translationcollective

March 6, 2011

Paris-Texas

Filed under: deutsch — translationcollective @ 12:31 pm

Ein politischer Vorschlag der Beschuldigten von Tarnac

„Frühling der arabischen Völker“, „Revolution im Gange“, „Übergang zur Demokratie“, „Ende der Diktatur“. Die großen Maschinen des Diskurses sind angelaufen. Es braucht nicht weniger als das, um es zu schaffen, den Umsturz der pro-westlichen Regime des Maghreb als einen neuen Sieg des Westens zu präsentieren, als unverhofften Triumph seiner Werte.

Das revolutionäre Fieber, das in letzter Zeit sogar die vorsichtigsten Herausgeber ergriffen hat, zeugt zu aller erst von der intensiven Abwehrreaktion, zu der die Ereignisse den dominanten Diskurs drängen. Man antwortet mit einem gewalttätig eurozentristischen Zugang auf die Notwendigkeit, so schnell wie möglich zwischen uns und den laufenden Umstürzen einen Sicherheitsabstand zu schaffen. Wir entzücken uns über diese „Revolutionen“, um den Offensichtlichkeiten, die sie uns ins Gesicht schleudern, besser ausweichen zu können, um besser die Ratlosigkeit zu verbergen, die sie in uns auslösen.

Die Illusionen, die man hier erhalten muss, müssen sehr wertvoll sein, dass überall der Aufstand verherrlicht wird, dass man die Palme der Gewaltfreiheit einer Bewegung verleiht, die sechzig Prozent der Kommissariate in Ägypten angezündet hat. Was für eine freudige Überraschung plötzlich zu entdecken, dass die wichtigsten Nachrichtenkanäle in den Händen der Freunde des Volkes sind.

Daraus folgt: Wenn die Aufständischen auf der anderen Seite des Mittelmeers sagen: „Vorher waren wir lebende Tote, jetzt sind wir erwacht“, dann heißt das, dass wir, die uns nicht erheben, lebendige Tote sind, dass wir schlafen.Wenn sie sagen: „Vorher haben wir wie Tiere gelebt, wir lebten in Angst, jetzt haben wir unser Selbstvertrauen wieder gefunden, unsere Kraft und Stärke“, dann bedeutet das, dass wir wie Tiere leben, wir, die so offensichtlich von unseren Ängsten regiert werden.

Diejenigen, die heute die erbärmliche Diktatur Ben Alis in den düstersten Farben zeichnen, waren sie ihm nicht gestern noch so wohl gesonnen? Folglich lügen sie heute, wie sie gestern gelogen haben. Das ist es auch, worin Michèle Aillot-Maries Fehler gelegen hat: Sie hat in einigen Sätzen vor der Nationalversammlung entschleiert, dass sich hinter so vielen Aufsätzen von Schülern über die Unterschiede zwischen ihrer Diktatur und unserer Demokratie die polizeiliche Kontinuität der Regime verbirgt; und darin sind die einen ohne Zweifel bessere Experten und weniger grobschlächtig.

Man kann die Brutalitäten der Repression unter Ben Ali ad nauseam ausführlich beschreiben. Es bleibt nicht weniger, dass die Aufstandsbekämpfung – die Kunst, einen Aufstand auszulöschen – zur offiziellen Doktrin der westlichen Armeen zählt, ob es darum geht, sie in den Banlieues anzuwenden, oder in den Stadtzentren, in Afghanistan oder Place Bellcour in Lyon. Das wöchentliche Feuilleton der kleinen Lügen oder der schlechten Tricks von Michèle Aillot-Marie wird es nicht schaffen, den wirklichen Skandal zu verwischen: Dass eine revolutionäre Situation als Ausnahmesituation behandelt worden ist. Wenn wir nicht so beschäftigt wären, den Revolten des Maghreb Kronen aus Jasmin oder Lotus zu flechten, dann hätten wir vielleicht nicht schon vergessen, dass Ben Ali vier Tage bevor er im Mülleimer der Geschichte verschwunden ist, von den Aufständen in Sidi Bouzid als „unverzeihliche Akte von Terrorismus, die von vermummten Banditen begangen werden“ geredet hat und dass sein Nachfolger geglaubt hat, die Wut des Volkes besänftigen zu können, indem er als erste Maßnahme die Aufhebung aller anti-demokratischen Gesetze angekündigt hat, angefangen bei den Anti-Terrorimus-Gesetzen.

Wenn wir uns weigern, die Verkettung der Ereignisse, die von der Selbstentzündung von Mohammed Bouazizi zur Flucht von Ben Ali geführt haben, als Wunder anzusehen, dann heißt das auf der anderen Seite, uns zu weigern, die filzige Gleichgültigkeit als Normalität anzuerkennen, mit welcher während so vielen Jahren der Verfolgung von Oppositionellen begegnet wurde. Was wir seit drei Jahren erleben, wir und eine gewisse politisierte Jugend, zeugt mit Sicherheit bis zu einem gewissen Grad davon. In den letzten drei Jahren zählen wir in Frankreich mehr als zwanzig Genossen, welche durch die Schublade „Gefängnis“ gegangen sind, in den meisten Fällen unter dem Vorwand des Anti-Terrorismus und für lächerliche Motive – wegen Pyrotechnik, Zukleben von Fahrscheinautomaten mit Leim, verpatztem Versuch ein Auto anzuzünden, Plakatieren von Postern oder einem Fußtritt.

Wir sind letzten Monat an einem Punkt angekommen, wo die Magie der Personenbeschreibung in einer Akte über die „Anarcho-Autonomen“ eine junge Frau ins Gefängnis gebracht hat – für ein Graffiti. Dies passiert in Frankreich und nicht in Russland und nicht in Saudi-Arabien und nicht in China.

Seither erfahren wir jeden Monat, dass ein neuer Genosse am helllichten Tag entführt worden ist, dass jener Genossin vorgeschlagen worden ist, nach so vielen anderen, Informantin zu werden, im Austausch gegen Straffreiheit oder einen Lohn, oder dafür, ihren Job als Lehrerin behalten zu können, dass jene Bekanntschaft ihrerseits hinunter gestürzt ist in jene parallele Dimension, in der wir von jetzt an leben, mit ihren schäbigen Zellen, mit ihren kleinen Richtern voller in sich rein gefressenem Hass, Böswilligkeit und Ressentiments, mit ihrer Schlaflosigkeit, ihren Kommunikationsverboten und ihren Bullen, die durch die ganzen Abhörmaßnahmen zu „intimen Personen“ geworden sind. Und die Apathie die einen ergreift, die Apathie von denen die „normal“ leben und sich erstaunen, die organisierte Apathie.

Und das ist eine europäische Politik. Die regelmäßigen Razzien gegen die Anarchisten in Griechenland beweisen es zur Genüge. Kein Regime kann auf die juristische Häckselmaschine verzichten, wenn es darum geht, das, was ihm Widerstand leistet, auszulöschen. „Schuld“ ist eine Sache, die hergestellt wird. Als solche ist sie eine Frage von Aufwand, Finanzmitteln und Personal. Wenn sie bereit sind, einen außerordentlichen Aufwand zu betreiben, dann können sie sehr wohl eine Serie von gefälschten Verhörprotokollen, falschen Zeugenaussagen und Manövern von Geheimagenten in eine glaubhafte Anklage transformieren.

In der sogenannten „Affäre von Tarnac“ war die Rekonstruktion des Tathergangs der Nacht der Sabotage, welche so lange von der Verteidigung gefordert worden war, dafür der beste Beweis. Sie war einer dieser Momente der Krönung, in denen der Charakter der Intrige jeder juristischen Wahrheit auseinanderbricht, bis in die winzigsten Details. An diesem Tag hat der Richter Fragnoli mit künstlerischer Fähigkeit alles vertuscht, was die Unmöglichkeit der polizeilichen Version belegt. Er wurde immer dann plötzlich blind, wenn die widerspenstige Realität seiner These widersprach. Er hat es sogar geschafft, die Autoren der falschen Überwachungsprotokolle vor den Widersprüchen zu schützen, indem er sie davon befreit hat, anwesend sein zu müssen. Und dies war in der Tat überflüssig, weil diese ganze kleine Welt schon zuvor auf diesen Ort übertragen worden war, eine Woche zuvor, leise und im Privaten.

Um die Wahrheit zu sagen, dass man die Rekonstruktion des Tathergangs hat fälschen müssen, genügt, um zu zeigen, dass die Protokolle ihrerseits gefälscht worden waren. Das war es bestimmt, was es vor den Blicken zu schützen galt, indem das Gebiet mit Mauern aus Gendarmen, unterstützt von der Hundestaffel, x-dutzend von den Rohlingen der SDAT und von Helikoptern abgeriegelt worden ist.

Bis zu diesem Tag wird es erst ein paar Millionen Euros gekostet haben, die innersten Träume der Bullen in ein gut gemachtes Verfahren umzuwandeln. Es kommt am Ende nicht darauf an zu wissen, wem die Taten angelastet werden, die der Vorwand für unsere Verhaftung waren. Was uns anbelangt, bedauern wir schon jetzt das Gericht, welches das Einhängen von einigen unschuldigen Hakenkrallen als Terrorismus durchbringen muss, jetzt, da das Blockieren der Flüsse ein elementares Aktionsmittel der Massenbewegung gegen die Rentenreform geworden ist.

Die zögerliche Stille der europäischen Regierenden im Bezug auf die Ereignisse in Tunesien und Ägypten sagt genug über die Angst, die sie umschlingt. Die Macht hält sich also an so wenig. Ein Flugzeug hebt ab und ein ganzes Gebäude aus Unredlichkeiten fällt in sich zusammen. Die Türen der Gefängnisse öffnen sich. Die Polizei verschwindet. Man verehrt, was gestern noch verachtet worden ist und das, was gestern das Objekt aller Ehrerbietungen war, wird jetzt mit Sarkasmus überhäuft. Jede Macht sitzt auf diesem Abgrund. Das, was uns als Sicherheits-Demenz erscheint, ist nichts als polizeilicher Pragmatismus, überlegter Anti-Terrorismus.

Vom Gesichtspunkt eines „Verwalters von Sicherheitssituationen“ aus wäre die öffentliche Ordnung nicht erschüttert worden und Ben Ali wäre noch immer in aller Ruhe Präsident, wenn man es rechtzeitig geschafft hätte, einen gewissen Mohammed Bouazizi zu neutralisieren.

Es ist eine Offensichtlichkeit: Die Jagd auf die Bouazizis, von den Banlieues bis zu den Bewegungen der Revolte, die Jagd auf alle möglichen Anstifter zum Aufstand, ist lanciert. Und es ist ein Wettrennen gegen die Zeit; weil, von Ben Ali bis Sarkozy, wer mit der Angst regiert, der exponiert sich der Wut.

Herr Präsident, es gibt noch Ranches zu verkaufen in Texas und Ihr Flugzeug erwartet Sie auf der Startbahn von Villacoublay.

Aria, Benjamin, Bertrand, Christophe, Elsa, Gabrielle, Julien, Manon, Matthieu und Yldune sind die zehn Personen, die in der sogenannten „Affäre von Tarnac“ angeklagt sind.

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