritt und wie gut sie sich verschleiert. Du darfst nicht glauben, etwas ernsthafteres zu tun als ein Spiel zu spielen, um es ernsthaft zu spielen, um zu gewinnen.

Eine andere Art, sich dem Commitment zum Commitment zu nähern, besteht darin, uns zu fragen warum Projekte scheitern, warum sich Leute kaufen lassen oder aufgeben, warum Bewegungen sich entweder in Richtung Mainstream entwickeln oder implodieren.

Wir antworten, dass Alles es unmöglich macht Versprechen zu halten. Es gibt eine Art eingebaute Unehrlichkeit oder Heuchelei bei allem was wir tun. Es scheint uns, dass Alles sich genau dann mit seiner Anordnung einmischt, wenn man, nach eigenem Ermessen, ein Versprechen halten, einen Eid schwören oder einem Freund gegenüber mit offenen Karten spielen könnte. So verstehen wir das Schwören eines Eides, zum Beispiel, nur vom Standpunkt der Loyalität einer Institution gegenüber: Dem Gericht, der Armee, Hochzeit… Wir verstehen Versprechen halten und ehrlich sein nur vom Standpunkt der Moral.

Unser Verständnis des Eides kreist nicht so sehr um die moralische Frage, die Wahrheit zu sagen, sondern um die Frage wahrer Freude, um die hoffnungslose Möglichkeit, einen ekstatischen Bund zwischen Denken und Leben zu erreichen. Oder, auf einer anderen Ebene, wahre Freundschaft.

Eine hoffnungslose Angelegenheit.

Wir könnten sogar jenen archaischen Sinn beschwören, einander treu zu sein, wo treu sein bedeutet, miteinander verschlungen zu sein. Die Intensität einer Freundschaft mehr als eine ihr innewohnende Qualität zu verstehen, denn als etwas, das sich auf ein Kommando hoch oben bezieht.

Wir schreiben wieder mal über Freundschaft. Wir schreiben immer noch und vielleicht nur über Freundschaft. Wir schreiben über einen Bruch, einen Sprung vom Commitment zum Commitment-zum-Commitment. Das ist nicht etwas, was im Privaten geschieht, aber genausowenig geschieht es in der Öffentlichkeit. Es passiert nicht in Allem oder als Alles und so liegt es in offener Sichtbarkeit verborgen. Wenn du es richtig machst, wirst du und die deinen in Allem unleserlich.

Darüber, wie der Bruch sich in unserem Leben ereignete – sich ereignet – können wir zwei Sachen berichten: Es geschah einmal (Wir brüllten “Hallo?” in die Leere) und wiederholt sich ohne Ende (es begann, als jemand im Dunkeln antwortete). Jedes Gespräch, jedes miteinander Umgehen ist eine Wiederholung dieses ersten und ursprünglichen Ereignisses.

Jedes Mal, wenn wir ein Projekt scheitern sehen, von einem weiteren Verrat hören, an eine implodierende Bewegung denken, sind wir zurück in der ursprünglichen Leere, sagen “Hallo?”, fragen uns, wer dort ist. Wir werden nie den psychischen Abstand vernachlässigen, denn uns unser erstes Bewusstwerden der Trennung, von allem gebracht hat. Wir sind mit der Unmöglichkeit vertraut.

Die Tatsache des Bruchs, unser Genuss, da er sich zufällig ereignete und sich weit weniger zufällig wiederholt, gewährt uns folgende Einsicht: Dein Gefühl zu einer Gruppe oder Partei zu gehören, zu einem Team oder einer Crew, kann dahin abdriften, zu allem zu gehören. Nicht ist einfacher, nichts ist verfügbarer, möglicher, als dieses wiederzunähen der Dinge, so wie alle sie sehen, so wie alle wissen, dass sie sind. Niemand kann mit Erfolg etwas sein – irgendeine Identität beanspruchen – und zugleich vermeiden, dass diese Identität ihrem zugewiesenen Platz in Allem entspricht.

Das Außerhalb ist nicht das Außerhalb des Innerhalb. Es ist etwas anderes. Die Kette verbindet Zufälle auf nicht-zufällige Weise; sie ist eine Serie von Momenten der Aufmerksamkeit und der Leidenschaft, von Lektionen, ohne die Zuversicht gelernt, unsere Fehlbarkeit überwunden zu haben. Commitment zum Commitment ist der Wille, die nächste Verbindung einzugehen, hoffnungslos. Wir sind frei, an zahllosen Aktivitäten teilzunehmen, von zahllosen mehr zurückzutreten, insofern als irgendeine wahrhaftige Antwort daraus entspringt.

O

Proposition 7

Da wir die Geschichte verlassen haben, hegen wir kein Interesse daran, herumzusitzen und auf das Ende der Welt zu warten. Es ist uns klar geworden, dass wir unser Leben nicht leben können, es sei denn als Auflösung der Welt. Am Ende gibt es nichts zu erwarten und nichts zu fürchten. Darüber hinaus haben wir alle Zeit der Welt, sie aufzulösen.

Wir, die wir uns nichts vormachen wollen, die eine gewisse Desillusionierung für ein Kriterium des Lebens halten, wissen, dass alles zum Ende kommt. Zumindest wissen wir es manchmal. Manchmal ist es so einfach wie zu wissen, unser Freund wird sterben, oder dass wir für sie sterben werden.

Du weißt vom Tod, weil du davon umgeben bist. Doch selbst wenn Alles den uns umgebenden Tod verwaltet und anordnet, verbirgt es den Tod. Es muss ihn unaufhörlich verbergen, und kann es nie gänzlich. Wenn es darin versagt, siehst du, dass du vom Tod umgeben bist.

Wenn wir von Hoffnungslosigkeit sprachen, meinten wir damit Missachtung von allem, aber auch eine Haltung gegenüber der Gewissheit des Todes. Wenn wir von Furchtlosigkeit sprachen, geschah dies, um uns von allem zu unterscheiden, das lebt, als ob es niemals sterben würde.

So spielen wir ohne Angst, ohne Hoffnung ein Spiel mit Zeit und Tod. Unser Projekt, dem wir treu gewesen sein werden, wird ebenfalls zu einem Ende kommen. Das Spiel, dass es in verschiedenen Varianten gibt, besteht darin, darum zu wissen und committed zu bleiben – ohne Illusionen.

Commitment zum Commitment ist zu wissen, wie Desillusion und Spiel mitgeteilt werden können. Das ist, was wir machen, wenn wir “Hallo” sagen.

* * *

Auch die Welt wird enden; dies ist Gewissheit und nicht Hoffnung. Tatsächlich sind zahllose Welten bereits zu Ende gegangen, enden, während wir sprechen.

Wir sind committed zur Vernichtung von allem und so zum Ende der Welt.

Jemand sagte, dass viele Welten möglich sind, als könnten wir jene, die zu Ende gehen retten, oder als könnten wir all diejenigen, die bereits ausgelöscht sind wiedererwecken, Traditionen, Kulturen und Sprachen wieder ins Leben zurückrufen. Wir denken, dass nicht eine dieser Welten bewohnbar ist. Alles ist die einzige, kolossale Welt, die jede untergeordnete Welt anordnet. In allem ist Platz für deine private Welt, für deine besondere Kultur, dein Commitment hinter verschlossenen Türen oder in der politischen Sphäre. Für Commitment zu Commitment gibt es keinen Platz, das Lösen unseres Glaubens in die Welt.

Das Ende der Welt hängt von uns ab.

Wahre Freundschaft ist das Ende der Welt, der Beginn unseres Spielens miteinander.

Das Geheimnis besteht darin, am Ende zu beginnen.

O

hellofriend@riseup.net

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