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December 13, 2013

Der Anarchismus gegen den Antifaschismus

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von non fides

antifaschismus – PDF

  • Vorwort der deutschen Ausgabe
  • Der Anarchismus gegen den Antifaschismus – Non fides
  • Was können wir mit dem Antifaschismus tun? – Alfredo M. Bonanno
  • Aber Du, bist Du Antifaschist, ja oder nein? – Machete
  • Das schlimmste Produkt des Faschismus ist der Antifaschismus – Unverschämte Antiautoritäre
  • Beenden wir endgültig das Kapitel gegen den Faschismus, aber auf unsere Art und Weise – Belgrado Pedrini
  • Einige antifaschistische Attentate – Emilio Strafelini
  • unser Antifaschismus – Severino di Giovanni
  • Wie kämpfen? – Culmine
  • Der Krieg zwischen zwei Formen der Sklaverei – Antoine Gimenez

 

Vorwort zur deutschen Übersetzung

Diese Broschüre „Der Anarchismus gegen den Antifaschismus“ soll dazu beitragen und helfen das Existierende zu analysieren – zu sehen wo sich die Macht aktuell befindet, bzw. wo nicht. Um sich  in Konfrontation mit dieser zu begeben, um sie zerstören zu können und sich nicht verwirrt, weit weg von dieser wieder zu finden: dort, wo man keine Gefahr mehr für das Existierende darstellt, sich Illusionen hingibt, dem Spektakel verfällt, Teil der Macht wird, etc. Dort wo man Politik und politischen Aktivismus betreibt.

Um dies klar zustellen: Diese Broschüre wendet sich aus einer anarchistischen Sichtweise gegen den heutigen Antifaschismus, genauer gegen den sogenannten autonomen oder anti-autoritären Antifaschismus. Es wendet sich an diejenigen, die in dem heutigen Antifaschismus ein scheinbar subversives oder revolutionäres Potenzial sehen. Von den Anderen, von staatlichen, sowie autoritären Antifaschisten, aber auch Faschisten, brauch hier nicht gesprochen zu werden. Diese haben sich längst als Marionetten oder Freunde des Staates und der Herrschaft zu erkennen gegeben.Es geht hier darum die antifaschistische Illusionen zu zerstören und sich nicht vom Staat hinters Licht führen zulassen; sich das Existierende vor Augen zu führen und sich bewusst – ohne den Feind aus dem Augen zu verlieren und sich seiner Vielseitigkeit und Anpassungsfähigkeit bewusst zu sein – in den Kampf zu stürzen.Wie die Kameraden und Kameradinnen, die, als die Macht das Gewand des Faschismus trug, sich nicht darauf beschränkten das Gewand zu bekämpfen, um ihr ein Anderes überzuziehen. Sondern, das Gewand zerfetzen wollten, um der Macht in ihre hässliche Fratze zu spucken – jegliche Herrschaft zerstören wollten. Sie, die in der Demokratie nicht aufhörten zu kämpfen, erkannten, dass die Macht ein soziales Verhältnis ist.

Ich möchte mit dieser Broschüre Diskussionen anregen und provozieren, um die Waffe gegen jegliche Autorität und Herrschaft zu schärfen, ohne dabei in einer Verherrlichung vergangener Zeiten zu verfallen. Wenn sich der Blick in die Geschichte richtet, dann unter anderem, um die Trennlinie zwischen den Helfern und den Feinden der Macht zu verdeutlichen, zwischen denjenigen, die mit der einen oder anderen Herrschaft liebäugelten (und das noch immer tun) und denen, die nichts anderes wollten, als jegliche Herrschaft zu zertrümmern. Und diese Trennlinie muss durch das Terrain des heutigen Antifaschismus gezogen werden, wenn man im hier und jetzt Kameradinnen finden möchte und nicht jene, die das vorgeben zusein. Dies führt dazu, dass man einiges von Bord werfen muss, um sich in neue, für die Macht gefährlicheren Gefilde zu begeben – in den sozialen Krieg.

Düsseldorf, November 2013

Die fürchterlichste Tyrannei ist nicht diejenige, die die Gestalt der Willkür annimmt, sondern diejenige, die uns mit der Maske der Legalität beherrscht.

Albert Libertad

 

Der Anarchismus gegen den Antifaschismus

Seit 1945 regiert in den ehemals faschistischen Ländern ein struktureller Mythos. Nachdem sie vom Joch der faschistischen Phase des Staates befreit wurden, und sogleich zur demokratischen Phase übergegangen sind, haben sich die Bedingungen der Bewohner dieser Länder angeblich radikal verändert. Dass sich heute immer noch viele darüber freuen, nach 50 Jahren der sozialen Befriedung, erkennt man an den zahlreichen Veranstaltungen und jährlichen Gedenkfeiern, die in jedem Kalender eines guten Staates mit Achtung eingeschrieben sind. Die Lage der Ausgebeuteten und Unerwünschten hat sich nun angeblich auf wundersame Weise verändert. Dies ist der Mythos der Befreiung von 45, der antifaschistische Mythos, von dem wir versuchen werden, einige Merkmale aufzudecken.

In dieser Mythologie, wie in jeder Mythologie, jagt eine Illusion der Wahrheit nach. Während des faschistischen Staates wurden die Unerwünschten verfolgt, massakriert, ausgerottet und zu Tode gefoltert; dieselben werden heute, im demokratischen Staate, eingesperrt, ausgebeutet, abgeschoben und genetisch registriert. Nicht ihre Situation hat sich verändert, sondern nur ihre Lebensbedingungen. Jede Staatsform hatte seine Einteilungen von Unerwünschten, manchmal dieselben. Jede autoritäre Gruppierung der Menschen besaß ihre Sklaven, ihre Feinde, ihre spezifische Sprache, ihren Hang zur Domestizierung, ihre freiwillige Knechtschaft und ihr Arsenal an Strafmaßnahmen. Vom primitiven Stamm zum Faschismus, von der Demokratie zur Tyrannei. Es genügt, dass das Prinzip der Autorität aufkommt, damit diejenigen, die am wenigsten Macht besitzen, und diejenigen, deren materielle und soziale Schwäche sie an die Grenzen der Herrschaft bindet, sich auf einen mehr oder weniger gezwungenen Vertrag einlassen, der „locker“ sein kann oder ganz und gar aufgezwungen worden ist. Die Konsequenzen dieses Mythos sind vielfältig und zahlreich. Von der Schulbank bis zur Beerdigung sind sie so tief verwurzelt, dass es einer tiefgreifenden – und, für viele Menschen, schmerzhaften – Dekonstruktion benötigt, um sie loszuwerden. Versuchen wir aber dennoch, ein paar Notizen zu diesem Thema festzuhalten.

Angreifen mit dem Ziel, der Macht zu schaden und Unordnung in ihrer Mitte auszulösen, um sie ideologisch sowie materiell zu schwächen.
Die Konfliktbereitschaft betonen, um klare und kriegslustige Trennlinien zu ziehen zwischen den Partisanen der kompromisslosen Freiheit und den Partisanen der Herrschaft und der Macht.

Diese beiden Mittel sind seit jeher für viele Anarchisten auf ergänzende Art und Weise Spielkarten, um unser zügelloses Verlangen nach Freiheit zu stillen. Es war das, was viele Anarchisten in der vor-demokratischen Zeit in den diversen faschistischen Systemen in Europa (Griechenland, Italien, Spanien, Portugal, Frankreich,…) bis nach Lateinamerika (Chile, Argentinien, Guatemala,…) getan haben. Mit mehr oder weniger radikalen Mitteln: von Sabotagen bis zur Verteilung von Flugblättern und dem Kleistern von Plakaten, von der Verwendung von Sprengstoff und Brandsätzen bis zur Veröffentlichung von Zeitschriften. Viele haben sich voller Elan in diesen Kampf gestürzt, viele haben mit ihrem Leben oder mit ihrer Freiheit bezahlen müssen (was im Grunde genommen dasselbe ist), und viele von ihnen haben ihr Leben lang im Gegenzug nichts anderes erwartet, außer den Triumph der anti-autoritären Idee.

Nur sind sie nun weniger geworden, diejenigen, die ihren unversöhnlichen Feind genau identifizieren, diejenigen, für die die abscheuliche Bestie die Macht ist, und nicht die Art und Weise der Verwaltung dieser Macht (der Faschismus). Auch waren es wenige, die ihre Waffen nicht niedergelegt haben, als die Demokratie vor ihrer Nase das wissenschaftliche, materielle und ideologische Arsenal des Faschismus geerbt hat, und die staatliche und wirtschaftliche Herrschaft somit weitergeführt wurde.

Die diskreten, aber zahlreichen Berichte zeigen, dass es welche gab, die ihre Waffen nach der Machtübergabe nicht niedergelegt haben. Belgrado Pedrini ist einer von denen, die unter Mussolini als „Banditen“ bezeichnet worden sind, weil sie sich gegen die faschistischen Ordnung aufgelehnt haben, und am Ende des Krieges als „Kriminelle“ betrachtet wurden, weil sie sich geweigert haben, sich der aus dem Widerstand entstandenen demokratischen Autorität zu fügen. Es gab einige, die, obwohl sie den Faschismus nicht überlebt haben, versuchten, die Aufmerksamkeit auf die Tatsache zu richten, dass der wirkliche Feind die Macht ist, und nicht der Faschismus, so wie Severino di Giovanni, der betonte, dass die Machthaber, ob faschistisch oder nicht, immer die gleichen bleiben werden: „Mit ihnen wird es niemals eine Versöhnung geben können. Auf gleiche Weise wie die Heerscharen des Totenkopfes von heute, sind sie gestern (ja, sie, die heutigen Antifaschisten, die Oppositionellen und politischen Flüchtlinge, sie, die in dem übel riechenden Sumpf der vorhergehenden Periode vor sich hin gelebt haben) Zuhälter gewesen, sie lebten in den Kulissen des Viminale oder in den Kammern des Parlaments, während sie das Regime und seine Schandtaten guthießen oder unterstützten.“

Für sie musste erst die Nebelwand des Faschismus verschwinden, damit sie das Puppenspiel der Macht identifizieren konnten, welches hinter dem Vorhang die Fäden zog. Der Faschismus ist für die Macht, was der Dialekt für die Sprache ist, eine simple Art des Ausdrucks unter vielen; die Diktatur, die Theokratie, der Kommunismus und die Demokratie. Es ist die Demokratie, die sich heute als die beste politische und soziale Verwaltung des westlichen Kapitalismus erwiesen hat. Das ist auch der Grund, wieso die Tage des Faschismus gezählt sind. Er bleibt nur eine trübe Nostalgie in den Köpfen einiger isolierter Idioten, die viel zu unbeständig sind, um die Demokratie zu gefährden; und ob sie nun in einem Anzug als Politiker oder bewaffnet mit einem Baseballschläger umherschlendern, macht auch keinen großen Unterschied. Die Demokratie begrüßte den Niedergang der vollkommen zwanghaften Regierungsformen im Westen. Wenn wir uns heute einen Dreck um die wenigen Faschisten scheren – was nicht heißen soll, dass wir nicht auch sie bekämpfen sollten –, so fühlen wir uns umso mehr betroffen von der Entartung und der Vereinnahmung des Antifaschismus der vor-demokratischen Zeit, der sich dem Kampf gegen die Macht gewidmet hat, durch einen neuen, rohen Antifaschismus, der komplett Sinn entleert ist.

Dieser Antifaschismus ist in der Tat nichts anderes als eine kulturelle Szene, ein Milieu mit einer gemeinschaftlichen Identität, so wie sie die 80er und 90er Jahre massenweise hervorbrachte: Skater, Gothics, Fans von Videospielen, Trader, Satanisten, Technophile, Wiedergeborene, Raver, Baby-Boomer, Windsurfer und ich weiß nicht was sonst noch alles. Der selbsternannte Antifaschismus ist heute, wie all das soeben erwähnte, zu einer gewöhnlichen Art des kollektiven und vergänglichen Konsums verkommen. Man ist einige Jahre Antifaschist, bevor man Börsenmakler oder Mechaniker wird. Und manchmal bleibt man auch ewig Antifaschist, so wie andere ihr Leben Michael Jackson, ihrer Sammlung an Streichholzschachteln oder ihrer Arbeit widmen.

Zuallererst die Kleiderordnung: von den Schnürsenkeln bis hin zur Unterwäsche gibt es empfohlene und verpönte Marken – denn in den meisten Fällen werden diese schon von der gegnerischen Gemeinschaft beansprucht: den Neo-Faschisten – die rivalisierende Gang der Neo-Antifaschisten, so weit alles klar? Dann gibt es die soziale Bindung: die Partys, die Bars und die angesagten Squats und Konzerträume; das alles sind Möglichkeiten, um seinen Stil und sein Charisma vom Anderssein innerhalb der Gemeinschaft auszuleben. Auch spielen die offizielle Musik und die kollektive Loyalität zu diversen Werkzeugen der Domestizierung eine Rolle, so zum Beispiel zu den Gewerkschaften; der Antifaschist wird diese oder jene Gewerkschaft wählen – entsprechend seiner gemeinschaftlichen Identität –, und zwar auf die gleiche Art und Weise, wie ein korsischer Nationalist im Supermarkt einen korsischen Käse unter hundert anderen auswählt. Andere typische Merkmale sind eine ordentliche Portion an Lügensucht und Mythologie und eine mediale Vereinnahmung bezüglich der Straßenkämpfe mit dem imaginären tentakelartigen Feind; all das, um den Antifaschismus über seine sichtliche Veraltung hinaus zu rechtfertigen.

Es gibt noch andere dieser Elemente, die dazu beitragen, dass der heutige Antifaschismus nichts weiter ist als ein einfaches Hobby. Seit dem Tod des Faschismus erhält man den Antifaschismus unter künstlicher Beatmung und mit einer hartnäckigen, schier unendlichen therapeutischen Behandlung am Leben; schließlich wird er so zu einem degenerierten Abbild der Konsumgesellschaft sowie zur Nostalgie eines offensiven Kampfes gegen die Macht. Alfredo Bonanno erzählt uns – nachdem er die Bedeutung der Erinnerung und der Überlieferungen unterstrichen hat – von den Vorfahren, die mit der Waffe in der Hand den Faschismus bekämpften: „Ich verstehe diejenigen weniger, die ein halbes Jahrhundert später und diese Erfahrungen nicht erlebt haben (sich also nicht gefangen in diesen Gefühlen befanden), sich Erklärungen leihen die keinen Grund mehr zum Bestehen haben und die oft nicht mehr sind, als eine Nebelwand hinter der man sich verstecken kann. „Ich bin ein Antifaschist!“ werfen sie dir wie eine Kriegserklärung an den Kopf, „und du?“.“

Wenn zahlreiche Revolutionäre sich einer fernen – und somit ungreifbaren – Zukunft zuwenden, so wenden sich die Antifaschisten einer Vergangenheit zu, die ebenso ungreifbar ist. Zu Emotionen, die von unseren Vorfahren erlebt wurden, den wenigen Überlebenden dieser längst vergangenen Zeit. Wenn diese auch noch so viel zu erzählen haben, so gibt es trotzdem keinen einzigen Antifaschisten mehr, um ihnen zuzuhören. Dies, weil unsere Vorfahren Feinde des Staates sind, Anarchisten, die also nicht jedes Jahr vom Staat gefeiert werden, und daher für all diejenigen unbekannt sind, die nicht autonom und individuell an das Thema herangehen. Aus diesem Grund konzentrieren sich unsere Antifaschisten auf das Gedenken autoritärer kommunistischer Widerstandskämpfer, mitunter Nationalisten und Gaullisten. Die gleichen Widerstandskämpfer, die am darauf folgenden Tag des Krieges die Macht übernahmen und unsere Kameraden verfolgten. Die Geschichte wird für bekanntlich immer von den Herrschenden geschrieben, und da weder Neugierde noch Belesenheit vorhanden ist, erfreuen sich die heutigen Antifaschisten an diesem verherrlichten Widerstand, und wir sprechen da nur von denen, die sich auf den Anarchismus berufen.

Doch sind diejenigen, die sich in der kulturellen Bewegung des Antifaschismus als Anarchisten bezeichnen, gleichzeitig viele und sehr wenige; ich will das erklären. Die künstlerische antifaschistische Szene von heute liebt es, Symbole und Ikonen miteinander zu vermischen. Oft finden sich Seite an Seite Symbole des anarchistischen Folklore (schwarze Fahnen, umkreister A, die rebellierenden Matrosen von Kronstadt und andere historische Figuren, die durch ihre Heldentaten hervorstachen…) und Symbole, deren Folklore uns an die anti-anarchistischen Massaker und Gefängnisstrafen erinnert: die drei Pfeile der S.F.I.O [dt: Französische Sektion der Arbeiter-Internationale] von Jaurès und Blum, die zum offiziellen Logo der Antifaschisten geworden sind, die roten Fahnen und die Gesichter von Lenin, Mao, manchmal auch Stalin und anderen konkurrierenden Metzger der schlimmsten Faschisten. Da diese Symbole untereinander vermischt werden, verlieren sie jegliche Bedeutung. Die kulturelle antifaschistische Szene spielt heute die Rolle eines effizienten Agenten der Verwirrung, im Dienste der Schwächung jeder revolutionären Deutlichkeit, im Dienste der Ausradierung der Erinnerungen an die Anarchisten, die den Faschismus bekämpften und ihre Waffen nicht niederlegten, als die hässliche Fratze der Demokratie sich andeutete.

Darum sind wir keine Antifaschisten. Unser Anarchismus ist in der Tat antifaschistisch, da der Faschismus nur eine x-te Art der Verwaltung der Herrschaft ist – zugegebenermaßen die brutalste, spektakulärste und am einfachsten identifizierbare. Aber der Anarchismus ist eine Strömung, die immer schon ihre Feinde zu identifizieren wusste: der Staat und die Herrschaft, ob sie nun faschistisch, antifaschistisch, demokratisch, kommunistisch oder angeblich anarchistisch sind.

Wir stellen den Anarchismus dem Antifaschismus entgegen.

Non Fides
L’Anarchisme contre l’Antifascisme, 2009

 

Was können wir mit dem Antifaschismus tun?

„Der Fuchs weiß viele Dinge, aber der Igel weiß eine große Sache.“ Archilochos

Faschismus ist ein Wort, das mit F beginnt und 10 Buchstaben hat. Menschen lieben es, mit Wörtern zu spielen, indem sie die Wirklichkeit zum Teil verstecken, sprechen sie sich von persönlicher Überlegung frei oder der Notwendigkeit Entscheidungen zu treffen. Das Symbol handelt an unserer Stelle, und stattet uns mit einer Flagge oder einem Alibi aus. Und wenn wir ein “Anti-” vor das Symbol setzen, ist das nicht gleichbedeutend, gegen das zu sein, was uns vollständig mit Abscheu erfüllt. Wir fühlen uns sicher, dass wir auf dieser Seite stehen und dass wir unsere Pflicht erfüllt haben. Die Zuflucht zum “Anti-” gibt uns ein gutes Gewissen, und schließt uns in ein wohlbehütetes und oft besuchtes Feld ein.

Währenddessen ziehen die Dinge weiter. Die Jahre gehen vorüber und Machtbeziehungen ebenso. Neue Bosse nehmen den Platz der Alten ein und der tragische Sarg der Macht wird von einer Hand zur Nächsten weitergereicht. Die einstigen Faschisten haben sich dem demokratischen Spiel gefügt und ihre Fahnen und Hakenkreuze einigen Verrückten übergeben. Und wieso nicht? Das ist der Weg der Männer der Macht. Der Klatsch und Tratsch kommt und geht, politischer Realismus ist ewig. Aber wir, die wenig oder nichts von Politik wissen wollen, fragen uns verlegen was geschehen ist, wohin die schwarz-behemdeten, knüppelschwingenden Faschisten, die wir einst so entschlossen bekämpft haben, von der Bühne verschwunden sind? So suchen wir wie kopflose Hühner nach einem neuen Sündenbock, gegen den wir unseren jederzeit-bereiten-Hass entfesseln können, während alles um uns herum subtiler und abgeklärter wird und die Macht uns einlädt in einen Dialog zu ihr zu treten: Aber bitte tretet nach vorne, sagt was Ihr zu sagen habt, es ist kein Problem! Vergesst nicht, wir leben in einer Demokratie, alle haben das Recht zu sagen, was sie wollen. Andere hören zu, stimmen überein oder nicht, dann entscheidet die bloße Zahl das Spiel. Die Mehrheit gewinnt und der Minderheit bleibt nur das Recht weiterhin zu widersprechen. Solange wie die Gesamtheit innerhalb der Dialektik, eine Seite wählen zu müssen, verbleibt. Falls wir die Frage des Faschismus in Wörter reduzieren müssten, müssten wir zugeben, dass alles nur ein Spiel war, oder vielleicht ein Traum.

„Mussolini, ein ehrlicher Mann, ein großer Politiker. Er machte Fehler, aber wer macht Keine? Dann geriet er außer Kontrolle. Er wurde verraten. Wir alle wurden verraten. Faschistische Mythologie? Belasst es dabei! Es hat keinen Zweck über solche Relikte der Vergangenheit nachzudenken.“ „Hitler“, berichtet Klausmann, indem er sarkastisch das Porträt von Gerhart Hauptmann, dem alten Theoretiker des politischen Realismus, zeichnet, „Meine lieben Freunde! … ohne Gräuel! Versuchen wir … Nein, wenn sie mir gestatten, … Gestattet sie mir … objektiv … Kann ich ihnen noch ein weiteres Getränk anbieten? Dieser Champagner…wirklich außerordentlich – Dieser Hitler, ich möchte sagen… der Champagner ebenso, übrigens, welche große Entwicklung … die deutsche Jugend … etwa 7 Millionen Stimmen … wie ich meinen jüdischen Freunden oft sage … diese Deutschen … unglaubliche Nation … wirklich geheimnisvoll … kosmische Impulse … Goethe … die Saga der Dynamik … elementare und unwiderstehliche Tendenzen …“

Nein, nicht auf der Ebene belanglosen Geredes. Die Differenzen schwächen ab, bei einem guten Glas Wein, und alles wird zu einer Frage der Meinung, der Anschauung. Weil, und das ist das Wesentliche, es Unterschiede gibt, nicht zwischen Faschismus und Anti-Faschismus, sondern zwischen denen, die die Macht anstreben und denjenigen, die dagegen kämpfen und sie ablehnen. Aber auf welcher Ebene finden sich die Grundlagen für diese Unterschiede?

Vielleicht in dem wir auf geschichtliche Analysen zurückgreifen? Nein, ich denke nicht.
Historiker sind die nützlichste Kategorie von Idioten im Dienste der Macht. Sie denken, dass sie eine Menge wissen, aber je wütender sie Dokumente studieren, desto wenig Anderes wissen sie mehr. Die Dokumente, welche unbestreitbar bestätigen was geschehen ist, lassen den Willen des Individuums in der Rationalität des Geschehens gefangen. Die Entsprechung von Wahrheit und Tatsache. Etwas Anderes als möglich zu erachten, ist nur ein literarischer Zeitvertrieb. Falls der Historiker auch nur den geringsten Schimmer von Intelligenz hat, wendet er sich augenblicklich der Philosophie zu, und taucht in die allgemeinen Seelenqualen, in Märchenwelten und verwunschene Schlösser ein. Währenddessen ist die Welt um uns herum gefangen in den Händen der Mächtigen, und ihrer Revisionisten-Bücherkultur, die unfähig ist den Unterschied zwischen einem Dokument und einer Bratkartoffel zu betonen. „Wäre des Menschen Wille frei, könnte also jeder handeln, wie er wollte“, so schreibt Tolstoi in Krieg und Frieden, „so wäre die gesamte Geschichte ein Gewebe zusammenhangloser Zufälle … falls es aber stattdessen auch nur ein Gesetz gibt, was die Handlung des Menschen regiert, kann kein freier Willen bestehen, weil der Mensch diesen Gesetzen unterworfen ist“.

Tatsache ist, dass Historiker nützlich sind, besonders, um uns komfortable Elemente, Alibis und  psychologischen Krücken zuliefern. Wie mutig diese Kommunarden und Kommunardinnen von 1871 waren! Sie starben wie mutige Menschen, mit dem Rücken an der Mauer des Père Lachaise Friedhofs! Und der Leser und die Leserin erregt sich und bereitet sich darauf vor, notfalls, wie die Kommunarden gegen die Wand gestellt zu sterben. Während wir auf gesellschaftliche Kräfte warten, die uns in den Zustand versetzen heldenhaft zu sterben, schreiten wir durch den Alltag, oft auf der Schwelle des Todes, ohne, dass sich diese Gelegenheit ergibt. Aber die historischen Trends sind nicht so genau. Gib oder nimm ein Jahrzehnt, wir können diese Gelegenheit verpassen und finden uns mit leeren Händen wieder.

Falls ihr die Dummheit eines Historikers messen wollt, lasst ihn die Dinge erörtern, die gegenwärtig stattfinden und nicht in der Vergangenheit. Es wird eure Gedanken erhellen!
Nein, keine historischen Analysen mehr. Vielleicht eine politische oder politisch-philosophische Diskussion, an deren Lektüre wir uns in den letzten Jahren gewöhnt haben. Der Faschismus ist in der einen Minute das Eine und in der nächsten was Anderes. Die nötige Technik, um an diese Analyse zu gelangen, ist schnell erzählt. Nehmen Sie den hegelianischen Mechanismus der Affirmation und der Information gleichzeitig, dazu eine bloße Behauptung über irgendetwas, was Ihnen einfällt daraus herzuleiten. Es ist wie die Enttäuschung, die man erlebt, wenn man zum Bus rennt, um ihn noch zu bekommen und man merkt, dass der Fahrer, auch wenn er uns gesehen hat, beschleunigt anstatt zu bremsen.

Wie dem auch sei, in diesem Fall kann aufgezeigt werden, und ich denke Adorno hat dies getan, dass es gerade eine Welle der unbewussten Frustration ist – die durch das Leben erzeugt wird, das uns entflieht, das wir nicht fassen können – die uns erfasst, und uns dazu bringt, den Fahrer umbringen zu wollen. Dies sind die Rätsel der hegelschen Logik! So wird der Faschismus schrittweise weniger verachtenswert. Weil in unserem Inneren, versteckt in einer dunklen Ecke unseres tierischen Instinktes,  sich unser Puls beschleunigt. Uns unbekannt, versteckt sich ein Faschist in uns selbst. Und es ist im Namen, dieses potentiellen Faschisten, dass wir alle Anderen rechtfertigen. Selbst verständlicherweise keine Extremisten! Sind wirklich so viele gestorben? Ernsthaft, im Namen eines falsch verstandenen Gerechtigkeitssinnes, haben Menschen, die großen Respektes würdig sind, Faurisson’s Unsinn in Umlauf gebracht. Aber Nein, es ist besser nicht auf diesem Weg fortzufahren.

Wenn das Wissen rar ist und die wenigen Vorstellungen, die wir haben, in einer stürmischen See zu tanzen scheinen, ist es einfach den Geschichten derer zum Opfer zu fallen, die geschickter mit Worten sind als wir. Um eine solche Eventualität zu vermeiden, pflegen die Marxisten, die grandiosen Programmierer des Verstandes Anderer, die Idee, dass der Faschismus gleichzusetzend mit dem Knüppel ist. Im Gegensatz dazu, haben sogar Philosophen wie Gentile¹ suggeriert, dass der Knüppel, wenn er dem Willen gehorcht, auch ein ethisches Mittel ist, indem er die zukünftige Symbiose zwischen Staat und Individuum in der höheren Einheit herstellt, in der die individuelle Handlung kollektiv wird. Hier sehen wir an welcher Stelle Marxisten und Faschisten derselben ideologischen Grundlage entspringen, mit allen nachfolgenden praktischen Konsequenzen, Konzentrationslager inbegriffen. Aber lasst uns fortfahren. Nein, der Faschismus ist nicht einfach nur der Knüppel, ebenso wenig wie er nicht bloß Pound², Céline, Mishima oder Cioran ist. Er ist nicht eines dieser Dinge, nicht ein Individuum, sondern alle auf einmal zusammengesetzt. Ebenso wenig ist es die Rebellion eines isolierten Individuums, das sich entscheidet seinen eigenen persönlichen Kampf gegen alle Anderen aufzunehmen, gelegentlich auch gegen den Staat, und welcher sogar diese menschliche Sympathie anziehen könnte, die wir gegenüber Rebellen empfinden, auch gegenüber unbequemen. Nein, das ist es nicht, was Faschismus ist.

Für die Macht stellt der rohe Faschismus, wie er zu verschiedenen Zeiten in der Geschichte unter Diktaturen bestanden hat, kein praktisches Projekt mehr dar. Neue Instrumente tauchen auf mit neuen Formen der Verwaltung der Macht. Also überlassen wir das den Historikern, damit sie soviel daran herumkauen können wie sie wollen. Der Faschismus ist aus der Mode geraten, sogar als politische Beleidigung oder als Beschuldigung. Wenn ein Wort durch die Mächtigen mit einer derartigen Verachtung instrumentalisiert wird, können wir dies nicht ignorieren. Und, weil dieses Wort und das dazugehörige Konzept uns anekelt, wäre es in Ordnung das Eine, sowie das Andere, auf den Dachboden mit all den anderen Schrecken der Geschichte zupacken und zu vergessen. Vergesst das Wort und das Konzept, aber nicht was sich darunter verbirgt. Wir müssen dies im Hinterkopf behalten, um uns vorzubereiten zu agieren. Die Jagd auf Faschisten mag heutzutage in der Tat eine angenehme Sportart sein, aber es kann auch diesen unbewussten Wunsch darstellen, eine tiefgreifende Analyse des Existierenden zu vermeiden.

Ich kann den Antifaschismus verstehen. Ich bin selbst Antifaschist, aber meine Gründe sind nicht vergleichbar mit denen, wie die der vielen Antifaschisten, die sich als solche definieren, die ich in der Vergangenheit gehört habe, und heute immer noch höre.
Für Viele, musste der Faschismus vor zwanzig Jahren bekämpft werden, als er in Spanien, Portugal, Griechenland, Chile, etc. an der Macht war. Aber, als die neuen demokratischen Regime ihren Platz in diesen Ländern einnahmen, erlöschte der Antifaschismus so mancher wütender Gegner sich selbst. Da stellte ich fest, dass der Antifaschismus meiner alten Kameraden, sich von meinem unterschied. Für mich hatte sich nichts geändert. Das, was wir in Griechenland, Spanien, den portugiesischen Kolonien und an anderen Orten taten, hätte sogar nachdem der demokratische Staat den Erfolg des alten Faschismus geerbt hatte, weitergehen können.
Aber Viele waren nicht einverstanden.

Es ist nötig zu wissen wie wir den alten Kameraden zuhören, die uns von ihren Abenteuern und Tragödien die sie erlebten, berichten, während sie uns von den Vielen erzählen, die von den Faschisten ermordet wurden, von der Gewalt und allem Anderen. „Aber“, wie Tolstoi wiederum sagte, „Das Individuum, das in geschichtlichen Vorgängen eine Rolle spielt, versteht deren Bedeutung nie wirklich. Falls es versucht zu verstehen, wird es eine sterile Komponente“. Ich verstehe diejenigen weniger, die ein halbes Jahrhundert später und diese Erfahrungen nicht erlebt haben (sich also nicht gefangen in diesen Gefühlen befanden), sich Erklärungen leihen die keinen Grund mehr zum Bestehen haben und die oft nicht mehr sind, als eine Nebelwand hinter der man sich verstecken kann. „Ich bin ein Antifaschist!“, werfen sie dir wie eine Kriegserklärung an den Kopf, „und du?“

In solchen Fällen ist meine beinahe spontane Antwort – Nein, ich bin kein Antifaschist. Ich bin kein Antifaschist in der Art und Weise, wie du einer bist. Ich bin kein Antifaschist, weil ich die Faschisten in ihren Ländern bekämpfte, während du in der Wärme der italienischen Demokratie geblieben bist, die zumindest solche Mafiosi wie Scelba, Andreotti und Cossiga zu Regierenden machte. Ich bin kein Antifaschist, weil ich gegen die Demokratie, die diese unzähligen Seifenopern-Versionen des Faschismus ersetzte, weitergekämpft habe. Die Demokratie benutzt zeitgemäßere Versionen der Repression und ist, wenn ihr so wollt, faschistischer als die Faschisten zuvor. Ich bin kein Antifaschist, weil ich immer noch versuche diejenigen zu identifizieren, die heute an der Macht sind und mich nicht durch Abzeichen und Symbole blenden lasse; während ihr euch immer noch Antifaschisten nennt, um eine Rechtfertigung zu haben, um auf die Straße zu gehen, um euch hinter euren “nieder mit Faschismus” Transparenten zu verstecken. Ganz bestimmt wäre ich vielleicht auch von  jugendlichen Erinnerungen und alten Leidenschaften überwältigt worden, wenn ich zur Zeit der „Résistance“ älter als acht gewesen wäre, und gewiss wären meine Gedanken nicht so klar. Aber ich denke nicht. Denn, wenn wir die Fakten sorgfältig untersuchen, gab es sogar zwischen der verwirrten und anonymen Häufung des Antifaschismus der politischen Formationen, diejenigen, die sich nicht anpassten, die weitergingen, weitermachten und ihre Überzeugungen weit über den Waffenstillstand hinaus fortfuhren! Weil der Kampf, der Kampf um Leben und Tod, sich nicht nur gegen die vergangenen Faschisten in den schwarzen Hemden³ und der Faschisten der Gegenwart richtet, sondern und grundsätzlich gegen die Macht und alle seine Stützen, die uns unterdrücken, sogar wenn sie den freizügigen und toleranten Deckmantel der Demokratie trägt. „Dann hättest du das gleich sagen sollen!“ könnte jemand erwidern – „du bist also auch ein Antifaschist.“
„Und wie könnte es anders sein? Du bist ein Anarchist… somit bist du ein Antifaschist! Hör auf mit deiner Haarspalterei und nerve uns nicht.“

Aber ich halte es für nützlich Unterscheidungen zumachen. Ich bin Anarchist und ich habe Faschisten nie gemocht, ebenso wenig wie Faschismus als Projekt. Aus anderen Gründen (die sich, wenn sie sorgfältig untersucht werden, als dieselben entpuppen) habe ich das demokratische, das liberale, das republikanische, das gaullistische, das sozialdemokratische, das marxistische, das kommunistische, das sozialistische oder irgendein anderes dieser Projekte nie gemocht. Diesen habe ich, mehr noch als mein anarchistisch Sein, die Tatsache entgegengesetzt, dass ich andersartig und somit anarchistisch bin: Als erstes meine Individualität, mein eigener Weg mein Leben zu begreifen und keines Menschen sonst, es zu verstehen und somit zu leben, Emotionen zu fühlen, zu suchen, entdecken, experimentieren, und zu lieben. Ich erlaube nur denjenigen Ideen und Menschen in meine Welt einzutreten, die ich ansprechend finde; den Rest halte ich fern von mir, höflich oder anders.

Ich verteidige mich nicht, ich greife an. Ich bin kein Pazifist, und ich warte nicht, bis die Dinge die Sicherheitsebene überschreiten. Ich versuche die Initiative gegen all diejenigen – auch potentiellen – zu ergreifen, die eine Gefahr für meine Art und Weise zu leben darstellen. Und einen Teil dieser Lebensweise ist der Bedarf und der Wunsch nach Anderen – nicht als metaphysische Einheiten, sondern als klar definierte Andere, die eine Affinität mit meiner Seins- uns Lebensweise haben. Und diese Affinität ist nichts Statisches und niemals in den Stein gemeißelt. Es ist eine dynamische Affinität, die sich ändert, wächst und erweitert, andere Menschen und Ideen offenbart und ein Netz von immensen und verschiedenartigen Beziehungen webt, aber wo die Konstanze immer meine Art zu leben und zu sein bleibt, mit all ihren Veränderungen und ihrer Entwicklung.

Ich habe das Reich der Menschen in allen Richtungen durchquert und noch keinen Ort gefunden, wo ich meinen Durst nach Wissen, Vielfalt, Leidenschaft, Träumen, einem Liebhaber oder einer Liebhaberin, der oder die in die Liebe verliebt ist, stillen kann.
Überall sah ich, wie sich ein enormes Potential durch Ungeschicklichkeit hat erdrücken lassen, und dürftige Kapazitäten in der Sonne von Beständigkeit und Engagement erblühten. Aber solange wie die Offenheit gegenüber dem was anders4 ist, blüht, die Aufnahmefähigkeit sich durchdringen zu lassen und bis zu dem Punkt zu durchdringen, wo keine Angst vor dem Anderen ist, sondern eher das Bewusstsein der eigenen Einschränkungen und Fähigkeiten – und somit auch der Grenzen und Fähigkeiten des Andern – Affinität ist möglich; es ist möglich von einem gemeinsamen, beständigen und darüber hinaus kontingentem Engagement zu träumen, dies ist der menschliche Ansatz.
Je weiter wir uns von all dem entfernen, desto mehr beginnen Affinitäten schwächer zu werden und schließlich zu verschwinden. Und dann finden wir dort, all diejenigen, die ihre Meinungen wie Orden tragen, die ihre Muskeln anspannen und alles tun was sie können um faszinierend zu wirken. Und darüber hinaus, das Zeichen der Macht, seine Orte und seine Menschen, die erzwungene Vitalität, die falsche Verehrung, das Feuer ohne Hitze, der Monolog, das Geschwätz, der Lärm, alles was gewogen und gemessen werden kann.
Das ist was ich (ver-)meiden will. Das ist mein Antifaschismus.

Alfredo M. Bonanno
Che ne facciamo dell’ antifascismo?, in Anarchismo Nr. 74, September 1994.

 

Aber du, bist du Antifaschist, ja oder nein?

Wie oft habe ich diese Frage schon gehört! Ich habe aufgehört zu zählen. Und jedes Mal wo ich versuchte dieser Diskussion ins Auge zu blicken, haben sich tausende Missverständnisse und Unklarheiten ergeben. War der Faschismus etwa nicht etwa die italienische Version des absolut Bösen? Es versteht sich von selbst, dass der Antifaschismus nicht das absolut Gute repräsentieren kann; eine öffentlich vorzeigbare Tugend – das hat sich in mehr als einer Gelegenheit gezeigt. Wehe wer die Nase in dessen Anwesenheit rümpft und ihm nicht die zustehende Ehrerbietung erweist; wer die glorreiche Tradition nicht überliefert, der wird mit Argwohn betrachtet. Dem Antifaschismus gegenüber den Applaus zu verweigern, ist gleichbedeutend mit „sich der Scheinheiligkeit verdächtig zu machen“, wenn nicht schlimmer.

Und trotzdem, dass die antifaschistische Rhetorik an ihrer Endstation angelangt ist, dürfte nunmehr allen klar sein, vor allem heute wo sich alle als “antifaschistisch” bezeichnen. Alle, sogar der aktuelle Präsident der Kammer der Abgeordneten (ja, sogar er, der ex-Delfin der Schützen der Almirante Partisanen). Gewiss. Aber es ist der Effekt der generellen Abnutzung des Wortes und dessen Bedeutung: der Ausdruck “Faschist” war dermaßen verwendet und missbraucht, dass diesen nun das Schicksal ereilt hat, Alles und Nichts auszusagen. Also Nichts im Grunde. Warum also darauf bestehen, diesbezüglich noch etwas dazu anzumerken?

Zunächst eine Präzisierung. Lassen wir die semantischen Spielereien einmal beiseite; bin ich nun Antifaschist, Ja oder Nein? Ich bin sicherlich ein Feind des Faschismus. Aber die Definition “Antifaschist” macht mich etwas nervös. Sie hört sich beklemmend an und schnürt mir die Luft ab. Ich denke, dass der Antifaschismus doch eine Tugend sein könnte, aber einer sehr partiellen Natur. Sobald man sich organisiert und es auf die Gesamtheit übertragen will, verwandelt sich das in ein Laster. Um das näher zu erläutern, verwenden wir eine Analogie. Glaubt ihr an Gott? Ich nicht, ich glaube an kein höheres Wesen. Demnach betrachte ich jede Religion mit Feindseligkeit, welche auch immer, da jede einzelne ihre eigene Macht mit der eingebildeten Existenz des Heiligen Geistes konstruiert. Ich bin ganz gewiss atheistisch. Und das macht mich zur selben Zeit zum Antichristen, Antimuslimen, Antijuden, usw. Aber diese letzten Teile sind für mich sekundär, wenn sie auch zur Charakteristik des Ganzen gehören. Sie sind ganz genau Teilbeschreibungen deren Kampf sich auf der singulären Ebene befindet und sie können nicht zur Gänze widerspiegeln, was ich ausdrücken will.

Es sind die klassischen wahren Mittel, die die Wut des Daseins wiederholend riskiert, zu Lügen werden zu lassen. Eine kleine Demonstration? Nehmen wir an, irgendein junger westlicher Jugendlicher kommt zu mir und fordert mich auf, an einer antimuslimischen Initiative teilzunehmen. Was sollte ich tun?! Zusagen? Lassen wir die Witze. Ich bin gegen den Islam, das stimmt, und nicht nur das. Es stimmt auch, dass der Kampf gegen den Islam neue Kreuzritter mit Schwarzhemden oder Grünhemden (Ordnungsdienst der Lega Nord) versieht, weshalb ein derartiger Vorschlag mir zu sehr nach katholischem Integralismus stinkt. Wenn gleichermaßen irgendein junger orientalischer Jugendlicher zu mir kommt und mich dazu auffordert an einer antichristlichen Initiative teilzunehmen, lehne ich genauso ab. Ich bin antichristlich, das ist offensichtlich anzunehmen, aber eben nicht nur das. Deshalb mag ich die Gesellschaft derjenigen nicht die aus dem Krieg gegen die Kirche ihren eigenen heiligen Krieg machen, das stinkt mir zu sehr nach islamischen Fundamentalismus.

Wenn ich mich demnach auf der Basis meiner Idee in Bezug auf Religion definieren soll, verwende ich ausschließlich den Ausdruck atheistisch. Jede andere Definition, so korrekt sie in sich sein mag, erscheint mir zu eingeschränkt, zu vage und zu unklar. Genau weil jede anti-religiöse Initiative sich, um mein Interesse zu erwecken klarerweise gegen jedwede Religion aussprechen muss. Werden auf diese Weise die Möglichkeiten des Kontakts und die Möglichkeiten sich selbst in anderen Erfahrungen wiederzufinden eingeschränkt? Das weiß ich nicht. Aber von bestimmten Begegnungen und Kontakten mache ich gerne weniger Gebrauch. Nehmt diese Überlegung und übertragt sie vom Himmelsreich auf die Staaten dieser Erde. Das Ergebnis verändert sich nicht. Ich bin ein Feind des Faschismus, aber ich bin auch ein Feind der Demokratie. Zwischen dem Zuckerbrot und der Peitsche, zwischen der Tyrannei der Wenigen und der Tyrannei der Vielen, sehe ich keinen großen Unterschied. Für mich handelt es sich nur um die spezifische Form, dass der Staat oder die, über die er gemäß derer Umstände und derer Bedürfnisse bestimmen kann, die Ausübung der eigenen Autorität aufzwingt. Aber wer sich dieser Herrschaft entziehen will, weil er der Ansicht ist, dass jede Form der Autorität die Verneinung der Freiheit bedeutet, kann nicht anders, als beiderlei mit derselben Kraft und Bestimmtheit abzulehnen. Aus diesem Grund bringt man es nicht fertig die antifaschistischen Initiativen zu würdigen, genauso wie man die antidemokratischen nicht würdigen kann. Mir ist bewusst, dass erstgenannte vermehrt von denen mit guter Absicht frequentiert werden, während das Zweit-genannte vermehrt von denen mit böswilliger Absicht. Aber diese Absichten, so gut oder schlecht wie sie sein mögen, dürfen den kritischen Geist niemals knebeln. Der Antifaschismus bleibt jedenfalls ein Ordner in der Schublade der Demokratie, wie das auch in der Vergangenheit so viele Subversive verfochten haben. Und wie bis vor nicht langer Zeit präzise bekräftigt wurde, zumindest solange das um-sich-Greifen der Aggressionen der Schwarzhemden im Bella Italia nicht dazu geraten hat, plötzlich der (antifaschistischen) Rhetorik wieder Leben einzuhauchen. Dem Anschein nach ist der Kult um das Aas nicht nur für menschliche Wesen nützlich, sondern auch für die Ideen im Allgemeinen. Während der Antifaschismus solange wegblickt, bis keine Knüppel-schwingende Schwarzhemden am Horizont auftauchen, kommt er nun, um sich zur Schau zu stellen und sich seine mobilisierende Wirkung zu Nutze machen zu können. Eine Fahne ist eine Fahne, die dazu da ist Leute um sie herum zu versammeln. Und wenn jene, die zuerst kritisch waren, herausfinden, dass sie im numerischen Sinne besser funktionieren, so wollen sich nun viele verstecken und ihr Innerstes einmotten. Die Würde, die Kohärenz, die Selbstliebe… alles schöne Dinge, aber wen um Himmels Willen sollte das interessieren? Wie es ein verdorbener Ex-Minister naiv gesagt hat, “Ich brauche Ethik nicht mit Politik zu verwechseln.”

Ich dagegen, stur und dickköpfig, beharre und bestehe darauf, zu denken, dass der Kampf gegen den Faschismus nicht im antifaschistischen Kessel ertränkt werden kann, um sich so in seinen trüben Wassern aufzulösen und dann zu verschwinden. Das heißt also, nicht nur dass er aus dem theoretischen Standpunkt schädigend wäre, sondern dass er, wenn die quantitative Illusion auf lange Sicht einmal mehr erschöpft ist, auch aus praktischem Gesichtspunkt erblinden würde.

Die Schwarzhemden, die heutzutage um die Häuser ziehen, sind nur ein Auswuchs der Welt in der wir leben, damit vielleicht der abstoßendere und offensichtlichere, aber nichts mehr. Es ist notwendig sich gegen ihre Aggressionen zu verteidigen und gelegentlich zu versuchen sie zu neutralisieren, aber ohne sie zum öffentlichen Feind Nummer Eins zu machen. Wenn das Scheinwerferlicht auf sie gerichtet werden, erhalten sie die allgemeine Aufmerksamkeit und dabei lassen sich die Gemüter selbstverständlich erhitzen, aber vor allem erlaubt ihnen das, sich im dabei entstehenden Schatten zu vermehren, d.h. Im Umkreis den er produziert. Ich denke, dass man über diesen Aspekt nur aus reiner Nächstenliebe schweigen kann. Aber wenn das viele Subversive in den 20er und 30er Jahren nicht gemacht haben, wo der Faschismus das ganze Land brutalisiert und beherrscht hat, warum sollten wir das heute tun?

Ma tu, sei antifascista si o no?, in Machete #3, November 2008
deutsche Übersetzung in: Alles geht weiter #1, Februar 2011
Für diese Broschüre nochmal überarbeitet

 

Das Schlimmste Produkt des Faschismus ist der Antifaschismus

Die Frage bezüglich des Antifaschismus der letzten Jahre, wird praktisch ausschließlich als Reaktion auf schwere neofaschistische Angriffe gestellt. Die Antwort war meistens eine Vermehrung von prahlerischen Deklarationen des Kampfes gegen den Neofaschismus. Der überwiegende Teil dieser  reaktiven Ereignisse zeigt, dass die Linie des Antifaschismus eine Ideologie mit ihrer unvermeidbaren rhetorischen und mystifizierenden Last und ihrem Nachdruck ist und das stellt offensichtlich ein Problem dar.

Der Antifaschismus sowie andere Bereiche der Aktion, Tierrechte, Antimilitarismus, Antisexismus, Antirassismus, etc. sind eingeschränkt und limitieren sich auf die
antagonistische Reaktion, aber aus einer Projektionalität heraus gesehen, sind sie gleich Null.

Jeder Pfad der nicht in die Richtung der völligen Subversion und zur Selbstbestimmung geht, ist tragischer Weise zum Scheitern verurteilt. Der Widerstand hat eine demokratische, nicht revolutionäre Zukunft und kommt keinerlei Verlust der Freiheit zuvor, nicht einmal diejenigen, die wir als befreiende Angriffe bezeichnen; die neofaschistischen Angriffe, so wie die Ausbeutung des Menschen, der Tiere und der natürliche Ressourcen, wachsen auf dem fruchtbaren Terrain der Ideologien, der Homogenisierung und des sozialen Friedens der sich hierdurch so oft anpasst.
Das Fehlen der revolutionären Perspektive drängt unausweichlich und geht immer in Richtung des Konformismus des geringeren Übels, aber das bestimmt ein langsames und unentrinnbares Bewegen in Richtung des ultimativen Verlusts der Freiheit

In dieser Situation, sticht das Auftreten derjenigen gefährlich hervor die es bevorzugen als Opfer bezeichnet zu werden, lieber als die Subversion zu fördern, die vielleicht unverständlich für die Masse ist, die selbe Masse mit der sie sich über populistische oder opferhafte Aufrufe anzufreunden versucht. Genauso die Antifaschisten, die die Geschichte der im Kampf getöteten Anarchisten neu schreiben, ihnen die schädliche Bezeichnung „Kommunisten“ ankleben. Die Antifaschisten, die sich für die Ausschaffungszentren entschieden, für die Intervention im Kosovo, für die Legalisierung der besetzten Räume und die, die beide Augen im Anbetracht der Repression des Staatsanwalts Marini gegen die Anarchisten während der Operation Cervantes geschlossen haben. Diejenigen, die sich in Bezug auf die Methodologie verschiedener eigener gemachter Angriffe, oder vielleicht noch schlimmer, für die Seite der Denunziation verfügbar machen; dort gibt es die Antifa, die die Ästhetik des Bombenwerfers und des Dolches lieben, das aber nur bei einem bestimmten Sicherheitsabstand von der eigenen Wohnung. Letzten Endes ist auch die Feuerwehr antifaschistisch.

An der antifaschistischen Front gibt es Raum für jede Art des Autoritarismus und der Scheinheiligkeit. Es ist daher nicht erstaunlich, wenn ein so partieller Kampf nur auf symbolische Weise wirkt. Die faschistischen Messerstechereien sind nur die Spitze des Eisbergs, aber ohne eine Ausbildung und vor allem ohne eine Kritik und eine antiautoritäre Praktik wird nicht nur eine Reaktion auf die Gewalt unmöglich, sondern auch ein Angriff auf das Fundament dessen Entstehens. Es ist ebenfalls klar, dass wer sich auf dem Terrain des Notfalls bewegt, des Speziellen, das gute Spiel aller mitmacht,  der Politiker, die, während sie die eigene Fahne schwenken, exklusiv die eklatanteren Vorfälle aufzeigen um nicht nur den sozialen Frieden in seinem Gedeihen bestätigen, sondern mit der Entschuldigung der nunmehr mystischen und historisch tragischen „Antifaschistischen Front” jedwede Form des Kampfes homogenisieren und für die demokratische und institutionelle Partizipation rekuperieren und die radikaleren Spannungen unter dem Schild der Ausschlusseinheit (tout court Einheit) erdrücken.
Entweder der Antifaschismus bettet sich in einer antiautoritären Perspektive ein, oder er ist einfach nur eine rituelle Formalität.

Unverschämte Antiautoritäre – Turin, 20.07.2005

Il Peggior prodotto del fascismo e’ l’antifascismo in Machete #3, November 2008
Deutsche Übersetzung in: Alles geht weiter #1, Februar 2011
Für diese Broschüre nochmal überarbeitet

 

„Beenden wir endgültig das Kapitel gegen den Faschismus, aber auf unsere Art und Weise“

Der 25. April 1945, der endgültige Sturz des Regimes, entfachte einen extremen Jubel bei allen Formationen der Partisanen, die zuerst den Faschismus nur schwer ertragen konnten und die später dann jahrelang ihr Leben in den Bergen riskierten: die Euphorie von denjenigen, die den Feind besiegten.

Zugegeben, die bewaffnete Revolte schaffte eine durch und durch andere Situation, aber für uns Anarchisten erscheint die neue Periode nicht als das Paradies auf Erden. Man kann sagen, dass man von einer einparteilichen, diktatorischen Situation zu einer Anderen ging, einer liberaleren, die mehr Parteien zur Regierung zulässt. Man ging von einer autarken Form des Kapitalismus zu einer internationalen Form des Kapitalismus. Die Ideologie die von der neuen Staatsform verbreitet wird, unter anderem durch die Parteien, ist sicherlich geistlich – im weitesten Sinn mittelalterlich im Begriff.

Der Leser kann sich vorstellen, welche Art von Überlegungen meine Freunde und meine Kameraden sich in dieser Situation machen konnten. Ich übertreiben nicht, wenn ich sage, dass die Katholiken, die in Carrara und in dieser Provinz waren, immer eine ethnische Minorität waren, die vom aussterben bedroht war, und wir hatten die Priester nie gemocht oder unterstützt. Diese neue demokratisch-klerische Realität, zudem die Präsenz der Amerikaner im Land, begeistert uns nicht, spricht uns nicht an.

Wir, die Anarchisten, haben uns jedenfalls schon seit dem 26. April organisiert: wir hatten Gruppen gebildet und reorganisierten die Anarchistische Föderation Italiens. Wir gingen von der Klandistinität zu einer Form der Propaganda und zu einem typischen Kampfes in einer Regierung der formellen Garantie der Freiheit über. Ab dem 26. April, entschieden wir, zusammen mit anderen Kameraden, das Kapitel gegen den Faschismus endgültig abzuschließen, aber dies auf unsere Art und Weise. Eigentlich hatte ich nach der Jagd auf die Deutschen, keineswegs die Intention den Rest zu vergessen. Ob die Revolution stattfindet oder nicht, ich mache meine. Ich lasse die Tyrannen, die Blutsauger, die Besitzenten für all das Elend, den Hunger und die Hoffnungslosigkeit des Faschismus bezahlen. Ich möchte sie verfolgen, wie sie uns verflogt haben. Meine Rache wird meine Verzeihung sein. Aber die neuen Chefs sind nicht dieser Meinung: Pietro Nenni als Beispiel¹, Kommissar der Commission d’Épuration , nahm sich nicht die großen Fische, die Haie vor. Er bevorzugte es junge Menschen zuschlagen, die Sympathisanten der Dörfer, einige arme Dummköpfe, die für ein Stück Brot kämpften. Dank diesen Manövern, befindet sich der italienische Staat mit einer Magistratur und einer Polizei wieder vollständig im faschistischen Rahmen. Der Staatsanwalt von Genua weiß zum Beispiel sehr gut, dass wir, die Opfer des Faschismus, nicht so einfach und so katholisch den Faschisten und ihren Zuhältern vergeben werden. Ich stelle mir vor, dass dieser selbe Staatsanwalt, nur meine Akten lesen muss, und sofort weiß mit welchem Individuum er es zu tun bekommt. Deshalb musste ich 32 Jahre im Knast verbringen. Mein Verbrechen: gegen den Faschismus gekämpft und „siegreich“ gewesen.

Im Mai 1945, wurde ich von den Polizisten der bourgeoisen Republik, die aus der Résistance geborenen ist, durch einem Hinterhalt in La Spezia festgenommen, wo ich dabei war Faschisten aufzulauern, die keiner ausfindig machen wollte. Was mich anspannte war, dass ich alleine im Hinterhalt war, aber Kameraden, wie Giovanni Zava, der Widerstand in Seravezza und in der Region um Pistoia leistete, wurde fast die gleiche Zeit gefangen genommen, für die gleichen Gründe. Wir wurden beschuldigt an der Schießerei 1942, wo ein Polizist getötet wurde, beteiligt gewesen zu sein.

Ausschnitt aus dem Buch von Belgrado Pedrini
NOI FUMMO I RIBELLI, NOI FUMMO I PREDONI… Edizioni Anarchiche Baffardello, 2001. Französische Übersetzung: Nous fûmes les rebelles, nous fûmes les brigands…  éditions Mutines Séditions, 2005

Notes:
(1) Pietro Nenni (1891-1981): Eingeschrieben in der Sozialistischen Partei ab dem Jahre 1921, wurde er schnell einer der Führer und wurde Chefredakteur der Zeitung Avanti! Im Herbst 1926 suchte er Zuflucht in Frankreich und unterstützte einen großen Teil der italienischen Reformisten, das zu einem Kongress in Paris 1930 führte, der die nicht-kommunistische Tendenzen wieder vereinten. Später Anhänger einer Einheitsfront mit seinen Übriggebliebenen, unterzeichnete er 1934 einen „Pakt des einheitlichen Handelns“, der bis zum Ende des Krieges bestehen blieb, trotz des deutsch-sowjetischen Paktes 1939. Es saß für die Sozialisten im Komitee der nationalen Befreiung (CLN) und wurde Vize-Präsident des Vorstandes und beauftragter Minister der Verfassung vom Juni 1945 bis zum Juli 1946 (linksgerichtete Regierung Parri, danach rechtsgerichtete Regierung De Gasperi), dann Außenminister bis zum Januar 1947 (zweite Regierung De Gasperi). Er war auch Oberkommissar für die Commission d’Épuration, vom Juni 1945 bis zu der Abschaffung dieses Posten im Februar 1946, und Redakteur der loi (eigentlich ein Dekret das am 14. November 1945 in Kraft getreten ist) der seinen Namen trägt. Es hatte eine Wirkung auf den signifikant sinkenden Kurs der épuration („der Säuberung“), zum Beispiel waren die Ämter selbst dafür verantwortlich sich „zu reinigen“, ungeachtet ihrer 23 Jahren guten und loyalen Dienstleistungen im Dienste des Faschismus.
Zu seinen Funktionen als „grand épurateur“, siehe Hans Woller, Die Abrechnung mit dem Faschismus in Italien 1943–1948, München 1996.

 

Einige antifaschistische Attentate aus dem Jahrzehnt von 1923-1933

Dies ist die Liste der erwähnten Aktionen im geheimen Bericht des Anarchisten Emilio Strafelini im August 1933 an die Internationale Arbeiter Assoziation (IAA) durch den Vermittler des Emigrations Komitees aus Paris (damals befand sich Emilio in der französischen Hauptstadt). Diese Aktionen und Andere, außerdem die berühmten Versuche Mussolini zu töten, von den Anarchisten Lucetti, Sbardellotto, Zamboni und Schirru, bekräftigen einmal mehr, dass die bewaffnete Revolte gegen den Faschismus nicht am 8. September 1943 begann, wie die liberale und stalinistische Geschichtsschreibung immer behauptete. Es gab Kameraden die nicht auf Anweisungen einer Partei warteten, keine Kollaboration mit alliierten Truppen eingingen, um mit der Waffe in der Hand gegen den Kapitalismus im schwarzem Hemd zu rebellieren.

Am 3. September 1923 tötet der Anarchist Mario Castagna in Paris den Faschisten Gino Jeri mit einem Revolver nach einer Aggression.

Im Februar 1924, kommt es in Frankreich zu einer Serie von Anschlägen gegen die „case del fascio“ (lokaler Sitz der Faschisten Mussolinis) und die Konsulate.

Am 20. Februar 1924 beseitigt der Anarchist Ernesto Bonomi in Paris Nicola Bonservizi, den Sekretär der italienischen Faschisten im Ausland.

Im Jahre 1926 wird der Anarchist Vincenzo Capuana in den Vereinigten Staaten für ein Anschlag gegen den Sitz der Zeitung Corriere d’America, das unter der Leitung von Luigi Barzini stand, in New York verurteilt.

Attentat im September 1927 gegen den Graffen Nardini, faschistischer Konsul in Paris. Das Werk des Anarchisten Di Modugno.

Im August 1928 ereignet sich ein anarchistisches Attentat gegen den faschistischen Konsul Di Muro in St. Raphaël (Frankreich).

Im Jahre 1929 stirbt nahe Paris, nach Privatisierungen und  Folter im Gefängnis, der junge Anarchist Malaspina, der (freigesprochen aus Mangel an Beweisen) in einem Sprengstoff Anschlag gegen die „ Casa del fascio“ in Juan-les-Pines verwickelt sein sollte.

Am 24. Oktober feuert der Sozialist, Fernando De Rosa, in Brüssel einen Schuss auf den Prinzen Umberto.

In den Jahren 1930 und 1931 kommt es in Italien zu einer Serie von Anschlägen gegen die Sitze und Repräsentanten des Faschismus, in Barrafranca, Antignano, Asti, Piacenza, Poggio Catino, Varale, Mailand, Montevecchio, in den Apulien, in Bolognia, Turin und Genua.

Im Jahre 1930, wird ein Büro der faschistischen Miliz von Faentino, während einer Schießerei, die 9 Faschisten verletzt, zerstört und beseitigt.

7. Oktober 1930. Der Anarchist Giovanni Cavolcoli schießt auf den Chef (Podesta) und den Sekretär der faschistischen Partei von Villasanta (nahe Mailand).

Am 2. April 1931, ermordet der Anarchist Doro Rossoni  in Sarzanan den Unternehmer Di Biasi, um sich für das Massaker, das von ihm und anderen Faschisten vor mehreren Jahren begangen wurde, zu rächen.

Im Mai 1931, wird der Anarchist Tranquillo Pusteria in Arezzo festgenommen, es werden ihm geplante terroristische Anschläge vorgeworfen. Die vier anderen Mit-Beschuldigten, allesamt Arbeiter, fliehen in die Schweiz, aber werden dort den faschistischen Autoritäten überführt und werden für ein Versuchtes Massakern, Waffen- und Sprengstoffbesitz verurteilt.

1932 werden drei Anarchisten in Paris beim transportieren eines Koffers voller Sprengstoff überrascht und festgenommen.

Im gleichen Jahr wird ein anarchistischer Anschlag gegen den Sitz der Ex-Kombattanten in Marseille verübt.

Im Sommer 1933 ereignen sich mehrere Sprengstoffanschläge in Livorno, gegen die Kaserne der Miliz und einigen faschistischen Orte durch Anarchisten und Kommunisten.

 

Severino Di Giovanni, 1901 in Chieti (Italien) geboren, emigrierte 1923, kurz nach der faschistischen Machtergreifung in seinem Heimatland, nach Buenos Aires. Sein kurzes Leben war von einer ununterbrochenen Agitation geprägt, von den Zeitschriften, die er ins Leben rief (Culmine, Anarchia) oder wofür er Artikel schrieb (L’Adunata dei Refrattari), bis zu den Flugblättern, Broschüren und Büchern die er unablässig publizierte. Aber auch von einer ganzen Serie von Enteignungen und diffusen Aktionen und nicht zu vergessen die Versuche gefangenen Kameraden zur Flucht zu verhelfen. Seine explosiven Angriffe richteten sich hauptsächlich gegen die italienischen Interessen (vom Konsulat bis zu Wohnungen oder Geschäften von Faschisten, die sich in Argentinien niedergelassen haben), aber auch gegen die amerikanischen, während der internationalen Kampagne, um Sacco und Vanzetti vor dem elektrischen Stuhl zu bewahren. Am 29. Januar 1931 wird er verhaftet, nachdem er auf der Flucht einen letzten Bullen getötet und einen weiteren verletzt hat. Drei Tage später wird er erschossen (einem seiner argentinischen Freunde und Kameraden, Paulino Scarfo, widerfährt am Tag darauf dasselbe Schicksal). Ende 1926/Anfang 1927, zur Zeit dieser beiden hier vereinigten Texte von Di Giovanni, stellte sich die Frage des bewaffneten Kampfes gegen den italienischen Faschismus, neben Anarchisten und einigen seltenen anderen Revolutionären, nur für sehr wenige Menschen. Erinnern wir uns zum Beispiel daran, dass sich die Kommunistische Partei Italiens den Arditi del Popolo entgegenstellte, die 1921/22 in mehreren Städten versuchten, sich zusammen mit der Bevölkerung und mit den Waffen in den Händen gegen die wachsende Macht der Faschisten zu wehren. Was die sozialistischen Führer angeht: dieselben, die dazu beitrugen, ab 1915 tausende Proletarier ins Massaker zu schicken, unterzeichneten im August 1921, auf dem Rücken der selben Arditi, ein Nichtangriffspakt mit ihren faschistischen Amtskollegen. Lasst uns schließlich klar stellen, dass Togliatti, der nach Moskau geflüchtete historische Führer der PCI, im Namen seiner Partei die These verteidigte, die Strukturen des Regimes langsam zu infiltrieren, anstatt diese anzugreifen. Im August 1936 publizierte er sogar einen Aufruf an die Faschisten, um ihnen eine Allianz vorzuschlagen.

 

Unser Antifaschismus

Die antifaschistische „Armee“ wächst erschreckend an. Sie schwillt an wie eine trübe Schlammflut, die all die Überreste des Sturmes mit sich reißt, all den Ausschuss des diktatorischen Regimes (Sala, Fasciolo, Bazzi, Rossi, Rocca¹), diesen düsteren Haufen von Abenteurern.

Ricciotti Garibaldi, Raimondo Sala und andere berühmte, etwas verhülltere Personen (wozu auch die Brüder Ezio und Peppino Garibaldi gezählt werden sollten, und sei es nur, um dieses Geschlecht von Verrätern nicht zu leugnen, die der Sohn des seit kurzer Zeit verschwundenen Helden der beiden Welten² so gut zeugte) sind dabei, den selben schändlichen Verrat über uns ergehen zu lassen, den sie so gut unter dem roten Hemd verhüllten.

Wer kann uns schließlich versichern, dass morgen nicht irgendein Ex-Faschist, trotz der lächerlichen Maßnahmen, die der Infantilismus des Duce lancierte, zurückkehrt, um den Rängen der Totenköpfe wieder beizutreten, um sich noch einmal in den Dienst des Juge Iscariote [Mussolini] zu stellen? Können wir unser Vertrauen eines Tages einem Massimo Rocca³ zurückgeben, aufgrund der schlichten Tatsache, dass er die am meisten anklagenden Texte gegen den Führer der Schwarzhemden geschrieben hat?
Können wir wieder Vertrauen aufbauen gegenüber so viel verkörperter Schändlichkeit? Gegenüber Menschen, die geboren sind, um zu verraten, uns genauso wie die Faschisten? Gegenüber Menschen die den Auftragsmördern halfen ihre Waffen zu schleifen? Ich glaube nicht!

Unser Leidensweg ist sehr schwer gewesen, zu oft haben wir unser Vertrauen schon in die Hände des erst besten Abenteurers gelegt, als dass wir noch einmal dieselben Fehler begehen und erneut falschen Idolen vertrauen würden.

Wir müssen diese Elendigen weit von uns stoßen. Diese Alchemisten der Aufrichtigkeit anderer sind einzig der faulsten Affären würdig; diese Schurken, die noch immer im Blut der Opfer baden, einem Blut, das sie entlang des Weges, den sie begingen, im Überfluss vergossen haben.

Wir müssen uns selbst bleiben – ohne die rote Tscheka und ohne die schwarze Tscheka, ohne Fasciolo und ohne Rossi, und ohne die pseudo-revolutionäre Politikerbande – uns selbst sein, Anarchisten aus Überzeugung, Anarchisten in Überzeugung, Anarchisten mit Überzeugung.

Was die anderen betrifft: Genauso gut wie sie sich heute in dem Schmelztiegel aller Niederträchtigkeit ergötzen können und sie sich heute selbst als Antifaschisten bezeichnen, um sich einen größeren Anteil vom Erbe zu sichern, wenn der Faschismus stirbt, können sie morgen, wenn sie endlich am Hebel sitzen, ihrerseits eine andere faschistische Politik führen.

Wir können sie nicht davon abhalten, sich Antifaschisten zu nennen. Dass sie sich erregen, dass sie sich küssen, dass sie sich Lieben, und dass sie sich umschlingen, gewiss, aber nur unter sich. Ohne uns mit diesem Wort anzustecken oder zu imitieren: Antifaschismus, ein Wort, das für uns einen Sinn enthält, der revolutionärer, erhabener und aufständischer ist.

Mit ihnen – genauso wie mit den Faschisten – wird es niemals eine Versöhnung geben können. Auf gleiche Weise wie die Heerscharen des Totenkopfes von heute, sind sie gestern (ja, sie, die heutigen Antifaschisten, die Opponenten und politischen Flüchtlinge, sie, die in dem übel riechenden Sumpf der vorhergehenden Periode vor sich hin gelebt haben) Zuhälter gewesen, sie lebten in den Kulissen des Viminale4 oder in den Kammern des Parlaments, während sie das Regime und seine Schandtaten guthießen oder unterstützten.

Wir müssen fern von ihnen bleiben und gleichermaßen jeglichen Kontakt mit irgendwelchen Abenteurern verweigern, denn sie können von einem Moment auf den anderen zu den schlimmsten unserer hinterhältigen Gegner werden, zu den abscheulichsten Giftspeiern, wie Schlangen, die kommen, um sich in unserem Schoße zu nesteln und uns anschließend mit ihrem tödlichen Biss verwunden.

Unsere Tatkraft, eine überschwängliche Lebenskraft, eine endlose Hartnäckigkeit, äußerster Heldenmut und eine Aufopferung die sich jenseits des Ruhms erhebt, sind das uneinnehmbare Fundament, worauf wir zählen können, ohne irgendetwas oder irgendjemanden zu benötigen, um die letzte Schlacht zu liefern, die wir gegen den Faschismus aufgenommen haben.

Lasst uns dem Plebs – wovon wir der rebellierende Teil sind – den Mut und das Vertrauen geben, lasst uns aus Eisen sein, vor unserem Bewusstsein als Akraten, lasst uns keinen Daumenbreit von dem Fundament unserer Ideen zurückweichen und die schönsten Siege werden unser eifriges Agitationswerk krönen.

Frei, ohne den unflätigen Spott von unreinen Kontakten, stets auf der Hut bleibend vor dem Faschismus und vor dem Gelegenheits-Anti-Faschismus.
Severino Di Giovanni

Il nostro antifascismo, Culmine #16, 1926
Deutsche Übersetzung in: a corps perdu #2, 2009

 

Wie kämpfen?

Man darf sich über die Fähigkeiten des Faschismus keine Illusionen machen. Von Außen könnte ihn der erste Zusammenprall mit einem kriegsbereiten Gegner zum Einsturz bringen, denn ein großer Teil der von ihm versammelten „Helden“, sind entweder die Hinterhältigen des letzten Krieges, oder die „Wackeren“, die es gewohnt sind gegen unbewaffnete Feinde zu kämpfen; von Innen jedoch stürzt er sich auf eine starke Polizei- und Militärstruktur.

Was die großen Volks- und Proletariermassen angeht: sie sind noch zu terrorisiert und zu erniedrigt, sie spüren noch zu verbittert den vergangenen und den kommenden Verrat, um auf den ersten aufständischen Aufruf antworten zu können. Die letzten repressiven Gesetze und die „Ausgangssperre“ haben den aktiven und sinnvollen Widerstand noch einmal mehr geschwächt. Daraus folgt, dass es übermütig wäre, bereits heute einen frontalen Ansturm lancieren zu wollen, und dass dies in einem dieser Massaker enden könnte, wodurch der Faschismus hofft, endlich die Absicherung seiner Macht zu vollenden.

Andererseits kann alleine die Aktion gegen den Faschismus helfen. Wir müssen handeln um ihn zu beseitigen, indem wir nach den Bedingungen einer Abbröckelung suchen, die generelle Bewegungen auf einer größeren Ebene möglich macht. An all jene, die dem Feind zusetzen wollen bis zum letzten Atemzug, schlagen wir, in Italien und sonst wo, eine autonome und verstreut angeordnete Guerilla vor, bestehend aus kleinen Einheiten, die schwieriger erreichbar und identifizierbar sind.Dass sich also in den verschiedenen Milieus und den verschiedenen Kreisen auf wenige Personen beschränkte Komitees oder Aktionsgruppen bilden.

Das heißt nicht, dass jede Gruppe notwendig gewaltsame Aktionen durchführen muss; sondern hingegen jeder Aktionen durchführt, die den Feind in Abhängigkeit der jeweiligen Haltungen, Kapazitäten und Mitteln einer bestimmten auf Affinität und gegenseitigem Vertrauen basierenden Gruppe verwundet. Dass jede Gruppe ihren Teil Aktionen macht und zu Ende führt, ohne sich zu fragen, was die anderen Gruppen machen. Alles auf ein und dasselbe Ziel ausgerichtet. Und da der Feind aufmerksam und hinterhältig am Beobachten ist, dass jedes Komitee und jede Aktionsgruppe seine Leute kennt und kontrolliert.

Zu viele Abtrünnige aller Parteien – gestern vielleicht noch aufrichtig – sind für Geld zum Faschismus übergelaufen, und es ist möglich, dass dieser letztere versucht, mit zwiespältigen Elementen Komplotte und Intrige zu organisieren, um ihrerseits die Existenz solcher Gruppen zu simulieren. Es ist also höchste Vorsicht geboten. Man muss auch die Bevölkerung warnen, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass der Faschismus, in Italien sowie anderswo durch seine Auftragsmörder bestialische und verhängnisvolle Taten ausführen lässt, um sie anschließend seinen Gegnern zuzuschieben. Bezüglich einer Absprache zwischen den verschiedenen Gruppen, auch innerhalb derselben Stadt, sind wir der Ansicht, dass das im Moment nicht drängt. Es wäre unvorsichtig und gefährlich, da es zu viele Elemente potentiellen Verrätern ausliefern würde. Falls eine breite Absprache für eine gemeinsame Aktion – und sicherlich ohne die zwiespältigen Elementen, die den Faschismus ausgebrütet haben, und am liebsten in jene Vergangenheit zurückkehren würden, die dem Faschismus ein lieblicher Vater war – zustande kommen muss, wird sie auf automatische und logische Weise heranreifen, wenn die Ereignisse heranreifen.

Gegenwärtig, um es noch einmal zu sagen, ist es wünschenswert, dass sich die Aktionsgruppen vermehren ohne dass der Feind zur Ruhe kommt, dass sie bereit sind, die nötigen Vergeltungsmaßnahmen anzugehen, doch indem sie eine autonome Aktion entwickeln. Und wenn eine solche Aktion einen erbarmungslosen Kampf ohne Gnade entfesselt, seid nicht Bestürzt. Der Faschismus hat es so gewollt, es muss so sein, so sei es!

Severino Di Giovanni

Per une maggior lotta contro il fascismo, Culmine #18, 1927
Deutsche Übersetzung in: a corps perdu #2, 2009

Noten
₁ Es handelt sich um Ex-Faschisten, einer abscheulicher als der Andere, die aufgrund von internen Meinungsverschiedenheiten in Mussolinis Regime im Exil endeten. Raimondo Sala und Massimo Rocca waren beispielsweise Mitglieder von Italia Libera (monarchistische und nationalistische Strömung) bevor sie ins Exil mussten. Bazzi und Rossi, zwei Ex-Mitglieder der Parti Fasciste, befanden sich bereits in Frankreich im Exil: Ihr Name wurde berühmt, als sie im März 1926 in Paris von Mingrino angegriffen wurden, einem Ex-Abgeordneten der Sozialisten und dem Begründer der Arditi del Popolo, der von faschistischen Diensten manipuliert wurde.
₂ Giuseppe Garibaldi (1807-1882) wird aufgrund seines bewaffneten Beitrags zur Wiedervereinigung Italiens, offiziell als einer der Väter der Nation betrachtet. Er bekam den Beinamen „Held der zwei Welten“, für seine Kämpfe in Europa sowie auch in Südamerika (Brasilien, Uruguay, Argentinien). Sein vierter Sohn, Riciotti (1894-1924), endete, nachdem er am Kopf der gariballdistischen Legionen in Frankreich (1870) und in Griechenland (1897, 1912) gekämpft hat, damit, dem Faschismus beizutreten. Einer der hier angemerkten Söhne von Ricotto, Peppino Garribaldi (1879-1950), war Söldner für zahlreiche Armeen (Britisches Weltreich gegen die südafrikanischen Buren 1903, Venezuela, Französisch-Guayana, Mexiko gegen den Diktator Diaz 1910, Frankreich gegen die Deutschen 1914/15 und darauf Italien gegen Österreich 1915/18) bevor er 1922 sehr konfuse Handlungen gegen Mussolini unternahm, vorallem mit der Unterstützung von Freimaurern.
₃ Massimo Rocca (1884-1973) ist ein gutes Beispiel dieser, von Di Giovanni verschmähten Personen. Nachdem er in anarchistischen Publikationen geschrieben hat, schloss er sich den Sozialisten um die Tageszeitschrift Avanti! an, worauf er Position für die Teilnahme Italiens am Krieg („Interventionismus“) ergreift. Rocco wechselt folglich zu der Zeitschrift die von Mussolini errichtet wurde (Popolo d’Italia), bevor er fortfährt, indem er einer der Gründer von Mouvement Fasciste (1919) und darauf der Parti Fasciste (1921) wird. 1923 gründet er in interner Opposition zum Faschismus die sogenannte „revisionistische“ Strömung, die sich den „Unbeugsamen“ entgegenstellt. 1924 wird er aus der Parti Fasciste ausgeschlossen, muss sein Abgeordnetenmandat abtreten und nach Frankreich flüchten.
₄ Viminale: italienischer Präsidentenpalast

 

„Der Krieg zwischen zwei Formen der Sklaverei“

Antoine Gimenez (1910-1982), der mit richtigem Namen Bruno Salvadori hieß und italienischer Herkunft war, nahm am spanischen Bürgerkrieg in den Reihen der Kolonne von Durruti teil. Anfang des Jahres 1930, flieht er nach Marseille. Er nimmt ein Leben als Landstreicher an, das ihn nach Spanien, in das subversive Milieu von Barcelona führt. Da er von der politischen Polizei Mussolinis überall verfolgt wird, entscheidet er sich eine neue Identität anzunehmen: 1936 taucht die Person Antonio Gimenez auf. Nach dem Krieg flieht er nach Marseille, wo er zwischen 1974 und 1976 seine Erinnerungen niederschreibt, die seine anarchistischen Freunde kurz vor seinem Tot, 1982 veröffentlichen. Dieser kurze Auszug erzählt die Rückkehr von der Front, für ein paar Tage Urlaub in Barcelona im November 1936:

Als wir nach Bujaraloz kamen, gaben sie uns eine große Summe Geld. Den Sold für drei Monate. Zehn Pesetas pro Tag, um zu versuchen uns töten zu lassen. Das war keine so schlechte Bezahlung. Ich hab hören sagen, dass, um die Regierung der demokratischen Länder nicht abzuschrecken, die uns helfen könnten, indem sie uns Waffen verkaufen, das revolutionäre Komitee dazu verpflichtet wurde, die Pesetas wieder in Umlauf zu bringen. Aber für mich war das wie eine Offenbarung: Die Revolution ist gescheitert.

Wie in Russland, als einige Zeit nach dem Sieg der Arbeiter und Bauernmassen, die Chefs der kommunistischen Partei verkündigten, dass ein Schritt zurück gemacht und der Wert des Geldes wiederhergestellt werden muss. Auf diesen ersten Schritt folgten viele andere, und das russische Volk hatte nichts als den Meister gewechselt: Nach dem Zar, dem Vater aller Russen, der kleine Vater des Volkes: Stalin.

Barcelona macht mich nur noch Verbitterter: die Ramblas waren übervoll, die Prostitution herrschte souverän über der großen Stadt. Die Milizen im Urlaub, erkennbar an dem Overall den sie annahmen, füllten die Straßen mit ihren Liedern und ihren Gelächter ohne zu sehen, das die Sache verraten wurde, dass die Revolution tot war.

Es bleibt bloß der Krieg gegen den Faschismus übrig, den Krieg zwischen zwei Formen der Sklaverei.

Text Ausschnitt aus dem Buch: Antoine Gimenez, les fils de la nuit. Souvenirs de la guerre d’Espagne, 1974-1976

Deutsche Übersetzung in: a corps perdu #2, 2009

Der Antifaschismus ist der Kampf gegen eine der verschiedenen Arten der Verwaltung des Staates und der Herrschaft. Er stellt sich an die Seite von Anti-Theokratismus, Anti-Demokratismus, Anti-Republikanismus, usw. Er ist nur ein Bestandteil vieler Anti-Autoritarismen. Wenn wir uns nun entschließen, aus einer anarchistischen Sichtweise Stift und Papier gegen den Antifaschismus in die Hand zu nehmen, dann ist dies nicht aus Liebe zum Faschismus, sondern aus Hass gegen jegliche Form der Staatsführung, gegen die Macht und seine Feinde, die sich nichts mehr wünschen, als den Staat zu übernehmen oder ihn durch eine andere Herrschaft ersetzen zu wollen.
Der Antifaschismus wurde allzu oft als Vorwand benutzt für heilige Vereinigungen und widersprüchliche, geeinte Bündnisfronten, er diente allzu oft der Ablösung des Faschismus durch eine andere Herrschaft, die Demokratie. Wenn der Antifaschismus nur ein anderer Name für die Verteidigung des Existierenden ist, so ist er bloß ein weiterer Gegner des anarchistischen Projekts.
Dies ist der Grund, warum wir hier den Anarchismus dem Antifaschismus entgegenstellen.

Non Fides

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