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March 31, 2014

2011 ist nicht 1968: Ein offener Brief aus Ägypten

Filed under: deutsch — translationcollective @ 9:42 am

von Philip Rizk

nicht 1968 – PDF

Am Morgen des 25. Januars 2014, während Menschen in kleinen Gruppen auf dem Tahrir Platz eintreffen, ist es wieder einmal wichtig, uns bewusst zu machen, worauf wir unseren Blick richten, um ein bisschen zu verstehen, was in Ägypten passiert. Ein Diskurs des Terrors hat viele so in Panik versetzt, dass sie in blindem Vertrauen einen Militärführer unterstützen,der behauptet, die guten alten Tage der Stabilität wiederherstellen zu können. Dieser Diskurs der Angst hat auch den gegenteiligen Effekt und in der Bevölkerung gibt es jene, die nicht in die Terrorfalle tappen.

Die Unterstützer_innen der Muslimbrüder werden dies sicherlich nicht tun und kämpfen unter dem Deckmantel der Legitimität weiter für das, woran sie glauben. Aber jenseits hiervon gibt es diejenigen ohne Ideologie, die wenig gehört werden, aber vor Wut gegen die Führer kochen. Die Führer, die um Einfluss wetteifern, nur um die Macht an sich zu reißen und sie auszunutzen und dies um jeden Preis: scharfes Vorgehen, Folter, Einkerkerung, Mord – alles in einer Arena der Gesetzeslosigkeit, in der sich die Machthungrigen – sei es die NDP [die Partei des Mubarakregimes; Anmerkung der Übersetzer_in], die Bruderschaft oder miltärische Generäle – selbst über das Recht stellen. Die Unzufriedenheit der Bevölkerung aufgrund wirtschaftlicher Probleme, die Erwartungen, sich Essen leisten zu können, Jobs zu finden, durch die Straßen ziehen zu können, ohne den Terror der Obrigkeit zu fürchten, sind weit verbreitet und werden nicht aufhören, bis diese Verhältnisse gewendet worden sind.

In Momenten wie diesen ist es wichtig, den leiseren Stimmen zuzuhören. Ich habe den folgenden Essay, „2011 ist nicht 1968“, über den Verlauf der ersten Hälfte des Jahres 2012, geschrieben, nachdem ich versucht habe, diesen leiseren Stimmen zuzuhören. Während an diesem Morgen Sprechchöre vom Tahrir Platz zu hören sind, „die Leute fordern die Anerkennung des Regimes“, müssen wir uns daran erinnern, dass die großen Kameras weder die einzigen Stimmen einfangen noch die tonangebenden; es sind einfach nur die Stimmen, die es ins Fernsehen schaffen.

Ein offener Brief an eine_n Zuschauer_in

Am 28. Januar 2011 begannen die Ägypter_innen in einer mächtigen Welle des Protestes durch die Straßen der Städte ihres Landes zu ziehen. Ihr habt dem Spektakel zugesehen, das sich vor euren Augen entwickelte, auf euren Fernsehbildschirmen auf verschiedenen internationalen Nachrichtenkanälen. Eine Fixierung, eine Faszination entstand gegenüber den Bildern, die besonders von einem Ort gezeigt wurden: Midan al-Tahrir – der Platz der Befreiung. Die Faszination zusammen mit dem konstanten Fluss der Bilder öffnete eure Fantasie. Die Fantasie hatte freien Lauf. Die Ägypter_innen wurden von der Bewegung ihrer nordafrikanischen Nachbar_innen in Tunesien sowohl inspiriert als auch beschämt.

Unser Aufstand wiederum half weltweit Bewegungen in euren Städten auszulösen, von den Platzbesetzungen in Europa, über eine Besetzung der Innenstadt in Madison, Wisconsin, bis hin zur Occupy Bewegung, um nicht eine ganze Reihe an Aufständen in der Region zu vergessen, die immer noch andauern wie die in Bahrain, Syrien und im Sudan, um nur ein paar zu nennen.

Um den Szenen, die sich abspielten, Sinn zu geben, wandten sich Medienstellen einer Gruppe von Individuen zu, die kamen, um die Revolution für viele zu repräsentieren. Die Nachrichtenagenturen interviewten politische Kommentator_innen oder Aktivist_innen – die selber immer mehr zu Berühmtheiten wurden – um die Aktionen hinter den Bildern, die sie sahen, zu entziffern.

Dadurch, dass Interpretation und danach Bedeutung über die Bilder gelegt wurden, fand eine erhebliche Verzerrung der Handlungen hinter den Szenen statt. Nicht-arabisch- prachige Medienstellen verließen sich hauptsächlich auf englisch sprechende Aktivist_innen, viele von uns Mittelschicht, viele von uns schon vor dem 25. Januar politisiert. Um im Namen der Revolution zu sprechen, wandten sich arabischsprachige Nachrichtensender ähnlich oft Mittelschichts- Aktivist_innen zu, von denen jede_r jeden Moment entsprechend ihrer_seiner jeweiligen ideologischen Perspektive interpretierte.

So wurden wir zu Übersetzer_innen eines kollektiven Aufstands, während wir weit davon entfernt waren, repräsentativ für diesen zu sein. Unsere Gesichter reflektierten eure eigenen. Unsere Stimmen waren verständlich.

Wir dienten dazu, diese Revolution zugänglich erscheinen zu lassen. Die Intonation unserer Worte verlieh dem Bedeutung, was für euch unbeunbekanntes Terrain war. Unsere Erklärungen befriedigten auch die praktischen Anforderungen und Standards einer Medienindustrie mit einem ielpublikum, das an Sprecher_innen mit einem bestimmten Profil, die einen bestimmten politischen Diskurs benutzen, gewöhnt ist.

Dieser Prozess übertönte die Stimmen der Mehrheit. Ganz egal, wie sehr wir versuchten, anders zu argumentieren, erfüllten wir diese Rolle – Mittelschicht, fähig das Internet zu nutzen, jung und somit revolutionär.

Die Stimmen der Unterschicht

Habt ihr die Stimmen der Unterschicht gehört? Habt ihr die Familienmitglieder der Märtyrer in schwarz gekleideter Trauer in ihren Häusern gesehen? Habt ihr Bilder namenloser Zivilist_innen gesehen, niedergeschossen von Scharfschützen auf den Dächern der Polizeistationen? Habt ihr gesehen, wie Polizisten Gefängnistore öffnen, um diesen revolutionären Moment zu untergraben und Chaos in den nahegelegenen Vierteln anzurichten? Habt ihr gesehen, wie Protestierende am 28. Januar Polizeistationen stürmten, nach Rache suchend für Jahre lang verschwiegene Folter, Gewalt und psychologische Unterdrückung? Habt ihr die Molotov Cocktails gesehen, die von Frauen vorbereitet und von ihren Balkonen geworfen wurden, um die Verstümmelung ihrer Söhne und Nachbarn zu rächen? Das war nicht gewaltfrei. Nur die Fixierung durch die Linse einer Kamera auf den Tahrir Platz im Tageslicht konnte euch mit diesem Eindruck schwichtigen.

Andere Branchen folgten schnell: direkt nach dem Journalismus, der Wissenschaft, dem Film, der Kunst, verließ sich die Welt der NGOs auf uns als ideale Interpret_innen des Außergewöhnlichen.

Sie alle haben sich letztlich eingekauft und weiterhin das hyper-glorifizierte Bild des Individiums, des Schauspielers, des jugendlichen Subjekts, der_des revolutionären Künstlerin_Künstlers, der Frau, der_des gewaltfreien Demonstrierenden, der_des Internetnutzerin_Internetnutzers befeuert. All dies fand im Geiste eines unerbittlichen Bedürfnisses statt, die Rolle des Bekannten zu identifizieren, zu bestätigen und aufzuwerten.

Revolution wurde unvorstellbar ohne die Bilder einer_eines Modell-Demonstrant_in, die_ der euch vor der Möglichkeit schützte, mit dem Unbekannten konfrontiert zu sein: ein kollektiver Aufstand gegen ein globales System der Herrschaft, in dem es keinen Platz für Zuschauende gibt. Das Internet half dabei, die Aura zu schaffen, dass all das bekannt war.

Dadurch, dass die Empörung auf den Straßen durch ein Medium geleitet wurde, das ihr begreift, schwächte die Erzählung, die auf den Nachrichtenkanälen präsentiert wurde, das Rätselhafte in den Ereignissen ab und kettete eure Fantasie an das, was vertraut ist. Die Schichten der Interpretation, gemalt über die Bilder, verringerten eure Angst vor dem Unbekannten. „Das ist nur ein Akt gegen die Diktatur.“ „Das ist der individuelle Schrei nach Freiheit.“ „Das ist eine Demonstration für Demokratie.“ „Diese Revolution ist friedlich.“ Das Internet ersetzte die Kalashnikov. Diese Diskurse brachten die strukturellen Dimensionen von Ungerechtigkeit zum Schweigen und verschleierten die Rolle, welche die neoliberale Politik, vorangetrieben etwa durch den IWF, die EU und die USA, in der Vertiefung der Trennung zwischen arm und reich hat. Sie ließen euch vergessen, dass vor allem aus diesen Strukturen der Ungerechtigkeit das Verlangen nach sozialer Gerechtigkeit geboren wird.

Diese dominierenden Erzählungen – die Erzählungen der Herrschaft – lokalisierten die Problematik beispielsweise in einer einheimischen Diktatur. Durch die isolierte Betrachtung der Verbrechen und das Hervorheben der Korruption Einzelner halfen diese Darstellungen, die neo-koloniale Bühne zu errichten, auf der die inzwischen leeren Hüllen des alten Regimes durch ein anderes, das der gleichen Logik des Regierens folgt, ersetzt werden sollte. Es ist keine Überraschung, dass die Besitzer_innen dieser Bilder kommerzielle Nachrichtenagenturen sind, die von Unternehmen geführt werden, welche genau die Herrschaftssysteme unterstützen oder von ihnen unterstützt werden, gegen die wir revoltierten.

Die Bilder, aufgenommen von den Kameras des BBC, des CNN oder Al Jazeeras, werden zum Privateigentum dieser Institutionen, die sie dann dazu benutzen, ihre Geschichten zu erzählen, das zu feiern, was sie vorantreiben wollen und das zum Schweigen zu bringen, was sie unterdrücken wollen.

Den Rahmen für ein Bild zu setzen und es zu verbreiten ist eine Praxis der Macht. Diese Bilder zirkulieren im Namen der Freiheit, aber wenn die eingefangenen Bilder für die Ziele eines profitorientierenden Unternehmens benutzt werden, hat die Dominanz der verbreiteten Erzählung das Potenzial, zu missinterpretieren und letztendlich eben jene Akte des Widerstands zu untergraben.

Jugendliche Aktivist_innen waren keinesfalls repräsentativ für die Proteste, aber sie waren die dominante Stimme, die präsentiert wurde. Wir waren nicht mehr als eine Handvoll von Individuen in einer Kakophonie von Rufen, die nach Veränderung schrien, jede Person mit ihren eigenen Belangen, Klagen, Wünschen, Gründen dafür, aktiv zu sein und dafür, sich zu rächen. Während des ganzen Anstiegs des Protestes gab es eine stark horizontale Ausrichtung, einen nicht-zentralisierten Entscheidungsfindungsprozess, eine führerlose Bewegung, die nicht durch einen verfassten Artikel, einen gehaltenen Vortrag, gemachte Kunstwerke oder von Charakteren getriebene Dokumentarfilme in einem zentralisierten, auf Individuen fokussierten Medienapparat repräsentiert werden konnte. Solch ein Prozess der Repräsentation verfälscht die Realität. Auch ich verfalle in diesem Brief in die selbe Logik.

2011 ist nicht 1968

In den 1960ern war das Politische prägnant: Kämpfe gegen Rassismus, Vietnam, der Kalte Krieg, die letzten Würfe des offenen Imperialismus. 1968 entsprang aus diesem Moment, eine junge Generation konfrontiert mit entfernten Szenen der Besatzung und Kolonialisierung, eine studentische Generation, eifrig mit Ideologien und radikalisiert durch die sozialen und politischen Realitäten dieser Zeit.

Über 40 Jahre später provozierten die Auswirkungen des Imperialismus unter dem Deckmantel des Post-Kolonialismus die Leute noch einmal zu Massenprotesten. Unter diesen neuen Bedingungen, wie Frantz Fanon so deutlich erzählt hat, gelang es den früheren Kolonisator_innen, ihre wirtschaftlichen Interessen hinter Partnerschaften mit den regierenden Eliten post-kolonialer Staaten zu verbergen.

Daher ist 2011 nicht 1968.

2011 war ein Aufstand der Unzufriedenheit gegen die politische Realität innerhalb der neo-kolonialen Verhältnisse. 2011 war keine intellektuelle Revolution; es gab kein Aufkeimen von Ideen. In Ägypten hatte weder eine Radikalisierung der Bevölkerung stattgefunden, noch war die Nation in einen grenzüberschreitenden Konflikt verwickelt. Es gab keine Ideologie außer der der Verzweiflung, das unerträgliche Gewicht der Heuchelei, und die Begrenztheit einer Bevölkerung, die in Ablehnung dazu lebte.

Die zunehmende Militanz unter organisierten Arbeiter_innen und die wachsende Opposition durch kleine Mittelschichts-Bewegungen wie Kefaya – „Genug“ – und die Bewegung des 6. Aprils, ebenso wie durch Internet basierte Gruppen wie Kolina Khaled Said („Wir sind alle Khaled Said“) entstanden in direkter Reaktion auf die anhaltende Repression der politisch herrschenden Klasse gegen eine ganze Gesellschaft.

1968 hatte sich der Konflikt überall ausgebreitet, wohingegen im Vorfeld von 2011 die Saat der Revolte gerade erst bereit zum Keimen geworden war. In Ägypten gab es keine Bewegung, aber es gab Bewegung, und es gab eine Eigendynamik, eine undefinierte Kraft, die viel stärker war, als irgendeine Organisation sein könnte. Unter Mubaraks Regime hatte die Repression, die sich sogar gegen den Keim oppositioneller Gruppen richtete, bedeutet, dass kaum von einer „Linken“ gesprochen werden konnte.

Die Universitäten waren, und sind immer noch, ein Ort des Diebstahls öffentlicher Mittel, kein Ort kritischen Denkens. Das Jahr 2011 bezeugte eine beschleunigte politische Radikalisierung im Angesicht von Jahren beschleunigter Neoliberalisierung. Die Straße war die Akademie, wo wir mit den Sicherheitskräften des Regimes und dem Militärpersonal Steine gegen Feuer tauschten, während wir untereinander Ideen austauschten. So hat radikale Politisierung unter den Ägypter_innen, von denen die Revolution getragen wurde, stattgefunden. Der Aufstand, der in Ägypten in den ersten Tagen des Jahres 2011 begann, wurde durch eine nie dagewesene Anzahl Protestierender vorangetrieben.

Ähnlich wie 2001 in Argentinien, waren die Straßenproteste in Ägypten durch eine umfassende Beteiligung über die Grenzen von Klasse, Generation und Gender hinweg gekennzeichnet.

Wie 1968 nahmen sowohl Student_innen als auch Arbeiter_innen teil, aber in Ägypten niemals als Arbeiter_innen und Student_innen, sondern einfach als Teil einer kollektiven und breiten Bewegung.

Die Proteste blieben bezeichnenderweise führerlos; wir traten einem repressiven hierarchischen und hegemonialen Staatsapparat mit horizontalen Taktiken entgegen. Es war die ungeheure Bandbreite und Anzahl an Protestierenden, die, wenn auch nur zeitweise, die zentralisierte Staatsstruktur in die Knie zwang.

Die Demonstrierenden hatten eine Vielzahl an Forderungen, es gibt keinen einzelnen Grund, warum die Leute am 28. Januar begannen, auf die Straßen und öffentlichen Plätze in ganz Ägypten zu strömen. Unterschiedliche Leute lehnten unterschiedliche Seiten desselben Systems der Macht, das unsere täglichen Leben beherrschte, ab.

Als Beobachter_innen war es eure Obsession, den Aufstand zu verstehen, was den Daseinszweck der Medienindustrie nährte, die bestrebt war, diese Wünsche zu kanalisieren.

Vom herrschenden westlichen Standpunkt aus war es euer Blick, der Referenzen zum Bekannten anstachelte, zum Vertrauten, zu dem, was ihr bereits kanntet, der 2011 so erscheinen ließ, als wäre es ähnlich wie 1968. 2011 ist nicht 1968. 2011 war nicht die „klassische“ Revolution der Sozialist_innen: Studierende und Arbeiter_innen, die auf die Straße gehen, um ein Regime durch ihr eigenes zu ersetzen.

Ganz egal, wie sehr Leute es versuchten, gab es keine politischen Parteien mit einem revolutionären Entwurf, weder vor dem 25. Januar, noch sind seitdem welche entstanden.

Ein Ruf, der von Anfang an laut und klar ertönte, „Die Leute wollen den Sturz des Systems“, brachte eine Kakophonie der Meinungsverschiedenheiten mit sich, die sich in das Verlangen wandelten, dem Status Quo ein Ende zu setzen: Veränderung war nötig, irgendeine Art von Veränderung, aber wie diese Veränderung aussah war unklar.

Dies war keine Schwäche eines Aufstands, sondern bezeugte die globale Krise, sich alternative Formen sozialer Organisation gegenüber dem neoliberalen Staat mit seiner sich selbst aufrecht erhaltenden, selbstzerstörerischen Struktur vorzustellen. Außerdem ermöglichte diese Form des führerlosen Protests, frei von abgepackten Ideologien, das Aufkommen von Ideen, die sich im Prozess befinden, in einem Prozess des Widerstands, der nur der Anfang ist.

Arbeiter_innen und Revolution

Ein bedeutender Moment, der die Revolution am 25. Januar denkbar machte, war die ansteigende Welle von Arbeiter_innenprotesten, die 2004 begann.

Die 27 000 Textilarbeiter_innen, die im Dezember 2006 in der Industriestadt von Mahalla al-Kobra in Ägyptens Nil-Delta in Streik gingen, befähigten unzählige Ägypter_innen, die einen Blick auf diesen mächtigen Akt erhaschten, anzufangen, sich die Revolution vorzustellen, ebenso wie die Vielzahl von Protesten, die folgten.

Am 6. April 2008 riefen die unabhängigen Arbeiter_innenanführer_innen der selben Textilfabrik des öffentlichen Sektors zu einem anderen Streik auf, aber diesmal gelang es der Regierung, die Aktion zu verhindern, indem sie eine ausgewählte Gruppe von Arbeiter_innen vorher beseitigte. Die Forderung nach höheren Löhnen war mit den steigenden Lebensmittelpreisen verknüpft und da beinahe in jeder Familie in Mahalla ein Mitglied in der gewaltigen Textilfabrik angestellt ist, wurde der Streik nicht nur von den Arbeiter_innen antizipiert.

An diesem Tag erwarteten die Bürger_innen von Mahalla eine Konfrontation.

Die Beleidigungen eines Polizisten gegen eine ältere Frau auf der Straße lösten einen Aufstand aus. Der 6. April war bedeutend darin, dass der Protest sich über die geographischen Linien eines Industriegeländes hinweg bewegte und von einer ganzen Gesellschaft ausgetragen wurde. 2006 hatten Arbeiter_innen durch ihren öffentlichen Protest die sozialen Verhaltensregeln gebrochen. 2008 wurden die Grenzen, die die herrschende Klasse den Möglichkeiten des denkbaren Widerstands gesetzt hatte, noch weiter überschritten.

Die Regierung benutzte all ihren Verstand und all ihre Kraft und schaffte es, zu verhindern, dass der 6. April 2008 sich in das verwandelte, zu was der 25. Januar 2011 wurde.

2008 gelang es der Regierung, die Verbreitung des Dissenz von einer industriellen Stadt in den Rest der Region – geschweige denn ins ganze Land – zu verhindern, indem sie Sicherheitskräfte von über sechs Gouvernements anforderte, um in die Stadt einzufallen. Im April 2008 waren die Verhältnisse noch nicht reif für das, was sich weniger als drei Jahre später entwickeln sollte. Am 28. Januar 2011 siegten Demonstrant_innen im ganzen Land innerhalb weniger Stunden über die selben Sicherheitskräfte.

In diesem kritischen Augenblick ist es wieder notwendig zu betonen, dass 2011 nicht 1968 ist. 1968 wäre nicht möglich gewesen ohne die Wellen von Arbeiter_ innenstreiks und Fabrikbesetzungen während zur gleichen Zeit Studierendenproteste stattfanden. Im Fall der Revolution des 25. Januars, deren Teilnehmer_innen alle sozialen Klassen umfassten, die Mittelschicht, die Arbeitslosen, Arbeiter_innen und Bäuer_innen zusammenbrachte, waren die prekären Arbeiter_innen ihr radikalisierender Faktor und nicht Ägyptens traditionelle Arbeiter_innenklasse. Das mag wie eine belanglose Differenzierung klingen, ist aber die Crux der Unterscheidung zwischen 2011 und 1968.

Von 2006 bis zum 25. Januar 2011 und seitdem haben Arbeiter_innen organisierter Arbeitsbereiche nie aufgehört, für bessere Löhne, gegen Privatisierung, Korruption und Ungerechtigkeit zu demonstrieren.

Die Protestwelle, die am 25. Januar begann, schloss eine gewaltige Anzahl von prekären Arbeiter_innen, hauptsächlich aus den vielen eshwa‘eyats Ägyptens oder den informellen Kiezen ein.

Dies bedarf einiger Erklärung. 2006 begonnen, protestierten die Arbeiter_innen gegen die Auswirkungen des intensiven Neoliberalisierungsprozesses, den Mubaraks letzte Regierung praktizierte.

Die Arbeiter_innen reagierten unmittelbar – wenn auch kaum spezifisch in diesen

Worten ausgedrückt – auf die Umsetzung des westlichen Wirtschaftsparadigmas des Neoliberalismus.

Dieses bedeutete, dass die Regierung ausländischen Kapitalist_innen den Zugang in die ägyptische Industrie erleichterte, welche Fabriken und Unternehmen des öffentlichen Sektors privatisierten, Subventionen reduzierten, während sie die Produktion für Exportmärkte stark förderten. Abgesichert durch internationale Finanzinstitutionen, ermöglichte dieses System ausländischen Investor_innen einen Zugang mit weniger Restriktionen zu den natürlichen Ressourcen und mehr Freiheit in der Ausbeutung der Arbeiter_innenklasse Ägyptens.

Dieser Prozess beinhaltete die intensive Verminderung der traditionellen Arbeiter_innenschaft.

Dies zwang Arbeiter_innen in das, was manchmal Gelegenheitsarbeit genannt wird, oder in den „informellen Sektor“, was bedeutet, ohne Verträge zu arbeiten, ohne Versicherungen und ohne soziale Absicherung, wodurch die Arbeitsverhältnisse der traditionellen Arbeiter_innenklasse prekarisiert wurden. Diejenigen, die am meisten unterdrückt, am meisten ausgebeutet und am verzweifeltsten unter dem politischen System des ehemaligen Regimes waren, waren die Angehörigen der Unterschicht.

Sie hatten nicht den Luxus, eine Ausbildung zu erhalten, keine festen Jobs und waren dadurch ungeschützt gegenüber der Realität, dass Polizist_innen und Arbeitgeber_innen über dem Gesetz standen.

Prekäre Arbeiter_innen haben oft zwei oder drei Jobs, um über die Runden zu kommen. Im Vergleich dazu lebt Ägyptens traditionelle Arbeiter_innenklasse in sichereren Verhältnissen. Trotz einer gewöhnlich schlechten Bezahlung, ungeheuerlichen Stunden im Privatsektor, schlechten Arbeitsbedingungen und minimalen Sozialleistungen, hat die traditionelle Arbeiter_innenklasse feste Verträge und regelmäßige Einkommen, was ihr einen luxuriösen Stand innerhalb eines Arbeiter_innenklassen-Milieus mit wenig Sicherheiten gibt.

Konsequenterweise fängt die Arbeiter_innenklasse an, sich der Mittelschicht darin anzunähern, auf der Hut zu sein, um nicht zu riskieren, ihre Jobs zu verlieren. Während die Arbeiter_innenklasse für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen wird, sich gegen Korruption und Missbrauch am Arbeitsplatz ausspricht, sind ihre Kämpfe darauf begrenzt, weil sie – und das verständlicherweise – nicht gewillt sind, ihre Kämpfe über die Grenzen ihrer Arbeitsplätze hinaus zu tragen. An den Straßenkämpfen der Revolution teilzunehmen, bedeutete auf die Straßen zu gehen und zu riskieren, ihren Arbeitgeber_innen die Rechtfertigung zu geben, sie als „Unruhestifter_innen“ zu feuern.

Die Reihen von Arbeitslosen, bereit ihre Jobs zu übernehmen, wenn sie gefeuert werden, begrenzte ihre Beteiligung an der Revolution. Den Luxus eines Arbeitsplatzes zu verlieren war ein Risiko, das viele Vertragsarbeiter_innen in der Regel nicht eingehen wollten.

Die Umsetzung neuer ökonomischer Paradigmen seit 1968 hat das Kapital in den Händen der Reichen weiter konzentriert, während die Existenzgrundlagen aller anderen reduziert wurden. Diese Politik hat die Bedingungen mit sich gebracht, durch die das Lumpenprekariat zum radikalen Element im revolutionären Kampf geworden ist, das sich selbst bewiesen hat, dass es eine Kraft ist, mit der gerechnet werden muss. Die grundlegende tiefe Verwurzelung

ökonomischer Strukturierung in dieser neoliberalen Ära hat neue Formen des Widerstands hervorgebracht; es ist dieser Umstand, der die Ägypter_innen an den Rand der Revolution gebracht hat, und es ist dieser Umstand, der weiterhin die zukünftigen Linien des Protests bestimmen wird.

Am Samstag, den 19. Juni 2012, versammelte sich eine Gruppe von Unterstützer_innen Mubaraks außerhalb eines Militärkrankenhauses an den Ufern des Nils, nachdem Berichte über den Tod des früheren Diktators aufgetaucht waren. Einer der Demonstrierenden hielt ein Schild, sichtbar für die Vorbeifahrenden: „25. Januar Revolution: Die Geschichte wird urteilen“.

Ihr entscheidet, wie der 25. Januar in die Annalen der Geschichte eingeht. Ein anderes 1968, eine Revolution nach eurem Geschmack? Oder eine Bewegung, welche die Bedeutung überschreitet, die euch zu den wenigen Bildern, die ihr gesehen habt, gegeben wurde, und die euch eines baldigen Tages an eurer Haustür gegenüberstehen wird?

Dieser Beitrag von Philip Rizk vom Mosireen Independent Media Collective erschien am 25. Januar 2014 auf englisch auf der website des ROAR Magazine. Er wurde mittlerweile von der recherchegruppe aufstand ins Deutsche übertragen im Autonomen Blättchen veröffentlicht.

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